Eine Publikation der Binkert Medien AG
Ausgabe 11/2017, 10.11.2017

«Wollen den Systemgedanken ausweiten»

Die Maxon-Motor-Gruppe aus Sachseln, einer der Weltmarktführer im Bereich Mikroantriebe, hat kürzlich die Zub Machine Control AG übernommen. Eugen Elmiger, CEO von Maxon, zeigt im Interview mit der «Technischen Rundschau» die damit verbundene Strategie auf, wirft einen Blick auf zukünftige Entwicklungen und erzählt von den wichtigsten Neuheiten, die Maxon auf der kommenden Messe «SPS IPC Drives» präsentiert.

Autor: Markus Schmid

Herr Elmiger, beginnen wir mit dem Aktuellsten: Sie haben das Ziel ausgegeben, dass Maxon Motor jedes Jahr 20 neue Produkte auf den Markt bringt. Welche Neuheiten präsentieren Sie auf der kommenden SPS IPC Drives?

Unsere Entwicklungsabteilung hat viele spannende Produkte hervorgebracht, ich erwähne hier aber speziell drei. Wir erweitern unsere konfigurierbare Produktelinie im Bereich der bürstenlosen DC-Motoren. Die Antriebe der Baureihe ECX Speed gibts neu mit den Durchmessern 13 und 19 Millimeter in den Varianten Standard und High Power. Hinzu kommen passende GPX-Planetengetriebe. Die ECX Speed-Antriebe beeindrucken, wie der Name schon sagt, durch ihre sehr hohen Drehzahlen und eignen sich entsprechend gut für Anwendungen wie zum Beispiel Power Tools.

Neu bieten wir zudem unsere starken Flachmotoren auch als Frameless Kit an. Das heisst: Stator und Rotor werden separat geliefert. Das dürfte insbesondere für Robotikanwendungen mit engen Platzverhältnissen interessant werden.

Und dann möchte ich noch auf unsere EPOS4-Positioniersteuerungen zu sprechen kommen. Diese lassen sich neu mit einer EtherCAT-Erweiterungskarte bestücken und dann in jegliche EtherCAT-Netzwerke einbinden. Weitere branchenbezogene Innovationen zeigen wir den Messebesuchern gerne vor Ort an der SPS IPC Drives.

Welche davon ist in Ihren Augen die bedeutungsvollste?

Wir möchten jeden Kunden mit der für ihn optimalen Lösung bedienen. Es ist schwierig, die bedeutungsvollste hervorzuheben. Trotzdem kann ich Ihnen und ausgewählten Interessenten unsere High Performance Sensorless Control HPSC gerne am Stand live vorführen. Wir haben in den letzten Jahren eine grossartige Lösung zur sensorlosen Drehzahl- und Drehmomentregelung entwickelt. Die wesentlichen Merkmale der HPSC sind: höchst präzise induktive Rotorlageerkennung, das heisst, es gibt kein Ruckeln beim Start vom Stillstand bis zum Betreib unter Volllast. Zudem bewirkt die Steuerung einen ruhigen Lauf ohne Vibrationen, und folglich gibt es – fast – keine Geräuschentwicklung und vieles mehr. Sehr wichtig ist, dass wir eine breite Produktpalette zeigen können und die einzelnen Komponenten perfekt aufeinander abgestimmt sind, sodass wir Gesamtlösungen aus einem Guss anbieten können.

Welches sind für Sie die wichtigsten Messen, und welchen Stellenwert hat die SPS IPC Drives für maxon?

Wir sind an rund 60 Messen pro Jahr vertreten, wobei die meisten davon eher klein und spezifisch auf einen Markt ausgerichtet sind. Dort können wir jeweils zeigen, dass wir die Branche kennen und wissen, auf was es ankommt. Aber natürlich sind auch die grossen Messen sehr wichtig für uns. Dort präsentieren wir unsere Neuigkeiten: Im Frühling ist das Hannover, im Herbst die SPS IPC Drives.

Die Maxon Motor Gruppe hat Ende September die Zub Machine Control AG übernommen und will damit «einen weiteren Schritt hin zum kompletten Systemanbieter» machen. Sie meldeten, so könne Maxon besser Komplettlösungen inklusive Energieversorgung aus einer Hand anbieten, etwa für die Bereiche Elektromobilität und Robotik. Als Beispiel wurde der Maxon Bikedrive genannt, bestehend aus Heckmotor, Batterie und Powergrip/Controller. Ich schliesse daraus, dass Akku und Controller bisher zugekauft wurden, in Zukunft aber von Maxon selbst produziert werden?

Beim E-Bike-Nachrüstkit Bikedrive haben wir den Systemgedanken bereits voll umgesetzt. Die Akkus beziehen wir zwar extern, das Batteriemanagementsystem ist aber von uns entwickelt worden. Auch die gesamte Elektronik im Motor und im Powergrip ist made by Maxon. Diesen Systemgedanken wollen wir nun auch auf andere Anwendungen ausweiten, speziell in den Bereichen E-Mobility, Robotik und Logistiksysteme. Eine eigene Business Unit kümmert sich seit diesem Jahr gezielt um solche Projekte. Das zusätzliche Know-how der Zub Machine Control AG ist für uns da natürlich sehr wertvoll. Die Kunden von Zub und Maxon Motor profitieren von der hinzugekommenen Kompetenz beider Firmen.

Inwiefern verändert die Akquisition von Zub die Möglichkeiten von Maxon in der weiter gefassten Elektromobilität – oder anders herum: Hat es bei Maxon in der letzten Zeit einen Strategiewechsel bei diesem Thema gegeben, aufgrund dessen man jetzt solche Zukäufe tätigt, um als Gesamtlösungsanbieter auftreten zu können?

Auch wenn Maxon Motor in der Vergangenheit hauptsächlich Komponenten verkauft hat, waren rund 80 Prozent davon kundenspezifisch angepasst. Es war uns schon immer wichtig, die Anwendung des Kunden zu verstehen, damit wir ihm die optimale Lösung anbieten können. Motoren, Getriebe, Encoder und Steuerungen bieten wir ja schon seit vielen Jahren an – und oft in Kombination. Der Schritt zum Systemanbieter war vor diesem Hintergrund nur logisch. Unser Ziel ist es, Mechanik, Elektronik und Software in die Anwendung des Kunden optimal zu integrieren. Und der Bereich der Elektromobilität wie zum Beispiel mobile Logistikroboter, eingebettet in Industrie-4.0-Szenarien, sind dafür besonders geeignet, zumal wir ja mit unserem E-Bike-Nachrüstkit Bikedrive bereits Erfahrung mit solchen Systemen gesammelt haben. Mit der Akquisition von Zub Machine Control beschleunigen wir diesen Prozess, erhöhen dadurch auch die Fertigungstiefe und können demzufolge unseren Kunden die Gesamtlösung mit allen zugehörigen Kompetenzen anbieten.

Wir zitieren aus der Pressemeldung zur Übernahme von Zub, die lautet: «Maxon Motor erweitert seine Produktepalette und sein Know-how.» Wie müssen wir uns die Erweiterung der Produktepalette konkret vorstellen?

Ein komplettes Antriebssystem besteht nach unserer Definition aus einer Energieversorgung, einem Antrieb – also Motor und Getriebe –, Sensoren und Steuerung inklusive Kommunikationsmöglichkeiten. Wir haben inzwischen ein grosses Wissen in all diesen Bereichen, mit Ausnahme der Master-Controller. Mit der Übernahme von Zub Machine Control schliessen wir diese Lücke. Unser breites Know-how bei den Motorensteuerungen wird nochmals erweitert, wovon unsere Kunden ab sofort profitieren. Gleichzeitig profitieren die Zub-Kunden von Maxon als starkem Systempartner und dem globalen Service vor Ort.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wo sehen Sie die grössten Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen für Maxon? Gibt es definierte Ziele?

Viele Märkte beginnen zu verschmelzen. Die Robotik und Medizintechnik fügen sich in der robotischen Rehabilitation zusammen, um nur ein Beispiel zu nennen. Das ist unsere Chance, denn wir kennen die einzelnen Märkte und können unser Wissen disziplinübergreifend transportieren und so optimale Lösungen zusammen mit den Kunden erarbeiten. Wir wollen die Leaderrolle im Antriebsmarkt weiter ausbauen und uns dafür, wie schon erwähnt, verstärkt auf ganze mechatronische Antriebssysteme spezialisieren. Gut möglich, dass wir künftig Robotergelenke oder sogar Arme oder Beine entwickeln und produzieren.

Stichwort Entwicklung: Wie geht es in Ihrem neuen «Innovation Center» in Sachseln vorwärts?

Das Innovation Center befindet sich momentan im Bau, und wir liegen gut im Zeitplan. Bis im nächsten Sommer wird das Gebäude bezugsbereit sein, worauf sich besonders unsere Kollegen bei Maxon Medical freuen. Sie erhalten viel mehr Platz für die Produktion sowie höherklassige Reinräume. Die Investition lohnt sich, da die Medizintechnik nach wie vor unser wichtigster Markt ist.

Welches sind aus Ihrer heutigen Sicht die grössten Herausforderungen, denen sich Maxon gegenübersieht?

Wichtig ist für uns, dass wir flexibel auf Marktveränderungen reagieren können. Zudem benötigen wir als Gruppe einheitliche und stabile Prozesse, um weltweit perfekt funktionieren zu können. Genauso entscheidend ist aber auch ein hochqualifiziertes Personal.

Welche Lösungswege sehen Sie, um diesen Herausforderungen zu begegnen?

Wir bauen ständig unsere Entwicklungs- und Produktionsstandorte auf der ganzen Welt aus, damit wir noch besser auf die Situationen vor Ort eingehen können. Zu den bestehenden sechs Produktionsstandorten kommt bald ein weiterer in den USA hinzu und in Korea verdoppeln wir die Kapazitäten. Gleichzeitig passen wir unsere Prozesse laufend an und betreiben einen regen Austausch zwischen den verschiedenen Standorten.

Maxon Motor AG
6072 Sachseln, Tel. 041 666 15 00
info@maxonmotor.com
SPS IPC Drives Halle 1 Stand 100



Eugen Elmiger ist CEO von Maxon Motor. (Bilder: maxon)