Eine Publikation der Binkert Medien AG
Ausgabe 06/2017, 15.06.2017

E-Mobilität: – Eine Branche muss umdenken

Die Elektromobilität in der Schweiz boomt – wenn auch vorerst nur bei den E-Bikes. Dass Prius, Tesla & Co. den Elektromotor hoffähig gemacht haben, ist unbestritten. Die Frage ist, welche Auswirkungen dieser – noch auf Sparflamme köchelnde – Trend für die Zulieferer der Branche hat. Die «Technische Rundschau» versucht eine Bestandsaufnahme.

Autor: Wolfgang Pittrich

Die Automobilindustrie hat seit einigen Jahren mit starkem Gegenwind zu kämpfen. Der gute alte Verbrennungsmotor bekommt Druck von allen Seiten. Nicht nur, dass die «Freude am Fahren» (BMW) in der Realität schon längst einem Leiden im Stau gewichen ist. 2015 wurden auf Schweizer Nationalstrassen 22 828 Staustunden registriert; nahezu doppelt so viele wie 2008. Auch die heranwachsende Klientel, noch vor zwei Jahrzehnten ein Garant für Absatzerfolge von Golf & Co., zieht es nicht mehr hinter das Steuer. Nur noch jeder fünfte Deutsche hat Bock darauf, seinen Führerschein mit 18 zu machen: «Zu teuer, zu schmutzig, zu lästig», ist die Meinung vor allem von Grossstadtjugendlichen (Spiegel, 21. Juli 2015). Der jüngste Dieselgate-Skandal wirft zudem ein extrem schlechtes Licht auf Autobauer, die vor lauter Arroganz sogar vor kriminellen Machenschaften nicht zurückschrecken.

Hinzu kommen neue Player, die mit aufregenden Mobilitätsszenarien auf sich aufmerksam machen. Dabei ist das autonome Fahren bereits ein alter Hut, die Personen-Drohne à la Uber sorgt aktuell für Gesprächsstoff. Zu allem Überfluss schickt sich in diversen Ländern die Gesetzgebung an, die E-Mobilität, die in den vergangenen Jahren eher auf kleiner Flamme vor sich hin köchelte, mit milliardenschweren Programmen zu pushen. So hat der deutsche Bundestag Mitte vorigen Jahres ein «Marktanreizprogramm im Umfang von 1 Mrd. Euro zur Förderung der Elektromobilität» verabschiedet. Ein Vorgang, der im Autoland Deutschland vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre.

Wie konsequent dabei branchenfremde Anbieter den Elektromotor als Chance für eigene Geschäftsmodelle verfolgen, zeigt das Projekt «Streetscooter». 2010 als Spin-Off der RWTH Aachen gegründet, um mit einem eigenen E-Fahrzeug zu reüssieren, wurde die StreetScooter GmbH 2013 von der Deutschen Post übernommen. Ziel: die Post-eigene Fahrzeugflotte zu elektrifizieren. Mittelfristig will der ehemalige deutsche Staatskonzern die Jahresproduktion auf 20 000 Stück hochfahren und auf dem freien Markt anbieten.

Die grossen Automobilisten sind von solchen Bedrohungsszenarien zwar betroffen; aufgrund ihrer schieren Marktgrösse können sie aber damit umgehen. Für viele regionale Zulieferer kann die aufkommende Elektrifizierung dagegen ein schnelles Aus bedeuten. Sie sind oftmals mit ihren Verträgen so gebunden, dass sie kaum Luft haben, sich um andere Kundschaft zu kümmern. Sollte sich die E-Mobilität in den nächsten zehn Jahren so entwickeln wie prognostiziert, wären vor allem Zulieferer, die sich um die Themen Verbrennungsmotor, Powertrain sowie Abgas- und Treibstoffsysteme kümmern, extrem in ihrer Existenz bedroht.

Wobei das nicht nur für die Zulieferer gilt, sondern für die gesamte Zerspanungslandschaft. Hersteller von Präzisionswerkzeugen, Werkzeugmaschinen und peripheren Angeboten stehen daher genauso unter Druck. Zwar haben sie mit ihrer Expertise massgeblich dazu beigetragen, die Rationalisierungsbestreben der automobilen Kundschaft umzusetzen. In gar nicht so ferner Zukunft könnte ihr Wissen jedoch plötzlich nicht mehr gefragt sein.

Szenenwechsel. In einer Veranstaltung mit dem Geschäftsführer eines grossen Präzisionswerkzeugherstellers kommt das Gespräch auf das Thema E-Mobilität und welche Risiken sich daraus für die Automobilzulieferer ergeben könnten. Die Antwort ist eher ausweichend. Verwiesen wird auf Prognosen, die eine Zunahme der weltweiten Automobilproduktion bis 2030 um rund 30 Prozent auf knapp 120 Mio. Einheiten in Aussicht stellen. Diese würde dann die 15 oder 20 Prozent E-Fahrzeuganteile locker kompensieren. Ob es allerdings so kommt, kann niemand sagen.

Nicht umsonst titelte die «Süddeutsche Zeitung» am 28. November 2016 mit Blick auf die deutsche Automotive-Industrie und deren Zulieferer: «250 000 Arbeitsplätze in Gefahr». Weiter im Text hiess es: «Keine Industrie wird von technologischen Neuerungen gerade so verändert wie die Autobranche.» Zu diesen Neuerungen zählt das renommierte Blatt das Aufkommen von Robotern und Industrie 4.0, aber auch die vom Gesetzgeber forcierte Hinwendung zum Elektroantrieb.

Ebenfalls von diesen Veränderungen betroffen ist die Schweizer Automobilzulieferbranche. Bei ihr handelt es sich um ein wirtschaftliches Schwergewicht in der MEM-Industrie, wie Zahlen der Swissmem-Fachgruppe «Automotive» zeigen: Die rund 315 in diesem Bereich tätigen Firmen generieren einen Jahresumsatz von 9 Mrd. Franken. Und die Abhängigkeit von der automobilen Kundschaft ist eindeutig vorhanden: Von den über 40 Verbandsmitgliedern der Swissmem-Fachgruppe beschäftigen sich mehr als die Hälfte mit den Themen Motor, Powertrain sowie Abgas und Treibstoff.

Auf die Frage nach den Auswirkungen der E-Mobilität auf seine Klientel äussert sich Automotive-Ressortleiter Daniel Burch eher zurückhaltend. Er sieht Handlungsbedarf auf mehreren Ebenen: «Im Bereich der Mobilität wird es neue Anbieter und Dienstleister geben. Hier besteht die Chance, sich im neuen Wettbewerbsumfeld zu positionieren. Wie schnell sich neue Mobilitätsangebote durchsetzen und die nötigen Infrastrukturen bereitstehen, wird nicht nur von der Technik, sondern auch vom Gesetzgeber beeinflusst.»

Ebenfalls eine starke Position im regionalen Zulieferreigen nehmen die Schweizer Giessereien ein. Sie könnten bereits in naher Zukunft den technologischen Wandel zu spüren bekommen, wie Marcel Menet, Geschäftsführer des Giesserei-Verbandes der Schweiz (GVS), bestätigt: «Für diejenigen Schweizer Giessereien, die Teile für die Automobilindustrie fertigen, wird die E-Mobilität zu einer grossen Herausforderung. Es gibt verschiedene Szenario-Rechnungen, bei denen der Anteil Gussteile im Fahrzeug und auch die Gesamtmenge rückgängig sein werden, vor allem ab circa 2020. Daher hat auch bereits ein enormer Verdrängungswettbewerb begonnen. Je nach Art der hergestellten Gussteile werden die Giessereien unterschiedlich betroffen sein.» Da die Schweizer Giessereien in vielen Branchen Zulieferer sind, «dürften nur rund 15 bis 20 Prozent unserer Mitglieder von diesem Wandel stark betroffen sein», schätzt Menet.

Doch wie können die Zulieferer auf diese Veränderungen reagieren? Grosse Tier-1-Supplier beschäftigen sich bereits seit geraumer Zeit mit Veränderungsszenarien. So hat die Schaeffler Gruppe Ende letzten Jahres ein Strategiepapier «Mobilität für morgen» vorgestellt, in dem eine langfristige Ausrichtung auf vier Fokusfelder propagiert wird: Umweltfreundliche Antriebe, urbane Mobilität, interurbane Mobilität sowie Optimierung der Energiekette. Bei diesem Veränderungsprozess scheint der normale Verbrennungsmotor schlechte Karten zu haben, denn fast zeitgleich veräusserte Schaeffler die Zylinderkopffertigung im deutschen Magdeburg.

Auch Schweizer Zulieferer wie die Feintool AG diskutieren intensiv die Umwälzungen, die der Fahrzeugbranche ins Haus stehen. Das Unternehmen liefert je nach Segment bis zu 90 Prozent in die Automobilindustrie (siehe auch nebenstehendes Interview). «Feinschneid- und Umform­anwendungen in Fahrzeugen mit neuen oder alternativen Antriebsarten werden ausgebaut», sagt Stefan Diepenbrock, Chief Communications Officer bei der Feintool International Holding AG, auf Nachfrage.

Gleichzeitig sieht er die konventionellen Motor- und Antriebsstrangkonzepte noch lange nicht auf dem Abstellgleis. Unter anderem, weil Studien ein jährliches Wachstum der weltweiten Automobilproduktion um drei Prozent prognostizieren, inklusive Fahrzeuge mit konventionellem Verbrennungsmotor: «Diese auch in Zukunft steigende Nachfrage nach Komponenten für den Antriebsstrang des konventionellen Verbrennungsmotors werden wir bedienen und dabei insbesondere den anhaltenden Trend zur Energieeffizienz und CO2-Reduktion unterstützen. Der Bedarf der Automobilindustrie an Feinschneid- und Umformkomponenten wird also auch in den nächsten Jahren wachsen und ein wettbewerbsintensives Kerngeschäft von Feintool bleiben.»

Differenzierter betrachtet Marcel Menet vom Giesserei-Verband die potenziellen Auswirkungen der Elektromobiliät: «Es werden Volumen bei Motorblöcken, Zylinderkopfabdeckungen, Getriebegehäusen, Ölwannen und diversen kleinen Motorenanbauteilen wegfallen. Es wird Marktverschiebungen geben, und der Wettbewerbsdruck wird steigen. Zudem ist aufgrund der Marktunsicherheit die zu erwartende Volatilität in den Mengen sehr gross.»

Jenseits dieser Herausforderungen sieht allerdings auch er positive Ansätze, die einen möglichen Weg aus diesem Dilemma weisen: «Unsere Giessereien engagieren sich verstärkt in Projekten rund um die E-Mobilität und haben teilweise bereits Aufträge generieren können. Es bieten sich grosse Chancen für neue Themen wie das Giessen von Batteriegehäusen für Hybrid- und EV-Fahrzeuge und von E-Motorgehäusen sowie ein Wachstum bei Strukturgussteilen.» Er weiss aber auch: «Dabei müssen sich die Giessereien auf deutlich kürzere Entwicklungszeiten einlassen und sich sehr flexibel zeigen.»

Um die Innovationskraft der Schweizer Unternehmen weiss auch Daniel Bruch von Swissmem, und sieht daher durchaus Chancen in der E-Mobilität: «Elektrofahrzeuge brauchen geeignete Ladesysteme und Ladestationen. Hier bestehen Möglichkeiten, mit bestehenden oder neuen Lösungen zu reüssieren.»

Schon gar nicht bange vor der elektromobilen Zukunft ist Stefan Diepenbrock, der für Feintool mehr Chancen als Risiken entdecken mag: «Wir sind überzeugt davon, dass wir – wie in der Vergangenheit auch – diesen strukturellen Wandel am Markt erfolgreich gestalten können. Das hat Feintool in ihrer Geschichte bewiesen: In den Anfangsjahren war die Firma sehr erfolgreich zum Beispiel mit der Produktion von Typenhebeln für Schreibmaschinen. Heute sind wir führender Automobilzulieferer.»




Laut einer Studie von TA-Swiss («In die Zukunft stromern») sollen in der Schweiz 2035 etwa gleich viele Fahrzeuge mit E- wie mit konventionellem Motor verkauft werden. (Bild: TA-Swiss)


Der «Electric Vehicle Index» (EVI) von McKinsey untersucht, wo die für die E-Mobilität wichtigsten 14 Länder stehen. (Bild: McKinsey)

Drei Fragen an ...

... Stefan Diepenbrock, Feintool Holding AG: «Sehen E-Mobilität als Chance»


Stefan Diepenbrock, Chief Communications Officer, Feintool International Holding AG. (Bild: Feintool)

Herr Diepenbrock, wie gross ist der Anteil von Feintool im Bereich konventioneller Fahrzeugkomponenten wie Antriebsstrang oder Verbrennungsmotoren?

Die Automobilindustrie ist mit Abstand der grösste Abnehmer von Feintool-Produkten. Im Bereich der Produktion von Feinschneid- und Umformkomponenten und in der Serienteilefertigung liegt der Anteil bei mehr als 90 Prozent: Wir fertigen dabei hauptsächliche Teile für Antriebsstrang, Fahrwerk und Sitz(-versteller)-Systeme. In einem Pkw sind bis zu 200 Feinschneid- und Umformteile in sämtlichen Segmenten verbaut.

Welche Auswirkungen könnte die zunehmende E-Mobilität auf Ihr Unternehmen haben?

Mittelfristig ist nach diversen Marktvoraussagen nicht damit zu rechnen, dass die klassischen Antriebstechnologien insgesamt an Volumen verlieren werden. Da gleichzeitig aber die Elektromobilität einen Grossteil des Marktwachstums einnehmen wird, arbeiten wir bei Feintool ebenfalls an Lösungen für alternative Antriebe, wo wir gerade wegen stark steigender Volumen ein grosses Potenzial für unsere Technologien sehen.

Sie sehen die E-Mobilität eher als Chance für Feintool?

Auf jeden Fall. Feintool sieht in diesen veränderten Rahmenbedingungen zusätzliche Marktchancen und hat auf die Entwicklung bereits reagiert. Dazu laufen entsprechende Entwicklungsprojekte sowohl für alternative Antriebe als auch für neue Applikationen an Fahrzeugen, etwa für das Chassis.

Am Rande bemerkt

Symposium: «Elektromobilität – Was heisst das für die Schweizer MEM-Industrie?»

Das diesjährige Swissmem-Symposium beleuchtet die Auswirkungen der E-Mobilität auf die Schweizer MEM-Industrie. Massgebende Zulieferer der Automobilindustrie geben einen Einblick in die bereits herrschende Realität, aber auch in Ideen für die zukünftige Entwicklung. Das Swissmem-Symposium findet am 30. August in Zürich statt. Weitere Informationen gibt es unter
swissmem.ch/symposium

Meine Meinung

Es ist immer das Gleiche: Man sieht technologische Veränderungen kommen, glaubt aber nicht so recht an deren kommerziellen Erfolg. So konnte sich Computerpionier Ken Olsen (DEC) 1977 nicht vorstellen, warum jemand einen Computer im eigenen Haushalt nutzen sollte. Deshalb ist es kein abwegiges Szenario, wenn sich vorausschauende Automobilzulieferer bereits heute damit beschäftigen, womit sie morgen ihr Brot verdienen werden. Das Giessen von Motorblöcken oder Schleifen von Kurbelwellen gehört dann vielleicht nicht mehr dazu. Genau diese Herausforderung ist  für die innovativen Schweizer Zulieferer gleichzeitig Chance. Denn in Zeiten des Umbruchs sind kluge Ideen gefragter denn je.
Wolfgang Pittrich, Redaktion Technische Rundschau