Eine Publikation der Binkert Medien AG
Swissmem-Symposium 2017: Ausgabe 07/2017, 13.07.2017

«Komplexität in der Prozesskette nimmt zu»

Ein Fokus des Swissmem-Symposiums zur Elektromobiliät liegt auf der Produktionskette und deren Organisation bezüglich der Herstellung von Fahrzeugen für den Individualverkehr. Dazu referieren mit Andreas Burgener, Direktor «auto-schweiz» und Jürgen Greiner, Senior Vice President ZF Friedrichshafen AG, zwei ausgewiesene Experten. Im nachfolgenden Interview geben Sie eine erste Einschätzung zum Thema ab.

Herr Burgener, es gibt Studien, die prognostizieren, dass 2035 in der Schweiz etwa gleich viele E-Fahrzeuge wie Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor neu angemeldet werden. Ist dieses Szenario aus Ihrer Sicht realistisch?

Ein identisches Niveau von Fahrzeugen mit Elektro- und mit Verbrennungsmotor bei den Neuimmatrikulationen im Jahr 2035 ist durchaus realistisch. Mit einer starken Zunahme der Anzahl neuer Elektroautos ist unserer Meinung nach ab 2019/20 zu rechnen. In mittlerer Zukunft sind auch Fahrzeuge mit Wasserstoffantrieb vermehrt ein Thema. Voraussetzung für das Wachstum beider alternativer Antriebsformen ist allerdings die Bereitstellung der benötigten Energie sowie entsprechender Infrastruktur: Ladestationen für Elektroautos oder Wasserstofftankstellen für entsprechende Fahrzeuge plus der jeweils benötigte Energieträger in ausreichender Menge.

Welche Chancen können sich daraus aus Ihrer Sicht für die Schweizer Zulieferindustrie ergeben?

Mit ihrem Know-how hat es die Schweizer Zulieferindustrie in der Vergangenheit immer wieder hervorragend geschafft, ihre starke Marktposition zu festigen. Warum sollte das bei der E-Mobilität anders sein? So könnte die Elektrifizierung der Schiene in der Vergangenheit ein Vorbild und das daraus in der Schweiz entstandenen Fachwissen einen Vorsprung gegenüber der internationalen Konkurrenz darstellen.

Welche Branchen könnten besonders von der Zunahme der E-Mobilität profitieren?

Ich gehe davon aus, dass es viel mehr Branchen sind, welche von der Elektromobilität profitieren werden, als man zunächst denken mag. So muss der Strom beispielsweise vom Wasserkraftwerk in den Fahrzeug-Akkumulator gelangen. Es braucht also zunächst die Energiewirtschaft, welche den benötigten Strom produziert und das Netz entsprechend aufrüstet und/oder unterhält. Dann müssen neue Leitungen zu den Kunden gelegt werden, hier profitiert beispielsweise auch die Baubranche. Zuletzt braucht es Monteure, welche die Ladestationen einbauen. Natürlich profitieren auch die Hersteller dieser Geräte sowie Handwerker, falls beim Ladestationseinbau grössere Massnahmen anfallen, also Maler oder Maurer.

Herr Greiner, welche Chancen sehen Sie für die Automobilzulieferer durch das Aufkommen der E-Mobilität?

Die Emissionen zu senken ist ein Ziel, das wir uns auch als Konzern selbst gesetzt haben und das in unserer Vision Zero zum Ausdruck kommt: Mit unseren Technologien wollen wir eine mobile Welt ohne Unfälle und ohne Emissionen möglich machen. Und das setzen wir schon heute in konkretes Handeln um. Bei der E-Mobility heisst das: ZF kann die OEM auch hier mit integrierten Systemen unterstützen, vom Bauteil über das Modul bis zum vollintegrierten System. So lassen sich je nach Kundenwunsch und mit wenig Aufwand Mild- und Plug-in-Hybride oder vollelektrische Antriebe realisieren. Die Infrastruktur für diese modulare Produktpalette ist bereits heute bei ZF vorhanden.

Wird die E-Mobilität mittelfristig den konventionellen Verbrennungsmotor verdrängen oder eher ergänzen?

Für die jeweilige Antriebslösung den exakten Marktanteil vorherzusagen, ist kaum möglich. Vor allem auch deshalb, weil die Marktverteilung von zahlreichen äusseren Faktoren beeinflusst wird wie Infrastruktur, Nutzerverhalten und -akzeptanz, regulatorischen Eingriffen und vielen mehr. Unseren Prognosen zufolge gehen wir bei einer global insgesamt steigenden Fahrzeugpopulation jedoch davon aus, dass im Jahr 2030 weniger als die Hälfte aller Pkw rein verbrennungsmotorisch angetrieben werden. Über die Hälfte aber wird in verschiedenen Alternativen elektrifiziert sein. Die Nachfrage nach Hybridgetrieben wird stark steigen, auch batteriebetriebene Fahrzeuge werden unserer Einschätzung nach ihren Anteil kontinuierlich auf mindestens zwölf bis fünfzehn Prozent steigern.

Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Prozesskette der automobilen Zulieferer ableiten?

In der Konsequenz bedeutet dies selbstverständlich eine Zunahme der Komplexität und somit auch eine Veränderung innerhalb der bestehenden Prozesskette. Lösungen aus der Industrie 4.0 werden zum Tragen kommen, um auch weiterhin den bestmöglichen Ressourceneinsatz bieten zu können.

Wie reagiert ZF Friedrichshafen darauf heute schon?

Unsere Antwort auf die Zunahme der Komplexität und Unwägbarkeiten heisst: Modularität, Flexibilität und Integration. Unsere Automat- und Doppelkupplungsgetriebe bilden weiterhin die Basis für flexible und modulare Systeme. Als Baukasten ausgelegt, eignen sie sich sowohl für den Einsatz nur mit Verbrennungsmotor als auch für eine Elektrifizierung. Mit dieser Auslegung können wir auf die Volatilität hinsichtlich der gewünschten Antriebskonfiguration unserer Kunden reagieren. Auch auf das Szenario einer raschen Verbreitung von reinen Elektrofahrzeugen sind wir im ZF-Konzern antriebsseitig vorbereitet, beispielsweise mit einem elektrischen Achsantrieb. (pi)

 

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Andreas Burgener, Direktor der Vereinigung der offiziellen Automobil-Importeure, auto-schweiz. (Bild: auto-schweiz)


Jürgen Greiner, Senior Vice President ZF Friedrichshafen AG. (Bild: ZF)