Eine Publikation der Binkert Medien AG
Der Trendreport: Ausgabe 07/2017, 14.07.2017

Technology Outlook 2017: Schweiz digital

Mit dem zweiten «Technology Outlook» nach 2015 wagt die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) abermals eine Prognose, wohin sich die Schweizer Industrie in den nächsten Jahren technologisch entwickeln könnte. Erwartungsgemäss nimmt die digitale Welt bei diesen Betrachtungen einen grossen Raum ein. Eher überraschend ist dagegen die Wertschätzung, die der Fertigungstechnik entgegengebracht wird.

Autor: Wolfgang Pittrich

Das Dokument umfasst 44 Seiten und trägt den schlichten Titel «Technology Outlook 2017». Diese 44 Seiten haben es aber in sich, denn es geht um nichts weniger als die Zukunft der produzierenden Industrie in der Schweiz. Die Schweizer Akademie der Technischen Wissenschaften SATW hat mit ihrem zweiten Technologieausblick versucht, folgender Fragestellung auf den Grund zu gehen: «Welchen technologischen Herausforderungen wird sich die Schweizer Industrie in den nächsten Jahren stellen müssen, und wie kann sie davon profitieren?» Die Antwort darauf mag auf den ersten Blick wenig überraschen. Denn wie in der allgemeinen Diskussion auch, dominiert den Technology Outlook ein Thema: Die digitale Fertigungswelt von morgen.

Die von den SATW-Wissenschaftlern ausgemachten Megatrands lauten daher folgerichtig: «Die vierte industrielle Revolution», «Künstliche Intelligenz», «Robotik», «Energie- und Mobilitätssystem» sowie «Blockchain und Bitcoins». Wobei es in der schönen neuen Digitalwelt keine Patentrezepte gibt, wie sich daraus Geschäftsmodell ableiten lassen, wie René Dändliker, der stark in die Ausarbeitung des Technology Outlook involviert war, erklärt: «Die vierte industrielle Revolution bezeichnet die Verzahnung der industriellen Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik. Zentral ist die Anwendung der Internettechnologien zur Kommunikation zwischen Menschen, Maschinen und Produkten. Trotz standardisierten Basistechnologien für Hard- und Software ist klar, dass Industrie-4.0-Konzepte keine normierten Einheitslösungen sein können, sondern stark von der spezifischen Aufgabe abhängig sind.»

Interessanterweise stuft der emeritierte Professor für angewandte Optik an der Universität Neuchâtel und EPFL die digitale Revolution nicht als ein unbedingt neues Phänomen ein: «Viele grosse Schweizer Unternehmen waren unter dem Preisdruck bereits vor Jahren zu einem konsequenten Digitalisierungskurs gezwungen, und KMU als Zulieferer von Grossfirmen wurden in deren vernetzte Produktion integriert.»

Dändliker leitet aktuell den Wissenschaftlichen Beirat der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaft. Er empfiehlt den Zukunfts-Report auch weniger als Handlungsanweisung, denn als Orientierungshilfe in schwierigen Zeiten: «Der Technology Outlook kann keine konkreten Vorschläge für einzelne Unternehmen geben, aber er soll dazu dienen, auf wichtige zukünftige Entwicklungen aufmerksam zu machen.»

Trotzdem verzichtet der Report nicht darauf, einen warnenden Zeigefinger zu heben, wenn es angebracht scheint. Und hier bietet er durchaus überraschende Momente. Denn nicht wenige KMU haben die Zeichen der Zeit noch nicht in vollem Umfang erkannt, wie Rolf Hügli, Generalsekretär der SATW, zu bedenken gibt: «Mit dem Internet der Dinge verschmelzen die digitale und die physische Welt. In dieser hybriden Welt haben Schweizer Firmen nahezu aller Branchen Nachholbedarf. Viele KMU tun sich mit der digitalen Beherrschung ihrer Prozesse schwer und bezüglich Fabrikautomatisierung oder Ressourcenplanung liegt die hiesige Industrie hinter dem Ausland zurück. Die Chancen, welche die enormen Fortschritte in den Bereichen künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen eröffnen, müssen besser genutzt werden.»

Der Technology Outlook bietet dazu eine wertvolle Lektüre. Häppchenweise und daher leicht verdaulich serviert er ein breites Spektrum an Themen in knapper, aber durchaus einprägsamer, vertiefender Form. Im grossen Kapitel «Die digitale Welt» finden sich Exkurse in die Sensorik, cyber-physikalische Systeme und künstliche Intelligenz genauso wie ein kritischer Hinweis auf Datensicherheit oder der mehr futuristische Blick auf die Möglichkeiten von virtuellen Währungen wie den «Crypto-Schweizerfranken».

Sehr spannend zu lesen ist der jedes Kapitelchen abschliessende Hinweis auf die «Konsequenzen für die Schweiz». So endet der Abschnitt über «Augmented Reality» mit der Empfehlung: « In den für die Schweiz wichtigen Sparten der Medizintechnik und des Maschinenbaus kann gut integrierte Augmented Reality einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil verschaffen .... Schweizer Unternehmen müssen auf den Zug aufspringen und industrielle Anwendungen sowie Anwendungen für den Dienstleistungs- und IT-Sektor erarbeiten.»

Dass sich die am Report mitarbeitenden Wissenschaftler den Blick auf die reale Welt bewahrt haben und nicht von digitalen Schwärmereien ablenken liessen – dafür gebührt ihnen Respekt. Denn die Gefahr, das fertigungstechnische Potenzial der Schweiz auf dem Deindustrialisierungs-Altar zu opfern, ist leider allgegenwärtig. Auch René Dändliker weiss um die Sorgen, die viele produzierende Schweizer Unternehmen umtreibt: «Die überwiegend KMU-lastigen Unternehmen der Schweizer MEM-Industrie sind neben der Pharma- und der Lebensmittelindustrie die wichtigsten Träger unserer produzierenden Exportindustrie. Um eine weitere Deindustriealisierung der schweizerischen Wirtschaft zu vermeiden, muss diese Branche unbedingt erhalten bleiben. Die KMU haben in den letzten Jahren, Stichwort:Frankenschock, durch flexible, innovative und organisatorische Anpassungen gezeigt, dass sie mit dem Druck durch Veränderungen umgehen können.»

Trotzdem ist er Realist genug: «Ich sehe deshalb ihre Zukunft zwar nicht rosig, aber auch nicht düster.»Umso wichtiger ist es, dass der Technology Outlook im fertigungstechnischen Kontext konkrete Entwicklungspotenziale aufzeigt: Pulslaser, smarte Klebstoffe oder Prozessoptimierung lauten die zukünftigen Trends aus Sicht der SATW. Und vor allem ein Thema sieht Dändliker als grosse Chance für die produzierenden KMU, die additiven Fertigungsverfahren: «Viele Schweizer KMU in der Maschinenindustrie produzieren kundenspezifische, gleichzeitig aber hochpräzise Baugruppen in kleinen und mittleren Stückzahlen. Eine automatisierte Herstellung für die Massenfertigung ist wegen der Variantenvielfalt mit teuren Werkzeugen oft nicht rentabel. Die Schweiz kann mit additiver Fertigung ihre führende Rolle in der Präzisionsmechanik weiter ausbauen. Die Vorteile liegen in der grossen Gestaltungsfreiheit für den Konstrukteur und in der Möglichkeit, individualisierte Produkte herzustellen.»

Im dritten grossen Kapitel, «Weitere Technologien», blicken die Wissenschaftler auf etablierte Industrien und rücken deren Potenzial in den Vordergrund. So mahnen sie beispielsweise an, die Photonik und Optik sowie Biotechnologie wieder verstärkt ins Bewusstsein vor allem der Forschung zu rücken. Und an die Medtech- oder Lebensmittelindustrie geht die Aufforderung, ihren konsequenten Weg in Richtung Spitzentechnologie verstärkt weiterzugehen. Schlagworte wie «Food System 4.0» zeigen, wohin die Reise gehen kann.

Mit einem ungewöhnlichen Appell beschliessen die Verfassser dieses Kapitel: «Plastikmüll über Bord» titeln sie den letzten Abschnitt und plädieren recht eindringlich für eine Abkehr von der Politik der billigen Plastikverpackung: «Gefordert sind in erster Linie die Verpackungshersteller: Sie müssen intelligente, sprich: abbaubare Verpackungen entwickeln und die Schädlichkeit der Abbauprodukte untersuchen.»

Bereits in diesem Abschnitt tönt die gesellschaftspolitische Komponente an, die der Technology Outlook 2017 im Abspann unter «Ausblick» – zurecht – nochmals thematisiert. Denn: Die Auswirkungen der vierten industriellen Revolution für die Gesellschaft, aber auch für den Einzelnen, sind zu gravierend, um sie zu negieren. Dass in diesem Kontext der Begriff «Revolution» keine leere Worthülse ist, betont SATW-Generalsekretär Hügli: «Gleichzeitig braucht es einen öffentlichen Diskurs über die Konsequenzen der vierten industriellen Revolution. Die Arbeits- und Lebensbedingungen werden sich radikal verändern, viele Stellen werden der maschinellen Automatisierung zum Opfer fallen. Finanzielle Ausgleichsmodelle und flankierende Massnahmen müssen diskutiert werden.»

Ähnlich gravierend schätzt René Dändliker die Folgen ein, den der Wandel hin zur digitalen Produktionswelt für eine Industriegesellschaft wie die Schweiz haben kann: «Die Koexistenz von Mensch und Maschine wird sich zum Teil radikal verändern. Das wird zunächst möglicherweise sogar zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Längerfristig ist aber nicht auszuschliessen, dass Maschinen den Menschen im Dienstleistungssektor in vielen Kerntätigkeiten weitgehend ersetzen. Gefährdet sind vor allem intellektuelle Routinetätigkeiten, bei denen der zwischenmenschliche Kontakt nicht im Vordergrund steht. Diese Veränderungen stellen hohe Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit und die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden.»

Fakt ist allerdings auch: Die Schweiz ist es gewohnt, auf Herausforderungen mit Lösungen zu reagieren. Die im Technology Outlook genannten Zukunftstechnologien sind vielen Unternehmen und Instituten nicht fremd. Die Chancen, so Rolf Hügli, überwiegen auf jeden Fall die Risiken: «Die Schweiz verfügt im Standortwettbewerb über viele Trümpfe, die es geschickt auszuspielen gilt. Sie weist beispielsweise die höchste Dichte qualifizierter Robotik-Nachwuchskräfte auf und verfügt über eine Vielzahl von kompetitiven Start-ups in diesem Bereich. Neue Verfahren wie additive Fertigung oder Prozessanalysetechnik sowie Photonik und Robotik haben grosses Potenzial. Werden die vorhandenen Kompetenzen wie leistungsstarke Pulslaser und optische Messtechnik geschickt kombiniert, kann die hiesige Industrie ihre Führungsposition auf diesen Gebieten gezielt ausbauen.»

Der Technologie Outlook der ZHAW kann direkt unter folgendem Link  heruntergeladen werden:

goo.gl/ru9hZF



6 Fragen an

René Dändliker, SATW «Potenzial, die Arbeits- und Lebensbedingungen radikal zu verändern»

Herr Dändliker, wie geschieht die Themenfindung für den Technology-Outlook-Report der SATW?

Die Verantwortung für den Technology-Outlook-Report liegt beim Wissenschaftlichen Beirat, bestehend aus zehn Sachverständigen aus Wissenschaft und Industrie unter meiner Leitung, unterstützt durch Experten aus zehn verschiedenen Themenplattformen.

Wo lagen aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen beim Erstellen des Reports?

Die Fülle der wissenschaftlichen und technischen Informationen so zu gliedern und darzustellen, dass sie allgemein verständlich sind.

Einen breiten Raum im aktuellen Report nimmt die Digitalisierung der Industrie ein und das Aufkommen von künstlicher Intelligenz und Robotertechnologie. In welcher Art und Weise werden diese Themen unser Leben in zehn Jahren bestimmen?

Die Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz und den autonomen Systemen beflügeln die Phantasie – und lösen Unsicherheit aus. Tatsächlich haben diese beiden Entwicklungen das Potenzial, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen radikal zu verändern. Jede Entwicklung bietet bekanntlich Chancen und Risiken zugleich. Die Erfahrung zeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen langsamer erfolgen als technische und kommerzielle. In zehn Jahren werden uns diese Themen sicher noch stärker als in naher Zukunft beschäftigen.

Auch deshalb, weil verstärkt in automatisierte Lösungen – Stichwort: Roboter – inves- tiert wird, um preislich wettbe- werbsfähig zu bleiben? Selbst dann, wenn dies möglicher- weise zu Lasten der Mitarbei- tenden gehen könnte?

Wer nicht in automatisierte Lösungen investiert, verliert vielleicht kurzfristig weniger Arbeitsplätze, aber auf längere Zeit möglicherweise alle.

Während im ersten Report vor zwei Jahren noch die verstärkte Förderung der praxisnahen Forschung angemahnt wurde, fehlt dieser Hinweis im aktuellen Report. Ist die Lage diesbezüglich also deutlich besser geworden?

Die Situation ist leider noch nicht wesentlich besser geworden, aber in Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen und Gremien versuchen wir die Forschungspolitik entsprechend zu beeinflussen.

Wann dürfen wir den nächsten Technology Outlook erwarten?

Der nächste Report wird voraussichtlich in zwei Jahren erscheinen.

Meine Meinung

Der Technology Outlook der SATW kommt genau zur rechten Zeit. Übersichtlich und prägnant listet er die aktuellen industriellen Trends auf und skizziert deren Auswirkungen auf die Schweizer Industrie. Dass die digitale Produktionswelt einen breiten Raum einnimmt, dürfte niemanden überraschen. Wesentlicher scheint mir, dass durchaus warnend der Finger gehoben wird, um auf die gesellschaftspolitischen Auswirkungen der vierten industriellen Revolution hinzuweisen. Wenn sogar die Autoren als Wissenschaftler und Ingenieure sorgenvoll auf die digitale Entwicklung blicken und «ernsthaft über finanzielle Ausgleichsmodelle» nachdenken, um mögliche gesellschaftliche Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen, dann wird deutlich, dass Veränderungen anstehen, deren Tragweite heute noch gar nicht ansatzweise fassbar sind. Unabhängig davon tut die Schweizer Industrie gut daran, sich möglichst schnell mit den neuen technologischen Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz und kollaborativen Robotern vertraut zu machen. Sie bieten gerade für die Schweiz ein ungeheures Potenzial. Entscheidend wird sein, in welchem gesellschaftlichen Kontext der Weg in die digitale Zukunft beschritten wird.
Wolfgang Pittrich