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Ausgabe 01/2014, 14.01.2014

«Die Berufslehre ist der Königsweg»

Kann das Schweizer Ausbildungssystem in Zukunft genügend Lehrlinge für die MEM-Branche bereitstellen? Oder müssen die Unternehmen ihren Nachwuchs in Zukunft aus dem Ausland importieren? Der Präsident von Swissmem, Hans Hess, beantwortete TR-Redaktor Markus Schmid diese und weitere drängende Fragen in einem Exklusivinterview am Flughafen Kloten, kurz vor seinem Abflug zu einer Geschäftsreise nach China.

Herr Hess, wie entwickelt sich in China das Geschäft für Schweizer Unternehmen?
Ich mache seit über 25 Jahren Geschäfte in Asien. Es ist eine sehr spannende, heterogene Region. Wir erleben in diesen sehr dynamischen Märkten unglaubliche Entwicklungen, die nicht immer leicht voraussehbar sind.

Was interessiert die Schweizer Industrie primär am Markt in China?
Für uns ist China in erster Linie ein hoch attraktiver, schnell wachsender Absatzmarkt für die von uns produzierten Investitionsgüter. Im Unterschied zu anderen sich entwickelnden Ländern hat China immer auf Spitzentechnologie und fortschrittliche Qualität gesetzt. Deshalb ist es ein spannender Exportmarkt für die Maschinenindustrie.

Wie ist es dort heute um die Rechtssicherheit bestellt?

Als Exporteur muss man clever sein. In den Firmen, in denen ich tätig bin, haben wir das Wissen über Schlüsseltechnologien immer in der Schweiz behalten. Das tun wir auch weiterhin und empfehlen diesen Grundsatz allen Firmen dringend. Das Risiko ist sonst immer noch gegeben, dass kopiert wird. Wir können aber viele Montagetätigkeiten in China ausführen lassen, denn da ist die Gefahr eines Geheimnisverlustes klein. Der Schutz des geistigen Eigentums verbessert sich in China stetig. Noch vor 25 Jahren war es eine reine Katastrophe. Alles wurde einfach kopiert. Heute sind die Gesetze, die das geistige Eigentum betreffen, relativ gut und ihre Durchsetzung wird von der chinesischen Regierung viel engagierter wahrgenommen. Der Ostküste entlang, in der Umgebung von Peking und Shanghai hat sich die Situation schon sehr verbessert.

Was heisst das konkret?
Die Regierung schreitet heute auch auf ihre eigenen Kosten ein, und macht Firmen dicht, die kopieren. Aber wenn Sie fragen: Ist es so gut wie in der Schweiz? Dann lautet die Antwort: Nein, noch nicht. Wird es so gut wie in der Schweiz? Nein, das auch nicht. Es ist noch nicht perfekt, wird aber jedes Jahr besser.
Zum Schweizer Ausbildungsmodell: Der Schweizer Mühlenbauer Bühler bildet für seine Niederlassung in USA Lehrlinge mit dem dualen System nach Schweizer Muster aus.

Ist das Schweizer System exportierbar?
Swissmem wurde 2013 von mehr als einem Dutzend ausländischen Delegationen besucht. Sie fragten uns: «Ihr habt 5 Prozent Jugendarbeitslose, wir haben 25 Prozent und mehr. Wie können wir dieses duale Bildungsmodell bei uns einführen?» Sie haben verstanden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Art der Ausbildung und der Jugendarbeitslosigkeit, und sie versuchen nun von Ländern wie der Schweiz zu lernen. Die Idee des dualen Systems – also Praxis neben Theorie, jede Woche gemischt – ist wohl kopierbar. Aber jedes Land muss den an seine Rahmenbedingungen angepassten Weg finden.

Hat die Schweiz das beste Modell?
Es ist einzigartig und zeichnet sich neben der dualen Bildung durch seine hohe Marktorientierung aus. Das ist ein Schlüsselfaktor. Die jungen Leute, die in der Industrie durch diese Ausbildung gegangen sind, haben mehr oder weniger einen garantierten Job in unserer Branche. Das gibt es so in keinem anderen Land. Die Unternehmen helfen mit, die Industrieberufe so zu gestalten, dass die Lehrlinge genau das lernen, was der Markt braucht. Das Ausbildungsprofil passen wir laufend an. Quantitativ funktioniert es so, dass die Betriebe den kantonalen Berufsbildungsämtern mitteilen, wie viele Lehrstellen sie anbieten können. Wir können somit abschätzen, wie viele Lehrlinge wir brauchen, um jedes Jahr genügend qualifizierte Fachkräfte zu erhalten. In diesem Sinn sind wir qualitativ und quantitativ sehr marktorientiert. In vielen anderen Ländern, die eine Form des dualen Bildungssystems aufweisen, legt der Staat fest, wie viele Studenten in einem Bereich ausgebildet werden. Mit dem Resultat, dass am Schluss ein Teil von ihnen keinen Job hat .

Laut Swissmem wird es zusehends schwieriger, junge Leute für die Berufe in der Industrie zu gewinnen?
Richtig. Eltern glauben immer mehr, dass das Gymnasium mit Maturaabschluss das Beste für ihr Kind sei. Die Schweizer Eltern scheinen das Vertrauen in das geniale System Berufslehre verloren zu haben. Ausländerfamilien, die in die Schweiz kommen, setzen oft auch auf eine Matura, weil sie unser System nicht kennen. Das ergibt einen Sog in Richtung Mittelschulabschluss. Gleichzeitig gibt es aus demografischen Gründen immer weniger Schulabgänger. Die zwei Phänomene bewirken, dass der Mangel an Lernenden zunimmt. Schon heute können wir 5 bis 10 Prozent der Lehrstellen nicht mehr besetzen. Hier müssen wir Gegensteuer geben, den Trend umkehren!

Welche Lösungsansätze sehen Sie?
Wir müssen die Eltern davon überzeugen, dass ihren Kindern mit einer Berufslehre sämtliche Karrieremöglichkeiten offen stehen. So können sie wieder Vertrauen in dieses System fassen. Die Berufslehre ist heute der Königsweg. Auf diesem Weg kann sich jeder Schritt für Schritt verbessern. Ein Polymechaniker in der Schweiz kann nach der Lehre die Berufsmatura und dann die Fachhochschule absolvieren. Wenn er dort den geforderten Notendurchschnitt erreicht, kann er die Passerelle wählen, an der  ETH studieren, dort ein Masterdiplom machen und Dr. Ingenieur ETH werden. Ein so superdurchlässiges System gibt es in keinem anderen Land!

Gibt es weitere Ansatzpunkte?

Der Staat kann helfen, indem er in Primar-, Sekundar- und Mittelschule die technisch-naturwissenschaftlichen Fächer mit dem Lehrplan 21 verstärkt fördert. Dies verbessert das Grundverständnis der Jungen für diese Fächer. Wenn ein Jugendlicher in der sechsten Klasse der Primarschule keine Affinität zu technischen Fächern hat, dann ist die Chance fast gleich null, dass sich das noch ändert. Damit ist er für die Industrie verloren.

Was tun die Betriebe selbst, um die Jugendlichen für sich zu gewinnen?

Wir Industriellen sind gefordert, wir müssen Schulklassen einladen und ihnen zeigen, wie spannend Industrieberufe sind. Ich bin sicher, das nützt. Wir wurden lange von einem Lehrlingsüberschuss verwöhnt. Jetzt müssen wir lernen, wie wir uns bei den Jungen bewerben.

Wie begeistert man einen auf iPad und Smartphone fokussierten Jungen für einen Industrieberuf?

Wir müssen den Jugendlichen die gigantische Technik in diesen Geräten vor Augen führen. Sie sollen sie aufschrauben, reingucken und sich erklären lassen, was die einzelnen Elemente können. So sind Mädchen wie Buben gut motivierbar für Technik. Dann müssen wir plausibel erklären, dass es für alle gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen, auch technische Lösungen braucht. Ich denke an Energieversorgung, CO₂-Reduktion und Mobilität. Wenn sie einen technischen Beruf wählen, können sie einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme leisten.

Wie sieht die Zukunft aus?
Ob es uns gelingt, genügend qualifizierte Fachleute auszubilden, ist langfristig gesehen eine der Schlüsselfragen, davon bin ich überzeugt.  Dies wird darüber entscheiden, ob die Industrie in der Schweiz erfolgreich bleibt. Wenn wir in zehn, zwanzig Jahren nicht mehr genügend Nachwuchs hätten, wäre das vielleicht die grösste strategische Gefährdung des Werkplatzes Schweiz.

Könnte man dann nicht einfach Jugendliche aus dem Ausland für die Schweiz rekrutieren?
Das ist nur in beschränktem Ausmass und nur aus dem deutschsprachigen Raum möglich. In den 950 Swissmem-KMU wird überwiegend Deutsch gesprochen, nicht Englisch oder Spanisch. Wenn jemand zwar befähigt wäre, einen Industrieberuf zu erlernen, aber die Sprache nicht versteht, dann geht es nicht. Der wichtigste Ansatz von Swissmem ist es, das einheimische Potenzial besser zu nutzen, etwa bei den jungen Damen. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie 98 Prozent der Industrieberufe genauso gut bewältigen können wie Männer.

Was entnehmen Sie der jüngsten Prognose des KOF mit 2,1 Prozent Wirtschaftswachstum für 2014?

Da unsere Branche zu 80 Prozent vom Export lebt, sind Konjunkturvorhersagen für die Schweiz für die MEM-Industrie nur zu einem Fünftel von Bedeutung. Wichtiger sind die Prognosen für unsere Handelspartner in Europa, für die USA und China. Wir hegen Hoffnungen, dass sich die USA konjunkturell stabil weiterentwickelt und dass China wieder einen Aufschwung erlebt. Europa wird als Ganzes in den nächsten zehn Jahren zwar nicht wesentlich wachsen. Aber wir meinen, dass sich wichtige Nationen wie Deutschland über den Export positiv entwickeln können.

Sollte man im Sinn einer Konjunkturspritze die Löhne in der Schweiz dem europäischen Umfeld anpassen?
Die Löhne zu reduzieren, ist sehr schwierig. Sie sind ein Abbild der Lebenshaltungskosten. Wenn es uns gelingt, bei gleichbleibenden Lebenshaltungskosten ohne Lohnerhöhungen auszukommen, während die ausländische Konkurrenz jährliche Lohnerhöhungen von 4 bis 6 Prozent hat, dann bin ich optimistisch, dass wir so über die nächsten fünf bis zehn Jahre an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.■
- Markus Schmid
Swissmem
8005 Zürich, Tel. 044 384 41 11
www.swissmem.ch

 



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