Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 10/2014, 09.10.2014

Gleich um die Ecke oder noch weit weg?

Die «Technische Rundschau» nutzte die Sindex in Bern, um bei den Anbietern von Automatisierungslösungen nachzufragen, wie weit oben auf der Agenda bei ihnen und ihren Kunden das Thema Industrie 4.0 momentan rangiert und welche Prognosen sie zur weiteren Entwicklung des Themas in der Schweizer Industrie wagen.

Autor: Markus Schmid

Auf unsere erste Frage, «Sagt Ihnen das Thema Industrie 4.0 etwas?», kam zwar von allen Befragten eine bejahende Antwort, aber einem von ihnen musste der TR-Redaktor zuerst eine grobe pauschale Definition liefern. Allen ist klar, dass es bei dem Begriff um eine total vernetzte Produktion geht. Allerdings machte der Vertriebsleiter Schweiz von Rockwell Automation, Roger Hunziker, sogleich klar, dass das Thema in seinem Unternehmen schon vor dem Aufkommen des Begriffs Industrie 4.0 das Fliegen gelernt hat: «Wir nannten es vor etwa vier Jahren ‹Connected Enterprise›, was sehr viel mehr aussagt als Industrie 4.0, darauf ‹Convergence of an Enterprise›, da haben uns alle komisch angeguckt. Dann hat es jemand in Industrie 4.0 umbenannt, und jetzt finden es alle plötzlich eine geniale Idee.»

Das Thema totale Vernetzung ist inhaltlich bei allen Befragten und ihren Mutterhäusern in Deutschland oder den USA (ABB, Balluff, ifm Electronic, Pepperl + Fuchs, Rockwell Automation) gesetzt, hat aber nicht unbedingt überall dieselbe Priorität bei ihren Kunden.

Peter Bader etwa, der Geschäftsführer von ifm Electronic in der Schweiz, glaubt zwar zu spüren, dass das Thema bei seinen Kunden unterschwellig vorhanden ist und langsam immer mehr aufkommt, aber es komme im Moment noch nicht täglich konkret zur Sprache.

Die konkreten Vorstellungen davon, was beim jeweiligen Anbieter der Dreh- und Angelpunkt zu diesem Konzept der total vernetzten Produktion sei, wie schnell konkrete Lösungen verfügbar seien und wie wichtig diese für den zukünftigen Umsatz ihres Unternehmens auf dem Schweizer Markt in der nahen und mittleren Zukunft würden, sehen naturgemäss je nach Sortiment verschieden aus.

Eine klare Position dazu und zur Priorität des Themas hat der Vertriebsleiter von Pepperl+Fuchs, Markus Gmür: «Heute hat das Thema für uns Priorität zwei, I/O-Link ist uns im Moment wichtiger. Es steht immer noch in den Startlöchern und ist noch nicht ausgereizt. Deshalb sind wir als Sensorikhersteller daran interessiert, dass zuerst dieses Thema gut etabliert wird, bevor wir von Industrie 4.0 im Zusammenhang mit unseren Sensoren zu sprechen beginnen.»

Marcel Dousse, CEO der Balluff Sensortechnik AG, stellt klar: «Industrie 4.0 wird bekanntlich mit dem Begriff ‹Internet of Things› kombiniert. Für uns bedeutet es, dass unsere Kunden von uns Identifikationssysteme erwarten, die ihnen die komplette Nachverfolgbarkeit ihrer Produkte, vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt beim Endkunden, ermöglichen. So verstehen wir Industrie 4.0.»

Bei der Frage, wie wichtig das Thema in zwei und in zehn Jahren sei, sind sich fast alle einig. Wieder Marcel Dousse dazu: «Das Thema wird seit zwei Jahren gewälzt, aber bis vor drei viertel Jahren haben etwa 80 Prozent der Betroffenen in der Industrie noch nichts anzufangen gewusst mit dem Begriff. Dieser Samen wächst langsam in den Unternehmen, zuerst im Qualitätsmanagement, von dort wird er langsam hinausgetragen ins Projektmanagement; deshalb die zeitliche Verzögerung. Das Thema wird die Industrie zwar verändern und neue Chancen generieren, aber in den nächsten zwei Jahren wird keine Umsatzwelle auf Basis von Industrie 4.0 anbranden. Der Vorgang wird kurzfristig nichts und mittelfristig ganz wenig generieren. Das Gros des Marktes wird in den nächsten zehn Jahren erst einen kleinen Schritt vorwärtskommen.»

Die nächste Technikergeneration wird als Motor wirken

Als Motor für diese Entwicklung sieht Peter Bader die kommende Generation: «Wenn ich sehe, wie die heute mit Tablets und Smartphones umgeht, wird das in zehn Jahren für sie ein ganz wichtiges Thema werden. Industrie 4.0 wird im Zusammenhang mit diesem Generationenwechsel eine Beschleunigung erfahren.»

Etwas anders sieht Roger Hunziker die Zusammenhänge und Zeiträume: «In zwei Jahren wird das Thema bereits wesentlich weiter sein und in zehn Jahren noch viel weiter. In der nächsten Dekade wird der Mittelstand in den aufstrebenden Industrienationen stark wachsen. Wenn nur schon in China diese Mittelschicht um 5 Prozent zunimmt, entspricht dies einer gigantisch gesteigerten Nachfrage nach erhöhtem Komfort, nach speziellen Lebensmitteln, Wasser, Treibstoff. Diese Ressourcen muss man handeln können, und das wird einen Einfluss auf die Schweizer Industrie haben, die Maschinen in diese Länder liefert. Denn mit diesen Maschinen werden diese Güter produziert oder verarbeitet.»

Andreas Arnold, Leiter Marketing bei ABB Schweiz, schätzt die Situation so ein, dass die Entwicklung nicht linear verlaufen wird. Er geht davon aus, dass diese in fünf bis zehn Jahren eine Beschleunigung erleben wird durch Entwicklungen, die dann zu einem moderaten Preis erhältlich sein werden. Diese würden das Thema einen Moment lang extrem vorwärtsbringen. Dieser Boost werde aber auf sich warten lassen, weil die Themen Sicherheit und Normierung nicht in zwei Jahren zu lösen sein werden.

Völlig einig sind sich alle darin, dass eben diese Normierung und die Datensicherheit die grossen Knackpunkte des Themas sind: Eine schnelle Normierung, besonders in Bezug auf eine gemeinsame Sprache, würde die Implementierung beschleunigen. Die schnelle Einführung einer solchen einheitlichen Kommunikationsmöglichkeit sei aber nicht zu erwarten, weil zu viele grosse Player im Moment ihre Claims abzustecken versuchten.

Und die ultimative Datensicherheit ist in der Cloud nicht zu haben, selbst wenn die Server in der Schweiz und nicht in China stehen. Ein Unternehmen, das sich an die Integration eines Industrie-4.0-Konzepts mache, müsse sich deshalb auf jeden Fall bereits am Anfang eines solchen Projekts die Frage nach dem anzuwendenden Modell stellen, denn davon hänge später ab, ob es letztlich Herr seiner Daten bleibe oder nicht.

ABB Schweiz AG 5400 Baden, Tel. 058 585 00 00 www.abb.ch/industrieautomation

Balluff Sensortechnik AG 8953 Dietikon, Tel. 043 322 32 40 www.balluff.com

ifm electronic AG 4624 Härkingen, Tel. 0800 88 80 33 info.ch@ifm.com, www.ifm.com

Pepperl+Fuchs AG 2557 Studen, Tel. 012 345 67 89 www.pepperl-fuchs.ch

Rockwell Automation AG 5001 Aarau, Tel. 062 889 77 77 www.rockwellautomation.ch



Die total vernetzte Produktion wird erst in etwa zehn Jahren greifbar. (Bild: Fotolia)