Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 11/2014, 07.11.2014

«Wir können Produkte wettbewerbsfähiger machen»

Zum Abschluss unserer dreiteiligen Serie rund ums Härten metallischer Werkstoffe (TR 8/14 bis TR 10/14) suchte TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich das Gespräch mit Felix Heimgartner, Geschäftsleiter der Härterei Gerster AG. Neben dem Thema Härten von rostfreiem Stahl war vor allem die Frage nach der Zukunft des Härtens spannend. Mit ihrer neuen Dienstleistungsstrategie geht das Unternehmen innovative Wege.

Autor: Wolfgang Pittrich

«Das neue Dreisäulenmodell bringt unser Geschäft weiter nach vorne.»

Herr Heimgartner, das Härten von metallischen Bauteilen sehen viele Unternehmen eher als störenden Faktor im Produktionsablauf und weniger als qualitätsförderndes Element. Wie empfinden Sie das?

Es ist nach wie vor so, dass nur durch das Härten höhere Material-qualitäten bezüglich Verschleiss- und Korrosionsbeständigkeit erzielt werden können. Dies gilt aus technologischer Sicht genauso wie aus wirtschaftlicher.

Trotzdem findet das Härten in den Betrieben kaum noch statt und wird viel lieber outgesourct. Warum?

Zum einen aus wirtschaftlichen Gründen; zum anderen muss man ganz klar sagen, dass sich das Härten in den letzten Jahrzehnten permanent weiterentwickelt hat und immer komplexer geworden ist. Wenn ich als Unternehmen eine eigene Härterei vorhalte, dann konzentriere ich mich meist auf ein, zwei Verfahren. Es können aber andere Techniken für mein Teilespektrum wirtschaftlicher oder technologisch sinnvoller sein. Das gewählte Härteverfahren bestimmt in gewisser Weise auch den Wettbewerbsvorsprung des eigenen Produkts. Und dieses Wissen um die verschiedenen Härtetechnologien und deren permanente Weiterentwicklung kann sich eigentlich kein produzierendes Unternehmen mehr leisten.

Wie viele Verfahren halten Sie in Ihrem Hause am Laufen?

Wir kümmern uns um die 13 gängigsten Härtetechnologien für metallische Bauteile, die wir in 100 verschiedensten Härteanlagen mit rund 100 Mitarbeitern betreuen.

Das sind beeindruckende Zahlen, vor allem wenn man bedenkt, dass die Schweizer Härtereibranche nur rund 400 Beschäftigte zählt. Die Härterei Gerster ist also mit Abstand der grösste Dienstleister?

Das stimmt. Obwohl wir die Unternehmensgrösse nicht als bestimmendes Element begreifen ...

Sondern?

Es geht darum, dass wir aufgrund unseres breiten Angebots und des über Jahrzehnte erarbeiteten Wissens den Kunden einen Technologievorsprung und damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen können. Und genau da sehe ich eine Berechtigung unseres Tuns, auch und gerade für den Werkplatz Schweiz.

Wie das?

Wir betrachten ja nicht nur die vielleicht 10 Prozent Kosten, die auf ein Werkstück durchs Härten entfallen. Wir machen uns einerseits Gedanken, wie man durch optimierte Fertigungsschritte den Gestehungsprozess eines Bauteils verbessern kann. Andererseits versuchen wir, unser Wissen bereits in die Konstruktion eines Teils einflies- sen zu lassen, um wiederum das Endprodukt, beispielsweise eine Maschine oder Anlage, wirtschaftlicher und dadurch wettbewerbsfähiger zu machen. Dies geht aber nur, wenn man das Wissen und die Verfahren im eigenen Hause hat, um diese Technologieberatung übernehmen zu können.

Das heisst, Sie müssen immer an der Speerspitze der Entwicklung stehen?

Das sollte so sein. Wir dürfen aber auch nicht die traditionellen Verfahren wie beispielsweise das Flammhärten aus den Augen verlieren, da sie nach wie vor ihre Berechtigung haben. Nicht umsonst pflegen wir so viele Technologien bei uns im Haus. Eine weitere Herausforderung lautet, permanent zu kommunizieren, welche Verfahren es gibt und wie man sie zum Wohle der Kunden einsetzen kann.

Gibt es aufgrund der Angebotsbreite auch Verfahren, wo man ein Alleinstellungsmerkmal in der Schweiz besitzt?

Dazu gehört sicherlich das Flammhärten. Bei sehr grossen und schweren Teilen ist es immer noch das einzig wirtschaftliche Verfahren. Eine Alleinstellung haben wir auch beim Borieren und vor allem beim Härten von rostfreien Qualitäten durch unsere Hardinox-Verfahren (siehe auch TR 10/14, Seite 76 – An- merkung der Redaktion).

Jetzt bin ich überrascht. Muss man rostfreien Stahl noch härten?

Durchaus. Bei den martensitischen Stählen ist ein Härten das übliche Vorgehen zur Erlangung der Anwendungseigenschaften. Mit unseren Hard-Inox-Verfahren haben wir aber auch für die bis anhin nicht härtbar geltenden Austenite und Ferrite eine Möglichkeit zur Härtung entwickelt. Und zwar, ohne dass die Korrosionsfestigkeit unzulässig verändert würde. Es gab zwar dazu in der Vergangenheit ein paar exotische Verfahren, aber erst unsere Hardinox-Technologien brachten uns einen entscheidenden Schritt nach vorne.

Ist das Verfahren wirtschaftlich so bedeutend, dass sich dieser Aufwand lohnt?

Die bisherige Kundenresonanz war enorm, auch aus dem europäischen Ausland. Und es passt sehr gut zum Werkplatz Schweiz, wo mit der Medizinaltechnik sowie Chemie- und Lebensmittelbranche grosse Industriezweige tätig sind, die das Hardinox-Verfahren ideal einsetzen können. Noch ist dies für uns ein kleines Standbein, aber es wird in Zukunft immer wichtiger werden, davon bin ich überzeugt.

Apropos Zukunft. Welchen Weg will die Härterei Gerster einschlagen, um für zukünftige Herausforderungen gerüstet zu sein? Denn, sind wir ehrlich: Der Industriestandort Schweiz wird in Zukunft nicht übermässig wachsen. Ein Ausbau der Härtereikapazitäten über den Aufbau regionaler Standorte wäre deshalb wenig zielführend, da dadurch auch der Preisdruck zunehmen könnte.

Das sehen wir auch so, deshalb haben wir uns für einen anderen, spannenderen Weg entschieden, der den Kunden aus unserer Sicht einen deutlichen Mehrwert bietet.

Sie machen mich neugierig.

Wir haben ein Dreisäulenmodell entwickelt, das sowohl die Härterei stärken wird als auch neue Geschäftsfelder erschliessen kann. Das bisherige Lohnhärten bleibt ganz klar die Nummer 1. Daneben wird es als Dienstleistung noch den Bereich «Beratung/Labor» geben und den Bereich «Contracting».

Das müssen Sie mir jetzt genauer erklären.

(lacht) Eine ähnliche Reaktion kam auch von unseren Mitarbeitern, Herr Pittrich. Das Thema Contracting entstand aus der Beobachtung heraus, dass es immer wieder Unternehmen gibt, die sich mit dem Gedanken befassen, die Wärmebehandlung wieder ins eigene Haus zurückzuholen. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich, oftmals geschieht es aus der Überlegung heraus, Produktion ins Ausland zu verlagern und dort eben auch eine eigene Härterei zu installieren. Dieses Geschäft war für uns in der Vergangenheit verloren, da wir dem Kunden auf diesem Weg nicht folgen konnten. Contracting bietet nun für uns diese Möglichkeit.

Das heisst, Sie verhelfen den Unternehmen dazu, verlorenes Härtereiwissen wieder aufzubauen und im eigenen Hause zu etablieren?

Genau. Wir möchten die Unternehmen bei diesem Weg begleiten, helfen beim Aufbau der dazu notwendigen Strukturen, beraten bei der Auswahl der Öfen, übernehmen auch deren Inbetriebnahme, schulen die Mitarbeiter und führen die Auditierung der Prozesse durch. Es geht sogar so weit, dass wir als Back-up bereitstehen, falls die Wärmebehandlung beim Kunden aus irgendeinem Grund nicht funktionieren sollte.

Torpedieren Sie dadurch nicht Ihr eigenes Geschäft?

Wie sieht die Alternative aus? Wenn der Kunde die Wärmebehandlung wieder zurückholen möchte, dann macht er es auch. Jetzt können wir in Kontakt bleiben und bieten noch einen Mehrwert für ihn. Die Resonanz auf unser Angebot war bisher übrigens sehr positiv. So haben wir mit einem grossen Unternehmen aus der Haushaltswarenbranche diesen Vorgang bereits erfolgreich praktiziert, bis hin zur Einrichtung einer kompletten Wärmebehandlung in seiner neuen Produktion in China. Sogar zum Anfahren der Anlage waren drei unserer Mitarbeiter mehrere Wochen vor Ort.

Geht die Dienstleistung «Beratung/Labor» in eine ähnliche Richtung?

Hier bieten wir unsere Expertise hauptsächlich als Ansprechpartner für Entwicklungsabteilungen oder Ingenieurbüros. Ähnlich wie im IT-Sektor können Firmen bei uns Tickets lösen und eine Beratungsdienstleistung einfordern. Das kann eine Optimierung eines bestehenden Prozesses genauso sein wie eine Gutachtertätigkeit oder die Auditierung von Prozessen. Selbst grosse Ofenbauer fragen bei uns an, wenn es darum geht, Versuche zu fahren.

In der Tat tönt Ihr neues Dreisäulenmodell ungewöhnlich. Was erwartet man sich davon in den nächsten Jahren?

Die Lohnhärterei wird unser Hauptfokus bleiben. Wenn wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren 10 Pro-zent vom Umsatz mit Contracting und Beratung/Labor erlösen können, wäre das ein schöner Erfolg. Es ist für uns ganz klar eine Zukunftsoption, um durch eine ganzheitliche Betrachtung der Wärmebehandlung unser gesamtes Geschäft weiter nach vorne zu bringen.

Werden diese Überlegungen auf dem Swisstech-Messestand von Gerster bereits eine Rolle spielen?

Fast ausschliesslich. Wir sind am Überlegen, ob wir sie nicht mit einer Analogie zum Kochen sinnfälliger machen: Lohnhärterei heisst, wir kochen für den Kunden; beim Contracting richten wir seine Küche ein, und mit Beratung/Labor empfehlen wir die am besten geeigneten Lebensmittel und Küchengeräte.

«Das gewählte Härteverfahren bestimmt auch den Wettbewerbsvorsprung des eigenen Produkts.»

Härterei Gerster AG 4622 Egerkingen, Tel. 062 388 70 00 gersterag@gerster.ch

Swisstech, Halle 1.1 Stand A60



Felix Heimgartner, Geschäftsleiter Härterei Gerster AG: «Aufgrund unseres breiten Angebots und des über Jahrzehnte erarbeiteten Wissens können wir den Kunden einen Technologievorsprung und damit einen Wett-bewerbsvorteil verschaffen.» (Bilder: TR)


«Contracting heisst, einen Mehrwert zu bieten, wenn der Kunde die Wärmebehandlung wieder zurückholen möchte.»

Härterei Gerster AG

Das Familienunternehmen wurde 1950 als Sondermaschinenbauer gegründet. Im Laufe der Jahre spezialisierte man sich, ausgehend vom Flammhärten, zum Wärmebehandlungsdienstleister für metallische Werkstoffe. Mittlerweile ist das Unternehmen der grösste Lohnhärter der Schweiz. Praktiziert werden 13 Härteverfahren auf rund 100 Härteanlagen. Alleinstellungsmerkmale besitzt man beim Flammhärten von grossen und schweren Teilen sowie beim Randschichthärten mittels Borieren und beim Härten von rostfreien Stählen über die selbst entwickelten Hardinox-Verfahren. Das Unternehmen beschäftigt 100 Mitarbeiter.

Felix Heimgartner

Der gelernte Konstrukteur war nach einem Maschinenbau- und MBA-Studium im Anlagenbau tätig, unter anderem bei der Amann Group und der Buser AG. 2002 wechselte er als Geschäftsführer zur Gerster AG. Der 52-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder.