Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 11/2014, 07.11.2014

Facharbeiter händeringend gesucht

Der Fachkräftemangel könnte der Schweizer MEM-Industrie mittelfristig grosse Probleme bereiten: Laut einer Studie müssten in den nächsten fünf Jahren jährlich 17 000 Personen neu eingestellt werden, nur, um die natürliche Fluktuation auszugleichen. Aus diesem Grund hat der Branchenverband Swissmem eine Fachkräfteinitiative erarbeitet, die unter anderem die Frauenquote erhöhen und ältere Mitarbeiter länger im Berufsleben halten soll.

(pi) Swissmem-Präsident Hans Hess fand zur Halbjahresmedien­konferenz im August deutliche Worte: «Bis zum 9. Februar stand die Türe zum europäischen Arbeitsmarkt weit offen. Das Schweizer Volk hat diese Türe mit der Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative teilweise geschlossen. Es bleibt noch ein bescheidener Spalt offen, über dessen Durchlässigkeit künftig die Politik entscheidet. Damit hat das Thema Fachkräftemangel eine neue Dimension angenommen. Er dürfte sich in der MEM-Industrie in den kommenden Jahren deutlich verschärfen.»

Aus diesem Grund hat Swissmem eine Fachkräftestrategie erarbeitet, um das inländische Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen. Sie setzt auf die Nachwuchsförderung, will den Anteil der Frauen in der Industrie erhöhen sowie ältere Mitarbeitende länger im Arbeitsprozess halten.

Gemäss einer durch Swissmem in Auftrag gegebenen Studie des Beratungsunternehmens B,S,S.Basel («Fachkräftesituation in der MEM-Branche») besteht zurzeit in fünf von elf typischen Berufsfeldern der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) ein Verdacht auf Fachkräftemangel. Konkret handelt es sich um die Berufsfelder MEM-Informatiker, MEM-Ingenieurberufe, Maschinisten, MEM-Techniker und Technische Fachkräfte.

Aufgrund der bevorstehenden Pensionierungen, so die Studie, müssen in den MEM-Berufsfeldern in den nächsten fünf Jahren jährlich 17 000 Personen neu dazugewonnen werden, um den Bestand zu halten. In einigen Berufsfeldern sind die Ausbildungsanstrengungen zu gering, um den Erneuerungsbedarf zu decken.

Um diese Lücke zu schliessen, setzt Swissmem dabei auf drei Handlungsfelder: Nachwuchsförderung, Frauen sowie ältere Mitarbeitende. Bereits 2009 wurde eine Nachwuchsförderungsinitiative gestartet. Diese zeigt laut Hans Hess erste Erfolge. So gelingt es Swissmem-Mitgliedsfirmen innerhalb der technischen Berufe überdurchschnittlich gut, ihre Lehrstellen zu besetzen.

Im Handlungsfeld «Frauen/Familien» ist es das Verbandsziel, die Zahl der weiblichen Fachkräfte in der MEM-Branche deutlich zu erhöhen. «Die Förderung des Fachkräftepotenzials Frauen ist ein wichtiges, herausforderndes Handlungsfeld zur Behebung des Fachkräftemangels», betonte Claudia Gietz Viehweger, Geschäftsleitung Gietz AG, Gossau, an der Swissmem-Medienkonferenz. (siehe auch Interview Seite 6).

Tatsache ist, so Swissmem, dass Frauen für Industrieberufe genauso geeignet sind wie Männer. Zudem erhalten sie in der MEM-Industrie denselben Lohn wie die Männer, wie der brancheninterne Salärvergleich des Verbandes beweist. «Es muss unser Ziel sein, die Zahl der Frauen in der MEM-Industrie deutlich zu erhöhen», fordert deshalb Hans Hess.

Dazu, so Hess weiter, sollte in die Frühförderung der Mädchen investiert und deren Interesse an Technik geweckt werden. Ergänzend dazu zeigt Swissmem in ihrer Fachkräftestrategie Wege auf, wie die Unternehmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und die Kinderbetreuung fördern können. Ein zusätzliches Arbeitskräftepotenzial für die MEM-Industrie sieht der Verband ausserdem bei Frauen und Männern, die Teilzeit arbeiten wollen.

Obwohl die von Swissmem präsentierten Zahlen für sich sprechen, bemerkt Hans Hess selbstkritisch an: «Es zeigt sich, dass das Bewusstsein für die Herausforderungen des demografischen Wandels in den Firmen vielerorts noch zu wenig ausgeprägt ist. Diesbezüglich ist ein Umdenken notwendig.» Seiner Meinung nach braucht es deshalb auch gezielte Massnahmen, um ältere Mitarbeitende länger im Arbeitsprozess zu halten.

Auch dazu hat der Verband eine Reihe von Handlungsempfehlungen erarbeitet, die «Swissmem Best- Practices 50+». Diese werden zurzeit verfeinert und priorisiert, um sie dann in die Mitgliedsfirmen zu tragen.

Ergänzend empfiehlt Hess den Betrieben, älteren Mitarbeitenden frühzeitig eine horizontale Entwicklung der Karriere zu ermöglichen: «Auch das Zurücktreten von Führungsverantwortung kann Teil einer solchen Neuorientierung sein. Das wird den Betroffenen einen Teil der Arbeitslast abnehmen, wird sich aber zwangsläufig auch auf den Lohn auswirken. Auch hier braucht es ein Umdenken. Die Erwartung einer kontinuierlichen Lohnsteigerung bis hin zur Pensionierung muss revidiert werden.»

Parallel dazu sollten sich die Unternehmen überlegen, ein Gesundheitsmanagement einzuführen, um ältere Mitarbeitende möglichst lange im Unternehmen halten zu können. Und nicht zuletzt besteht die Möglichkeit, flexible Pensionierungsmodelle anzubieten, die der Gesetzgeber mit Anpassungen im BVG unterstützen soll. Generell rät Swissmem, Frühpensionierungen einzuschränken. Das grösste Fachkräftepotenzial bei den älteren Mitarbeitenden liegt bei den über 64-Jährigen, wo die Erwerbsquote in allen MEM-Berufsfeldern praktisch bei null liegt.


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Meitli sollen's richten: Die Zukunft der MEM-Industrie liegt laut Swissmem auch in den Händen von Mädchen und jungen Frauen. (Bild: Fotolia)


Hans Hess, Präsident von Swissmem, fordert ein Umdenken der Unternehmen: «Es zeigt sich, dass das Bewusstsein für die Herausforderungen des demografischen Wandels in den Firmen vielerorts noch zu wenig ausgeprägt ist.» (Bild: TR)


Fachkräftesituation und mögliche Massnahmen gemäss der Studie «Fachkräftesituation in der MEM-Branche» von B, S, S.

Investitionen in Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lohnen sich

Kreative Ideen und der Wille, diese umzusetzen, eröffnen den Unternehmen der MEM-Industrie die Chance, das inländische Fachkräftepotenzial besser auszuschöpfen. Die Swissmem-Fachkräftestrategie liefert dazu Denkanstösse und konkrete Handlungsanweisungen. Swissmem-Präsident Hans Hess ist überzeugt: «Investitionen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zahlen sich langfristig aus. Denn ohne genügend Fachkräfte werden die Betriebe und damit auch der Werkplatz Schweiz langsam aber stetig ausgehungert.»