Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 11/2014, 07.11.2014

Sehr gemischte Gefühle

Der Präzisionswerkzeugehersteller Mapal überraschte im Vorfeld der letzten AMB mit serienreifen Werkzeugen, hergestellt mittels additiver Fertigung. Grund genug für die «Technische Rundschau», bei anderen Herstellern nachzufragen, wie sie sich beim Thema professionelles 3D-Printing positionieren.

Autor: Wolfgang Pittrich

Die Ankündigung im Vorfeld der Metallbearbeitungsmesse AMB (16. bis 20. September, DE-Stuttgart) war nüchtern, könnte aber gros­sen Sprengstoff enthalten: «3D-Lasersintern: Erste serienreife Anwendungen im Werkzeugbereich» titelte der deutsche Werkzeughersteller Mapal seine Pressemeldung. Gemeint war der Schneidplattenbohrer «QTD», der aufgrund des additiven Fertigungsverfahrens erstmals mit innenliegenden Kühlkanälen im Durchmesserbereich unter 13 mm verfügbar ist.

«Erste» und «serienreif» hiessen denn auch die Schlagwörter, die für die «Technische Rundschau» ausschlaggebend waren, um sich auf der AMB bei anderen Werkzeugherstellern umzuhören, wie sie es mit den additiven Technologien halten. Für Christof Bönsch, Geschäftsführer der Komet Group, haben diese Technologien einen gewissen Aufmerksamkeitswert, mehr aber auch nicht: «Natürlich beobachten wir das Thema 3D-Printing. Aber im Augenblick haben wir uns dafür entschieden, dass es keine Technologie ist, mit der wir uns kurzfristig beschäftigen.»

Vor allem das oft und viel zitierte Leichtbau-Argument von additiven Verfahren lässt Bönsch nicht so ohne Weiteres für die Komet- Produkte gelten: «Beim Thema Leichtbau haben wir noch so viel Potenzial bei Neuentwicklungen oder bestehenden Technologien, dass uns im Augenblick der mögliche Vorteil vom 3D-Printing nicht wirklich weiterhilft.»

«Auch deshalb», wie er zu bedenken gibt, «weil es dort noch einige Hausaufgaben zu erledigen gilt.»

Ähnlich reserviert aufgrund eigener Erfahrungen äussert sich Markus Kannwischer, bei der Paul Horn GmbH für den Bereich Technik verantwortlich ist: «Für uns sind die Themen Festigkeit und Genauigkeit ausschlaggebend, und hier sehen wir noch keine Möglichkeiten, über additive Fertigung ohne Nachbearbeitung ein adäquates Produkt zu bekommen.» Für die nahe Zukunft sieht er ebenfalls wenig Realisierungspotenzial: «Natürlich sind über 3D-Printing andere Freiheitsgrade in der Herstellung möglich. Aber eine wirtschaftliche Darstellung können wir aktuell nicht erkennen.» Überlegenswert wäre für ihn allenfalls, Werkzeughalter kundenspezifisch über additive Verfahren herzustellen, die technisch anders nicht umsetzbar sind.

Intensiver mit dem Thema schichtaufbauende Verfahren beschäftigt sich die Fraisa SA, wie Thomas Nägelin, Bereichsleiter Verkauf und Marketing, bestätigt: «Diese Technologie bietet durchaus Potenzial für unsere Fertigung, beispielsweise im Sonderwerkzeugbereich. Ob das wirtschaftlich ist, wird sich zeigen. Wir wollen deshalb zuerst genau wissen und verstehen, ob und wie die 3D-Printing-Welt Einfluss auf unser kommendes Geschäft nehmen kann.»

Ebenfalls etwas weiter voraus denkt Klaus Christoffel, Manager Marketing und Produktmanagement bei der Sandvik Tooling Deutschland GmbH, wiewohl er beschränkende Elemente sieht: «Sandvik beschäftigt sich seit einiger Zeit mit diesem Thema. Hier gibt es ja eine Vielzahl von Verfahren auszuwerten, die für die Herstellung von Werkzeuggrundkörpern und Wendeplatten eingesetzt werden können. Aufgabenstellungen, die noch angegangen werden müssen, sind konstante, hohe Qualitäten und die Möglichkeit, grössere Stückzahlen zu fertigen.»

Spannend für ihn ist der Blick in die ein bisschen weiter entferntere Zukunft: «Dieses Thema wird mit Sicherheit an Bedeutung gewinnen. Zum einen werde so die Herstellung von Geometrien möglich, die auf konventionellem Wege nicht herzustellen wären. Zum anderen sind ganz andere Geschäftsmodelle denkbar: Nicht das Werkzeug wird geliefert, sondern ein digitales Modell, und der Anwender stellt das Werkzeug selbst her. Sicher nicht morgen und sicher nicht für alle Werkzeuge, aber mittelfristig werden wir hier Veränderungen erleben.»

Seine Schlussfolgerung kommt deshalb nicht von ungefähr: «In diesem Zusammenhang sind additive Fertigungsverfahren sicherlich als Wettbewerb zur Zerspanung zu sehen.» Sehen die anderen Hersteller dieses Bedrohungsszenario ebenso? Auch hier scheiden sich – wie bei der gesamten Umfrage – die Geister. Thomas Nägelin von Fraisa kann sich durchaus eine direkte Wettbewerbssituation vorstellen: «Es könnte ja sein, dass unsere Kunden plötzlich lieber Material aufbauen statt wegfräsen wollen. Wir sind genug Realisten, um zu sehen, dass es Bereiche gibt, beispielsweise in der Einzelteilefertigung oder bei bestimmten Strukturen, wo additive Manufacturing Sinn macht.»

Auch Markus Kannwischer vom Hartmetallspezialisten Horn sieht ein gewisses Potenzial der additiven Verfahren: «Es gibt in der Luft- und Raumfahrt bereits heute zertifizierte Bauteile, die werden additiv gefertigt und anschliessend spanend endbearbeitet. Würde man jetzt daran denken, Strukturbauteile, die einen Zerspanungsanteil von über 90 Prozent aufweisen können, ebenfalls über additive Fertigung herzustellen, dann könnte für die Werkzeughersteller ein gewisser Prozentsatz entfallen. In gewissen Bereichen sehe ich deshalb die Möglichkeit, dass die Zerspanung durch additive Verfahren kombiniert wird, immer mit dem Fokus ‹Cost per Part› oder Erweiterung der technischen Möglichkeiten am Bauteil.»

Relativ entspannt beurteilt Chris­tof Bönsch von der Komet Group den Vormarsch der additiven Verfahren in Bezug auf die eigenen Produkte: «Wenn man die aktuelle Entwicklung zu Ende denkt, könnte eine für die Zerspanung negative Entwicklung denkbar sein. Ein vollständiges Verdrängen wird es sicherlich nicht geben. In Summe führt so ein Wettbewerb ja auch zu wachsenden Märkten, und das ist unter dem Strich auch für die Werkzeughersteller positiv.»

Und was denkt man bei Mapal, die diesen Stein ins Rollen gebracht haben? Auch hier glaubt man an das ergänzende Miteinander: «Möglich sind Hybridmodelle, bei denen die konventionelle wie die additive Fertigung kombiniert werden, um die Wirtschaftlichkeit im Herstellprozess weiter zu verbessern.»

Prodex, Halle 1.0 Stand B02

Paul Horn GmbH: Dihawag 2504 Biel, Tel. 032 344 60 60 info@diahwag.ch, www.phorn.de

Prodex, Halle 1.1 Stand K01

Komet Group: Utilis AG 8555 Mühlheim, Tel. 052 762 62 62 info@utilis.com, www.kometgroup.com

Prodex, Halle 1.0 Stand A23

Mapal Dr. Kress KG 4588 Brittern, Tel. 079 794 79 80 andreas.mollet@ch.mapal.com www.mapal.com

Prodex, Halle 1.1 Stand G36

Sandvik AG Coromant 6005 Luzern, Tel. 041 368 34 34 coromant.luzern@sandvik.com


Fraisa SA
4512 Bellach, Tel. 032 617 42 42
mail.ch@fraisa.com

Aussenreibahle, deren Schneidkörper über additive Fertigung gesintert wurde; im Vergleich zum Massivkörper aus Titan spart man rund 30 Prozent Gewicht ein. (Bild: Mapal)


Christof Bönsch, Komet Group, sieht das Aufkommen der additiven Verfahren relativ entspannt: «In Summe führt so ein Wettbewerb ja auch zu wachsenden Märkten, und das ist unter dem Strich auch für die Werkzeughersteller positiv.» (Bild: Komet)


Markus Kannwischer, Paul Horn GmbH: «Für uns sind die Themen Festigkeit und Genauigkeit ausschlaggebend, und hier sehen wir noch keine Möglichkeiten, über additive Fertigung ohne Nachbearbeitung ein adäquates Produkt zu bekommen.» (Bild: Horn)


Klaus Christoffel, Sandvik Tooling Deutschland: «In Zukunft könnten ganz andere Geschäftsmodelle denkbar sein. Nicht das Werkzeug wird geliefert, sondern ein digitales Modell, und der Anwender stellt das Werkzeug selbst her.» (Bild: Sandvik)


Thomas Nägelin, Fraisa SA: «Wir sind genug Realisten, um zu sehen, dass es Bereiche gibt, beispielsweise in der Einzelteilefertigung oder bei bestimmten Strukturen, wo additive Manufacturing Sinn macht.» (Bild: TR)