Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 09/2014, 11.09.2014

«ToolCare 2.0 ist Industrie 4.0 für die Zerspanungswelt»

Die Fraisa-Gruppe gilt mit einem Umsatz von 90 Mio. CHF als grösster Schweizer Werkzeughersteller. Dieses Gewicht möchte man auch in die Waagschale legen, wenn es um den Stellenwert der Schweizer MEM-Industrie geht. Im Gespräch mit TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich spricht Thomas Nägelin, Bereichsleiter Verkauf & Marketing der Fraisa Holding AG, deshalb viel von Transparenz und Öffnung, aber auch von den Herausforderungen, den industriellen Sektor in der Schweiz positiv zu positionieren. Ausserdem gibt er Auskunft zum innovativen Dienstleistungsangebot «ToolCare 2.0».

Autor: Wolfgang Pittrich

«Es macht keinen Sinn, seine Unternehmenszahlen im stillen Kämmerlein zu hüten.»

Herr Nägelin, der neue Geschäftsbericht von Fraisa besticht nicht nur durch eine Fülle von Zahlenmate­rial über das Unternehmen. Er erhebt auch den Anspruch, den Begriff «industrielle Fertigung» näher an die Menschen zu bringen. Warum?

Da muss ich etwas weiter ausholen. Die Schweizer MEM-Industrie gehört von der Wertschöpfung, von der Exportorientierung, generell von der wirtschaftlichen Bedeutung her gesehen zu den wichtigsten Bereichen der Schweizer Volkswirtschaft. Im Gegensatz zu anderen Sektoren, die von grossen Konzernen dominiert werden, wird diese Bedeutung politisch und gesellschaftlich oft unterschätzt. Wenn man diesen Zustand ändern und eine positive, nachhaltige Wahrnehmung erreichen möchte, dann muss man offen und transparent darüber berichten.

Für ein Schweizer Familienunternehmen ist diese Offenheit eher ungewöhnlich.

Um die Mitarbeiter für die Unternehmensziele zu gewinnen, braucht es transparente Informationen über die wesentlichen Erfolgsdaten. Die meisten Menschen nehmen gar nicht wahr, was ein Industrieunternehmen heute darstellt, welche und wie viele Arbeitsplätze es bietet. Wir sprechen in diesem Zusammenhang nicht mehr von der schmutzigen Arbeitswelt von gestern, sondern reden von der Hightechwelt von heute. Dazu gehört, dass wir unsere Geschichte erzählen, was wir imstande sind zu leisten für die Schweiz, für die Region und für unsere Mitarbeiter.

Ist das in der Vergangenheit zu wenig geschehen?

Der Schweizer ist eher zurückhaltend, wenn es um Informationen in eigener Sache geht. Man möchte sich nicht herausstellen. Aber in der heutigen Welt, wo Informationen überall, schnell und zu jedem Thema verfügbar sind, macht es wenig Sinn, wenn ein Unternehmen seine Geschäftszahlen im stillen Kämmerlein hütet. Das gilt übrigens im Guten genauso wie im Schlechten. Transparenz kann keine Einbahnstrasse sein.

Heisst für Sie Transparenz und Offenheit auch, dass sich neben den Unternehmen auch die Schweiz mehr nach aussen öffnen sollte?

Absolut. Wir leben mitten in Europa. Wir profitieren von diesem Zusammenleben und können uns nicht einfach abschotten und einigeln. Wir müssen teilnehmen und uns einbringen. Denn nur wenn man teilnimmt, kann man – auch als kleines Land – Strömungen beeinflussen. Und wir haben viel Gutes zu erzählen, egal, ob es um unser politisches System geht oder industrielle Errungenschaften.

Allfällig liegt es an der unternehmerischen Ausrichtung, dass Fraisa weiter und differenzierter denkt als andere. Denn auch als Werkzeughersteller hat man Entwicklungen aufgegriffen und vorweggenommen. Ich denke nur an das Thema «Toolmanagement». Fraisa dürfte eines der ersten Unternehmen in der Schweiz gewesen sein, das sich damit beschäftigt hat.

Das stimmt. Als wir 1999 mit unserem «ToolCare»-System begonnen haben, waren wir Vorreiter. Wir haben ausserdem nicht nur darüber gesprochen, sondern es auch erfolgreich umgesetzt: Innerhalb kürzester Zeit hatten wir 300 Installationen am Laufen. Aktuell nutzen etwa 800 Firmen unsere ToolCare-Dienstleistung.

Worauf führen Sie diese hohe Akzeptanz zurück?

Die Anwender können mit ToolCare viel Geld sparen. Da wir unsere Werkzeuge im Rahmen eines Konsignationslagers zur Verfügung stellen, zahlt der Kunde nur für die verbrauchten Werkzeuge. Zudem entfallen Kapitalbindungskosten und die Abschreibung für ein eigenes Werkzeuglager. Und er spart teure Personalkosten für eine manuelle Werkzeugverwaltung. Mit der Version ToolCare 2.0 sind wir jetzt einen Schritt weitergegangen und offerieren ein webbasiertes Werkzeugverwaltungssystem.

Das müssen Sie mir näher erläutern.

Das webbasierte System ermöglicht jederzeit einen über das Internet abrufbaren Blick auf die Lagerbestände. Der automatisierte Nachbestellprozess reduziert ausserdem den Aufwand für die Werkzeugbeschaffung. Wir bieten dazu drei Module an: Beim Grund- und Werkzeugmanagementmodul werden nur Fraisa-Werkzeuge verwaltet, auch nachgeschärfte. Diese Dienstleistungen managen wir komplett. Beim dritten Modul kann der Anwender Fremdwerkzeuge einbinden, die er dann aber in Eigenregie verwalten muss.

Das tönt schlüssig. Wie ist man auf diese Lösung gekommen?

Auch hier waren wir, glaube ich, die Ersten, die sich dem Thema Dienstleistung wissenschaftlich genähert haben. Wir wollten wissen, unter welchen Voraussetzungen und aus welchen Beweggründen Anwender auf eine allgemeine Toolmanagementlösung zurückgreifen würden. Zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz, FHNW, und der KTI (Kommission für Technolgie und Innovation  – Anmerkung der Redaktion) haben wir ein Projekt aufgesetzt, aus dem schliesslich unser ToolCare 2.0 entstanden ist. Übrigens bezog sich eine interessante Fragestellung auf die potenzielle Zahlungsbereitschaft für ein Toolmanagementsystem, und welche Leistungen die Anwender im Gegenzug dafür erwarten würden.

Und?

Nachdem wir die bereits vorher angesprochenen Einsparungseffekte beschrieben hatten, war die Akzeptanz der Kunden, für diese Dienstleistung Geld auszugeben, überraschend hoch. Wir sprechen hier auch nicht von zigtausend Franken pro Jahr, sondern von einem Betrag von rund 120 Franken monatlich. Jeder Anwender kann sich davon selbst ein Bild machen und über den sogenannten ToolCare-Nutzenrechner mittels ein paar Mausklicks sein Kosteneinsparungspotenzial individuell errechnen lassen.

Können Sie dazu Zahlen nennen?

Ich kann es an folgendem Beispiel illustrieren, Herr Pittrich: Bei einem Werkzeugbedarf pro Jahr von etwa 30 000 Franken wird ein Anwender ein stehendes Werkzeuglager im Wert von rund 10 000 Franken bevorraten. Mit der Nutzung von ToolCare 2.0 kann gegenüber einer konventionellen Beschaffung und Lagerung von Werkzeugen eine Einsparung von 7500 Franken erzielt werden. Darin sind die Kosten eines Toolmanagementsystems bereits enthalten.

Wie profitiert eigentlich Fraisa von diesen Bemühungen?

Wir sehen dieses Dienstleistungsangebot als zukunftsgerichtete Investition, um unser eigentliches Geschäft mit den Präzisionswerkzeugen zu stabilisieren und weiter auszubauen. Wir können unsere Kunden jetzt noch umfassender bedienen: Mit unseren Werkzeugen und entsprechenden Beratungsdienstleistung sorgen wir für die Optimierung des Fertigungsprozesses, und mit ToolCare optimieren wir die Abläufe der Werkzeugbeschaffung, Lagerung und Bereitstellung. Der Anwender generiert durch den Einsatz von ToolCare 2.0 einen deutlichen Mehrwert und kann diesen durch die volle Kos­tentransparenz jederzeit nachweisen. Unser Ziel ist daher die umfassende elektronische Werkzeugversorgung, sozusagen Industrie 4.0 für die Zerspanungswelt.

«Erstmals wurde das Thema Toolmanagement wissenschaftlich erforscht.»

Fraisa SA 4512 Bellach, Tel. 032 617 42 42 mail.ch@fraisa.com

AMB, Gallerie 1 Z150



Thomas Nägelin, Bereichsleiter Verkauf & Marketing, Fraisa SA: «Die webbasierte Toolmanagementlösung ToolCare 2.0 wird in dieser Form noch nirgends angeboten. Der grosse Vorteil für den Anwender ist der hohe Nutzwert durch die volle Kostentransparenz.» (Bilder: TR)

Im Profil

Die Fraisa-Gruppe ist Spezialist für die Herstellung und Aufbereitung von Vollhartmetall- und Wendeschneidplatten-Werkzeugen. Hauptsitz der Gruppe ist die Fraisa SA in Bellach, die 1934 gegründet wurde. In der Schweiz ist Fraisa bei Vollhartmetall-Werkzeugen Marktführer mit einem Anteil von etwa 30 Prozent. Fokus der Geschäftstätigkeiten ist Europa, mit eigenen Niederlassungen in Deutschland, Italien, Frankreich und Ungarn. Die deutsche Niederlassung ist spezia­lisiert auf Sonderwerkzeuge und das Nachschärfen und gilt dort als grösster Nachschärfbetrieb mit rund 30 000 aufbereiteten Werkzeugen im Monat. Zudem existiert noch eine Produktionsniederlassung in den USA. Die Gruppe hat im vorigen Jahr 90,5 Mio. CHF umgesetzt und beschäftigt weltweit 464 Mitarbeiter.

Thomas Nägelin

Der gelernte Mechaniker, studierte Maschinenbauer HTL und Wirtschaftsingenieur hat beim Werkzeughersteller Schäublin AG seine Berufskarriere begonnen. 1997 wurde er in die Geschäftsleitung von Fraisa berufen und verantwortet dort den Bereich Verkauf und Marketing. Er leitet auch die deutsche Niederlassung. Der 54-Jährige engagiert sich ausserdem im Vorstand von Swissmem und führt dort seit 20 Jahren die Fachgruppe Präzi­sionswerkzeuge. Zudem sitzt er als erster und einziger Europäer im Vorstand des United States Cutting Tool Institute (uscti).