Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2015, 16.01.2015

Interview mit Swissmechanic-Präsident Roland Goethe: «Wir müssen noch politischer werden»

Der Glarner Unternehmer Roland Goethe ist seit Ende Oktober 2014 neuer Präsident des KMU-Verbandes Swissmechanic Schweiz. Im Gespräch mit TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich gibt er Auskunft über seine Ziele in dieser Legislaturperiode und das nicht ganz einfache Standing der Schweizer KMU im industriellen Umfeld.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Goethe, zuerst einmal Gratulation zum neuen Amt. Es hat ja anlässlich der 75. Delegiertenversammlung von Swissmechanic am 25. Oktober 2014 eine Kampfabstimmung um das Präsidentenamt gegeben. Warum, meinen Sie, fiel die Wahl zu Ihren Gunsten aus?

Das ist schwierig zu sagen. Beide offiziellen Kandidaten waren sich vom Profil her sehr ähnlich. Allfällig hat den Ausschlag gegeben, dass die Sektion Glarus – welche ich präsidiere – in der Vergangenheit nicht immer damit einverstanden war, in welche Richtung die Verbandspolitik gelaufen ist.

Jetzt sitzen Sie ja in der Position, dieser kritischen Stimme Gehör zu verschaffen. Wo wollen Sie anfangen?

Wir hatten vor Kurzem ein Strategiemeeting im Vorstand, und da lautete eine Botschaft ganz klar: Swissmechanic soll sich als KMU-Verband noch besser in der Öffentlichkeit positionieren und präsentieren. Wir sind der grösste KMU-Verband der MEM-Branche in der Schweiz, und wir sind ein Verband, der für seine Mitglieder etwas bewegen möchte.

War das in der Vergangenheit nicht der Fall?

Wir waren immer schon stark, wenn es um die Berufsbildung ging, keine Frage. Aber wir möchten stärker als Arbeitgeberverband in Erscheinung treten, also die politische Komponente zunehmend in den Fokus unserer Arbeit stellen. Dieser Weg wurde bereits unter meinem Vorgänger Felix Stutz und Verbandsdirektor Oliver Müller erfolgreich eingeschlagen. Und diesen Weg werde auch ich weitergehen. Immerhin sind in der Schweiz weit über 90 Prozent der MEM-Unternehmen klein- und mittelständische Betriebe, und die finden aus unserer Sicht noch zu wenig Gehör in der Öffentlichkeit.

Nun ist es ein hehres Ziel, in Bundesbern etwas bewegen zu wollen, wenn man auf dieser Bühne jahrelang absent war. Wie könnten Ihre nächsten Schritte aussehen, um das zu ändern?

Ein Weg dahin ist, schweizweit stärker Flagge zu zeigen. Noch werden wir – auch von unseren Mitgliedern – als Ostschweiz-lastig wahrgenommen, obwohl die grösste Swissmechanic-Sektion Bern-Biel in der Westschweiz angesiedelt ist. Wir werden also in Zukunft unseren Auftritt in der Westschweiz und im Tessin noch mehr forcieren. Eine weitere Stossrichtung ist, zusammen mit dem Gewerbeverband, bei dem wir Mitglied sind, unsere Grösse ins Spiel zu bringen, um ein noch besseres politisches Sprachrohr für die KMU zu sein. Und, wir haben aufgrund unserer regionalen Struktur, im Gegensatz zu anderen Verbänden, einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf kantonaler und Gemeindeebene.

Stichwort: andere Verbände. Bisher war es generell so, dass Verbände mehr gegen- statt miteinander agiert haben. Wie stehen Sie dazu?

Ich sehe es als ein Ziel der nahen Zukunft, mit dem anderen MEM-Verband Swissmem ein Gespräch zu führen, um allfällige Gemeinsamkeiten auszuloten. Die haben wir sicherlich, wenn es um die Berufsbildung geht. Denn sowohl die KMU wie auch die Industrie benötigen dringend hochausgebildete Fachkräfte. Natürlich gibt es auch Positionen, wo wir unterschiedlicher Meinung sind. Aber für einen Gedankenaustausch auf Augenhöhe bin ich auf jeden Fall offen.

Herausforderungen für gemeinsame Aktionen mit anderen Verbänden gäbe es ja genügend. Unter anderem macht der starke Franken den Schweizer KMU zu schaffen. Wie kann ein Verband seinen Mitgliedern in dieser Situation helfen?

Wir dürfen einfach nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass der fixierte Wechselkurs zum Euro eine Untergrenze darstellt – und nicht noch weiter nach unten verschoben werden darf. Das wäre für unsere Unternehmen fatal. Denn es gibt nicht wenige, die bereits jetzt von der Substanz zehren.

Es gab unter dem Vorgänger von Verbandsdirektor Müller den Vorschlag, die Schweizer KMU sollten doch im preisgünstigen europäischen Ausland, beispielsweise Ungarn, eine Art verlängerte Werkbank etablieren, um nicht so wertschöpfende Tätigkeiten dorthin auszulagern. Würde das wirklich Sinn machen?

Ich denke nicht, dass es der richtige Weg sein kann, Tätigkeiten auszulagern. Erstens ist der Aufwand zu gross, so eine Auslagerung auch zu steuern. Und zweitens wären die kleinen KMU mit ein paar Mitarbeitern, die bisher solche Aufträge übernommen haben, die Verlierer dieser Strategie. Aber gerade diese Betriebe machen einen nicht kleinen Anteil unserer Mitglieder aus.

Heisst das im Umkehrschluss, man sollte gar keine Kontakte ins Ausland suchen?

Nein. Denn eines ist klar: Wir sind ein Teil Europas, und unsere Kunden sind europäisch. Ich hatte vor Kurzem ein interessantes Gespräch mit einem holländischen Kollegen im Rahmen eines Meetings der EMU (Europäische Metallunion – Anmerkung der Redaktion) in Brüssel, bei der wir auch Mitglied sind. Mir sind da viele Gemeinsamkeiten aufgefallen. So sind die holländischen KMU ähnlich strukturiert wie die Schweizer. Warum sollte man nicht den Weg von KMU zu KMU suchen? Es muss ja nicht immer die Industrie sein, um auf europäischer Ebene zusammenzuarbeiten. Dies gilt übrigens auch für die Verbandsarbeit. In Holland gibt es rund 14 000 organisierte KMU mit durchschnittlich 9 Mitarbeitern. Das tönt für mich unglaublich spannend.

Kehren wir wieder in die Schweiz zurück. Welche Möglichkeiten sehen Sie, den Schweizer KMU mehr Luft zum Atmen zu verschaffen?

Unser Ziel sollte sein, für den Werkplatz Schweiz wieder die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dazu gehört, die Abgabenlast für die KMU zu senken, oder zumindest beizubehalten, aber auf gar keinen Fall anzuheben. Je mehr Abgaben kommen, desto mehr ist der Werkplatz Schweiz gefährdet.

Zunehmend kommt das Argument, die Schweizer KMU müssen ihre Abläufe optimieren,wenn sie weiterhin im Hochlohnland Schweiz erfolgreich produzieren wollen. Teilen Sie diese Meinung?

Ich kenne diese Diskussion. Aber, Herr Pittrich, wer hat in den letzten Jahren überhaupt noch in nennenswertem Umfang Stellen geschaffen? Das waren die KMU! Unsere regelmässigen Quartalsumfragen unter den Mitgliedern belegen dies sehr eindrucksvoll. Sogar unter schwierigsten wirtschaftlichen Bedingungen wurde immer noch Personal eingestellt.

Fakt ist: Der Kunden- und Preisdruck wird immer grösser ...

Das heisst ja nicht zwangsläufig, dass man dann an der Belegschaft herumschrauben muss, bis es wieder passt. Unsere wahren Sozialpartner sind doch die Mitarbeiter und nicht Dritte, die uns von aussen vorgeben wollen, wie wir zu agieren haben. Es ist für die Schweizer KMU existen­ziell, dass Mitarbeiter und Arbeitgeber auf Augenhöhe selbst bestimmen können, was geschehen soll. Und die meisten KMU haben noch einen Patron, der die Sorge für die Mitarbeiter, aber auch die Region trägt.

Genügt das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten?

Meine Erfahrung ist, wenn ich bei meinen Mitarbeitern, die ich alle persönlich kenne, eine schwierige Situation direkt anspreche, dann geht ein Ruck durch die Belegschaft. Die Motivation steigt, man gibt noch mehr und versucht, aus eigenem Antrieb Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten. Der Betrieb wird effektiver. Und das ist hier bei jedem Betrieb so. Die Schweizer KMU waren immer schon stark, wenn es darum ging, sich anzupassen.

Man kann sagen, Sie haben die Präsidentschaft in einer spannenden Zeit übernommen. Die nächsten Jahre werden auch zu einer Weichenstellung für die KMU in der Schweiz werden.

Das ist so. Als Unternehmer muss man immer flexibler und innovativer agieren. Gefährlich wird es, wenn man über den Preis vergleichbar ist. Man sollte immer anstreben, eine gewisse Differenzierung über das eigene Angebot zu machen. Ich habe in den letzten Wochen einige Betriebe besucht. Und es war für mich höchst spannend zu sehen, dass keiner dabei war, der nicht mit innovativen Ideen auf seine Kunden zugegangen wäre.

Swissmechanic Schweiz
8570 Weinfelden, Tel. 071 626 28 00
info@swissmechanic.ch



Roland Goethe, Präsident Swissmechanic Schweiz: «Wir sind der grösste KMU-Verband der MEM-Branche in der Schweiz, und wir sind ein Verband, der für seine Mitglieder etwas bewegen möchte.»


Roland Goethe im Gespräch mit TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich.

Im Profil

Swissmechanic:
Swissmechanic definiert sich als Arbeitgeber-, Fach- und Berufsverband für klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) der Maschinen-, Elektro- und Metallbranche (MEM). Die Dachorganisation umfasst 14 selbstständige Sektionen und assoziierte Organisationen. Im Verband sind nach eigenen Angaben rund 1400 Mitgliedsfirmen organisiert, mit insgesamt etwa 70 000 Mitarbeitern. Diese Verbandsmitglieder erwirtschaften einen Umsatz in zweistelliger Milliardenhöhe und entrichten an ihre Mitarbeiter weit über 3 Mrd. Franken an Salär.

Roland Goethe:
Der gelernte Werkzeugmacher und Kälte-, Klima- und Lüftungstechniker führt seit 25 Jahren in Glarus den Familienbetrieb Goethe AG, der auf die Bearbeitung von Blechkomponenten spezialisiert ist. Neben seinen Verbandsfunktionen als Präsident der Swissmechanic-Sektion Glarus und Präsident von Swissmechanic Schweiz engagiert sich Goethe als Kantonsrat des Kantons Glarus. Ausserdem ist er Präsident der landrätlichen Kommission Finanzen und Steuern sowie Vorstand des Gewerbeverbandes Glarus. Der 55-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder.