Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2015, 16.01.2015

Studie zu Schweizer Automobilzulieferern: Berechtigte Kritik oder überzogene Polemik?

Als die «Technische Rundschau» eine Studie der Staufen AG zu Rationalisierungsüberlegungen bei Schweizer Automobilzulieferern eben diesen vorlegte, war die Irritation gross. Unter anderem war sogar von einem «Affront» die Rede. Um Aufklärung bemüht, drucken wir die Originalstudie ab – zusammen mit Kommentaren von zwei betroffenen Zulieferern. Ebenso haben wir die Staufen AG um ein erhellendes Statement gebeten.

Autor: Wolfgang Pittrich

Die Studie im Wortlaut

Kostenprogramme: Deutsche Automobilhersteller nehmen Schweizer Zulieferer in die Zange:

Die anstehende Milliardensparrunde bei deutschen Automobilherstellern wie VW, Daimler und Porsche wird erstmals in grösserem Masse auch mit harten Einschnitten für die Schweizer Zulieferer verbunden sein. Denn die Konzerne werden bei ihren Schweizer Lieferanten auf die Kostenbremse treten. Das zeigen Marktanalysen der Unternehmensberatung Staufen Schweiz.

Bisher standen die Schweizer Zulieferer bei den Kostensenkungsprogrammen der Automobilkonzerne kaum im Fokus. Denn die stark KMU-geprägte Branche mit ihren rund 24 000 Mitarbeitern glänzte mit hoch spezialisierten Produkten. Es ging vorrangig um Innovationen, die Preise waren zweitrangig. Doch diese Zeiten sind vorbei.

«Die Automobilhersteller nehmen nun in ihrer Lieferkette auch die kleineren Unternehmen in den Fokus», sagt Alexander von Jarzebowski, Geschäftsführer von Staufen Schweiz. «Innovationen alleine zählen nicht mehr, sondern es wird in der anstehenden Sparrunde vor allem auch um die Kosten gehen. Und hier haben gerade Schweizer Unternehmen im Gegensatz zu ihren deutschen Konkurrenten noch Potenziale, wurden sie bisher von den sogenannten Zuliefererentwicklungsprogrammen doch verschont.»

Produktivitätssteigerungen von 30 Prozent lassen sich bei den Schweizer Automobilzulieferern noch realisieren; die Durchlaufzeiten können um 30 bis 50 Prozent verringert werden, wenn die Prozesse effizienter gestaltet werden, das ergeben Marktanalysen von Staufen Schweiz. Im Mittelpunkt einer solch schlanken Produktion stehen dabei unter anderem die Neustrukturierung des Produktionsprozesses mit möglichst wenig Warte- und Leerzeiten bei hoher Flexibilität, ein optimierter Ressourceneinsatz sowie die Qualifikation der Mitarbeiter.

«Die Zulieferer sollten ihre Prozesse aus eigenem Antrieb heraus schnellstmöglich auf den Prüfstand stellen, bevor der Druck von aus­sen durch die Kunden zunimmt», empfiehlt von Jarzebowski. Nur so lasse sich vermeiden, dass externe «Sparkommissare» ins Haus kommen, um gemeinsam ein Zuliefererentwicklungsprogramm aufzusetzen. Dies führt nicht nur zu viel Unruhe im Betrieb, sondern auch zu einer Teilung der erzielten Effizienzgewinne mit dem Kunden. Meist bleibt dabei nur die Hälfte im eigenen Unternehmen. «Die Schweizer Zulieferer sollen die Früchte der eigenen Effizienz­anstrengungen so weit wie möglich alleine ernten», so der Branchenkenner von Staufen Schweiz.

Kommentar Michael Jehle, Mitinhaber und Geschäftsleitungsmitglied, Jehle AG

Wir, die Jehle AG, sind als Schweizer Automobilzulieferer von OEM und Tier-One-Lieferanten von einer solchen Aussage natürlich direkt betroffen. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass wir Aufträge auch bisher nur erhalten haben, wenn unser Leistungspaket auch mit marktfähigen Preisen einhergeht. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb, bei welchem unsere Kunden wissen, was ein Produkt kosten kann und darf.

Wir machen aber auch die Erfahrung, dass man nicht den tiefsten Preis haben muss, sondern dass wir als Gesamtpaket bewertet werden, bei welchem der Preis natürlich in einem wettbewerbsfähigen Bereich liegen muss. Qualität, Innovation und Termintreue sind ebenfalls wichtige Faktoren, welche zu einer erfolgreichen und somit langfris­tigen Kunden-Lieferanten-Beziehung gehören.

Unternehmen, welche sich auf internationalen Märkten positionieren, stehen in einem ständigen Verbesserungsprozess. Das betrifft Optimierungen in sämtlichen Geschäftsbereichen.

Zu diesem Zweck haben wir vor über drei Jahren ein internes Ratioprojekt gestartet, bei welchem wir in kleinen Teams aktiv Verbesserungspotenziale eruieren und umsetzen. Das können Prozessoptimierungen, ergonomische Ansätze, Plattformen für einen geregelten Informationsaustausch oder Investitionen in eine modernere Anlage oder gar in eine neue Technologie sein.

Ohne eine aktive und kontinuierliche Verbesserung in den verschiedensten Bereichen sind Unternehmen zwar kurzfristig fähig, am Markt teilzuhaben, unser Fokus ist aber langfristiger ausgerichtet und setzt somit ein ständiges Hinterfragen und Verbessern voraus.

Wirtschaftliche Veränderungen bergen nebst den vielen Unbekannten auch immer Chancen, um neue Bedürfnisse zu generieren. Für uns als Unternehmen sind diese Themen aber keine Fremdwörter und Teil des täg­lichen Wirkens.

Lieferantenentwicklung durch unsere Kunden ist ebenfalls längst keine Seltenheit mehr, es hat sich aber gezeigt, dass wir die gesetzten Anforderungen erfüllen und nicht selten übertreffen.

Auch wenn die aktuellen Wirtschaftsmeldungen nicht nur positiv sind, sehen wir aufgrund unserer hohen Investitionsbereitschaft, einer breit abgestützten Palette aus Kompetenzen und Dienstleistungen sowie der Pflege langfristiger Partnerschaften doch optimistisch in die Zukunft.

Kommentar Daniel Brügger, CEO, Etampa AG

Die Erkenntnisse der Studie können wir nicht teilen, und unsere Kunden kommen zu rund 70 Prozent aus der Automotivebranche. Die konkurrenzfähige Automobilzulieferbranche ist seit jeher gewohnt, den Kunden innovative Lösungen zu präsentieren, sich dabei an den gegebenen und auch zukünftigen preislichen Anforderungen auszurichten und gleichzeitig keinerlei Kompromisse einzugehen, was die qualitativen Vorgaben angeht. Das Kostenmanagement ist immer schon Thema gewesen, und Preisverhandlungen werden bei jeder einzelnen Anfrage geführt, das ist nichts Neues.

Die Beschaffungsstrategien der Kunden nehmen seit Langem keine Rücksicht darauf, ob ein Zulieferer seine Leistung in Europa, Asien oder auf dem amerikanischen Kontinent erbringt. Moderne virtuelle Beschaffungsplattformen ermöglichen es Herstellern aus allen Ländern, bei einer Ausschreibung mitzubieten.

Generelle Aussagen hinsichtlich möglicher Produktionssteigerungen und Durchlaufzeitenreduzierungen über einen Standort sind mit gros­ser Vorsicht zu interpretieren. Die kontinuierliche Verbesserung der Leistungen ist nicht standort­abhängig, sondern der Innovationskraft der Unternehmen zuzuordnen. Pauschalisiertes Zahlenmaterial ins Feld zu führen, ist irritierend und polemisch – für die angesprochenen Unternehmen wie für die Kunden  – und genau so zielführend, wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Mit der Preisthematik setzen wir uns seit Anbeginn der Geschäftsbeziehungen zur Autobranche auseinander. Vertraglich vereinbarte Kostenreduktionen sind eine übliche Erscheinung, und der Erfolg eines Unternehmens lässt sich an der Akquisition der Neuprojekte sehr präzise messen. Diejenigen, die ihre Hausaufgaben permanent machen, sind erfolgreich, unabhängig vom Standort der Leistungserbringung. Eine undifferenzierte Pauschalisierung ist ein Affront gegenüber der gesamten Branche – heisst dies doch, dass die Einkäufer ihre Aufgabe nicht wahrnehmen und nicht kostenbewusst arbeiten.

Ich kann nicht für die ganze Zulieferbranche sprechen, bei Sitzbezügen oder Windschutzscheiben gibt es mit Sicherheit genau wie bei uns als Stanzhersteller, die wir zum Beispiel Kleinstteile für ABS-Bremsen oder ESP-Systeme herstellen, sehr eigene Komponenten, die bei der Preisgestaltung berücksichtigt werden müssen.

Unser Fazit: Wir können die Ergebnisse der Studie in keiner Weise nachvollziehen, aus unserer Sicht ist die Schweiz von der Kostendiskussion in keinster Weise verschont geblieben.

Etampa AG
2540 Grenchen, Tel. 032 644 21 21
info@etampa.ch

Staufen AG
8400 Winterthur, Tel. 052 316 37 59
contact.ch@staufen.ag


Jehle AG
5275 Etzgen, Tel. 062 867 30 30
jehleag@jehleag.ch



Laut einer Studie der Staufen AG besteht bei Schweizer Automobilzulieferern noch genügend Potenzial zum Rationalisieren; die Betroffenen sehen das allerdings ganz anders. (Bild: Jehle)


Michael Jehle, Mitinhaber und Geschäftsleitungsmitglied, Jehle AG


Daniel Brügger, CEO, Etampa AG


Alexander von Jarzebowski, Geschäftsführer Staufen AG (Bild: Staufen)

Fünf Fragen an Alexander von Jarzebowski, Staufen AG

Herr Jarzebowski, auf welcher Basis hat die Staufen AG die in der Studie genannten Potenziale von «Produktivitätssteigerung von 30 Prozent» und «Verringerung der Durchlaufzeiten um 30 bis 50 Prozent» erhoben?

Die Marktbeobachtung basiert auf unseren Kenntnissen internationaler Benchmarks in der Automobilindustrie, welche die Staufen AG in den letzten 20 Jahren weltweit gesammelt hat. In unserer täglichen Projektarbeit gleichen wir dieses Praxiswissen mit unseren Schweizer Kunden ab. Die genannten Potenziale haben sich dabei für die Zulieferindustrie in der Schweiz bestätigt.

Wer mit OEM und 1st-Tier-Supplier in Geschäftsbeziehungen steht, muss immer ein gewisses Ratiopotenzial in den Verträgen verankern. Warum sollten Schweizer Zulieferer erst jetzt in den Fokus der OEM geraten?

Der wesentliche Unterschied im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist, dass die Kunden nicht nur am Verhandlungstisch versuchen, sich auf Einkaufsseite Vorteile zu verschaffen, sie verfügen mittlerweile über sehr gut ausgebildete Teams, welche sich die gesamte Wertschöpfungskette im Betrieb anschauen, die Potenziale bewerten und in die Verhandlung mit einfliessen lassen.

Das heisst?

Neben reinen Kostengesichtspunkten nehmen beispielsweise die Zuverlässigkeit und das Risikomanagement der Lieferanten einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Bei den aktuellen Nachfrageschwankungen in der Industrie fällt es insbesondere KMU-Betrieben zunehmend schwer, den sehr volatilen Marktschwankungen und Stückzahlsteigerungen optimal nachzukommen.

Was schliessen Sie daraus?

Wir sehen unsere Aufgabe darin, den Zulieferern neue Wege in ihren Abläufen und der Organisation aufzuzeigen, mit denen sie deutlich effi­zienter und ressourcenschonender am Werkplatz Schweiz arbeiten können – bevor ihnen von ihren Kunden die Teilnahme an einem «Entwicklungsprogramm» nahegelegt wird.

Zudem sind ein Grossteil der Schweizer Zulieferer sogenannte «Hidden Champions». Sie stellen häufig hochinnovative und systemrelevante Teile her. Aufgrund der Artikelpreise sogenannter Nischenprodukte sind viele Betriebe deshalb aus reiner Kostensicht noch nicht im Fokus gestanden, da die Entwicklung eines Lieferanten immer auch für den OEM oder 1st-Tier-Supplier einen nicht unerheblichen Aufwand bedeutet.

Aufgrund der sehr pauschalisierenden Darstellung der Studie wurde unter anderem der Vorwurf der Polemik laut.

Der Marktdruck für die Schweizer Automobilzulieferer ist uns zu ernst, als dass wir dazu polemisch kommentieren würden. Als Consultinghaus bekommen wir bei unseren Kunden einen direkten Zugang zu Daten, die in der Regel nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, auch solche Trends aufzuzeigen, bei denen es sich um unbequeme Entwicklungen handelt. Natürlich können wir nachvollziehen, dass sich einige Leser davon persönlich betroffen fühlen. Wir laden die Kritiker ein, dabei die Chancen nicht zu übersehen und sich die realisierten Ergebnisse bei unseren Kunden zeigen zu lassen.