Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2015, 16.01.2015

Der Blick über den Tellerrand

ERP- und MES-Lösungen dienen der Optimierung von Geschäfts- und Produktionsprozessen. MES-Systeme können schnell reagieren und bieten die Flexibilität, die immer rasanter auftretenden Veränderungen im Fertigungsbereich rasch abzubilden und diese optimal zu unterstützen, während ERP-Systeme das grosse Ganze erfassen sollen. In Zeiten von Big Data und Industrie 4.0 werden auch diese Systeme sich weiterentwickeln müssen.

(msc) Unternehmen setzen heute verstärkt auf die Vorteile beider Systeme, da ERP-Systeme erfahrungsgemäss nicht die planungs- und fertigungsnahen Stärken flexibler MES-Lösungen im Produktionsumfeld aufweisen können. Erstere sind komplex und schwerfällig, sorgen aber auch für eine Optimierung von Geschäftsprozessen und Standardisierung der Organisation. Sie erleichtern und optimieren zudem die Kommunikation zwischen Abteilungen. Ihre Stärken liegen im Controlling und in der Personalwirtschaft, im Marketing und in der Stammdatenverwaltung. Sie haben einen Grobplanungshintergrund, auf dem jedes Manufacturing Execution System (MES) üblicherweise aufbaut. Das Enterprise Resource Planning (ERP) liefert daher auch in der Fertigung das Fundament.

In der täglichen Arbeit eines Fertigungsunternehmens geht es aber nicht um eine Vorschau über Monate, sondern darum, was in den nächsten Stunden passiert. Dabei ist ein MES nicht nur ein Instrument zur Generierung von Kennzahlen. Von ihm ist ein Flexibilitäts- und Detailliertheitsgrad gefragt, den ein ERP-System nicht leisten kann. Es ermöglicht die permanente Neubewertung der aktuellen Fertigungssituation und somit eine permanente Neuplanung für das Fertigungsgeschehen in der nahen Zukunft. Die Vorteile von MES-Lösungen in der Fertigung beginnen also ganz vorne im Bereich der Planung, während ERP-Systeme üblicherweise Kapazitätstöpfe wie die aktuelle Personalkapazität aus einem Betriebskalender entnehmen und nicht bis auf das Einzelaggregat oder den einzelnen Werker heruntergehen. Genau in dieser Feinplanung jedoch greift ein MES-System, das überdies die Kopplung zu PZE-Systemen und zu Schichtmodellen ermöglicht.

Dabei ist ein MES-System nur eines von vielen Systemen, die wie Satelliten um das ERP herum angeordnet sind. In der Praxis entsteht oft aus Bereichen wie BI, Big Data, Controlling oder QS eine ganze Systemlandschaft. Das ERP-System ist und bleibt das notwendige Rückgrat, während ein MES-System klar in Richtung Fertigung abzielt, das Bindeglied zur Maschine darstellt und zeitnah für qualitativ gute Daten aus der Fertigung sorgt.

Diese Daten werden verdichtet und validiert an das ERP-System weitergegeben und ergeben schliesslich die verlässliche Basis zur Berechnung von Kennzahlen und zur Darstellung detaillierter Informationen. Die damit geschaffene Informationszentrale steht somit einerseits für Produktionsmitarbeiter parat und dient zeitgleich als Basis für Managemententscheidungen. Ausser Frage steht dabei, dass beide Systeme sich verstehen und miteinander kommunizieren müssen. Unabhängig davon muss ein MES-System immer notwendigerweise sehr rasch und flexibel geänderte Bedingungen im extrem dynamischen Bereich der Fertigung, wie etwa neue Maschinen und veränderte Personalkapazitäten, abbilden können. Pointiert könnte man auch sagen, dass die eigentliche Wertschöpfung direkt am Shop Floor passiert.

Angesichts von Industrie 4.0 und damit der Zukunft der Produktion wird schnell klar, dass sich beide Systeme ändern müssen – allerdings mit verschiedenen Anforderungen. In der Industrie 4.0 entstehen automatisierungsgetrieben neue Möglichkeiten in der Produktion, die wiederum neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Genau diese neuen Geschäftsmodelle müssen von einem führenden System wie ERP unterstützt werden.

Auch bei MES-Systemen wird Industrie 4.0 zu Veränderungen führen – wenn nicht in Richtung einer Produktion mit Losgrösse 1, dann zumindest in Richtung Unterstützung kleinerer Losgrössen, was besonders für Kleinserienfertiger schnell relevant werden wird. Das alles führt zu einer viel feineren Erfassung von Daten des einzelnen Werkstücks – also wieder direkt am Shop Floor. Auf dieser Basis kann man die Fertigung flexibilisieren und damit die Wertschöpfung weiter optimieren.

In einem zweiten Schritt kann das vorhandene Kapital an Daten auch für neue Geschäftsmodelle genutzt werden. Welche das sein werden und welcher Dynamik sie unterliegen, lässt sich beim Blick in den Consumer-Bereich erahnen. Wenn man von ähnlichen Entwicklungen im Business-to-Business-Bereich ausgeht, dann sind ERP-Systeme gefragt, die passende Unterstützung liefern. Die immense Datenmenge aus dem MES wird im Umfeld von Industrie 4.0 auch in den ERP-Systemen zwangsläufig zu Umbrüchen führen, wenn die damit verbundenen Möglichkeiten abgebildet werden sollen.


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MES- und ERP-Systeme arbeiten, ideal eingesetzt, eng zusammen und können so ihre jeweiligen Funktionalitäten ideal ausspielen. (Bild: iStock)


MES-Systeme reagieren schnell und bieten die nötige Flexibilität, die im Fertigungsbereich nötig ist. (Bild: Losevsky)