Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 07/2015, 09.07.2015

«Pneumatik ist nicht mehr der Wachstumstreiber»

Die Schweizerische Fluidindustrie tut sich schwer, dem weltweiten Konjunkturverlauf der Branche zu folgen, der seit 2009 kontinuierlich nach oben geht. Im Gespräch mit TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich versucht Bruno Huber, Präsident des Industrieverbandes GOP, dafür Erklärungen zu finden. Zudem gibt er Auskunft über das schwere Standing der Pneumatikbranche und die – noch – überschaubare Bedeutung von Industrie 4.0.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Huber, wenn man sich die weltweite Entwicklung der Fluidbranche ansieht, ist seit 2009 ein kontinuierliches Wachstum festzustellen; beispielsweise nahm das Produktionsvolumen des Hydraulikmarktes von 21 auf 26 Milliarden Euro zu. In der Schweiz dagegen haben wir es bestenfalls mit einer Seitwärtsbewegung zu tun. Warum ist das so?

Nach der Finanzkrise 2009 war die Schweizer Fluidbranche auf einem ähnlichen Weg zur Normalität wie die Fluidtechnik in den anderen europäischen Industrieländern. 2011 hat uns dann die erste Währungskrise getroffen mit der Folge, dass das Umsatzvolumen zurückging und sich der Druck auf die Preise erhöhte. Wir mussten im Verband feststellen, dass sich viele Kunden von GOP-Mitgliedsfirmen sehr konkret mit Produktionsverlagerungen oder Beschaffung im europäischen Ausland beschäftigten. Parallel dazu geriet die Branche unter Druck durch die Energieeffizienzdiskussion ...

Die noch befeuert wurde durch das Thema Fluidtechnik kontra elek- trische Antriebstechnik ...

In Summe schlugen sich diese Ereignisse der letzten Jahren auf die Umsatz- und Ertragslage der Branche mit den bekannten negativen Auswirkungen nieder. Der 15. Januar markierte dann nochmals einen deutlichen Ruck in die falsche Richtung ...

Mit der Wechselkursfreigabe durch die SNB. Es wäre also vermessen, für 2015 ein ähnliches Umsatzvolumen zu prognostizieren, wie es die Schweizer Fluidbranche in 2014 erreichen konnte?

Das kann man so nicht sagen; momentan sieht es gar nicht mal so schlecht aus.

Das müssen Sie mir erklären.

Einfach aus dem Grund, weil viele unserer Kunden zum Ende des vorigen Jahres noch volle Auftragsbücher hatten, die bis jetzt abgearbeitet wurden. Meine Prognose geht deshalb dahin, dass es die Industrieunternehmen im zweiten Halbjahr und auch in 2016 schwer haben könnten, ihre Auftragsbücher zu füllen; mit der Folge wiederum, dass Insolvenzen tendenziell zunehmen werden. Es wird voraussichtlich also mehr als nur die Währungsdifferenz sein, was Ende des Jahres beim Marktvolumen fehlen wird. Und für 2016 sehe ich kein Ende in Sicht.

Das tönt nicht rosig. Wird diese Entwicklung mittelfristig anhalten?

Die Fluidbranche hängt stark an den Maschinen- und Anlagenbauern. Wie sich die Konjunktur dort entwickeln wird, ist sehr branchenabhängig zu beurteilen. Zudem trifft es international agierende Unternehmen erfahrungsgemäss weniger hart; die Schweizer KMU, trotz ihres hohen Innovationspotenzials, werden es eher schwer haben. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass ein grosser Teil dieser Betriebe diese schwere Krise überleben und dann gestärkt im Wettbewerb agieren wird. Ich sage aber auch, dass es aus heutiger Sicht nicht überraschend käme, wenn die Arbeitslosenquote in unserer Branche in den nächsten Jahren signifikant steigen würde.

Einziger Lichtblick könnte sein, dass bei den europäischen Abnehmerländern momentan die Konjunktur recht gut läuft ...

Wobei man gerade in diesem Zusammenhang über eine Hochpreisinsel Schweiz sehr intensiv nachdenken müsste. Zusammen mit dem schwachen Euro haben wir ein Kostenniveau erreicht, das vielen europäischen Kunden nur noch schwer vermittelbar ist.

Sie sehen also aktuell keinen Treiber für einen möglichen Aufschwung?

Die Schweiz ist nach wie vor ein Top-Maschinenbauland, und wir besitzen ein hohes Innovationspotenzial und auch eine hohe Innovationskraft. Allerdings neigen wir aufgrund der Erfolge in der Vergangenheit dazu – wenn es einmal nicht so gut läuft – auf sterbenden Schwan zu machen, anstatt zu sagen: «Jetzt erst recht.» Es gilt daher aktuell auch eine mentale Hürde zu meistern: Wir müssen uns jetzt wieder auf unsere Stärken konzentrieren und noch besser werden als die Konkurrenz.

Trotzdem: Wo sehen Sie Entwicklungen, beispielsweise im Bereich Energieeffizienz, von denen die Fluidbranche profitieren könnte?

Das Thema Energieeinsparung ist ohne Frage präsenter denn je und wird in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Aber auch die intelligente Vernetzung verschiedener Systeme, um durch diese Integration die Produktion zu optimieren – Stichwort: Reduzierung von Taktzeiten –, sollte gerade für die Schweiz als Hightech-Land eine wichtige Option sein.

Sie sprechen von einem verstärkten Zusammenwachsen von Elektrik und Pneumatik/Hydraulik?

Genau. Gerade bei der Pneumatik und elektrischen Antriebstechnik merken wir diesen Trend in ausgeprägter Form. In den letzten beiden Jahren gab es dann nochmals einen Schub durch den Preisverfall bei den elektrischen Antriebskomponenten wie Motorcontrollern. Mittlerweile ist für den Anwender die Frage wesentlich leichter zu beantworten, ob die Flexibilität wichtiger ist oder der – nur noch leichte – Preisvorteil. Früher ging die Tendenz bei dieser Frage in Richtung Preis und war daher Beschränkung auf die reine Funktion.

Die reine fluidtechnische Lösung wird also noch mehr auf der Strecke bleiben?

Ich habe das Gefühl, dass dieser Trend zur Technologieintegration schon deshalb weitergehen wird, weil viele Unternehmen – und ich sehe das auch im eigenen Betrieb – in der Pneumatik nicht mehr das zukunftsträchtige Wachstumspotenzial sehen.

Das heisst?

Die Unternehmen suchen verstärkt den Technologie-Mix auch deshalb, um durch diese Ausweitung des eigenen Portfolios den zukünftigen Geschäftserfolg zu sichern. Die bereits angesprochene Preisanpassung bei den Systemen unterstützt diese Entwicklung, da man nun viel einfacher in Richtung integrale Systeme entwickeln und diese Lösungen auch umsetzen kann, weil der Kunde dies preislich akzeptiert.

Können Sie diese Entwicklung auch bereits ganz konkret an den Marktzahlen, beispielsweise für Pneumatik, festmachen?

Meine Recherchen haben bisher keine signifikante Verschiebung des Pneumatikmarktes in Richtung Servomotorenmarkt ergeben. Wobei ein direkter Vergleich in den letzten Jahren nicht einfach war, weil es auf beiden Seiten keine kontinuierliche Entwicklung gegeben hatte. Und man muss auch ganz deutlich sagen: Die Energiediskussion wird ja nicht nur von elektrischer Seite geführt, sondern auch sehr aktiv von der Druckluftseite aufgenommen.

Wie agiert der GOP in dieser Frage?

Es gibt Bestrebungen, und das unterstützen wir auch verbandsseitig sehr intensiv, wo versucht wird, ab der Schnittstelle Drucklufterzeugung Unternehmen für potenzielle Energieeinsparmassnahmen zu sensibilisieren. Man kann jedenfalls keine pauschale Aussage treffen, «Elektrik ist gut, Pneumatik ist schlecht». Sobald wir einen höheren Kräftebedarf in Kombination mit grösseren Hüben ansprechen, hat Pneumatik immer noch die Nase vorne.

Welche Aktionen pro Druckluft können Sie sich noch vorstellen?

Wo man bisher allfällig zu wenig getan hat, ist bei der Druckluftversorgung. So ist das Druckluftsystem in vielen Unternehmen immer noch auf sechs Bar ausgelegt – die man aber in den wenigsten Fällen benötigt. Hier ist, gerade auf Anwenderseite, mit wenig Aufwand noch viel Ertrag zu holen.

Kommen wir nochmals auf die Systemintegration zurück. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das viel strapazierte Kunstwort «Industrie 4.0»?

Dieses Thema wird auf jeden Fall, in welcher Form auch immer, in der Schweiz immer mehr kommen. Die Frage ist, wie stark die Schnittstelle zu Mitgliedsunternehmen des GOP sein kann oder muss. Aus meiner Sicht ist diese Schnittstelle eher auf der Ebene der Software-Integration zu suchen als bei der reinen Pneumatik oder Hydraulik. Dass man fluidtechnische Lösungen in die Industrie 4.0 integrieren kann, ist gar keine Frage.

Aber eigenständige fluidtechnische Lösungen unter dem Label Industrie 4.0 gibt es noch nicht?

Was ich dieses Jahr auf der Hannover Messe gesehen habe, ging in die Richtung, dass man bei fluidtechnischen Komponenten versucht, gewisse Funktionen unter dem Aspekt Industrie 4.0 abzubilden. Die Idee lautet: Man nimmt Einzelfunktionen, die eine eigene Intelligenz haben, und setzt daraus eine Gesamtapplikation zusammen, die ein bestimmtes System oder eine Anwendung möglichst optimal und intelligent bedient. Diese Funktionen können hydraulischer oder pneumatischer Natur sein, aber auch Elektronik oder elek-trische Antriebstechnik umfassen.

Auch hier: Fluidische und elektronische Systeme werden also immer mehr Hand in Hand gehen?

In Ansätzen konnte man das bereits auf der Hannover-Messe als Forschungsprojekt sehen: Eine Funktion, bestehend aus Zylinder und Ventil, wurde hard- und softwaremässig elektronisch aufgerüstet, um diese Funktion autonom agieren zu lassen. Hier steckt auch ein ganz anderer Konstruktionsansatz dahinter ...

Welcher?

Man konzentriert sich nicht mehr wie bisher auf die reinen Funktionsbausteine Zylinder und Ventil, sondern betrachtet die gesamte Applikation, die «Einpressen» heissen kann. Das Ziel lautet dann, wie kann ich verschiedene Bausteine so zusammensetzen, damit diese Applikation optimal und intelligent funktioniert.

Werden diese oder ähnliche Fragestellungen auch im GOP diskutiert?

Durchaus. Aber mehrheitlich von den Unternehmen, die direkten Kontakt mit Software und elektronischen Steuerungssystemen haben. Je mehr wir uns diesem Steuerungs- und Softwareaspekt nähern, desto heisser wird auch diskutiert. Im GOP-Durchschnitt spielt das Thema Industrie 4.0 eine eher untergeordnete Rolle.


GOP Gesellschaft für Fluidtechnik Schweiz
8027 Zürich, Tel. 043 305 09 82
info@gop-verband.ch



Bruno Huber, Präsident GOP-Verband, zum Thema Industrie 4.0: «Aus meiner Sicht ist diese Schnittstelle eher auf der Ebene der Software-Integration zu suchen als bei der reinen Pneumatik oder Hydraulik.»


Marktvolumen Schweizer Fluidmarkt in Mio. Franken. (Quelle: GOP)

Fluidbranche: Konjunkturverlauf 2014

«Die Auswertung der GOP-Marktumfrage 2014 zeigt, dass bei den Mitgliedern, die in den Jahren 2014 und 2013 gemeldet haben, die Pneumatik einen leichten Rückgang von - 0,5 Prozent ausweist, die Hydraulik um 4,6 Prozent wächst und die Armaturen ebenfalls einen Zuwachs von 0,9 Prozent vermelden. Das Marktvolumen Schweiz weist für die Fluidtechnik einen Totalumsatz von CHF 535 Mio. aus, was in etwa dem Niveau von 2009 entspricht. (Siehe untenstehende Tabelle).

Ein Vergleich mit den internationalen Statistiken des europäischen Branchenverbandes Cetop und dem deutschen Verband VDMA zeigt, dass die weltweite Entwicklung deutlich besser verläuft als diejenige der Schweiz – vor allem in der Pneumatik. Die meldenden Länder (Cetop-Mitgliedsländer, China, Indien, Japan, Taiwan und USA) konnten seit 2008 in der Hydraulik und Pneumatik zulegen. Die Freigabe des Euro/CHF-Wechselkurses im Januar 2015 durch die SNB wirkt sich deutlich negativ auf die konjunkturelle Entwicklung unserer Branche aus. Die Aussichten für das Jahr 2015 trüben sich mit dem Jahresverlauf immer mehr ein.

Das weniger starke Wachstum im Europäischen Umland kommt zur spezifischen Schweizerischen Situation erschwerend hinzu.»

Gabriel Richter, Marktforschung GOP

Im Profil

GOP: Die Gesellschaft für Fluidtechnik wurde 1971 als Gesellschaft für angewandte Ölhy- draulik und Pneumatik gegründet. In der Vereinigung sind rund 80 Fabrikations- und Handelsfirmen organisiert aus den Bereichen Hydraulik, Pneumatik und Armaturenindustrie.

Bruno Huber: Seit 2014 steht er als Präsident an der Spitze des GOP. Im Hauptberuf ist er Geschäftsführer der Festo AG.