Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 07/2015, 09.07.2015

Industrie 4.0 «Starker EinflussQ»

Die Fluidtechnik ist elementarer Baustein von Antriebs- und Automatisierungslösungen. Die «Technische Rundschau» wollte wissen, ob und wie das allgegenwärtige Thema «Industrie 4.0» auch die Fluidbranche tangiert. Unter anderem haben wir bei Parker Hannifin – einem der weltweit führenden Hersteller in der Antriebs- und Steuerungstechnologie – nachgefragt.

Autor: Wolfgang Pittrich

(pi) So viel vorweg: Die Meinung zum Thema «Industrie 4.0» ist in der Fluidbranche gespalten. Während sich die Big Player natürlich an vorderster Front präsentieren, wenn es um die Frage der intelligenten Vernetzung von fluidischen Antriebssystemen in zentral gesteuerte Produktionsabläufe geht, steht das Gros der Branche eher ein wenig abseits.

«Es ist klar, dass Industrie 4.0 auf die Fluidbranche einen starken Einfluss ausüben wird. Aber wir sind im Vergleich zur elektrischen Steuerungs- und Antriebstechnik eher nachgelagert zu sehen», fasst Bruno Huber, Präsident des Branchenverbandes GOP, seinen Eindruck zusammen. (Siehe auch nachfolgenden Artikel.)

Was die grossen Unternehmen zum Thema zu bieten haben, war anlässlich der diesjährigen Hannover Messe (13. bis 17. April) im Rahmen der «Motion, Drive & Automation» zu sehen. So hatte Bosch Rexroth intelligente hydraulische und elektromechanische Antriebssysteme mit einem «Open Core Interface» im Angebot.

«Eine ganze Reihe von OEMs arbeitet mit unserer Schnittstelle aktuell daran, beispielsweise Smartphones und Tablet-PCs für eine einfachere Bedienung und Diagnose in ihre Konzepte einzubinden», erklärte Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender der Bosch Rexroth AG, die Idee dahinter. In zwei Pilotprojekten setze seine Firma «als eines der ersten Industrieunternehmen überhaupt» Industrie 4.0-Ansätze in der eigenen Produktion um. Tragl: «Diese Erfahrungen fliessen in die Entwicklung neuer Rexroth-Produkte und -Systemlösungen für die Automatisierungstechnik ein.»

In den aktuellen Motion-Con-trols- und Motion-Logic-Systemen für Hydraulik hat Rexroth zahlreiche früher rein hydromechanisch geregelte Funktionen bereits in die Software verlagert. Die Besonderheiten der Fluidtechnologie werden dabei automatisch ausgeglichen. Die dezentralen Steuerungen führen ihre Aufgaben eigenständig aus und kommunizieren mit übergeordneten Steuerungen und Leitsystemen über offene Kommunikationsschnittstellen.

Die Motion-Controls für Hy-draulik verfügen laut Rexroth über dezentrale Intelligenz und kommunizieren über offene Schnittstellen mit übergeordneten Systemen. Sie sollen sich veränderten Anforderungen, wie zum Beispiel Geschwindigkeit oder Kraftänderung, automatisch anpassen, regeln autonom Bewegungen in Echtzeit und fügen sich modular in Maschinenkonzepte ein.

Rexroth bietet dazu ein breites Spektrum an Motion-Control- und Motion-Logic-Systemen, die speziell auf die Hydraulik abgestimmt sind: vom schaltschrank­losen Ein-Achsregler «IAC-Multi-Ethernet Ventile» und dem Pumpenregelsystem «Sydfed» über die Schaltschranklösung «HMC» (Hydraulic-Motion-Control) mit einer Programmierung nach IEC 61131 bis zur «IndraMotion MLC» für bis zu 32 hydraulische Achsen.

Auch die Best-in-Class-Hy-draulikregler sind auf die Besonderheiten der Fluidtechnik abgestimmt. Sie berücksichtigen beispielsweise automatisch die Ventilcharakteristik und versprechen durch ihre transparente Struktur in der Bediensoftware «IndraWorks» eine Vereinfachung der Parametrierung. Unterstützt wird der Anwender durch einen Parametrierwizard, welcher alle erforderlichen Systemdaten abfragt und dem Anwender Vorschläge für die Regelung unterbreitet.

Sowohl IAC-Multi-Ethernet- Ventile, das Pumpenregelsystem Sydfed, HMC als auch IndraMotion MLC verwenden die gleiche Engineeringplattform IndraWorks. Somit können hydraulische, elek- trische und hybride Achsen mit dem identischen Softwaretool in Betrieb genommen werden. Von der Projektierung über die Inbetriebnahme und Diagnose soll IndraWorks daher den Weg von der Idee bis zur fertigen Lösung beschleunigen.

Auch Parker Hannifin hat in Hannover bereits marktreife Antriebssysteme für die Industrie 4.0 vorgestellt. «Mit unseren Lösungen können komplexe, sich selbst steuernde Produktionsanlagen entwickelt und existierende Anlagen durch den Einsatz intelligenter Komponenten optimiert und Industrie 4.0-tauglich werden», sagt Günter Schrank, Geschäftsführer der deutschen Parker Hannifin GmbH.

Unter anderem hat Parker den Servoregler «PSD» vorgestellt, dessen Ethernet-basierte Schnittstelle Antriebsdaten in Echtzeit überträgt und im Zusammenspiel mit Einkabel-Servomotoren die präzise Überwachung von Prozessen erlaubt. Parkers neue Steuerungsplattform «PAC-Motion» kann zudem als zentraler Knotenpunkt für alle Prozessdaten einer Maschine eingesetzt werden und die Daten auf einem Smartphone oder Tablet-PC anzeigen.

Bosch Rexroth Schweiz AG
8863 Buttikon, Tel. 055 464 61 11
info@boschrexroth.ch

Parker Hannifin Europe Sàrl
1163 Etoy, Tel. 021 821 87 00
parker.switzerland@parker.com



Globale Vernetzung: Die Fluidtechnik möchte beim Internet der Dinge nicht Abseits stehen. (Bild: HMI)


In den aktuellen Motion-Controls- und Motion-Logic-Systemen für Hydraulik hat Rexroth zahlreiche früher rein hydromechanisch geregelte Funktionen bereits in die Software verlagert. (Bild: Bosch Rexroth)


Rolf Freiburghaus, Geschäftsführer Parker Hannifin Schweiz: «Unser Internet of Things Council ist die zentrale Stelle, von der alle Industrie 4.0-fähigen Produkte divisionsübergreifend entwickelt, vernetzt und gesteuert werden.» (Bild: Parker)

Vier Fragen an Rolf Freiburghaus, Parker Hannifin

«Internet of Things Council ins Leben gerufen»

Herr Freiburghaus, wie wichtig schätzen Sie das Thema «Industrie 4.0» für die Fluidtechnik generell ein?

Das Internet of Things wird auch die Fluidtechnik signifikant beeinflussen. Die aktive Wartung von Systemen – die Komponenten melden sich, wenn sie gewartet oder ausgetauscht werden müssen – und die automatische Mess- und Regelungstechnik werden auch unsere Branche revolutionieren.

Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung für Parker Hannifin?

Es ist ein sehr wichtiges Thema, auch für unser Unternehmen. Die Technologie der Vernetzung von Maschinen und Prozessen in der Industrie ist eine logische Konsequenz der geforderten Effizienzsteigerung und Schonung der vorhandenen Ressourcen. Diesen beiden Schwerpunkten messen wir eine grosse Bedeutung zu. Parker Hannifin hat dementsprechend einen «Internet of Things Council» ins Leben gerufen, der aus Repräsentanten von allen 9 Parker Technologiebereichen besteht.

Wie kann man sich die Arbeit dieses Councils vorstellen?

Das Gremium «Internet of Things Council» von Parker Hannifin ist die zentrale Stelle, von der aus alle Industrie 4.0-fähigen Produkte divi- sionsübergreifend entwickelt, vernetzt und gesteuert werden. Die interdisziplinären Teams arbeiten somit gemeinsam an innovativen Gesamtlösungen.

Gibt es bereits Produkte aus Ihrem Hause, die Sie mit dem Begriff Industrie 4.0 in Verbindung bringen?

Ja, solche neuen Automationsanwendungen haben wir auch bei Parker Hannifin wie beispielsweise die multifunktionale Steuerungsplattform «PAC». Dieser «Programmable Automation Controller» stellt die gesammelten Antriebsdaten per Ethernet oder über integriertes Web-Publishing zur Verfügung. Desweiteren bieten wir im Bereich der Dichtungstechnik auch die RFID-Technologie an, um nur ein paar zu nennen. Diese neuen technolo- gischen Möglichkeiten zielen darauf hin, die Industrieprozesse effizienter zu gestalten und die Anlagenproduktivität nachhaltig zu steigern.