Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 11/2016, 11.11.2016

«Softwarelösungen haben rasant Fahrt aufgenommen»

Walter Multiply ist die Dienstleistungssparte der Walter AG. Im Rahmen der Vorab-Präsentation des neuen Walter Technology Centers in Tübingen sprach TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich mit Holger Langhans, Director Walter Multiply, über die zunehmende Bedeutung von Software und virtuellen Zwillingen sowie der Fähigkeit, alles aus einer Hand bieten zu können.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Langhans, soeben bekamen wir eindrucksvoll demonstriert, wie weit die Walter AG beim Thema «Augmented Reality» bereits ist: Die Zerspanungslösung auf dem Tablet mit dem Kunden zu diskutieren, ohne dass ein Span fliegt. Schöne neue Marketingwelt oder wirklicher Anwendernutzen?

Wir möchten ja kein Hersteller von Gadgets werden. Unser Ziel ist, dem Kunden zu zeigen, wie wir uns eine wirtschaftliche Zerspanungslösung für seine Problemstellung vorstellen, ohne dazu gleich ein Sonderwerkzeug herstellen zu müssen oder wertvolle Maschinenzeit für Versuchsreihen zu blockieren. Der Digital Twin ist dafür ein ideales Visualisierungsinstrument.

Also doch Marketing ...

Natürlich kann man es so beurteilen. Mittel- und Langfristig gesehen könnte sich daraus aber eine ganz neue Plattform entwickeln, die einen realen Kundenvorteil bietet. Denn auf dieser Plattform können neben der erwähnten Augmented-Reality-Darstellung viele weitere Softwaretools platziert sein, die wir jetzt schon anbieten; beispielsweise unsere GPS-Datenbank für Schnittdatenempfehlungen oder der Toolguide. Auch ein direkter Link zum Walter-Toolshop ist denkbar. Wir wollen den Kunden dort abholen, wo er gerade steht. Er sollte auch die Möglichkeit haben, Werkzeuge aus solchen Systemen heraus zu bestellen. Wichtig ist uns, dass er durch die Nutzung dieser neuen Plattform einen deutlichen Mehrwert hat.

Das Thema Software und Industrie 4.0 wird für Walter Multiply also immer relevanter?

Es war für uns schon immer ein wichtiges Thema. Wir stehen ja auf drei Standbeinen: Lösungen für die Produktion, Lösungen für die Logistik und Softwarelösungen. Im Bereich Logistik, also beim Toolmanagement und Reconditioning, hat Software bereits sehr früh eine dominierende Rolle gespielt – wurde aber in der Produktion kaum thematisiert. Heute hat sich das total gewandelt. Der Bereich Software Solutions hat rasant an Fahrt aufgenommen. Das wollen wir auch mit unserem Technology Center zeigen. Bearbeitungsprozesse zu gestalten und umzusetzen ist bei Walter ein bekannter Teil unserer Dienstleistungen. Diese Prozesse gilt es nun zu digitalisieren, um Einsparungen in den Schnittstellen der Prozessschritte zu erzielen und kostenrelevante Einflussgrössen bereits zu erkennen, bevor der erste Span fällt.

Wie kann so etwas in der Realität aussehen?

Beispielsweise durch das vorgestellte Thema Remote-Engineering: Wir können uns von hier aus weltweit in die Maschine beim Kunden einloggen und genau sehen, was dort an der Schneide passiert, um anschliessend mit unseren Ingenieuren und Technikern darüber zu diskutieren. Auf der anderen Seite bietet der Einsatz von Software eine wunderbare Unterstützung für unsere Experten, die draussen vor Ort im Einsatz sind ...

Weil sie einfacher und schneller kommunizieren können?

Nicht nur das. Es geht auch um Dokumentation. Wie wollen Sie einen Optimierungsprozess beim Kunden nachweisen, wenn es ein paar Wochen danach heisst: Eure Lösung funktioniert nicht mehr. Und zwar, weil der Maschinenbediener doch wieder auf die alte Spannlösung umgestellt hat, weil er sie persönlich besser findet. Um diese Prozesse lückenlos zu dokumentieren, kann Software sehr hilfreich sein; zum Wohle der Kunden, aber auch zu unserem eigenen Nutzen.

Apropos eigener Nutzen: Wie erfolgreich ist eigentlich die Dienstleistungssparte Walter Multiply?

Der Erfolg lässt sich vielleicht daran bemessen, dass die Anfragen und Aufträge mehr Ressourcen bräuchten, als uns zur Verfügung stehen. Wir haben bisher eine höhere zweistellige Zahl an Projekten im Bereich Production Solutions bearbeitet und eine zweistellige Anzahl an Toolmanagementprojekten. Ausserdem haben wir unsere Wachstumsziele bisher jährlich übertroffen. Wir sind damit sehr zufrieden.

Die Anzahl der Projekte tönt überschaubar, wenn man bedenkt, dass Multiply schon seit mehr als sechs Jahren am Markt agiert.

Sie dürfen nicht vergessen, Herr Pittrich, dass wir im Vergleich zum reinen Werkzeugeverkauf einen deutlich höheren Engineeringaufwand betreiben. Wir haben es mit Projekten zu tun, die sich zwischen mehreren Monaten bis hin zu einem Jahr oder sogar noch länger erstrecken können. Wir reden auch nicht von ein paar Fräsern, die wir in Einsatz bringen, sondern von Werkzeugpaketen, die als Initialausrüstung, teilweise in dreifacher Ausfertigung, geliefert werden. Da kommt schnell eine sechsstellig Investitionssumme zusammen.

Das heisst, Ihre Klientel speist sich meist aus dem Bereich der grossen Unternehmen oder Serienfertiger?

Das dachte ich anfangs auch. Aber inzwischen weiss ich, dass wir Projekte quer über alle Anwenderprofile haben. Das geht vom grossen Automobilisten bis hin zum Lohnfertiger, der sich einem neuen Auftrag gegenübersieht und dabei unsere Expertise möchte.

Wobei gerade die Lohnfertiger ungern externe Hilfe suchen.

Auch diese Unternehmen kommen an gewisse Grenzen, was das Sourcing betrifft oder die CAM-Programmierung, die bei einer Neuinvestition nicht zu unterschätzen ist. Zudem beobachten wir, ebenfalls quer durch alle Anwenderstrukturen, dass das Zerspanungs-Know-how bei den Anwendern in den letzten 15, 20 Jahren generell nachgelassen hat. Wir dagegen bieten alles aus einer Hand.

Bekommt der Anwender dann auch immer das beste Werkzeug für bestimmte Operationen ...

Der Ansatz ist ein anderer: Er bekommt ein optimales Gesamtpaket für sein Zerspanungsproblem. Dieser Prozess ist von A bis Z ausgearbeitet und in sich stimmig. Ausserdem sitzen nicht 15 Lieferanten an seinem Tisch, sondern nur einer.

Wie kann so eine Zusammenarbeit ablaufen?

Nehmen wir das Beispiel des Lohnfertigers, der zu uns gekommen ist, weil er den Druck hatte, ein bestimmtes Bauteil von 45 Minuten Zerspanzeit auf 20 Minuten zu reduzieren.

Das tönt sportlich.

Deshalb untersuchen wir die bisherigen Abläufe auch auf Herz und Nieren: Wie werden die Werkstücke gespannt? Mit welchen Werkzeugen wird zerspant? Mit welchen Maschinen und Schnittparametern geschieht das? Dann erst sind wir zu einer Aussage bereit, die ein bestimmtes Werkzeugpaket, ein definiertes Endergebnis, einen konkreten Invest und einen genauen Zeitrahmen der Umsetzung umfasst. Ergebnis ist: Wenn wir solche Dinge versprechen, dann kann sich der Kunde auch darauf verlassen, dass wir sie leisten.

Es gibt nicht viele Werkzeughersteller, die das in dieser Form garantieren.

Stimmt. Es gibt zwar Lösungsanbieter, aber es gibt wenige Hersteller, die ein konkretes Ergebnis verkaufen. Es ist eine ganz andere Art der Interaktion mit den Kunden. Wir beraten und bieten auf Basis dieser Beratung Werkzeugpakete, die für die Anwender einen deutlichen Mehrwert generieren.

Walter (Schweiz) AG
4501 Solothurn, Tel. 032 617 40 72
service.ch@walter-tools.com

Prodex Halle 1.0 Stand A20



Holger Langhans, Direktor Walter Multiply: «Wir bieten eine ganzheitliche Beratung und auf dieser Basis ein Werkzeugpaket, das für den Anwender einen deutlichen Mehrwert generiert.»