Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 11/2016, 11.11.2016

Blitz, schnell entmagnetisiert

In der Betriebstechnik sind unerwünschter Restmagnetismus und das Entmagnetisieren immer wieder ein Thema. Besonders spektakuläre Aufträge kommen aber von europäischen Flughäfen für die Schweizer Degaussing-Spezialisten von Maurer Magnetic: Sie machen von Blitzschlag betroffene Flugzeuge im Eilverfahren wieder startklar. Denn jede Minute, die ein Jet auf dem Rollfeld herumsteht, kostet eine riesige Stange Geld.

(msc) Der Anruf kommt kurz vor Feierabend. Der Auftrag: Ein gegroundetes Verkehrsflugzeug so schnell wie möglich wieder startklar machen. Das Problem: Magnetismus nach einem Blitzeinschlag. Der Start zu einem weiteren «Blitzeinsatz» für die Notfallspezialisten von Maurer Magnetic aus Grüningen. Nach Angaben der US-Luftfahrtbehörde FAA wird jedes Flugzeug der Flotte mindestens einmal im Jahr von einem Blitz getroffen. Über 95 Prozent der Blitzeinschläge erfolgen beim Durchfliegen von Wolken in einer Höhe zwischen 1500 und 4500 Metern. Ein Flugzeug verkraftet sie ohne weiteres, aber sie können den Betreiber des Fliegers teuer zu stehen kommen. Um mögliche Schäden aufzudecken und zu beseitigen, ist eine Inspektion erforderlich. Und das kann dauern.

Bei Kurzstreckenflugzeugen, die täglich bis zu acht Strecken absolvieren, ist jede Minute eines ungeplanten Bodenaufenthaltes ein erheblicher Kostenfaktor. So auch im vorliegenden Fall. Der Blitz war in den Rahmen des Cockpitfensters eingetreten. Äusserlich zeugte nur eine kleine schwarze Stelle vom Einschlag, doch der Standby-Kompass wies danach eine Abweichung von 110° auf. Der Verdacht: erhöhter Magnetismus in ferromagnetischen Bauteilen in der Umgebung des Kompasses. Zeit für die Experten, anzutreten.

Unmittelbar nachdem der Anruf bei der Maurer Magnetic AG eingegangen ist, macht sich ein Degaussing-Spezialist auf den Weg. Im Gepäck hat er ein mobiles Entmagnetisiergerät des Typs DM 200-PC sowie eine Auswahl an flexiblen Kabelspulen. Diese ermöglichen es, unterschiedlichste, auch grosse Bauteile direkt vor Ort zu entmagnetisieren.

«Unser Einsatzfahrzeug ist zu jeder Tageszeit alle sieben Wochentage startklar, deshalb können wir innert Tagesfrist zu jedem europäischen Flughafen aufbrechen», kommentiert Betriebsleiter Christian Spiess die Flexibilität des mobilen Einsatzkommandos von Maurer Magnetic.

Time is money, also muss alles blitzschnell gehen. Noch während der Anreise übermittelt der Mitarbeiter die Bezeichnungen, Masse und Gewichte der mitgeführten Ausrüstung sowie Kopien seines Passes und der Fahrzeugpapiere an das Sicherheitspersonal des Flughafens. Ein möglichst schneller Zugang zum Hangar ist Voraussetzung für eine rasche Problemlösung. Nach einem reibungslosen Personen- und Equipment-Check folgt sogleich die Fehlerdiagnose am Flugzeug.

Zuvor haben Wartungstechniker der Fluggesellschaft mit den vorhandenen Entmagnetisiereinrichtungen diverse Versuche unternommen, um dem Problem Herr zu werden. Wie sich zeigt, ohne Erfolg. Die Ausprägung des Magnetismus am Cockpit ist ein weit streuendes Magnetfeld. Ein Magnetkompass dient dazu, dessen Lage zu bestimmen. Das Störfeld mit Spitzenwerten von 10 Gauss führt zur Missweisung des Cockpit-Kompasses. Nachdem die Messergebnisse ermittelt sind, wird sogleich direkt mit der Entmagnetisierung begonnen.

Zur Erzeugung des dazu nötigen magnetischen Wechselfeldes dient eine patentierte Spezialspule. Diese wird in der Folge mit Hilfe eines Krans Stück für Stück entlang der magnetisierten Rahmen der Cockpitfenster geführt. Auf einer Gangway stehend koordiniert der Spezialist von Maurer Magnetic die Positionierung der 20 kg schweren Kabelspule. Nur 30 Entmagnetisierpulse sind insgesamt nötig, um alle neun Cockpitfenster gründlich zu entmagnetisieren.

Die Leistung des mobilen Entmagnetisiergerätes von Maurer Magnetic kann stufenlos der aktuellen Situation angepasst werden. Die magnetisierten Edelstahlrahmen werden mit der vom Flugzeughersteller erlaubten Feldstärke für das Entmagnetisieren von Teilen im Umfeld des Standby-Kompasses behandelt. Der Kompass ist zuvor vorschriftsgemäss ausgebaut worden, damit er nicht ebenfalls eine Entmagnetisierung erfährt.

«Die Entmagnetisierung mit dem Maurer Degaussing Pulsentmagnetisierer ist sehr sicher. Die Spule ist vollständig elektrisch isoliert und überträgt keine elektrischen Felder oder Wirbelströme, wie sie bei eisenbestückten Spulen auftreten. Das Gerät steuert die Entmagnetisierung elektronisch. Unser Verfahren hinterlässt keinen Restmagnetismus. Durch das grossvolumige Feld und die hohe Taktrate ist unsere Entmagnetisierung auch effektiver und effizienter als bisherige Vorgehensweisen», erläutert Geschäftsführer Albert Maurer das patentierte Maurer Degaussing Verfahren.

Ungefähr eine Stunde später: Abschliessender Test auf dem Flugvorfeld. Die Cockpitfenster sind restlos von Magnetismus befreit, die Kompassnadel weist keine Missweisung mehr auf und kann problemlos manuell einjustiert werden.

«Es ist wichtig, jede Art von Magnetismus in einer Baugruppe vollständig zu eliminieren. Bleibt Restmagnetismus zurück, kann dies zu einer Re-Magnetisierung des Bauteils führen», erklärt Albert Maurer das Risiko einer unvollständigen Entmagnetisierung. Nach Aussagen des Experten sind verborgene Magnetherde tickende Zeitbomben. Oft genügen Erschütterungen und Vibrationen, wie sie beispielsweise auch bei der Landung erfolgen, um Bauteile zu remagnetisieren.

Doch nicht im vorliegenden Fall. Nahezu zeitgleich mit der Abreise des Entmagnetisierspezialisten beginnen bereits die Vorbereitungen, um das Flugzeug für den weiteren Verkehrsbetrieb wieder startklar zu machen.

Maurer Magnetic AG
8627 Grüningen, Tel. 044 936 60 30
a.maurer@maurermagnetic.ch



Mindestens einmal im Jahr wird jedes Flugzeug von einem Blitz getroffen. (Bild: Shutterstock PhotonCatcher)