Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Konjunkturumfrage 2016: Ausgabe 02/2016, 05.02.2016

Schweizer MEM-Industrie: Reset-Taste gedrückt

Mit der Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank vom 15. Januar 2015 den Wechselkurs von Franken zu Euro freizugeben, hat sie gleichzeitig die konjunkturelle Reset-Taste gedrückt: «Alles auf Null» lautet deshalb auch das Fazit unserer Konjunkturumfrage 2016 unter den wichtigsten schweizerischen Industrieverbänden. Die Lage ist nach wie vor schwierig bis angespannt.

Marcel Menet, Geschäftsführer Giesserei-Verband der Schweiz (GVS)
«Lean Management ist zum zentralen Thema geworden»

Konjunkturverlauf 2015 (fallend)

(pi) Nach einem bereits schwierigen 2014 hatten sich die ausgelieferten Tonnagen im 2015 nochmals reduziert. Als Folge der Globalisierung, der Finanzkrise und der Anfangs Jahr schlagartig verschärften Währungssituation haben sich die Rahmenbedingungen weiter verschlechtert. Viele Unternehmen stehen seit Monaten unter enormen Druck. Auch wenn viele Kunden weiterhin bereit sind, für Schweizer Know-how und Qualität mehr zu zahlen, hatten die Werke in 2015 – nebst den reduzierten Mengen – auch mit rückläufigen Margen zu kämpfen.

Konjunkturausblick 2016 (stagnierend bis fallend)

Eine Entschärfung der schwierigen Situation ist für 2016 nicht in Sicht. In diesen Wochen mussten vereinzelt Werke wieder auf Kurzarbeit umstellen. Sollten sich die äusseren Rahmenbedingungen nicht verbessern, und dazu liegen zurzeit leider keine Anzeichen vor, können wir im besten Fall mit einer Stabilisierung auf tiefem Niveau rechnen.

Herausforderungen

Die Zukunft unserer Giessereien liegt in der Spezialisierung auf Produkte mit hoher Wertschöpfung und einem umfassenden Kundenservice. Dabei spielen Rationalisierungen und Automatisierung eine zentrale Rolle. Dies braucht einerseits entsprechendes Kapital, andererseits gut ausgebildete Fachkräfte. Damit wir dieses Personal im eigenen Land rekrutieren können, ist eine weitere Stärkung unseres erfolgreichen dualen Bildungssystems nötig.

Das wohl grösste Risiko für die Schweizer Giessereiindustrie liegt im Durchhaltevermögen der einzelnen Unternehmen, diese finanzielle Durststrecke wegstecken zu können. Und damit ist das Thema Lean Management zu einem zentralen Thema der Schweizer Giessereiindustrie geworden.

Gabriel Richter, Verantwortlicher Marktforschung/Statistik, GOP-Verband
«Besorgter Blick auf Produktionsverlagerungen»

Konjunkturverlauf 2015 (fallend)

Die wirtschaftliche Entwicklung im Verlauf des Jahres 2015 wurde massgeblich durch die massive Aufwertung/Überbewertung des Schweizer Frankens geprägt. Die positiven Vorzeichen am Ende des Vorjahres haben den Einfluss des Frankenschocks vom Januar 2015 während der ersten sechs Monate etwas mildern können, den Abwärtstrend allerdings nur ansatzweise verlangsamt. Die Auswertungen der Monatsstatistik im zweiten Halbjahr haben punktuelle Ausschläge von nahezu - 25 Prozent beim Umsatz und Auftragseingang ausgewiesen. Gegenüber dem Vorjahr wird voraussichtlich ein zweistelliger Rückgang in allen Technologiesparten zu verzeichnen sein.

Konjunkturausblick 2016 (stagnierend)

2016 wird nicht nur für die Mitglieder unseres Verbandes, sondern auch für die gesamte Schweizer Industrie eine grosse Herausforderung darstellen. Es ist davon auszugehen, dass der durchschnittliche Wechselkurs wohl kaum über CHF 1,10 steigen wird. Einen wesentlichen Einfluss auf die Konjunkturentwicklung in der Schweiz wird die Wirtschaftsentwicklung unserer Zielmärkte ausüben.

Die Wirtschaft der Europäischen Union verzeichnete eine moderate Erholung, und man erwartet eine schrittweise Beschleunigung für 2016. Auch in den USA werden positive Vorzeichen gemeldet, während die Wachstumserwartungen von sieben Prozent in China als eher moderat zu werten sind.

Diese Aussichten sollten auch in der Schweiz für eine gewisse Entspannung sorgen. Nichtsdestotrotz kann lediglich eine verhalten positive konjunkturelle Entwicklung erwartet werden. Die Schweizer Industrieunternehmen haben ihre Kostenstrukturen zwar weiter optimiert, trotzdem bleiben die Herausforderungen für die Mitglieder unseres Verbandes nach wie vor gewaltig.

Herausforderungen

Die technischen Herausforderungen werden durch die verhaltene wirtschaftliche Situation auch nicht geringer. Der Trend hin zur Substitution der pneumatischen und hydraulischen Anwendungen durch elektromechanische Lösungen ist ungebrochen. Dem kann unsere Branche nur mit innovativen, flexiblen Ausführungen entgegenwirken. Energetisch effiziente kundenspezifische Systeme unter Zusammenführung der Vorteile aller mitgestaltenden Bereiche sehen wir als einen beschreitbaren Weg. Hybride Ausführungen mit dem unschlagbaren Argument der höchsten Leistungsdichte, ergänzt mit intelligenten elektronischen Steuerungen, werden unserer Branche mit Sicherheit auch in Zukunft ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten offen halten.

Die wesentlich grössere Herausforderung sehen wir im Erhalt des Werkplatzes Schweiz. Produktionsverlagerungen, das Abwandern der Herstellerbetriebe unserer Kunden aus der Schweiz, lässt uns besorgt in die Zukunft blicken.

Peter Dietrich, Direktor Swissmem
«Die Schweizer Industrie wird nicht untergehen»

Konjunkturverlauf 2015 (fallend)

Das vergangene Jahr war kein gutes Jahr. Insgesamt hat die Schweizer Wirtschaft die Aufhebung des Euro-Mindestkurses zwar gut verdaut. Einzelne Branchen traf der SNB-Entscheid allerdings hart. Darunter ist auch die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie). In den ersten drei Quartalen 2015 brach der Bestellungseingang um 14 Prozent ein. Insbesondere die teils massiven Margenverluste werden die Geschäftsergebnisse stark beeinträchtigen.

Konjunkturausblick 2016 (stagnierend)

Zurzeit ist der Franken gegenüber dem Euro, der wichtigsten Handelswährung der MEM-Branche, nach wie vor deutlich überbewertet. Zudem werden sich die negativen Auswirkungen der Frankenstärke erst im Verlauf dieses Jahres in ihrem vollen Ausmass zeigen. Ob der negative Trend beendet werden kann, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sich die Konjunktur in den Hauptmärkten sowie die Wechselkurse entwickeln werden. Zumindest was die EU und die USA betrifft, bin ich vorsichtig optimistisch. Und immerhin ist der Schweizer Franken gegenüber dem Dollar nicht überbewertet.

Herausforderungen

Technologisch geht es in der Industrie darum, in diesem und den nächsten Jahren die Potenziale der Digitalisierung sinnvoll zu nutzen. Sie verspricht wesentliche Produktivitätssteigerungen, schafft die Grundlage für innovative Produkte und Dienstleistungen und ermöglicht die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle. Um das erforderliche Wissen in die Branche zu tragen und interessierte Akteure zu vernetzen, hat Swissmem 2015 zusammen mit drei weiteren Verbänden die Initiative «Industrie 2025» lanciert (www.industrie2025.ch).

Für viele Firmen geht es primär darum, wieder in die Gewinnzone zu kommen. Das ist die unabdingbare Voraussetzung, um wieder die Mittel für Investitionen und Innovationen generieren zu können. Die Firmen der MEM-Industrie haben letztes Jahr schnell auf die veränderte Situation reagiert. Die eingeleiteten Massnahmen dürften in diesem Jahr zunehmend Wirkung entfalten. Die Frankenstärke wird Spuren hinterlassen. Aber die Schweizer Industrie wird nicht untergehen.

Roland Steinemann, Geschäftsführer swissT.net
«Der Anpassungsprozess ist noch nicht abgeschlossen»

Konjunkturverlauf 2015 (stagnierend bis fallend)

Nach den Anpassungen an den ersten «Frankenschock» waren die Aussichten Anfang 2015 oftmals optimistisch und zuversichtlich. Die Unternehmen hatten sich an den Wechselkurs von 1,20 angepasst, Strukturen und Geschäftsmodelle optimiert und verfügten oft auch über einen guten Auftragsbestand. Mit dem 15. Januar 2015 wurde aber dramatisch aufgezeigt, dass weitere Schritte notwendig sind. Das hat nicht nur unsere Mitglieder, sondern ganz dezidiert deren Kunden getroffen. Diese mussten und müssen reagieren; diese Prozesse sind nicht abgeschlossen, haben aber alle unsere Branchen hart getroffen und werden das Jahr 2015 als äusserst «herausfordernd» auszeichnen.

Konjunkturausblick 2016 (stagnierend)

Der Anpassungsprozess ist bei Weitem nicht abgeschlossen – viele Unternehmen suchen nach weiteren Verbesserungsmöglichkeiten auf der Produkt-, Dienstleistungs- und Prozessebene. Die globalen Bedingungen an sich wären nicht schlecht - auch wenn wir uns alle wohl erst noch an die zahlreichen Gründe für Konjunktureinbrüche und Krisen gewöhnen werden müssen. Auch 2016 werden uns die Auswirkungen des starken Frankens mehr beschäftigen als uns lieb ist und Wachstumschancen zu nutzen mindestens erschweren.

Herausforderungen

Ganz generell müssen wir zu unseren Stärken Sorge tragen, weiter darin zu investieren. Nur indem wir in unseren Nischen die Besten sind, werden wir am Weltmarkt weiterhin erfolgreich sein. Und das gilt, in Hinblick auf die Wertschöpfungskette, natürlich für die Hersteller von Maschinen und Anlagen, aber eben auch für deren Zulieferer und Partner.

Und auch die hohe Agilität sollten wir uns bewahren. Schnell auf Veränderungen reagieren können, Anpassungen planen und umsetzen, darf nicht nur reaktiv erfolgen, sondern sollte zum stetigen, rollenden Prozess werden und auf alle Stufen einer Unternehmung gelebt werden.

Pirmin Zehnder, Präsident Tecnoswiss, Gruppe Metall
«Automatisierung für Losgrösse 1 ist wichtiger Schlüssel»

Konjunkturverlauf 2015 (stagnierend bis fallend)

Mit der massiven Veränderung der «Spielregeln» im Januar 2015 war über Nacht eine neue Lagebeurteilung nötig. Viele Firmen haben umgehend kurzfristige Massnahmen wie Arbeitszeiterhöhung oder Lieferantenverhandlungen umgesetzt. Einige haben auch Mut bewiesen und echte Produktivitätsschritte realisiert. Dies ist aber nur zum Teil gelungen, was sich auch an den stark zurückgegangenen Auftragseingängen der MEM-Industrie widerspiegelt. Dies, obwohl die Weltwirtschaft eigentlich auf Erholungskurs war. Ein Hauptproblem besteht nach wie vor bei der Profitabilität der Unternehmen.

Konjunkturausblick 2016 (stagnierend)

2016 wird wohl ein anspruchsvolles Jahr. Die oben genannten Randbedingungen werden sich kurzfristig nicht verbessern. Zumindest ist zu hoffen, dass die Lage sich auf diesem Niveau weiter stabilisiert. Die schweizerische Fertigungsindustrie ist nach wie vor gefordert, sich auf die richtigen Nischen zu fokussieren und die Produktivität wiederholt zu überprüfen.

Herausforderungen

Die gesamtheitliche Analyse der Prozesskette mit Ausrichtung auf das aktuelle Mengengerüst und den daraus resultierenden Umrüstbedürfnissen bleibt ein Dauerthema. Automatisierung für Losgrösse 1 unter Ausnutzung der Abend-/Nachtschicht ist ein wichtiger Schlüssel zur Produktivität. Hier fliesst mit «Industrie 4.0» zukünftig noch mehr Kommunikation und Regelung ein, immer mit dem Ziel der sich selbst optimierenden Fertigung. Neue Technologien wie additive Fertigung sind dazugekommen.

Investitionen in den Kernkompetenzen sind nötig, um die Produktivität zu steigern und die Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen. Dies ist in einer unsicheren Zeit bestimmt nicht einfach. Optimierte Arbeitszeitmodelle zur Bewältigung der zyklischen Nachfrage sind gefragt. Die Verfügbarkeit von Fachkräften bleibt ein Thema. Alle Partner sind gefordert, den Produktionsstandort Schweiz konkurrenzfähiger zu machen.

www.giesserei-verband.ch

www.gop-verband.ch

www.swissmem.ch

www.swisst.net

www.tecnoswiss.ch




Marcel Menet, Giesserei-Verband Schweiz


Gabriel Richter, GOP-Verband


Peter Dietrich, Swissmem


Roland Steinemann, swissT.net


Pirmin Zehnder, Tecnoswiss, Gruppe Metall