Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 04/2016, 15.04.2016

«Auf der HMI zeigen wir den Weg zu Industrie 4.0»

Stefan Schnider ist Head of Digital Factory & Process Industries and Drives bei der Siemens Schweiz AG. Er empfing den Redaktor der «Technischen Rundschau» im Hauptquartier in Zürich und gab Auskunft darüber, wie der Automatisierungsriese in der Schweiz aufgestellt ist und was sich im Bereich Industrie 4.0 tut.

Autor: Markus Schmid

Herr Schnider, wie lief das Jahr 2015 für Sie?

Aus wirtschaftlicher Sicht verlief das vergangene Geschäftsjahr für DF/PD – den früheren Industry Sector – verhalten. Einen wesentlichen Anteil daran hatte der Entscheid der Schweizer Nationalbank, den Frankenmindestkurs aufzuheben.

Wie hat sich dieser ausgewirkt?

Die Frankenkursfreigabe war ein Schock, der in der exportorientierten Maschinenindustrie grosse Verunsicherung auslöste. Weil jede Krise aber auch Chancen bietet, unterstützen wir als DF/PD unsere Kunden mit unserer Verrechnungssystematik: Von Anfang an – seit dem 16. Januar 2015 – geben wir den Eurovorteil eins zu eins an die Kunden weiter. Am Liefertag werden die Kundenpreise im Produkt- und Systemgeschäft von DF/PD automatisch zum aktuellen offiziellen Devisenkurs in Schweizer Franken verrechnet. Unsere Kunden erhalten also seit dem ersten Tag nach Ankündigung der SNB bei jeder Bestellung in Schweizer Franken einen Preisvorteil, ohne dass sie etwas tun müssen. Auf der anderen Seite mussten wir über Nacht währungsbedingt eine Umsatzreduktion von 15 bis 20 Prozent erfahren. Es sind anspruchsvolle Aufgaben, die wir meistern müssen und der Kampf um die Wettbewerbsfähigkeit wird noch härter.

Was erwarten Sie für 2016?

Experten sind der Meinung, dass sich die Folgen des 15. Januars 2015 erst mit einem Schleppabstand von 12 bis 18 Monaten manifestieren. Nach dieser Theorie würden sie sich erst jetzt richtig zeigen. Momentan hat sich der Kurs jedoch auf einem für die MEM-Industrie erträglicheren Niveau eingependelt. Das Feedback unserer Kunden ist verhalten positiv. Der grösste Abnehmermarkt, Europa, kommt aber etwas schlecht in die Gänge, und auch in Deutschland rumort es. Automobilzulieferer nach Deutschland sehen, dass Investitionen verzögert werden. Ein schlechtes Investitionsklima schlägt sich oft sehr schnell in den Zahlen der Werkzeugmaschinenbranche nieder. Das ist aber auch eine Chance für den Retrofit-Bereich, wenn in solchen Zeiten der bestehende Maschinenpark durch Modernisierung wieder rationeller betrieben werden kann.

Was bedeutet das alles unter dem Strich?

Ich bin der Meinung, dass es trotz der Negativmeldungen durchaus auch Möglichkeiten gibt. Aber es ist uns auch bewusst, dass einem der Schweizer Markt nichts schenkt - es geht um pure Verdrängung und die bindet Ressourcen, Menschen und Investitionen. Damit wir unsere Kunden in dieser herausfordernden Zeit noch intensiver unterstützen können, haben wir in der Kundenbetreuung - antizyklisch - investiert.

Hat Siemens für 2016 etwas Spezielles in der Pipeline?

2016 wird für uns ein Meilenstein werden, was das Thema Industrie 4.0 betrifft. Industrie 4.0 hat eine komplett vernetzte, digitalisierte Produktion zum Ziel. Unsere Antwort auf die Bedürfnisse, die dieses Konzept kreiert, heisst «Digital Enterprise», also die digitale Fabrik. Die Eckpfeiler dafür sind durchgängige Software-Tools und -Systeme, industrietaugliche Kommunikations- und Sicherheitslösungen sowie datenbasierte Services. Auf der Hannover Messe zeigen wir auf 3500 Quadratmetern das komplette Portfolio für die digitale Fabrik und treten dabei den Beweis an, dass produzierende Unternehmen jeder Grösse – also vom KMU bis zu Grosskonzernen – heute schon in zukunftsfähige Automatisierungslösungen zur schrittweisen Realisierung von Industrie 4.0 investieren können. Und da unterscheiden wir uns von der Konkurrenz: Das alles existiert bei uns bereits real - nicht nur auf Präsentationsfolien. Bisher sind wir die einzigen, die das komplette Portfolio für die digitale Fabrik anbieten können und nicht nur darüber reden.

Wir können als Einzige ein umfassendes Industrie-4.0-Portfolio anbieten.

Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Siemens hat seit bald 15 Jahren das Portfolio an Software-Tools kontinuierlich erweitert. Mit der Digital Enterprise Software «Suite» haben wir heute schon durchgängige Software-Tools, mit «Teamcenter» als Kollaborationsplattform. Diese wird künftig in zunehmendem Masse das Produktdesign mit PLM, also dem Product Lifecycle Management, dem Manufacturing Execution System und Manufacturing Operations Management, kurz: MES/MOM und der Totally Integrated Automation, TIA, nahtlos verbinden. So können einmal erstellte Datensätze immer wieder verwendet werden. Wir sind überzeugt, dass nur so echte Effizienzsprünge und damit Produktivitätssteigerung überhaupt noch möglich sind.

Was gibt es zu Industrie 4.0 weiter zu berücksichtigen?

Ja, zum Beispiel die Liefer- und Logistikketten. Wir streben eine vollständige horizontale und vertikale Integration an, damit das Gesamtsystem – hier ist die digitale Fabrik gemeint – zum Fliegen kommt. Dafür fehlt jedoch oft noch das Bewusstsein. Wer mit seinen Maschinen auch künftig global wettbewerbsfähig sein will, muss sich gewisse Überlegungen bezüglich der Schnittstellen, der Sprache und der Daten bereits jetzt machen. Sonst kann es passieren, dass man eine hervorragende Maschine hat, diese aber schlechter vermarkten kann, weil sie sich nicht ohne Zusatzaufwand in vernetzte Anlagen integrieren lässt.

Wie beurteilen Sie das Problem mit verschiedenen Generationen von Geräten und Software bei den Anwendern?

Wichtig ist, dass die Verantwortlichen erkennen: Sie stehen irgendwo im Prozess zur vollständigen Digitalisierung und Vernetzung. Dorthin gelangen sie aber nur mit einer schrittweisen Integration der Bereiche Produktdesign mittels PLM, Operations mit MES/MOM und Engineering mit TIA. Auf diesem Weg muss bei jedem Element, das ersetzt wird, das angestrebte Endresultat, nämlich die Verwirklichung der digitalen Fabrik, berücksichtigt werden. Diese Reise kann sich durchaus über mehrere Jahre erstrecken. Jeder Unternehmer muss für sich selbst seine Prioritäten setzen, daraus seine Roadmap definieren und das als Chefsache erklären. Da müssen wir unsere Kunden individuell informieren und gut beraten.

Welche Priorität hat das Thema Datensicherheit?

Datensicherheit ist bei uns ein sehr wichtiges Thema. Wir werden in 2016 unsere «Digital Services» und «Plant Data Services» auf dem Markt einführen. Der erste Schritt dabei ist, die industrielle Sicherheit mit Security Assessments, Security Implementation und Security Management zu steigern. Im Fokus stehen unter anderem die Schnittstellen. Solange alle Komponenten einer Anlage von einem Hersteller stammen, habe ich noch einen klaren Überblick über die Datensicherheit, weil ich das Domain-Know-how habe. Sobald ich aber Fremdkomponenten einsetze, weiss ich nicht, was da an Software drin ist. Das Zusammenspiel von Komponenten verschiedener Hersteller im völlig vernetzten Umfeld ist zum Teil unberechenbar. Bei gewissen Industrieunternehmen ist auch das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Sicherheitsthematik noch zu wenig ausgeprägt.

Was geschieht aus Ihrer Sicht bei den Schweizer KMU, die gerade daran sind, ihre letzten Automatisierungslücken zu schliessen, vor dem Hintergrund von Industrie 4.0? Versuchen sie diese umzusetzen, oder sagen sie sich: Wir schauen uns erst einmal an, wie sich Industrie 4.0 entwickelt und arbeiten vorerst mit dem alten Material weiter, solange dessen Komponenten noch funktionieren?

Industrie 4.0 ist eine Chance für die Schweizer Firmen. Der Schweizer Markt gilt nicht umsonst als hoch innovativer Markt. Typischerweise sind es immer wieder Schweizer Ingenieure oder OEM, die in der Praxis ausloten, wie weit man ein System ausreizen kann, und die so das System oder eine Komponente an ihre Limite bringen. Das ist so, weil die Schweizer Unternehmen die neusten Trends im Blick haben müssen. Sie müssen die Ersten sein, bevor die grosse Masse darauf aufspringt. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sie aus weniger mehr machen. In Bezug auf Industrie 4.0 bin ich überzeugt, dass die Schweizer Firmen auch hier zu Vorreitern werden können.

Was geschieht mit denen, die dies nicht tun?

Die meisten sehen immer noch im Frankenkurs das grösste Problem – was verständlich ist, denn 70 Prozent der Produkte, die bei uns gekauft werden, werden als Teil einer Maschine oder Anlage wieder exportiert. Das wiederum äussert sich in einer spürbar stärkeren Verlagerungen ins Ausland, typischerweise im Schaltschrankbau, der wegen des hohen Anteils an Handarbeit oft in Niedriglohnländer ausgelagert wird. Zurück zu Ihrer Frage: Auch KMU können sich mit relativ geringem Aufwand auf das Thema Industrie 4.0 einstimmen. An der Messe Sindex in Bern zeigen wir Lösungen dazu.

Wird dieser Bereich nicht gerade roboterisiert? Rittal hat doch auf Messen bereits Verdrahtungsroboter gezeigt...

Soweit mir bekannt ist, gibt es heute erste Pilotversuche mit diesen Schaltschrankbau-Robotern – auch in der Schweiz. Allerdings steckt diese Technik noch in den Kinderschuhen. Die Schweizer Schaltschrankbauer haben aber auch Probleme, weil die Konkurrenz aus Niedriglohnländern direkt in der Schweiz akquiriert.

Was treibt Sie in diesen bewegten Zeiten am meisten um?

Die wichtigste Aufgabe für uns ist, die Schweizer Kunden so zu unterstützen, dass sie wettbewerbsfähig und in der Schweiz bleiben. Das ist mein täglicher Antrieb.

Siemens Schweiz AG, DF/PD 8047 Zürich, 0848 822 844 industry.ch@siemens.com

HMI Halle 9 Stand D35



«Für mich lautet die wichtigste Frage: Wie schaffen wir es, die Schweizer Kunden in der Schweiz zu halten.» (Bilder: TR)


Das voll digitalisierte Siemens-Elektronikwerk in DE-Amberg: Bei der Entwicklung der Produkte wird die Fertigung direkt mitgeplant. (Bild: Siemens)