Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 04/2016, 14.04.2016

«Standort Schweiz ist entscheidender Faktor»

GF Machining Solutions, der grösste schweizerische Werkzeugmaschinenbauer, verab- schiedet sich peu à peu von seiner Markenstrategie mit so renommierten Marken wie Agie, Charmilles oder Mikron. Was auf den ersten Blick irritiert, scheint langfristig sinnvoll: In einer zunehmend digitalisierten Fertigungswelt spielen für die Anwender Lösungen eine grössere Rolle als Marken. Über diesen Paradigmenwechsel, neue Technologien, die Rolle von Industrie 4.0 und die nahe Zukunft sprach TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich mit Thomas Wengi, Geschäftsführer GF Machining Solutions International.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Wengi, trotz Ihrer Jugend sind Sie ein altgedienter Mikron-Mitarbeiter. Schmerzt es Sie nicht, dass so bekannte Marken wie Mikron, Agie oder Charmilles immer mehr verschwinden?

Als Label bestehen diese Marken nach wie vor. Das ist auch wichtig für unsere Kunden. Da werden wir beispielsweise immer Agie sein, und das ist auch gut so. Aber die Welt dreht sich weiter. Wir sind mitten in der vierten industriellen Revolution, und daraus entstehen andere Kundenbedürfnisse. Das haben wir frühzeitig erkannt und darauf reagiert.

Sieht das der Anwender auch so?

Alle die von Ihnen genannten Marken, Herr Pittrich, produzieren Best-in-Class-Werkzeugmaschinen. Aber das interessiert gewisse Kunden immer weniger. Denn allfällig brauchen sie gar nicht mehr die beste Werkzeugmaschine, sondern die beste Lösung für ihr Problem. Da hat in den letzten 10, 15 Jahren durchaus ein Paradigmenwechsel stattgefunden.

Hat man deshalb in den letzten Jahren sehr viel in neue Technologien investiert, wie beispielsweise das Lasertexturieren, um beim Kunden zunehmend als Full-Supplier wahrgenommen zu werden?

Ich möchte diese Einschätzung ein wenig relativieren. Steve Jobs hat einmal gesagt: «Du kannst nicht einfach deine Kunden fragen, was sie wollen und dann versuchen, ihre Wünsche zu befriedigen. Wenn du das Gewünschte hingestellt hast, dann wollen sie bereits etwas anderes.» Beim Einstieg in das Lasertexturieren war uns klar: Wenn wir hier eine umweltfreundlichere und prozesssichere Lösung bieten, dann geht allfällig für uns ein Markt auf. Und so war es dann auch. Wir haben in diesem Segment mittlerweile jährliche Wachstumsraten im zweistelligen Bereich. Es hat uns aber auch gezeigt, dass innovative Technologien einen langen Atem bei der wirtschaftlichen Umsetzung benötigen. Denn erst allmählich kommen auch die grossen Automobilisten und fragen unsere Lösung nach.

Ein Lohnfertiger aus der Schweiz produziert mit unserer Hilfe heute Teile für Ungarn.

Haben Sie deshalb beim jüngst erfolgten Einstieg in die additive Fertigung gleich auf EOS als bereits etablierten Partner zurückgegriffen?

Diese Partnerschaft ist ja nicht wirklich neu, sondern besteht schon seit rund zehn Jahren. Wir sehen in der additiven Fertigung ein grosses Potenzial. Deshalb gibt es diese Kooperation mit EOS, und deshalb gibt es eine eigene Maschine von GF Machining Solutions, mit entsprechenden Schnittstellen zu unseren anderen Technologien. Wir sind überzeugt, dass mittelfristig die additive Fertigung zu einer Standardtechnologie im Werkzeug- und Formenbau werden kann.

Auf der EMO in Mailand wurde mit dem Dreh-Fräszentrum «Mill 800 U ST» der Einstieg in eine für Mikron ebenfalls neue Technologie markiert. Wie passt die ins eben skizzierte Bild des erfolgreichen Lösungsanbieters für den Werkzeug- und Formenbau?

Wir sind ja nicht nur im Werkzeug- und Formenbau tätig, sondern haben mit Aerospace, Medizinaltechnik, Informations- und Kommunikationstechnologie, Elektronik sowie Uhren- und Schmuckbranche noch weitere Marktsegmente definiert, für die wir grosse Potenziale sehen. Und die Mill 800 U ST ergänzt hervorragend unsere Aktivitäten im Aerospace-Bereich, die wir unter anderem sehr erfolgreich mit der Firma Liechti bedienen, die 2013 zu uns gestossen ist. Wichtig ist, dass wir Lösungen bieten können.

Gehört dazu auch das Thema «Industrie 4.0»? Die Digitalisierung der Produktion wird mittlerweile schon als Allheilmittel der Zukunft gesehen.

Auch wenn es allfällig nicht so opportun erscheinen mag: Für mich ist der Begriff «Industrie 4.0» mittlerweile etwas negativ besetzt. Es kommen unter diesem Schlagwort so viele unausgereifte Lösungen auf den Markt, die suggerieren, man brauche sie, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich denke, die Unternehmen benötigen eine gewisse Reifezeit, um zu erkennen, dass es bereits heute Lösungen gibt, die sie wirklich weiterbringen.

Ich nehme an, GF Machining Solutions offeriert solche Lösungen?

Es gibt in der Tat Bereiche, wo wir bereits sehr ins Detail gehen. In der Dentaltechnik beispielsweise bieten wir vollautomatisierte Prozesse, die weitgehend ohne Papier ablaufen. Der Bediener betätigt einen Knopf und irgendwo fällt das versandfertig verpackte Teil vom Band. Und wissen Sie, Herr Pittrich, was komisch ist: Keiner redet dabei von Industrie 4.0. Eigentlich sind wir heute schon viel weiter als aktuell proklamiert wird. Dieser Prozess der Digitalisierung wird unsere Welt nachhaltiger verändern, als wir es uns heute nur annähernd vorstellen können.

Ich bin da ein wenig skeptischer, denn dazu braucht es immer noch Menschen, die diesem Prozess auch folgen können und wollen.

Das stimmt, aber die heutige Generation hat das Verständnis dafür. Ich spreche oft mit jungen Maschinenbedienern, die in unsere Schulungen kommen. Da geht es auch um das Thema, wie kann ich Wissen teilen? Während wir denken, Wissen gehört dem Unternehmen, das muss man hüten und ja nichts davon darf nach aussen dringen, agiert die junge Generation viel offener. Die sagen: Prima, jetzt haben wir eine neue Technologie entwickelt, da machen wir eine App und stellen die kostenlos oder für wenig Geld ins Internet. Jeder, der möchte, kann damit ein Teil produzieren und muss auch keine Angst mehr haben, kopiert zu werden.

Aber hinter jeder Entwicklung steckt der Antrieb, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und die Früchte dieser Arbeit zu ernten.

Der Begriff des Erntens wird sich in Zukunft allfällig verändern. Diese jungen Menschen denken zumindest so, und das sind ja unsere zukünftigen Entscheider. Es gibt also spannende und vielversprechende Ansätze für die Zukunft. Und ein mögliches Szenario bilden wir eben bereits mit der vollautomatisierten Dentalzelle ab. Das Potenzial, das sich dahinter auftut, ist riesig. Aber die Aufgabe für uns als Hersteller und Lieferant ist es genauso. Denn wir müssen in Zukunft sehr komplexe Prozesse so verketten und vereinfachen, dass sie unkompliziert und intuitiv zu bedienen sind.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass Hochlohnländer wie die Schweiz wettbewerbsfähiger werden, da sie auf diese automatisierten Prozesse zurückgreifen können?

Wir haben einen konkreten Fall im Rheintal, wo ein 4-Mann-Lohnfertiger in unsere Automatisierungssoftware investiert hat. Die Kommunikation zwischen ihm und seinem wichtigsten Kunden läuft nahezu papierlos. Wird eine Auftragsanfrage, ausgelöst über SAP, vom Zulieferer bestätigt, erfolgt sofort eine genaue Terminierung, Material wird bestellt, Maschinen werden belegt - alles vollautomatisch. Dieser Lohnfertiger produziert heute in der Schweiz Bauteile für Ungarn. Und zwar, weil er der günstigste Anbieter ist.

Da ist man schon viel weiter, als ich dachte. Mit solchen Beispielen könnte man der aktuellen Diskussion über die Deindustrialisierung der Schweiz durchaus Paroli bieten.

Ja und nein. Wir werden erleben, dass der Werkplatz Schweiz eine Deindustrialisierung erfährt. Das hat damit zu tun, dass wir zu wenig Techniker und Ingenieure haben, die an richtungsweisenden Entscheidungen teilhaben. Wenn ich daran denke, was an den Universitäten gelehrt wird, dann kann ich als Unternehmen eigentlich gar nicht in der Schweiz investieren, das scheint unwirtschaftlich. Wenn ich mir aber die In-frastruktur ansehe oder die Ausbildung der Menschen, dann muss ich eigentlich in der Schweiz investieren. Das ist momentan ein wenig das Dilemma: Wir müssen einerseits unsere Stärken betonen und die Vorteile des Werkplatzes Schweiz anpreisen; auf der anderen Seite müssen wir auch aufzeigen, wo es kränkelt. Beide Elemente sind in der aktuellen Diskussion wichtig.

Mittelfristig kann die additive Fertigung zu einer Standardtechnologie im Werkzeug- und Formenbau werden.

Wie wichtig ist der Standort Schweiz für GF Machining Solutions?

Sehr wichtig. Das ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für das Unternehmen. Das zeigen auch die Geschäftszahlen, die kürzlich veröffentlicht wurden. Darauf können wir wirklich stolz sein. Allfällig auch deshalb hat sich unser Board nicht von der aktuellen Diskussion verunsichern lassen, sondern im Gegenteil 100 Millionen Franken bereitgestellt, um in den Standort zu investieren, um noch effizienter fertigen zu können.

Das ist ein Wort!

Ende 2018 wird hier in Biel unser neues Werk stehen. Dieses Votum ist auch als ein Dankeschön an die Mitarbeiter zu verstehen, die mit ihrem Engagement sicherlich zu einer positiven Entscheidungsfindung beigetragen haben. Wir werden mehr Maschinen bauen können, und wir werden die Produktivität steigern. Wir müssen daher erfolgreicher am Markt agieren, um dieses Werk auslasten zu können. Ich gehe davon aus, dass wir das auch sein werden.

GF Machining Solutions International SA
2560 Nidau, Tel. 032 366 19 19
info.gfms.ch@georgfischer.com, www.gfms.com/ch

Siams Halle 1.1 Stand A-8



Thomas Wengi, Geschäftsführer GF Machining Solutions International: «Wir sind mitten in der vierten industriellen Revolution und daraus entstehen andere Bedürfnisse. Denn allfällig brauchen die Kunden gar nicht mehr die beste Werkzeugmaschine, sondern die beste Lösung für ihr Problem.» (Bilder: TR)


Thomas Wengi demonstriert TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich mit welcher Genauigkeit Mikron-Maschinen produzieren.

Im Profil

GF Machining Solutions: Das Unternehmen gehört zum Georg-Fischer-Konzern und vereint bekannte Marken wie Agie, Charmilles, Mikron, System 3R und Step-Tec unter einem Dach. Mit diesem Portfolio gehört man zu den weltweit führenden Anbietern von Maschinen, Automationslösungen und Dienstleistungen für den Werkzeug- und Formenbau sowie die Präzisionsfertigung. GF Machining Solution beschäftigt weltweit an rund 50 Standorten knapp 2900 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz von etwa CHF 870 Mio.

Thomas Wengi : Der gelernte Werkzeugmacher hat sich nach einer technischen und kaufmännischen Weiterbildung in den Vertrieb orientiert und kam 2003 zu Mikron. Nach verschiedenen Stationen, unter anderem im Vertrieb Ostschweiz, Leiter weltweite Verkaufsunterstützung Fräsen bei Mikron und Leiter Maschinengeschäft bei der GF Machining Solutions International, wurde der 35-Jährige 2015 zu deren Geschäftsführer berufen.