Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 06/2016, 10.06.2016

Blick in die Industrie-Zukunft

Die Hannover Messe 2016 schloss nach fünf Tagen laut dem Veranstalter mit einem deutlichen Plus bei den Besuchern. Massiven Schub erhielt die Messe durch das diesjährige Partnerland USA, wo das Leitthema der Messe «Integrated Industry – Discover Solutions» ebenso boomt wie in Deutschland. Es durchdrang alle Hallen und veranschaulichte den Besuchern in einem bisher nie da gewesenen Mass die zugehörige Technik. Die «Technische Rundschau» stellt hier einige ausgesuchte Lösungen und Produkte vor.

(msc) Vom Messe-Eröffnungsrundgang, den die Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit US-Präsiden Barack Obama absolvierte, bleibt eine griffige Metapher in Erinnerung: Mit einer Virtual-Reality-Brille auf der Nase griff die Bundeskanzlerin nach einer Hand im digitalen Raum, worauf ihr Gast ihr postwendend seine – reale – Hand reichte. Es sollte ein Sinnbild für die Zusammenarbeit beider Nationen auf dem Weg zur Industrie 4.0 werden.

Dem Veranstalter konnte diese bedeutungsschwangere Symbolik natürlich nur recht sein. Jochen Köckler, Mitglied des Vorstands der Deutschen Messe AG, sagte zum Ausklang: «Die Hannover Messe 2016 hat gezeigt, dass sich die USA und Deutschland bei der Digitalisierung von Produktion und Energie auf Augenhöhe begegnen. Um Produkte, Maschinen, Industrieunternehmen und Menschen über Länder und Kontinente hinweg miteinander zu vernetzen, müssen Technologien und Standards gefunden werden, die universell gelten. Die USA und Deutschland – aber auch die anderen führenden Industrienationen – haben den dafür notwendigen Dialog auf der Hannover Messe 2016 begonnen.»

Die Veranstaltung wurde ihrem eigenen Anspruch, Weltleitmesse in dieser Thematik zu sein, gerecht: In Hannover wurde Industrie 4.0 erlebbar. Noch nie wurden so viele konkrete Anwendungsbeispiele für die Digitalisierung der Produktion auf einer Messe präsentiert, von der Einzellösung an einer bestehenden Maschine bis hin zur Vernetzung der gesamten Produktion inklusive Datensammlung und Auswertung in der Cloud. «Dies ist der Durchbruch für Industrie 4.0», sagte Köckler. «Jetzt beginnt die Kommerzialisierung. Die Technologien sind einsatzbereit und werden nun in die Fabriken einziehen.»

Mit über 190 000 Besuchern verzeichnete der Veranstalter deren 15 000 mehr als im Vergleichsjahr 2014. Mehr als 50 000 dieser Besucher kamen aus dem Ausland. Das sind rund 25 Prozent mehr als im Jahr 2014. Neue Rekordwerte wurden aus den USA und China erreicht. «Ob neue Technologien für Fabriken oder für Energiesysteme – die rund 5000 amerikanischen Besucher haben in Hannover gefunden, was sie gesucht haben, und konnten neue Geschäftskontakte knüpfen», hielt Köckler fest. China konnte mit 6000 Besuchern die Position als grösste Besuchernation nach Deutschland weiter festigen. Aus Europa wurden insgesamt 30 000 Besucher gezählt.

Köckler: «Die Hannover Messe baut ihre einzigartige Position als der globale Hotspot für Industrie 4.0 aus. Hier werden die neusten Technologien und Innovationen erstmals einem breiten Publikum vorgestellt. Industrie-Initiativen aus Deutschland, den USA, China, Japan und der EU haben sich in Hannover getroffen, um gemeinsam den Weg in die digitale Zukunft zu beschreiten.» Dies zeigte sich etwa beim «Forum Industrie 4.0 meets the Industrial Internet», wo sich über 8000 Teilnehmer über Technologien, Standards und Geschäftsmodelle für die vernetzte Industrie informierten.

Das zweite zentrale Thema der diesjährigen Messe war «Integrated Energy» – das Energiesystem der Zukunft. Von der Erzeugung, Übertragung, Verteilung und Speicherung bis hin zu alternativen Mobilitätslösungen wurde die gesamte energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette gezeigt. Dabei stand die «Integrated Energy Plaza» mit einem weltweit einmaligen interaktiven Modell eines kompletten regenerativen Energiekreislaufs im Mittelpunkt. Laut Köckler ist die Hannover Messe die weltweit einzige Messe, die das gesamte Energiesystem abbildet. Diesen Ausstellungsschwerpunkt will man in Zukunft konsequent ausbauen. Die Hannover Messe 2017 wird vom 24. bis zum 28. April ausgerichtet, als Partnerland ist Polen ausersehen.

Beckhoff präsentierte als Partner auf dem Microsoft-Stand eine ganze Reihe neuer IoT-Produkte für die Anbindung der Automatisierungs- und Feldebene an die Azure-Cloud von Microsoft. Diese Software- und Hardware-Produkte sollen die einfache Ankopplung aller automatisierungstechnischen Signale, Feldbussysteme und Devices über standardisierte Kommunikationsprotokolle wie OPC UA und AMQP an diese Cloud ermöglichen. Der IoT-Buskoppler EK9160 stellt ohne spezielles Steuerungsprogramm die Anbindung der EtherCAT-I/Os her und bietet so die standardisierte Integration von I/O-Daten in Cloud-basierte Kommunikations- und Datendienste.

Diese schnelle Anbindung an die «Wolke» demonstrierte Beckhoff auf der Messe mit einer modularen Produktionslinie, bei der ein lineares Transportsystem (Beckhoff XTS) und ein Pick-and-place-Roboter miteinander gekoppelt waren. Prozessvariablen wie Energie- oder Condition-Monitoring-Daten wurden dabei in der Cloud gespeichert und analysiert.

Ebenfalls auf dem Microsoft-Stand zeigte Beckhoff den weltweit ersten Industrial Automation Controller «CX51xx» mit Windows 10 IoT Core Pro. Er erfasste die Energiedaten eines Verbrauchers und lieferte die Prozessdaten in die Cloud – über eine standardisierte Kommunikation. Zudem präsentierte der Anbieter als erstes Unternehmen weltweit die direkte OPC-UA-AMQP-Anbindung direkt aus dem Gerät an die OPC-UA-AMQP-Azure-Cloud-Dienste.

Endress+Hauser lancierte einen neuen Software-Assistenten zur einfachen Inbetriebnahme von Füllstandmessgeräten wie den Levelflex FMP5x und Micropilot FMR5x. Alle relevanten Schritte sind darin in einer geführten Abfolge enthalten. Dabei stellt der Software-Assistent Anwendern klare Fragen, anstatt Parameter-Listen abzufragen. Diese sind im Hintergrund voreingestellt und sinnvoll in Kapiteln gruppiert. So erfolgt die Navigation durch die Inbetriebnahme sequenziell. Die dargestellten Inhalte passen sich interaktiv an die Erfordernisse des Anwenders an. Anwendungsbezogene Zeichnungen und Hinweisboxen erleichtern das Verständnis.

Die jeweiligen Auswahlmöglichkeiten passen sich automatisch an den angeschlossenen Sondentyp – zum Beispiel für Schüttgüter oder Flüssigkeiten – und dessen spezifische Features an. Das Inbetriebnahme-Tool deckt 90 Prozent der Anwendungen von Levelflex- und Micropilot-Geräten ab. Es ist verfügbar für FDT/DTM und kommuniziert via HART, Profibus PA und Foundation Fieldbus in der Anlage.

Güdel reagiert mit der «Trackmotion Overhead TMO» auf die neuste Entwicklung bei Knickarmrobotern. Deren neuste Generation lässt sich in beliebiger Orientierung montieren und ermöglicht so die flexible Konfiguration einer Fertigung. Die universelle Linearachse ist in vier Baugrössen und drei Montagepositionen erhältlich und bewegt dank universeller Adapterplatten laut dem Schweizer Hersteller nahezu alle auf dem Markt erhältlichen Industrieroboter und andere Bearbeitungsmaschinen bis zu 5000 kg, unabhängig davon, ob sie hängend, in seitlicher Position oder erhöht montiert sind.

Am Messestand von Pilz konnten sich die Besucher an Live-Demonstratoren ein Bild von der Mensch-Roboter-Kollaboration machen und ohne Schutzzaun mit einem Roboter interagieren. Dabei konnten sie sich an einer Modell-Applikation darüber informieren, wie individualisierte Produkte schnell, flexibel und kosteneffizient im Sinne von Industrie 4.0 gefertigt werden können. Die Applikation veranschaulichte die Kommunikation verteilter Automatisierungssysteme im Zusammenspiel mit Aktorik und Sensorik. Dabei koordiniert das Industrie-4.0-fähige Automatisierungssystem PSS 4000 den Ablauf aller vernetzten Komponenten.

SEW-Eurodrive veröffentlichte auf die Messe hin das White Paper Industrie 4.0: Der Antriebsspezialist ist laut eigenen Angabe eines der wenigen Unternehmen in Deutschland, das mit seiner Fabrik in Graben-Neudorf bei Karlsruhe eine unter realen Bedingungen produzierende Fabrik gemäss Konzept Industrie 4.0 betreibt. Die Erfahrungen aus den mittlerweile rund zwei Jahren Betrieb haben SEW-Eurodrive veranlasst, sich grundlegend mit den Themenkomplexen, aus welchen Industrie 4.0 besteht, auseinanderzusetzen. Die Erkenntnisse wurden jetzt in einem White Paper zusammengefasst. Die Publikation kann über die Internetseite www.sew-eurodrive.de/smart-factory bestellt oder heruntergeladen werden.

Beckhoff: Beckhoff Automation AG www.beckhoff.ch
Endress+Hauser www.endress.com
Güdel AG www.gudel.com
Pilz AG www.pilz.com
SEW-Eurodrive: Alfred Imhof AG www.imhof-sew.ch



Die schöne neue Welt in der Datenbrille: sie steht jetzt vor dem Durchbruch. (Bild: Deutsche Messe)


Mit neuen IoT-Hardware- und Softwareprodukten bietet Beckhoff die Anbindung der Automatisierungs- und Feldebene an die Azure-Cloud. (Bild: Beckhoff)


Der kollaborative, sichere Roboter auf dem Messestand von Pilz. (Bild: Pilz)


Güdel bringt mit der Trackmotion Overhead TMO eine neue Generation von Roboterverfahrachsen für die Überkopfmontage. (Bild: Güdel)