Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 07/2016, 08.07.2016

«Wir wollen Schweizer Krangeschichte schreiben»

Anfang des Jahres 2016 gab die Kranbaufirma Marti Dytan AG bekannt, dass sie die Brun-Mech AG, Nebikon/LU, übernimmt. Im TR-Exklusivinterview schildert der Geschäftsführer und Mitbesitzer der neuen Brun Marti Dytan AG, Gian Anton Zardini, wie es dazu kam und er verrät, worauf es heute im Kranbaugeschäft ankommt.

Autor: Markus Schmid

Herr Zardini, wir treffen uns hier in Nebikon in den Räumen der alten Brun-Mech AG. Was hat es damit für eine Bewandtnis?

Dies hier ist der neue Firmensitz der zusammengeführten Firma Brun Marti Dytan AG. Von hier aus bauen wir die Zukunft der Firma auf.

Sie leiteten bereits vor der Zusammenführung der beiden Kran-Ikonen die Geschäfte der Marti Dytan. Was führte Sie in diese Firma?

Nach meinem Elektroingenieurstudium und der Gründung einer eigenen Anlagenbaufirma wechselte ich zum Aufzugbauer Otis und war dort elf Jahre in der Geschäftsleitung tätig. Im Jahr 2013 trat eine dreiköpfige Gruppe an mich heran, die im Kranbereich investieren wollte. Ich entschied mich für den Ausstieg bei Otis und kaufte zusammen mit diesen Partnern die Marti Dytan AG. Extrem wichtig war mir bei diesem Wechsel, dass diese Geschäftspartner, die reine Investoren ohne operative Beteiligung sind, eine langfristige Perspektive haben.

Weshalb ist diese Gruppe gerade bei der Marti Dytan AG eingestiegen?

Die Traditionsfirma Marti Dytan, deren Name sich von «Dynamische Transport Anlagen» herleitet und deren Ursprünge bis ins Jahr 1954 zurückreichen, war für uns eine interessante Firma, weil sie – abgesehen davon, dass sie profitabel war und ist – zwei wichtige Eigenschaften aufweist. Punkt eins: Sie kann dank eigener Werkstatt und ihrem Spezialkran-Know-how auch im Markt der Anlagen- und Kranbauer mitspielen. Marti Dytan hat die Geschichte des Krangeschäftes in der Schweiz mitgeschrieben, genau wie die Brun-Mech AG. Beide Namen sind starke Brands. In Nebikon werden Krane seit 1872 gebaut. Bis zu 200 Leute arbeiteten in den besten Zeiten hier in Nebikon. Auch in Horw waren bis zu 200 Mitarbeiter beschäftigt. Es waren Riesenfirmen mit einer bewegten Geschichte. Punkt zwei: Die Firma führt seit Jahren die Exklusiv-Vertretung für Abus-Krane in der Schweiz. Damit kann sie, was Normkrane anbelangt, im Schweizer Markt in einer Führungsposition antreten.

Wie geht es damit jetzt weiter?

Wir möchten ein weiteres Kapitel der Krangeschichte in der Schweiz schreiben. Das haben wir durch die Übernahme bereits ein Stück weit erreicht, indem wir die beiden Brands zusammenführen und zur Brun Marti Dytan AG vereinigen. Unser Motto lautet nach wie vor: pragmatisch, bodenständig, lösungsorientiert. Kontinuität ist uns wichtig.

Das Motto lautet: pragmatisch, boden­ständig, lösungsorientiert.

Welche Überlegungen lagen der Übernahme zugrunde?

Schon vor dem Kauf der Marti Dytan war unsere Investorengruppe nach einer Marktanalyse überzeugt, dass im Krangeschäft in der Schweiz eine Konsolidierung erfolgen werde und dass sich dieser Markt, in dem eine Anzahl kleiner Betriebe durch wenige Grosse dominiert wurde und wird, früher oder später verändern wird. Ausserdem wussten wir, dass Marti Dytan innert zweieinhalb Jahren ab Anfang 2014 vom bisherigen Standort Horw wegziehen muss, weil das Grundstück in die Bauzone eingezont wurde. Das rief geradezu nach der Übernahme eines anderen Kranbauers mit eigener Infrastruktur, damit wir mit Marti Dytan dorthin umziehen können. Ab Mitte 2014 waren wir im Gespräch mit verschiedenen Firmen, mit dem Ziel einer Akquisition. Die Gespräche mit Brun-Mech verliefen gut und wir unterschrieben Mitte Dezember 2015 den Kaufvertrag.

Haben sich Ihre Erwartungen bezüglich der Zusammenführung der beiden Firmen erfüllt?

Sicher. Damit haben wir auf einen Schlag unser Standortproblem gelöst und gleichzeitig motiviertes, relativ junges Fachpersonal von Brun-Mech übernehmen können. Das ist sehr wichtig, denn Leute mit Erfahrung im Krangeschäft sind rar. Wir haben für die Bereiche Engineering, Projektleitung, Service und Verkauf Spezialistenteams aus Mitarbeitern der beiden alten Firmen gebildet.

Sie haben sicher auch neue Kunden gewonnen ...

Ja, denn da die Brun-Mech eine sehr lange Geschichte hat, ist ihre installierte Basis an Spezialkranen grösser als die von Marti Dytan. Wir haben Kunden mit Grossanlagen dazugewonnen. Sehr wichtig ist, dass mit den Kunden der Brun-Mech unser Servicekundenstamm um 50 Prozent zugelegt hat. Das ist für den Servicebetrieb entscheidend, weil wir damit über die kritische Grösse gelangen, ab der wir die Kunden effizient bedienen können. Brun Marti Dytan verfügt jetzt über das zweitgrösste Kranservicenetz in der Schweiz und kann so landesweit flächendeckend die Kunden bedienen. Somit können wir heute an Ausschreibungen von Grosskunden teilnehmen, die eine schweizweite Abdeckung fordern.

Wird die gesamte Schweiz von Nebikon aus bedient?

Nein, das bisherige Verkaufs- und Servicebüro von Brun-Mech für die Romandie in Yverdon wird beibehalten und mit einem dritten Mitarbeiter verstärkt. Weil die kritische Masse fehlt, werden die Kunden im Kanton Tessin aktuell noch aus Nebikon bedient.

Sehen Sie auch auf Seiten der Krantechnik Gewinne durch die Übernahme?

Gewiss, denn Brun-Mech hat im Gegensatz zu Marti Dytan einen eigenen, sehr robusten Seilzug als Standardprodukt entwickelt. Er ist normalisiert, alle Pläne existieren und er wird seit Jahren in diversen Grössen nach Bedarf gebaut. Solche Technologiekomponenten zu besitzen ist für uns sehr wichtig. Zur Technologie hinzu haben wir ein Segment des Spezialkrangeschäftes akquiriert, in dem die Brun-Mech wesentlich stärker tätig war als die Marti Dytan, die schon immer stark war bei Kranen in Kehrichtverbrennungsanlagen. Durch Brun-Mech kam der Holzschnitzelbereich und der Stahltransport mit Magnetkranen hinzu.

Welches sind in der Krantechnik die grössten Herausforderungen?

Richtig zu konstruieren mit der Zeitachse im Kopf, denn ein Kran wird gebaut und gekauft für einen Funktionszeitraum von 20 bis 30 Jahren. Nach jeweils 10 bis 15 Jahren muss er gemäss Norm generalüberholt werden. Danach arbeitet er wieder 10 bis 15 Jahre lang.

Welche Trends sehen Sie?

Industrie 4.0 ist für uns nur bei den Spezialkranen ein Thema, die in ein Leitsystem eingebaut und vernetzt sind. Bei Standardkranen ist es noch kein Thema, wird früher oder später aber eines werden. Es gibt zwar bereits Fernwartungsangebote, aber wenn ich einen Standardkran so warten muss, dann ist der Kran nicht gut konstruiert. Ein Kran muss in den richtigen Intervallen kontrolliert, abgeschmiert und die Bremsen müssen eingestellt werden, fertig. Das passiert vor Ort. Die relativ einfache Elektronik darf lediglich wenig Pflege benötigen.

Ist Leichtbau ein Thema bei Kranen?

Bei Arbeitsplatzkranen wird es neu zum Thema. Es gibt bereits Kranarme aus Karbon, aber ich sehe dies im Kranbau als momentane Mode, genauso wie Kunden, die ein Kranmodell in 3D-Druck wünschen. Wir erhielten schon Ausschreibungen, die das Einreichen eines 3D-Modells des Krans verlangten. Das kostet uns pro Modell viel Geld und bringt keinen Nutzen.

Die Herausforderung lautet: richtig konstruieren mit der Zeitachse im Kopf.

Was ist zur Sicherheitstechnik zu sagen?

Die wird durch europaweit gültige Normen definiert. Probleme entstehen nur dann, wenn in Offerten Äpfel mit Birnen verglichen werden, weil sich ein Anbieter nicht genau an die Normen hält und der Kunde dies nicht erkennt. Zum Thema Hallenkrane gibt es eine bestimmte diffuse Oberflächlichkeit im Markt.

Erklären Sie uns bitte die grundsätzlichen Unterschiede im Markt zwischen Spezialkranen und Standardkranen.

Wenn ein Kran automatisch ist, dann ist es im Normalfall ein Prozesskran, also ein Spezialkran und mit genügend intelligenter Sensorik ausgerüstet um die Umgebung aufzunehmen und bestimmte definierte Aufgaben auszuführen. Die Zykluszeiten solcher Spezialkrane sind viel höher als diejenigen von Standardkranen und sie werden üblicherweise viele Stunden pro Tag betrieben. Ein grosser Unterschied, der sich daraus ergibt, ist die FEM-Belastungsklasse. Für Spezialkrane gelten in der Regel ein bis drei Klassen höhere Belastungsklassen als für Standardkrane. Deshalb müssen die Komponenten höhere Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit aufweisen, was sie stark verteuert.

Wie setzt sich die Kundschaft von Brun Marti Dytan zusammen? Können Sie uns Kennzahlen verraten?

Der Gesamtumsatz von Marti Dytan belief sich 2015 auf rund 22 Millionen Franken, derjenige von Brun-Mech auf weniger als die Hälfte davon. Der Exportanteil betrug weniger als 5 Prozent. Die Bereiche Normkrane, Spezialkrane und Service machten je etwa ein Drittel unseres Umsatzes aus. Zwei Drittel des Gesamtumsatzes machen wir mit der MEM-Industrie. Sie ist also sehr wichtig für uns und ihre Entwicklung tangiert uns sehr. Das restliche Drittel erwirtschaften wir mit anderen Industrien und der öffentlichen Hand. Wir haben dabei alle Betriebsgrössen als Kunden, vom Konzern bis zum Patron einer Werkstatt, der persönlich bei uns bestellen kommt. Die Herausforderung dabei ist: Wir müssen bodenständig und nahe am KMU-Kunden sein, aber wir müssen auch die Einkaufsorganisation eines Grosskunden verstehen und bedienen können.

Welche Ziele verfolgen Sie 2016?

Wir möchten mit unseren insgesamt 80 Mitarbeitenden den kumulierten Umsatz 2015 von Marti Dytan und Brun-Mech halten. In Zukunft wären wir froh, wenn wir mindestens im selben Mass wachsen würden wie das BIP. Das wird zu einer Herausfoderung werden, denn bei generell fallenden Preisen werden wir schon für einen gleichbleibenden Umsatz 2016 mehr Krane verkaufen müssen als im 2015.

Welche Rezepte sehen Sie für eine erfolgreiche Zukunft der Brun Marti Dytan AG?

Eine grosse Aufgabe ist es, zu entscheiden, was im Hause gemacht und was ausserhalb vergeben wird. Wenn wir outsourcen, dann nur in die Schweiz und mit möglichst kurzen Transportwegen. Entgegen den Stimmen, die von Deindustrialisierung sprechen, glauben wir nicht, dass die Industrie generell der Schweiz den Rücken kehrt, aber bestimmte Industriebereiche werden ins Ausland verlagert. Ich bin sicher, dass in Zukunft in der Schweiz die neu installierte kumulierte Kranhebemasse pro Jahr abnehmen wird, weil die Schwerindustrie in der Schweiz schrumpft. Gleichzeitig nimmt die Anzahl an installierten Kranen zu, weil eine Verschiebung hin zu leichten Arbeitsplatzkranen erfolgt um Arbeitsplätze produktiver und attraktiver zu gestalten. Die zweite Herausforderung ist die geringe Gewinnspanne, die bei einem solchen Arbeitsplatzkran, der vielleicht um die 20 000 Franken kostet, noch bleibt. Wir müssen einen solchen Kunden genauso optimal und intensiv betreuen wie einen, der eine Anlage kauft, die eine halbe Million kostet. Das Geheimnis heute lautet: Das grosse Ganze im Auge zu behalten und diese Sicht immer wieder mit der KMU-Perspektive kombinieren zu können. Diese differenzierte Blickweise ist genau die Herausforderung für Unternehmer in der Schweiz nach Aufhebung des Euro-Wechselkurses. Man darf nicht dogmatisch denken und muss bereit sein, die wesentlichen Punkte immer wieder neu abzuwägen.


Brun Marti Dytan AG
6244 Nebikon, Tel. 041 209 61 11
info@brunmartidytan.ch, Kran-Notruf 0800 BMD112



Gian Anton Zardini betont: «Kontinuität ist uns wichtig.» (Bild: Brun Marti Dytan AG)


Gian Anton Zardini erklärt dem TR-Redaktor den von Brun-Mech entwickelten Standardseilzug.