Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 07/2016, 08.07.2016

«Schweizer Industrie helfen, konkurrenzfähig zu bleiben»

Im April 2014 wurde die renommierte Maagtechnic AG durch die niederländische Eriks Gruppe übernommen. Im Gespräch mit TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich erklärt Geschäftsführer Rein Groot, der gleichzeitig im Direktorium von Eriks sitzt, die neue Ausrichtung von Maagtechnic, weg vom Generalisten hin zum Multiproduktspezialisten. Zudem erläutert er, warum die Schweiz so wichtig ist für Eriks, welche Chancen sich nach dem 15. Januar für Maagtechnic bieten, und wie man den Umsatz innerhalb von fünf Jahren verdoppeln möchte.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Groot, wie fühlt man sich als Niederländer in der bergigen Schweiz?

(lacht) Prächtig. Als Segelflieger, Mountainbiker und Schlittschuhläufer bietet die Schweiz für mich ideale Voraussetzungen.

Gilt das auch für die Maagtechnic AG, die Sie seit einem Jahr leiten?

Absolut. Die Maagtechnic AG war schon immer ein Wunschkandidat der Eriks Gruppe, um in der Schweiz Fuss zu fassen.

Warum ist die Schweiz so wichtig?

Es ist ein hochinnovativer Markt mit qualitativ hochwertigen High-End-Produkten. Wenn man in Europa zu den führenden technischen Dienstleistern zählen möchte, muss man in der Schweiz präsent sein. Auch deshalb war Maagtechnic für Eriks ein Wunschpartner, da der Name einen sehr guten Ruf hat.

Was Eriks in den letzten beiden Jahren nicht davon abgehalten hat, die strategische Ausrichtung zu ändern.

Wir möchten die Maagtechnic wieder dort positionieren, wo sie unserer Meinung nach hingehört. Ich denke, in den letzten Jahren war das Unternehmen eher als Generalist unterwegs, mit einem breiten Angebot an Handelsware. Die langjährige Erfahrung und das technische Spezialwissen, die Anwendungs- und Fachexpertise zur Entwicklung von kundenspezifischen Lösungen – all das trat eher in den Hintergrund. Hier verfolgt Eriks eine andere Philosophie ...

Und die wäre?

Eriks strebt an, in jedem Land, in dem man präsent ist, sowohl vom Maschinenbau, also den OEM-Kunden, als auch von Kunden mit Instandhaltungsbedarf, den MRO-Kunden, als Multiproduktspezialist wahrgenommen zu werden. Das heisst, man verkauft nicht nur Standardware aus dem Katalog, sondern entwickelt ganz gezielt im Auftrag der Kunden individuelle Produkte, die dann in kleinen Serien gefertigt werden. Für diese kundenindividuellen Spezialitäten steht der Name Eriks weltweit. Und genau dafür war «Gummi Maag» früher auch bekannt.

Wobei der 15. Januar 2015 Ihren Planungen nicht förderlich war, nehme ich an?

Natürlich hat uns die damalige Entwicklung auch getroffen. Aber, Herr Pittrich, ich war überrascht, mit welch grossem Überlebenswillen die Schweizer Unternehmen auf diesen Schock reagiert haben. Obwohl klar war, dass Produktionen ins Ausland abwandern und schwere Zeiten bevorstehen werden, kam von unseren Kunden sofort die Reaktion: «Wir werden das schaffen, weil wir mit noch besseren und innovativeren Produkten darauf reagieren werden.» Und genau hier liegt auch die grosse Chance für Maagtechnic und Eriks.

Inwiefern?

Wir liefern eine breite Palette an preiswerten Standardprodukten. Aber unser Mehrwert, den wir den Schweizer Kunden bieten, sind die dokumentierten Einsparpotenziale, die wir aufgrund unseres Anwendungs- und Engineeringwissens entlang der gesamten Prozesskette anbieten können. Unsere massgeschneiderten Produkte verhelfen den Unternehmen dazu, effizienter und nachhaltiger zu produzieren, und unsere Dienstleistungskompetenz ermöglicht eine schnellere Time-to-Market. Wir sehen daher die grosse Chance, mit unseren Produkten und Angeboten dafür zu sorgen, dass die Schweizer Industrie die innovativste, qualitativ beste und produktivste Industrie in Europa bleibt.

Das sind starke Worte. Wie sieht die konkrete Umsetzung aus?

Nehmen Sie die Schweizer Pharma-, Food- und Chemieindustrie oder den Präzisionsmaschinenbau. Die brauchen für ihre kritischen Anwendungen keinen Standard-O-Ring oder -Hydraulikschlauch, sondern ein auf ihre Bedürfnisse massgeschneidertes State-of-the-Art-Produkt. Unsere Spezialisten kreieren und produzieren diese Komponente in kleinen Losgrössen in wenigen Wochen. In Summe kann der Kunde dadurch und in Kombination mit unserer schnell verfügbaren Standardware jährlich viel Geld sparen ...

Von welchen Beträgen sprechen wir?

Es gibt dokumentierte Fälle, wo Unternehmen 15 Prozent und mehr der Gesamtbetriebskosten einsparen können – und das nicht nur einmalig, sondern jährlich. Hier kann Maagtechnic übrigens viel von anderen Eriks-Länderorganisationen profitieren, beispielsweise den Kollegen aus UK. Wir machen dort rund 150 Millionen Euro Umsatz mit grossen Kunden aus dem Food-, Pharma- und Chemiebereich, wo Eriks bereits das komplette Procurement, also die Beschaffung der MRO-Teile, übernimmt. Unserer Ansicht nach werden solche Unternehmen auch weiterhin in der Schweiz investieren.

Sie adressieren mit dieser Ausrichtung hauptsächlich Grosskunden. Sind die vielen kleineren KMU, die gerade in der Schweiz für Innovation stehen, für Eriks weniger interessant?

Maagtechnic beliefert in der Schweiz rund 15 000 Kunden. Das heisst: Schon aufgrund unserer neuen Ausrichtung als Multiproduktspezialist müssen wir uns auf eine bestimmte Klientel fokussieren. Und da sehen wir eben bei unseren grössten Kunden mittel- und langfristig das entscheidende Potenzial für eine signifikante Umsatzsteigerung. Aber wir sind sicherlich nicht so arrogant zu sagen, wir lassen die vielen KMU, die zu unseren Kunden zählen, links liegen.

Wie wollen Sie diese Firmen bedienen?

Gerade die kleinen und mittleren Betriebe verfolgen oft eine andere Zielrichtung, wenn es um die Versorgung mit Industriekomponenten geht. Da spielen Preis und schnelle Verfügbarkeit eine grössere Rolle als die technische Dienstleistung. Hier bietet sich unser E-Shop als ideales Vertriebsmittel an. Gleichzeitig beobachten wir, dass der angestammte Markt für Maagtechnic in Zukunft eher schrumpfen wird ...

Sie befürchten eine Deindustrialisierung der Schweiz?

Nein. Ich bin sicher, dass die Schweiz ein wichtiger Industriestandort bleiben wird, aber: eingeschränkt auf hochspezialisierte Produkte. Der Markt wird also tendenziell zurückgehen. Wenn man dann die Anforderungen, die in anderen Ländern von Grosskunden an Eriks gestellt werden, auf Schweizer Verhältnisse überträgt, haben wir gute Chancen, in einem schrumpfenden Markt zu wachsen. Unser Ziel für Maagtechnic ist eine Umsatzverdoppelung innerhalb der nächsten fünf Jahre.

Das ist ein stolzes Ziel und eigentlich kaum durch rein organisches Wachstum zu erreichen.

Vielleicht muss man dann über weitere Zukäufe nachdenken. Unser Wachstumsziel ist zwar ambitioniert, aber durchaus an der Realität ausgerichtet. Das zeigen übrigens auch Gespräche mit unseren Schweizer Kunden.

Wo sehen Sie noch Lücken für Akquisitionen?

Die Maagtechnic ist ja mittlerweile in sechs Business Units gegliedert: Elastomer- und Dichtungstechnik, Kunststofftechnik, Fluidtechnik, Antriebstechnik, Schmiermittel sowie Betriebsmittel und Arbeitssicherheit. In den Sparten Elastomere, Kunststoffe, Fluidtechnik und Arbeitssicherheit gehören wir sicherlich zu den Top 3 in der Schweiz. Aber wir sind noch zu wenig bekannt als Lieferant von Flachdichtungen, Absperr- oder Antriebstechnik. Und da wollen wir uns – mithilfe von Eriks oder Zukäufen – deutlich weiter nach vorne bewegen.

Ein aktuell heiss diskutiertes Thema lautet «Industrie 4.0». Hat das für Maagtechnic irgendeine Relevanz?

Das ist ein grosser und sehr weitläufiger Begriff. Wir bei Eriks definieren ihn dahingehend, dass wir weit über die reine geschäftliche Transaktion – hier Auftrag, dort Ware – mit dem Kunden verbunden sind. Es geht primär um das Teilen von Wissen und Kompetenz und das Heben von Ressourcen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das leben wir bei Eriks eigentlich bereits seit zehn, fünfzehn Jahren. Und genau deshalb wird Eriks von seinen Kunden geschätzt, weil wir diese geballte Kompetenz im Bereich Fluid-Handling, Fluid-Sealing und Antriebstechnik bieten.

Braucht man dann den Namen Maagtechnic über kurz oder lang in der Schweiz überhaupt noch?

Eine Namensänderung hat momentan sicherlich keine Priorität. Aber wer weiss, was in fünf oder zehn Jahren sein wird?

Maagtechnic AG
8600 Dübendorf, Tel. 044 824 91 91
info-ch@maagtechnic.com



«Unsere massgeschneiderten Produkte verhelfen den Unternehmen dazu, nachhaltiger und effizienter zu produzieren.»
Rein Groot, Geschäftsführer Maagtechnic


Rein Groot im Gespräch mit TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich.

Im Profil

Eriks nv: Die Eriks Gruppe mit Hauptsitz im niederländischen Alkmaar ist ein weltweit tätiges technisches Handelsunternehmen mit Schwerpunkt Dichtungs- und Gummitechnik, Antriebs- und Lagertechnik, Fluidtechnik, Industriekunststoffe, Betriebsmittel und Sicherheitstechnik sowie technische und logistische Dienstleistungen. Das Unternehmen bedient weltweit rund 200 000 Kunden und bietet ein Sortiment von über 680 000 Lagerartikeln. Eriks besitzt Niederlassungen in 28 Ländern, beschäftigt 8000 Mitarbeitende und erlöst einen Umsatz von etwa 2 Mrd. Euro.

Rein Groot: Der gebürtige Niederländer (52) hat Maschinenbau studiert und ein MBA-Aufbaustudium absolviert. Er ist seit 1999 bei der Eriks Gruppe beschäftigt. 2005 wurde er zum Geschäftsführer von Eriks bv berufen. Seit 2013 sitzt er im Direktorium der Eriks Gruppe und verantwortet dort das Ressort Dichtungs- und Polymertechnologie. 2015 übernahm er zusätzlich die Geschäftsführung der Maagtechnic AG. Der passionierte Segelflieger ist verheiratet und hat zwei Kinder.