Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 07/2016, 07.07.2016

Schneller laufen und besser dribbeln als die anderen

Aktuelle Zahlen der führenden Branchenverbände zeigen: Die Situation der metallbearbeitenden Schweizer KMU hat sich seit der Wechselkursfreigabe vom 15. Januar 2015 dramatisch verschlechtert. Es gibt allerdings Unternehmen, die dieser Entwicklung erfolgreich die Stirn bieten. Eines davon ist die Hans Eberle AG. TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich sprach mit Geschäftsführer Andreas Zweifel über Strategien aus dem Dilemma, die Wahl der richtigen Kunden, Lean Management und Industrie 4.0.

Autor: Wolfgang Pittrich

Eines möchte Andreas Zweifel von vorneherein klarstellen. Die Hans Eberle AG hat den 15. Januar 2015 nicht ungeschoren überstanden: «Wir hatten – wie alle anderen Zulieferer im Werkplatz Schweiz auch – deutliche Rückgänge zu verkraften.» Aber, und das macht den Unterschied, er sagt auch: «Wir konnten 2015 den Umsatz steigern, unseren Exportanteil sogar erhöhen und haben zusätzlich noch neun Mitarbeitende eingestellt.»

Damit steht das Unternehmen ziemlich alleine auf weiter Flur. Denn die letzten eineinhalb Jahre waren für die KMU der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) von herben Rückschlägen gekennzeichnet. Der Umsatz ging im vorigen Jahr um 8,8 Prozent im Vergleich zu 2014 zurück, und seit Aufhebung des Mindestkurses von Franken zu Euro verlor die Branche rund 10 800 Stellen. Soweit die Zahlen laut jüngster Erhebung des Branchenverbandes Swissmem.

Aktuelle Daten des KMU-Verbandes Swissmechanic liefern ein ähnlich düsteres Bild: Rund ein Drittel der Unternehmen, sagt die jüngste Konjunkturbefragung des Verbandes, schliesst das Geschäftsjahr 2015 mit einem Verlust ab. Allerdings: «Ein Drittel der befragten Unternehmen», so die Ergebnisse der Befragung weiter, «konnte den Frankenschock durch Prozess- und Produktionsoptimierungen, Erhöhung der Arbeitszeiten oder Stellenabbau abfedern. Bei diesen Unternehmen schlägt 2015 ein leicht positiver Umsatz zu Buche.»

Dazu gehört auch die Hans Eberle AG. Die schweizweit zu den führenden Blechbearbeitern zählende Firma beschäftigt über 130 Mitarbeitende, die auf rund 20 000 m2 für viele namhafte Schweizer und ausländische Kunden tätig sind. Das Unternehmen konnte 2013 sein 60-jähriges Jubiläum feiern.

So richtig mit der Sprache rausrücken möchte Andreas Zweifel allerdings nicht, wenn die Rede auf das Erfolgsrezept der Eberle AG kommt: «Das bleibt unser Geheimnis», lächelt er. Was man in der gegenwärtigen Krise nicht gemacht hat, darüber gibt er gerne Auskunft: «Was wir auf keinen Fall wollten, war eine Wiederholung der Situation von 2012, als es zu einem ähnlichen Umsatzrückgang gekommen war, und wir uns gezwungen sahen, in Kurzarbeit zu gehen oder sogar Entlassungen auszusprechen.»

Recht schnell nach dem 15. Januar beschloss daher die Führungsmannschaft von Eberle eine offensive Vorwärtsstrategie, ein «Jetzt-erst-recht.» Dazu gehörte ein eindeutiges Bekenntnis zur vorhandenen Belegschaft. «Wir haben gesagt: Ihr müsst keine Kurzarbeit oder Entlassungen fürchten, wenn die Produktivität stimmt. Die Geschäftsführung und der Verkauf sorgen im Gegenzug für die notwendigen Aufträge», fasst der Geschäftsführer die damalige Botschaft an die Mitarbeitenden zusammen.

Und genauso ist es gekommen. Wobei er in diesem Zusammenhang den Kunden der Eberle AG Respekt zollt, die im Grossen und Ganzen diese Strategie mitgetragen haben: «Wahrscheinlich haben wir auch die richtige Kundenstruktur, um zu einem vernünftigen Dialog zu kommen.» Dazu trägt seiner Meinung nach besonders die seit einigen Jahren verfolgte Strategie bei, als Entwicklungs- und Projektpartner sehr weit oben in der Kundengunst zu stehen: «Wir versuchen immer zusammen mit dem Kunden eine Lösung zu entwickeln, die, abgestützt auf unsere Produktionsmöglichkeiten, wirtschaftlich optimal funktioniert.»

Wobei er dieses Statement nicht als Einbahnstrasse interpretiert wissen möchte: «In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, dass man auf die richtigen Kunden setzt.» Überraschung: Kann man sich in der heutigen Zeit wirklich noch aussuchen, mit wem man zusammenarbeiten möchte? «Das geht ein Stück weit schon», ist sich Andreas Zweifel sicher. «Wenn man merkt, dass sich ein Unternehmer eigentlich vom Werkplatz Schweiz verabschiedet hat, und nur noch versucht, die Preise kaputt zu machen, dann sollte man ihn ziehen lassen.»

Auch dem reinen Lohnfertigungsprinzip des Laserns, Stanzens, Abkantens oder Schweissens nach Zeichnung gibt er in der Schweiz kaum noch eine Zukunft: «Da ist man austauschbar. Da entscheidet der Markt ganz brutal über die Preise.»

Als mehr oder weniger unverzichtbarer Partner beim Kunden wahrgenommen zu werden, funktioniert jedoch nur dann, wenn man seine Hausaufgaben macht. Dazu gehört, dass Qualität und Preis der Produkte Hand in Hand gehen mit der Liefertreue. Nicht ganz einfach in einem Unternehmen, wo auf viele Fertigungstechnologien wie Stanzen, Lasern, Abkanten, Schweissen oder sogar Fräsen noch jede Menge Einzelschritte folgen, die alle koordiniert werden müssen. «Die Komplexität, die wir zu verwalten haben», sagt Andreas Zweifel, «ist vermutlich grösser als in einem Atomkraftwerk.»

Prozesstransparenz ist daher das A und O. Deshalb hat das Unternehmen seit Anfang 2014 jeglicher Verschwendung den Kampf angesagt und auf breiter Front Lean Management eingeführt; trotz einsetzender Euro-Franken-Krise. Wobei nicht nur die produzierenden oder Montagebereiche betroffen sind, sondern auch die Verwaltung. Andreas Zweifel geht sogar soweit, die Lean-Management-Einführung als überlebensnotwendigen Schritt für die Eberle AG einzustufen: «Die Technologien und Automatisierungsprozesse, die heute von uns und den Mitbewerbern in Mittel- und Osteuropa eingesetzt werden, sind annähernd austauschbar. Wettbewerbsentscheidend ist, die Abläufe im Unternehmen so zu koordinieren, dass man es schafft, möglichst schlank und damit schnell von der Kundenanfrage zur Kalkulation, von dort zur Auftragsvergabe und letztendlich zur Auslieferung und Rechnungsstellung zu kommen. Das ist wesentlich produktiver als in eine Maschine zu investieren, die zehn Prozent schneller läuft.»

Dass Lean Management kein Zuckerschlecken ist, aber ein grosses Potenzial hat, zeigt das Teilprojekt «Reduzierung der Durchlaufzeiten in Produktion und Montage», das im vorigen Jahr bei Eberle umgesetzt wurde. Nachdem sich die Massnahme über mehr als ein halbes Jahr erfolglos hingezogen hatte und die Stimmung bereits im Keller war, platzte plötzlich der Knoten. «Wir konnten schliesslich die Durchlaufzeiten von 17 auf 12 Tage reduzieren», sagt ein sichtlich stolzer Andreas Zweifel.

Ein weiterer grosser Schritt in Richtung Wettbewerbsfähigkeit war der Entschluss, ab 2011 grossflächig in die Automatisierung zu investieren. Begonnen wurde mit einem Hochregallager, an das eine Stanz-Laser-Kombination «TruMatic 7000» von Trumpf angedockt ist. Danach ging es Schlag auf Schlag: Es kam die Biegezelle «TruBend Cell 7000» und ein Fräsbearbeitungscenter mit Roboterhandling. Anschliessend wurde in eine 2D-Schweissanlage investiert (Ende 2015), gefolgt von einer modernen Siebdruckanlage (Anfang 2016). Bisher letzter Streich war die automatisierte Einpressanlage, die seit knapp drei Monaten ihren Dienst tut.

In Hinblick auf die Automatisierungstendenzen bei Eberle sind für Andreas Zweifel zwei Aussagen wesentlich. Erstens: «Wir haben in der Schweiz technologisch gesehen keinen Vorsprung mehr vor unseren Mitbewerbern im europäischen Ausland. Die sind teilweise sogar besser ausgerüstet. Die Beschäftigung mit der Automatisierung ist daher ein Muss. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis.»

Und zweitens: «Parallel zu unseren gesamten Automatisierungsanstrengungen und Workflow-Optimierungen haben wir immer Personal aufgebaut.» Automatisierung hat für Andreas Zweifel deshalb primär mit Qualität und Flexibilität zu tun und weniger mit Rationalisierung. Bestes Beispiel dafür ist ein sehr komplexes Blechteil, das bereits seit längerer Zeit bei Eberle läuft. Früher war das Produkt auf vier Kostenstellen gebucht, verursachte jede Menge Liegezeit und verschlang mit rund 36 Stunden fast eine Mannwoche Produktionszeit. Heute ist das Teil in einen automatisierten Prozess eingeschleust, mit nur noch zwei Kostenstellen (Stanz-Lasern und Biegen) und einer reduzierten Durchlaufzeit von 29 Stunden.

«Das ist aber gar nicht das Wesentliche», sagt Andreas Zweifel. «Viel wichtiger ist, dass wir das Teil in maximal zwei Tagen fertigen, wo früher ein Mann fast eine Woche beschäftigt war.» Ohne Arbeitsplatzverlust wohlgemerkt, denn die freien Kapazitäten wurden sofort mit neuen Aufträgen belegt.

Zudem verhilft die Automatisierung zu einer atmenden Produktion. Wenn Aufträge da sind, können sie rund um die Uhr abgearbeitet werden. Gibt es Lücken, steht die Anlage, ohne die Personalplanung zu beeinflussen. «Wichtig ist, dass wir die geplante Auslastung erreichen. Alles was darüber hinausgeht, schlägt für uns positiv zu Buche.»

Natürlich beschäftigt sich ein innovatives Unternehmen wie die Hans Eberle AG auch mit dem allgegenwärtigen Thema «Industrie 4.0». Und natürlich hat man dazu eine sehr eigene Einstellung, wie Andreas Zweifel gerne zugibt: «Ich denke, jedes Unternehmen muss für sich selbst definieren, was es unter Industrie 4.0 versteht. Der Interpretationsspielraum auf diesem Feld ist sehr gross. Was für den einen Industrie 4.0 ist, betrachten wir vielleicht als Stand der Technik und umgekehrt.»

Positiv beurteilt er das Erheben und Vernetzen von Produktionskennzahlen, wenn es um die Transparenz in der eigenen Fertigung geht: «Die Kalkulation auf Basis von Kundenanfragen und daraus abgeleitet die Erstellung von Fertigungsdaten, Stücklisten und Terminplänen sollte eigentlich automatisiert ablaufen, ohne gross Papier bewegen zu müssen. Der administrative Aufwand muss sich generell verringern lassen.»

In diesem Zusammenhang stuft er Softwaretools wie «TruTops Boost» von Trumpf als durchaus sinnvolle Ergänzung für die eigene Fertigung ein: «Damit können wir schnell von den Kundendaten die NC-Programme ableiten, zugeschnitten auf unseren Maschinenpark.» Eher skeptisch beurteilt er dagegen Bestrebungen, Industrie 4.0 im Sinne einer völligen Kundentransparenz zu nutzen: «Den Kunden interessiert es nicht, den Fertigungsstatus seines Teils in unserer Produktion auf sein Smartphone gemailt zu bekommen. Für ihn ist ausschlaggebend, dass wir den Liefertermin halten.»

Jenseits dieser Zurückhaltung ist das Zusammenspiel von Lean Management, Industrie 4.0 und Automatisierung für Andreas Zweifel das Zukunftsthema schlechthin: «Für die Schweiz ist es extrem wichtig, bei all diesen innovativen und zukunftsträchtigen Themen an vorderster Front dabei zu sein. Denn es gilt, den Technologievorsprung zu halten und immer eine Nasenlänge voraus zu sein.» Denn eines ist für ihn auch klar: Die MEM-KMU in der Schweiz sind heute deutlich getriebener als noch von einigen Jahren: «Wir bewegen uns in der Champions League. Alle nationalen und internationalen Mitbewerber, denen wir dort begegnen, spielen auf Augenhöhe. Man muss die richtigen Spieler haben, ehrgeizig trainieren und den unbedingten Willen zum Sieg mitbringen. Nur so kann man das Publikum, also die Kunden, begeistern und zeigen, dass man es drauf hat.»


Hans Eberle AG
8755 Ennenda, Tel. 055 645 26 26
contact@hans-eberle.ch



Automatisierung als Überlebensstrategie: Selbst komplexe Prozesse wie das Einpressen von Befestigungssystemen geschehen bei Eberle automatisch. (Bilder: TR)


Andreas Zweifel, Geschäftsführer Hans Eberle AG: «Wir müssen immer versuchen, neue Projekte zu finden mit denen wir wachsen können – auch in Zeiten, die schwieriger sind.»


Von einfach bis komplex: Mit dem Biege- roboter kann Eberle flexibel auf Auftragsschwankungen reagieren, ohne den Personalstand anpassen zu müssen.


Neben der Automatisierung setzt Eberle konsequent auf Lean Management, um sein Teilespektrum zu wettbewerbsfähigen Konditionen anbieten zu können.

Im Profil

Hans Eberle AG

Das Unternehmen zählt mit über 130 Mitarbeitenden zu den führenden Blechbearbeitungsspezialisten in der Schweiz. Gegründet im Jahr 1953 von Hans und Ursula Eberle hat sich der Familienbetrieb innerhalb der letzten 60 Jahre auf rund 20 000 m2 Fläche vergrössert. Das Bearbeitungsspektrum reicht vom Zuschneiden über Umformen, Stanzen, Zerspanen und Fügen bis hin zum Veredeln und Bedrucken. Dabei wird die komplette Wertschöpfungskette abgedeckt, angefangen beim Engineering über Prototypen- und Werkzeugbau bis zur Serienfertigung ganzer Baugruppen und deren Montage, inklusive Just-in-Time-Lieferung an das Band der Kunden. Der Exportanteil ist in den letzten Jahren stark gewachsen und auf rund 25 Prozent gestiegen.

Meine Meinung

Wenn in der heutigen Zeit ein produzierendes Unternehmen verkündet, den Umsatz gesteigert, die Exportquote erhöht und Mitarbeitende eingestellt zu haben, dann lohnt auf jeden Fall ein näheres Hinsehen. Die Hans Eberle AG ist so ein Beispiel. Trotzdem versteht man sich nicht als Schweizer Vorzeigebetrieb, sondern eher als jemand, der seine Hausaufgaben in punkto Lean Management und Automatisierung gemacht hat, um in der Champions League der europäischen Blechbearbeiter mitspielen zu können. Und das weit vorne und jedes Jahr. Man begeistert das Publikum (Kunden) und gewinnt gegen den Wettbewerb durch eine perfekte Ballführung (grosse Projektkompetenz), millimetergenaue Pässe (hohe Qualität) und schöne Torabschlüsse (Liefertreue). Was will man mehr.

Wolfgang Pittrich, Redaktion TR