Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 08/2016, 19.08.2016

«Vielerorts fehlt eine digitale Gesamtstrategie»

Urs Reimann leitet seit März 2016 als Geschäftsführer die «Initiative Industrie 2025» der vier Verbände SwissT.net, Electrosuisse, Asut und Swissmem. Die Initiative will Schweizer Industrieunternehmen den Einstieg in die Inhalte von Industrie 4.0 erleichtern. Die «Technische Rundschau» wollte von Urs Reimann wissen, wie man dies erreichen will.

Autor: Markus Schmid

Herr Reimann, Sie sind Geschäftsführer der «Initiative Industrie 2025». Was ist der Kern der Initiative und was will sie erreichen?

Als oberstes Ziel gilt es die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen und des Werkplatzes Schweiz zu sichern und auszubauen. Konkret wollen wir die betroffenen Akteure für das Thema Industrie 4.0 sensibilisieren, darüber informieren, wollen sie vernetzen und fördern.

Was hat Sie dazu bewogen, diese Aufgabe anzunehmen?

Vor meiner Tätigkeit bei der Initiative Industrie 2025 war ich elf Jahre CEO eines Ingenieurbüros, das sich eingehend mit Industrie-4.0-Themen auseinander setzte. Die Firma wurde 2014 von einem grösseren Mitbewerber übernommen. Auch in meiner Tätigkeit als nebenamtlicher Dozent für «digitale Technologien» ist das Thema natürlich sehr präsent. Diese langjährigen Erfahrungen sowie mein persönliches Interesse an einem starken Werkplatz Schweiz haben hier den Ausschlag gegeben.

Ist Industrie 2025 in Ihren Augen ein Synonym für Industrie 4.0, oder gibt es Unterschiede?

Der Begriff «Industrie 4.0» wurde 2012 durch die gleichnamige deutsche Zukunftsinitiative geprägt. Dieses Konzept zeigt auf, wie der Transformationsprozess in Wertschöpfungsketten hin zur Digitalisierung und Vernetzung vorangetrieben werden kann. «Industrie 2025» bezeichnet hingegen die Schweizer Initiative von vier Branchenverbänden. Unter diesem Namen will die Initiative die Vision von Industrie 4.0 und die damit verbundenen Konzepte im Werkplatz Schweiz einführen und verankern.

Wir unterstellen jetzt einmal, dass das 2025 im Namen bedeutet, dass diese Ziele bis Ende 2025 erreicht sind. Wie realistisch ist dies? Oder mit anderen Worten: Wie sieht Ihre Roadmap hin zum Ziel aus?

Der Begriff «Industrie 4.0» beinhaltet ein sehr grosses Spektrum an Themengebieten und Begriffen. Dies führt aktuell bei vielen Industrieunternehmen zu Orientierungsproblemen und hemmt diese, wichtige Investitionen in Industrie-4.0-Projekte zu tätigen. Unser Ziel, die betroffenen Akteure zu informieren, zu sensibilisieren, zu vernetzen und zu fördern passt aus meiner Sicht gut in die Zeitspanne bis 2025. Die Initiative bietet verschiedene Formate an, um unsere Ziele kontinuierlich zu erreichen. Konkret geht es dabei um Fachtagungen, Seminare, Workshops, Arbeitsgruppen, Newsletter, um nur ein paar zu nennen.

Falls man bis dannzumal noch nicht am Ziel ist: Wird die Initiative dann weitergeführt?

Ich gehe nicht davon aus. Mit der Initiative wollen wir primär Transparenz schaffen, aufklären und zusammen mit unseren Partnern den betroffenen Unternehmen auf dem Werkplatz Schweiz Wege aufzeigen, wie eine digitale Strategie aufgebaut und umgesetzt werden kann. Bis 2025 bleibt für die betroffenen Akteure genug Zeit, um sich zu informieren und das nötige Wissen aufzubauen.

Den Initiativapparat und seine Aktivitäten gibt es ja sicher nicht geschenkt. Wie wird der Aufwand finanziert?

Die Initiative Industrie 2025 wurde im Juni 2015 von den vier Verbänden SwissT.net, Electrosuisse, Asut und Swissmem gegründet. Diese vier Verbände bilden die Trägerschaft, welche zusammen mit unseren Partnern die Initiative finanzieren.

Wie wollen Sie dem Schweizer KMU-Unternehmer bei der Umsetzung der Digitalisierung konkret helfen?

Die Initiative bietet wie bereits erwähnt verschiedene Formate an, um Informationen bereit zu stellen, Personen zu vernetzen und betroffene Firmen zu fördern. Die Fachtagungen und F&E-Konferenzen, aber auch Messen wie die Sindex anfangs September sowie regelmässige Newsletter nutzen wir, um das Thema einem breiten Publikum zu vermitteln. Anderseits werden künftig in Arbeitsgruppen, Seminaren und Workshops konkrete Problemstellungen aus der Praxis zusammen mit Spezialisten und betroffenen Unternehmen bearbeitet. Themenfelder sind unter anderem Produktionsprozesse, Digitalisierung, Vernetzung, Datennutzung, digitale Geschäftsmodelle aber auch Normen und Standards sowie Themen rund um den Mitarbeiter.

Wer ist Partner der Initiative?

Industrie 4.0 beinhaltet ein breites Spektrum an Themen. Daher pflegen wir ein vielschichtiges Partner-Netzwerk. Dieses setzt sich aktuell aus Industrie-4.0-Dienstleistern, Hochschulen, Medienunternehmen und Industrieunternehmen des Werkplatzes Schweiz zusammen. Wünschenswert sind künftig auch politische Akteure, die sich für diese Initiative engagieren.

Wo sehen Sie die grössten Stolpersteine und Risiken für die Unternehmen bei der Umsetzung – und damit im weiteren Sinn auch für das Gelingen der Initiative?

Bei vielen Unternehmen fehlt es an einer digitalen Gesamtstrategie. Dies hemmt Investitionen. Oder aber es werden Projekte lanciert, die im Endergebnis wenig Mehrwert bringen. Für eine erfolgreiche Umsetzung braucht es auch eine Transformation des Denkens: Industrie 4.0 ist ein strategischer Weg, den das Management einschlagen muss. Der Initiative stellt sich die Schwierigkeit, die Firmen auch wirklich zu erreichen, die vor einem Transformationsprozess stehen, sie mit Informationen zu versorgen und sie mit den richtigen Leuten zusammenzubringen. Mit unserer Initiative versuchen wir diesbezüglich Orientierung zu geben.

Wie begegnen Sie diesen Hürden?

Wir bauen ein attraktives und nachhaltiges Dienstleistungsangebot auf, investieren in unser Partnernetzwerk und sind permanent in den Medien präsent. Diese Massnahmen helfen uns, die betroffenen Industrieunternehmen schneller und effizienter zu erreichen.

Was würde Ihnen dabei am meisten helfen?

Die generell starke Präsenz von Industrie 4.0 in den Medien ist für uns bereits sehr hilfreich, da dadurch schon viele Unternehmen mit dem Thema konfrontiert wurden. Viele verhalten sich aus meiner Sicht aber noch zu passiv. Es wäre für uns hilfreich, wenn Industrieunternehmen diesbezüglich aktiver in Erscheinung treten würden.

Nimmt die Initiative auch irgendwie Einfluss auf die Bereitstellung von Fachkräften, die es bei der Digitalisierung der Firmen braucht? (Wenn ja: wie; wenn nein: wieso nicht?)

Im Moment nimmt die Initiative nur indirekt über die Trägerschaft und unsere Partner – beispielsweise der Hochschulen – Einfluss. Ab dem kommenden Herbst wird sich aber auch eine von uns geplante Arbeitsgruppe mit dem Thema «Mitarbeiter I4.0» beschäftigen.

Wird es in der Schweiz langfristig gesehen auch weiterhin eine Industrie ohne Digitalisierung im Sinne von Industrie 2025 geben?

Natürlich muss nicht alles digitalisiert werden. Aber bei Firmen, die eine hohe Technologiedichte aufweisen, ist eine Automatisierung und somit Digitalisierung und Vernetzung notwendig, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. Der industrielle Werkplatz Schweiz muss sich dem digitalen Wandel stellen und eine führende Rolle einnehmen, damit er auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt.

Zum Schluss: Wie gefällt Ihnen Ihr Job bisher?

Meine Arbeit ist sehr spannend, herausfordernd und vielseitig. Ich fühle mich in der aktuellen Rolle sehr wohl.

Initiative Industrie 2025 c/o Swissmem, 8037 Zürich Tel. 079 346 47 16 urs.reimann@industrie2025.ch

Sindex Halle 2.1 Stand F01



Urs Reimann ist Ingenieur mit Abschlüssen in Elektrotechnik, Unternehmensführung und Unternehmensentwicklung. Er verfügt über eine langjährige Erfahrung als Unternehmer und Dozent. (Bild: Swissmem)