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TR Exklusiv-Interview: Ausgabe 09/2016, 09.09.2016

«Die Schweiz ist ein wichtiger Pfeiler unserer Strategie»

Aktuell ist viel von einer Deindustrialisierung des Werkplatzes Schweiz die Rede. In ein ganz anderes Horn stösst der Schleifmaschinenhersteller Studer. Mit der Einführung einer hochmodernen Fliessfertigung in Steffisburg und geplanten Investitionen in Millionenhöhe bekennt man sich ganz bewusst zum Werkplatz Schweiz. TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich sprach mit Gerd König, Geschäftsführer von Studer und für die Einführung der Fliessmontage verantwortlich, über Vorteile des Standortes Schweiz, PuLs-Philosophie, neue Fliessfertigung und Wachstumsziele der nahen Zukunft.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr König, warum investiert die Fritz Studer AG in den – inzwischen von vielen Unternehmen als unattraktiv empfundenen – Werkplatz Schweiz?

Wir haben vor rund sechs Jahren eine Fertigungsstrategie verabschiedet, in der definiert wurde, wie wir unser Geschäft verstehen und uns zukünftig ausrichten wollen – und zwar über die gesamte United Grinding Group hinweg. Zu dieser Strategie gehört, dass wir auf drei Fertigungsstandorte weltweit setzen. Das sind Steffisburg, Kuřim in Tschechien, wo wir unter anderem die Grundmaschinen für die Walter Maschinenbau GmbH fertigen, und Schanghai. Und dieser Ausrichtung folgen wir immer noch.

Trotz der Entscheidung vom 15. Januar 2015?

Natürlich haben wir diese Strategie nach der Wechselkursfreigabe des Schweizer Frankens überdacht. Aber: Wir haben auch festgestellt, dass diese Ausrichtung nach wie vor Sinn macht. Deshalb steht der Standort Steffisburg auch nicht zur Disposition.

Wäre die Entscheidung vor sechs Jahren genauso gefallen, wenn man damals bereits den heutigen Kenntnisstand gehabt hätte?

Ja. In unserem Geschäft gilt es, zwei Produktionsprämissen einzuhalten: höchste Präzision gepaart mit höchster Produktivität. Das heisst, ein dreischichtiges Arbeitszeitmodell ist eigentlich Grundvoraussetzung, und die hohe Präzision können wir nur erreichen und halten, wenn wir hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigen. Da die Investitionskosten in Produktionsmittel weltweit annähernd gleich sind – und die fliessen über den Maschinenstundensatz zu einem hohen Prozentsatz in die Gestehungskosten unserer Maschinen mit ein – sind wir im Vergleich zu anderen Ländern nicht viel schlechter oder besser gestellt. Standortentscheidend ist vielmehr die Qualifikation der Mitarbeiter ...

Standortentscheidend ist die Qualifikation der Mitarbeiter

Und da kann die Schweiz natürlich in hohem Masse punkten.

Wir haben hier am Standort Steffisburg unglaublich viel Kompetenz, gerade was das Schleifen angeht. Nicht umsonst beschäftigen wir mit rund zehn Prozent der Mitarbeiter eine hohe Zahl an Auszubildenden. Deshalb sind wir auch im weltweiten Vergleich sehr kompetitiv.

Die aktuelle Diskussion um die Deindustrialisierung des Werkplatzes Schweiz können Sie also nicht unbedingt teilen?

Doch. Die Währungssituation macht uns natürlich auch zu schaffen. Und wir beobachten sehr genau, was in der Schweiz passiert. Ich nehme es auch so wahr, dass hier eine gewisse Deindustrialisierung stattfindet. Studer hat allerdings rechtzeitig begonnen, dagegenzusteuern und in den letzten Jahren die Hausaufgaben gemacht.

Welche sind das?

Präzision und Leidenschaft, abgekürzt PuLs, so nennen wir unsere Lean-Philosophie, die bereits vor rund sieben Jahren etabliert wurde und seitdem kontinuierlich vorangetrieben wird. Mit dieser Strategie der lernenden Fabrik sind wir enorm erfolgreich. Sie ist mit ein Grund, warum Studer mittlerweile ein Beispiel für Best Practice in der United Grinding Group ist, und sich der Standort Schweiz als wichtiger Pfeiler unserer Produktionsstrategie darstellt.

Hatte diese PuLs-Orientierung auch Auswirkungen auf die Einführung der neuen Fliessmontage?

Sie hat die Fliessmontage eigentlich erst ermöglicht, weil wir bereits im Vorfeld sehr viele periphere PuLs-Projekte realisiert haben, die für eine erfolgreiche Umsetzung notwendig waren. Hier geht es ja nicht um eine neue Montagelinie. Es geht vielmehr darum, ein komplettes Umdenken im Wertstrom zu initiieren: Die internen Lieferanten wie Konstruktion, mechanische Bearbeitung oder Einkauf müssen ebenso darauf abgestimmt werden wie die externen Zulieferer, die jetzt teilweise Just-in-time ans Band liefern.

Wie ist die neue Fliessmontage genau strukturiert?

Es gibt drei Besonderheiten, die sie auszeichnen: Erstens: Wir lassen unser gesamtes Produktportfolio über nur eine Fliessmontage laufen, egal wie komplex die Maschinen sind. Zweitens: Es werden dort auch kundenspezifische Applikationen realisiert. Drittens: Präzisionsentscheidende Arbeiten wie Schleifen oder auch Freigabeprozesse wie das optische Vermessen mit dem Laser werden ebenfalls im Rahmen der Fliessmontage vorgenommen. Vor allem der dritte Punkt ist im fliessenden Prozess durchaus anspruchsvoll und nicht einfach umzusetzen. Es war bereits im Vorfeld eine Herausforderung, überhaupt nur darüber nachzudenken (lacht). Aber die Umsetzung funktionierte problemlos.

Welche Vorteile generiert man durch die Fliessmontage?

In einem volatilen Geschäft, wie es der Maschinenbau eben ist, bedeutet die Kapazitätsanpassung an schwankende Auftragseingänge für die Fertigung und Montage eine der grössten Herausforderungen. Wir fahren daher das System in der Grundauslastung so, dass wir pro Station eine Taktzeit von vier Stunden einplanen. Nach 16 Stationen erfolgt eine Ausbringung von zwei Maschinen im Einschichtbetrieb. Wir können jetzt über die Stundenleistung der Mitarbeiter atmen, sind dadurch sehr flexibel und brauchen bei einem Hochfahren der Kapazitäten keinen Quadratmeter Fläche mehr. Entweder die Tagesstundenleistung wird erhöht, oder wir gehen bei Bedarf sogar in eine weitere Schicht.

Hand aufs Herz, Herr König: Was wäre passiert, wenn man diese Fliessmontage bei Studer nicht etabliert hätte. Wäre spätestens jetzt eine Kapazitätsverlagerung ins Ausland die Folge gewesen?

Das ist eine sehr spekulative Frage, Herr Pittrich. Lassen Sie mich so antworten: Wir haben im Jahr 2012 beschlossen, am 15. Oktober 2015 mit der Fliessmontage zu starten. Das war zu diesem Zeitpunkt etwas wagemutig, wie ich zugebe. Aber es hat funktioniert. Nach einem knappen Jahr Betrieb können wir sagen, alle Vorgaben sind erfüllt und die Durchlaufzeiten konnten deutlich reduziert werden, bei gleichzeitiger Erhöhung der Qualität. Das ist schon ein grosser Erfolg und macht uns auch Stolz. Persönlich denke ich, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Kapazitätsanpassung bei Studer gekommen wäre, wenn wir damals nicht die Weichen entsprechend gestellt hätten.

Wie sieht die weitere Planung von Studer für den Standort Steffisburg aus?

Für nächstes Jahr planen wir ein weiteres Megaprojekt. Es betrifft unser produktionstechnisches Herzstück: Wir beabsichtigen, die vier Makino-Bearbeitungszentren, die mit einem flexiblem Fertigungssystem von Fastems verkettet sind, komplett zu erneuern. Auf dieser Linie ist geplant, Teile für die gesamte United Grinding Group zu fertigen; übrigens auch für unser Werk in Tschechien.

Gibt es auch Bestrebungen, das Produktportfolio auszuweiten?

Natürlich haben wir einen langfristigen Strategieplan mit ambitionierten Wachstumszielen. Bis 2025 wollen wir die Kapazitäten so erhöhen, dass wir jährlich 1000 Maschinen fertigen.

Bis 2025 wollen wir die Kapazitäten so erhöhen, dass wir jährlich 1000 Maschinen fertigen.

Das ist ein Wort. Meinen Sie, dass die Welt in zehn Jahren noch so viele Schleifmaschinen braucht? Der aktuelle Trend zum E-Fahrzeug könnte Ihren Planungen einen Strich durch die Rechnung machen.

Wenn sich gewisse Tendenzen verfestigen, die sich heute bereits ankündigen, speziell im Motorenbau, dann kann das grosse Veränderungen nach sich ziehen, das stimmt. Deshalb denken wir auch darüber nach, nicht nur in unserem Kerngeschäft zu wachsen, sondern andere Bereiche zu erschliessen. Aber noch – und sicherlich in naher Zukunft – wollen wir in unseren Hauptmärkten zulegen und unsere Marktanteile weiter ausbauen. Beispielsweise sind die neuen Innenrundschleifmaschinen, die in Zusammenarbeit mit der ehemaligen Combitec SA entstanden sind, die Studer 2008 übernommen hat, erfolgreicher am Markt als prognostiziert.

Wenn Sie andere Bereiche ansprechen, denken Sie dabei auch an die Irpd AG? Die additive Fertigung ist ja momentan ein Megahype.

Die Irpd AG ist ein Joint Venture zwischen der Inspire AG und der United Grinding Group AG, das der Gruppe in Summe neue Möglichkeiten eröffnet. Ich finde es sehr gut, dass wir uns visionären Ideen öffnen. Das wird uns helfen, Dinge anders zu denken. Die Zusammenarbeit mit der Irpd AG trägt jetzt schon Früchte. So realisieren wir Greifersysteme für unsere Automatisierungslösungen über additive Fertigungsprozesse. Was sich durch die Kombination des vorhandenen Know-hows innerhalb der United Grinding Group für neue Produktionslösungen ergeben, wird sich zeigen.

Ihre Aussagen tönen in Summe recht entspannt. Studer scheint mit einem gewissen stabilen Selbstvertrauen am Markt zu agieren.

Ich denke, das kann man so sagen. Wenn wir die letzten Jahre Revue passieren lassen, sind wir eigentlich gut durchmarschiert, wo andere Federn lassen mussten. Wir hatten zugegebenermassen auch Glück – aber das gehört ja bekanntlich zum Tüchtigsein –, dass wir immer dann erfolgreich eine neue Baureihe lancieren konnten, als es zu Verwerfungen im Markt kam. Vom technologischen Weltmarktführer – und so sehen wir uns – wollen die Kunden immer ein bisschen überrascht werden. Bisher konnten wir diese Erwartungshaltung meist erfüllen.

Fritz Studer AG 3602 Thun, Tel. 033 439 11 11 info@studer.com

AMB Halle 8 Stand C12.1



Gerd König, Geschäftsführer Fritz Studer AG und COO der United Grinding Group-Holding: «Mit der PuLs-Philosophie der lernenden Fabrik sind wir enorm erfolgreich.» (Bilder: TR)


«Wir haben hier am Standort Steffisburg unglaublich viel Kompetenz, gerade was das Schleifen angeht.»

Im Profil

Fritz Studer AG: Das Unternehmen wurde 1912 gegründet und sieht sich heute als Markt- und Technologieführer im Bereich Aussen- und Innenrundschleifen mit über 23 000 installierten Anlagen weltweit. Seit 1994 ist Studer Teil der United Grinding Group und dort das Kompetenzzentrum fürs Rundschleifen. Das Unternehmen beschäftigt weltweit über 800 Mitarbeiter.

Gerd König: Der 47-Jährige studierte Maschinenbau in Hamburg und absolvierte danach ein betriebswirtschaftliches Fernstudium. 2008 begann seine berufliche Laufbahn bei Studer, wo er 2011 Geschäftsführer wurde. Seit 2013 ist er ebenso für die Marken Schaudt und Mikrosa verantwortlich. Zum 1. Juni ist er als COO in die Holding der United Grinding Group berufen worden. König ist verheiratet und hat drei Kinder.