Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2017, 20.01.2017

«Wir dürfen den Anschluss nicht verlieren»

Alle reden über Industrie 4.0 und das Internet der Dinge. Parallel dazu produziert die Automatisierungsbranche I-4.0-fähige Komponenten ohne Ende. Nur: Es gibt noch keine verbindlichen Standards. Die «Technische Rundschau» hat bei Urs Fischer von der SNV nachgefragt, wie weit die Normung zu Industrie 4.0 national und international gediehen ist.

Autor: Markus Schmid

Herr Fischer, ist das Unterfangen Industrie 4.0 ein ganz normales Normungsprojekt oder ist es einmalig?

Weder noch. Es ist nicht einmalig, aber auch nicht ein ganz normales Normungsprojekt. In Industrie 4.0 sind viele sehr unterschiedliche Anspruchsgruppen involviert. Deshalb tragen auch viele verschiedene Normenprojekte dazu bei, Industrie 4.0 mit Normen zu unterstützen. Neu ist, dass verschiedene Disziplinen – neben der Maschinenindustrie die Telekommunikation und die Elektrotechnik – eng zusammenarbeiten.

Worin liegt der Unterschied zu anderen Normungen?

Das Ganze steht im Licht der Technologiekonvergenz. Industrie 4.0 ist nichts anderes, als die Errungenschaften, die wir bis anhin hatten, zu digitalisieren und mittels geeigneter Informationen so zu verbinden, dass intelligente Prozesse daraus resultieren.

Gibt es in Ihrer Arbeit bildlich gesprochen eine Schublade «Maschinen- und Metallindustrie» oder verteilt sich diese auf mehrere Schubladen?

Die MEM-Industrie ist eine Hauptanspruchsgruppe und von der Normung stark tangiert. Da aber unterschiedliche Domänen und Technologien vernetzt werden, braucht es eine gute Koordination. In der Schweiz wurde dazu die Plattform Industrie 2025 gegründet.

Wie können Sie die Interessen der Schweizer MEM-Industrie international vertreten?

Für die Schweiz ist die SNV mit meiner Person auch im Technical Management Board TMB als eines von 15 Ländern vertreten. Die vier Grossen – Deutschland, USA, Japan und China –, sind im TMB permanent dabei, die neun kleineren Nationen, wie die Schweiz, sind in einer Rotation turnusmässig für jeweils drei Jahre dabei. Ich beginne 2017 meinen zweiten Turnus bis Ende 2019. Im TMB haben wir eine strategische Beratungsgruppe gegründet, die den Auftrag hatte, das Feld bezüglich Normen in folgenden Punkten zu untersuchen: Welche Bereiche sind tangiert, was für Normen existieren bereits, und wo gibt es Bedarf und in welcher Dringlichkeit. Für die Mitwirkung in dieser Arbeitsgruppe konnte ich einen Schweizer Experten aus der Industrie gewinnen.

Wie weit ist diese Arbeit gediehen?

Im vergangenen September hat diese Gruppe dem TMB ihren Bericht mit Empfehlungen vorgelegt. Es wurden gegen 80 ISO-, IEC- sowie gemeinsame Komitees und über 3500 Normen eruiert, die im Bereich Industrie 4.0 wirksam werden. Eine wesentliche Empfehlung der Arbeitsgruppe ans TMB war, eine spezielle Koordinationsgruppe ins Leben zu rufen, gerade weil so viele verschiedene Themen und Anspruchsgruppen involviert sind. Die Aktivitäten müssen bei Industrie 4.0 sehr genau koordiniert werden, damit Alleingänge möglichst vermieden werden, und wir koordiniert vorgehen können. Oberstes Ziel ist es, internationale Normen zu publizieren, die für alle Anspruchsgruppen, die von Industrie 4.0 betroffen sind, Nutzen stiften.

In welchen Etappen wird das Ganze vor sich gehen?

Deutschland beziehungsweise DIN/DKE hat unlängst eine Normungs-Roadmap Industrie 4.0 veröffentlicht, in der diese Etappierung gut beschrieben wird. Zum einen können Überarbeitungen bestehender Normen relativ rasch angegangen werden. Zum anderen braucht es bei neu zu entwickelnden Normen erfahrungsgemäss etwa drei Jahre bis zur Publikation.

Also eine jahrzehntelange Arbeit, bei so vielen Bereichen?

Das sehe ich nicht so. Wir verfügen über Prozesse und Strukturen, mit denen Normen auch parallel entwickelt werden können. Wir haben die grosse Bedeutung von Industrie 4.0 erkannt und wollen Werkzeuge zur Verfügung stellen, die alle nutzen können. Die Geschwindigkeit spielt eine grosse Rolle, wenn es darum geht, zu verhindern, dass ausserhalb der anerkannten Normung de-facto-Standards produziert werden, die womöglich eine monopolistische Stellung einnehmen. Letzteres wäre nicht im Interesse der gesamten Wirtschaft.

Definieren Sie für uns bitte noch den Begriff «anerkannte Normen».

Als anerkannt gelten jene Normen, die von den Organisationen ISO, IEC, ITU-T, CEN, CENELEC, ETSI sowie den nationalen Normenorganisationen, wie in der Schweiz von der SNV und ihren Fachbereichen, publiziert werden. Diese Organisationen sind von der WTO, der EU-Kommission und in der Schweiz über die Notifikationsverordnung anerkannt.

À propos de-facto-Standard: Werden sich Ihrer Meinung nach in der Kommunikation Open-Source-Modelle durchsetzen, oder wird es parallel zum Normungsprozess zu einem Sprachen- oder Standard-Wettbewerb zwischen einzelnen grossen Marktteilnehmern kommen?

Als Normenorganisationen sind wir natürlich an Modellen respektive Regeln interessiert die von allen ohne Hürden angewendet werden können. Daher hegen wir eine gewisse Sympathie für Open-Source-Modelle. Aber auch da müssen erst Experten beurteilen, welche Modelle aus ihrer Sicht am meisten Nutzen stiften. Letztlich liegt es an uns, die notwendigen Regeln den Marktanforderungen entsprechend termingerecht zur Verfügung zu haben, um einzelnen grossen Marktteilnehmern entgegenzutreten.

Seit kurzem gibt es ein Konsortium, welches das Protokoll OPC UA TSN fördern will. Ist damit die Frage der gemeinsamen Sprache für Industrie 4.0 gelöst?

Mit einem solchen Konsortium müssen wir wie gesagt zusammenarbeiten und so die Akteure mit ins Boot holen. Es kann sein, dass es sinnvoll ist, anzustreben, dass dieses Protokoll ein Teil der internationalen Normung wird. Aber auch dies müssen die Experten entscheiden. Unser erklärtes Ziel ist es, ein ganzes Set von Normen zur Verfügung stellen zu können, die weltweit genutzt werden. Was wir nicht wollen, sind zahllose verschiedene Standards, die bewirken, dass man dauernd verschiedene Verbindungsstellen konfigurieren muss.

Kann die im internationalen Vergleich umsatzvolumenmässig kleine Schweiz mit der SNV in dieser Arbeit überhaupt etwas bewirken, oder machen das die Grossen wie USA und Deutschland unter sich aus?

Ja, die eingangs genannten Grossen involvieren sich sehr stark. Wichtig für die Schweiz ist, dass wir mit dabei sind, damit wir rechtzeitig erkennen können, in welche Richtung die Entwicklung geht. Wir sind in der Normung ein ebenbürtiger Partner und können sehr gut Einfluss nehmen, wenn wir das Gefühl haben, die Entwicklung sei für uns nicht zielführend. Die Aufgabe der SNV ist es, die potentiell betroffenen und interessierten Schweizer Anspruchskreise zum jeweiligen Thema so weit zu informieren, dass sie selbst entscheiden können, ob sie sich international einbringen wollen, oder ob sie damit leben können, dass die anderen, die Grossen, allein entscheiden.

Gilt es dabei spezifische Schweizer Interessen zu wahren?

Dass muss sich noch zeigen. Es kann sein, dass in Zukunft bestimmte Interessen gewahrt werden müssen. Sind diese von einer Anspruchsgruppe identifiziert, informieren die Experten uns, und fordern, dass die Schweiz bei einem bestimmten Thema präsent ist. Dann werden wir von der SNV aktiv, etwa über das TMB und parallel über die Experten, inklusive unserer Netzwerke. So versuchen wir bei einer Thematik, die für die Schweiz von hohem Interesse ist, gemeinsam unseren Einfluss zur Geltung zu bringen.

Wie ist der aktuelle Stand der Arbeit bei der SNV?

In der Schweiz haben wir ein Strategieorgan mit fünf Pilotprojekten, in denen man aus Schweizer Normungssicht proaktiv festzulegen versucht, wo die Prioritäten gelegt werden müssen. Eines dieser Projekte ist Smart Factory / Industrie 4.0, das bei der Plattform Industrie 2025 angesiedelt wurde. In diesem Gremium sind wir zusammen mit Asut und Electrosuisse präsent, und definieren jetzt, wo welcher Normungsbedarf besteht.

Stossen Sie in unserer Industrie auf mehr Interesse als sonst üblich, wenn es darum geht, am Projekt Industrie 4.0 mitzuarbeiten?

Mit Industrie 4.0 kommen auch neue Fragen auf, und damit können wir eventuell wirklich Firmen oder Experten motivieren, sich auch in der Normung aktiv einzubringen.

Reissen sich die angesprochenen Akteure um ein Mittun?

Nein, das ist im Moment nicht der Fall. Zudem hören wir Stimmen, dass die Schweiz zu wenig aktiv sei im Bereich Industrie 4.0. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass zum Beispiel aus der Kommission für Technologie und Innovation KTI heraus unsere KMU in Bezug auf Industrie 4.0 gefördert werden. Industrie 4.0 ist eine Chance für den Werkplatz Schweiz, die einen noch höheren Automatisierungs- und Individualisierunggrad ermöglicht. Es wäre also sinnvoll, wenn solche Projekte vom Bund eine Anschubfinanzierung im Sinne von Innovationsförderung erhielten. Man sollte bewusst versuchen, die Barrieren zu überwinden, die teilweise bei KMU noch da sind, weil sie das Unbekannte scheuen.

Was möchten Sie noch loswerden?

Wie gesagt: Meiner Meinung nach ist Industrie 4.0 eine grosse Chance für den Werkplatz Schweiz, um konkurrenzfähig produzieren zu können. Wir sollten alles dafür tun, dass wir da den Anschluss nicht verlieren.

Schweizerische Normenvereinigung SNV 8400 Winterthur, Tel. 052 224 54 54 info@snv.ch



Urs Fischer betreut bei der SNV als «Leiter Normung und internationale Beziehungen» die Normungsinitiative zu Industrie 4.0. (Bild: SNV)

Im Profil

Der TR-Interviewpartner

Urs Fischer ist Vizedirektor bei der SNV und «Leiter Normung und internationale Beziehungen» und betreut die Normungsinitiative zum Thema Industrie 4.0. Er hat der «Technischen Rundschau» in einem exklusiven Interview Einblick gewährt in die Arbeit zu diesem Jahrhundertprojekt der Industrie. Dabei hat er auch kritische Fragen beantwortet zu der Rolle, welche die Schweiz international dabei überhaupt spielen kann.