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Ausgabe 10/2017, 13.10.2017

Überraschung: Wir schreiben einen Text

Im Modul «Schreibpraxis» der FHNW Technik lernen angehende Ingenieurinnen und Ingenieure das verständliche Verfassen von Texten. TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich hatte das Vergnügen, im Rahmen des Moduls einen Nachmittag vor Studierenden über die Sinnhaftigkeit von Fachzeitschriften im Zeitalter des Smartphones referieren zu dürfen. Er bricht eine Lanze für die Wichtigkeit des geschriebenen Wortes auch und gerade für den Ingenieurberuf.

Autor: Wolfgang Pittrich

...Ruth Wiederkehr, FHNW

Braucht der Ingenieur im Zeitalter von Smartphone, Tablet und Twitter noch das geschriebene Wort in Form einer Fachzeitschrift? Und falls ja: «Was hat das mit mir zu tun?». Nicht wenigen Studierenden im Hörsaal 5.0H02 der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch stand am 6. Juni diese Frage auf die gefurchte Stirn geschrieben. Und einigen war darob der Kopf so schwer geworden, dass er auf den Schreibtisch gebettet werden musste. Wahrscheinlich, versucht der Chronist dieser Zeilen die Situation zu erklären, liegt es einfach an seinem Auftreten, dass die Studierenden nicht gebannt auf seinen Vortrag lauschen. Oder sollte doch an dem Klischee der kaum lesenden und noch seltener schreibenden Generation etwas dran sein?

Alles Quatsch, meint Ruth Wiederkehr, die als Dozentin an der Hochschule für Technik der FHNW im Modul «Schreibpraxis» unterrichtet: «Wir lesen mengenmässig viel. Die Frage ist nur: Wie und was lesen wir? Und was verstehen wir? Es ist heute – gerade bezogen auf Smartphone und Internet – ein schnelles Lesen, ein Überfliegen von Texten. Deshalb ist das Ausbilden einer Filterkompetenz, was ist seriös und was nicht, enorm wichtig für Studierende.»

Nicht umsonst hat die FHNW das Modul Schreibpraxis bereits seit vielen Jahren als Pflichtfach für die technischen Studienfächer installiert und im Curriculum des zweiten Semesters angesiedelt. Im Fokus der Veranstaltung, die insgesamt rund 60 Stunden umfasst, steht nicht nur die Befähigung, aus der Flut an Informationen die seriösen Quellen herauszufiltern, sondern auch die Frage: «Was ist ein guter Text?» Denn nur die Auseinandersetzung mit Inhalten verhilft zur Befähigung, eigene, lesbare Texte zu verfassen.

Für Roswitha Dubach, ebenfalls Dozentin im Modul Schreibpraxis, ist das Verfassen von lesbaren Texten für Techniker ein Muss: «Das Schreiben ist gerade für einen technischen Beruf sehr essentiell, weil man die Gedanken, die zu einem Produkt oder einer Konstruktion geführt haben, formen und in den richtigen Kontext stellen können muss.» Auch beim Verfassen von Protokollen, Projektberichten oder Gebrauchsanleitungen, so die promovierte Historikerin, «muss ein technischer Sachverhalt einfach und verständlich dargestellt werden».

Eine Tatsache, die viele Technik-Erstsemester teilweise leidvoll erfahren müssen und daher auch überrascht zur Kenntnis nehmen, wie Anita Gertiser als weitere Dozentin für das Modul Schreibpraxis beobachtet: «Wenn die Studierenden hier anfangen, sind sie erstaunt, wie gross der Anteil an Dokumenten ist, die sie verfassen müssen. Oder, wie es einmal ein Student formuliert hat: ‹Schreiben gehört nicht unbedingt zu meinen Hobbys.› Und wenn man bereits im Studium zu den Erstaunten gehört, dann werden sie noch mehr im Berufsleben überrascht werden, wie hoch der Schreibanteil dort ist.»

Sehen die Protagonisten ihr leidgeprüftes Dasein ebenso? Sandro Schwab, Studierender im vierten Semester Elektro- und Informationstechnik, ist bei dieser Frage eher entspannt: «Es ist einerseits ein aufwendiges Modul, weil wir eben viel schreiben müssen. Auf der anderen Seite wäre es wenig zielführend, es nur als lästige Pflichtübung abzutun. Man sollte gerade für eine nichttechnische Disziplin eine gewisse Motivation mitbringen, um auch einen Nutzen daraus zu ziehen.»

Denn die Einsicht, Texte lesbar zu verfassen, ist bei Sandro Schwab durchaus vorhanden: «Wenn ich unseren Fachcoaches zuhöre, dann braucht es lesbare Berichte. Wird beispielsweise ein Projekt gestoppt und ein paar Monate später wieder aufgenommen, müssen nachvollziehbare Projektbeschriebe vorhanden sein, um alle Beteiligten, auch Neueinsteiger, sofort wieder auf den aktuellen Stand zu bringen.»

Fakt ist, dass jenseits aller Quälerei und teilweise auch Unlust das Verfassen verständlicher Texte genauso zum Repertoire eines Ingenieuers gehört wie das Austüfteln und Umsetzen brillanter Ideen. Denn nur, wer sich verständlich ausdrücken kann, hat das, was er erschaffen hat, auch verstanden. Unabhängig davon zeigten sich einige Studierende doch eher erleichtert, als der Chronist seinen Vortrag beendete.

Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Hochschule für Technik, Institut für Geistes- und Sozialwissenschaften
5210 Windisch, Tel. 056  202 99 00
info.technik@fhnw.ch, fhnw.ch/technik/igs



Ingenieure müssen schreiben können: Die beste Erfindung nützt nichts, wenn die Dokumentation dazu mangelhaft oder schlecht verfasst ist. (Bild: Fotolia)


Anita Gertiser, Dozentin Modul Schreibpraxis: «Schreiben braucht es auch als Bewusstseinsprozess, um die eigene Projekt­arbeit in einen sachlichen und zeitlichen Kontext zu stellen.»


Ruth Wiederkehr, Dozentin Modul Schreibpraxis, FHNW.


Roswitha Dubach, Dozentin Modul Schreibpraxis an der FHNW: «Selektives Lesen ist wichtig, denn Studierende müssen eine riesige Informationsflut bewältigen und haben wenig Zeit, sich die richtigen Informationen zu holen.» (Bilder: TR)


Drei Fragen an Ruth Wiederkehr, FHNW

«Inhalte, die man im späteren Berufsleben braucht»

Frau Wiederkehr, Sie unterrichten an der FHNW das Modul Schreibpraxis. Was steckt dahinter?

Die Idee ist, dass Studierende der Fachrichtung Technik mit den Richtlinien, aber auch Gepflogenheiten wissenschaftlichen Arbeitens vertraut gemacht werden. Sie lernen das Recherchieren; sie bekommen vermittelt, wie man seriöse von nicht-seriösen Quellen unterscheidet. Denn die heutige Herausforderung ist ja nicht, an Informationen zu kommen, sondern die Flut der Informationen auf Glaubwürdigkeit zu filtern. Und natürlich geht es in diesem Modul auch darum, diese Informationen dann in lesbare Texte umzusetzen.

Es ist wahrscheinlich nicht ganz einfach, Technik-Studierenden das Schreiben näherzubringen.

Natürlich blicken die Teilnehmer anfangs mit skeptischen Augen und fragen sich, ob man jetzt den Deutschunterricht der Berufsmaturität wiederkäuen muss. Aber davon sind wir weit entfernt. Uns geht es darum, Inhalte zu vermitteln, die man im gesamten Studium und noch weit ausgeprägter im späteren Berufsleben braucht und können muss. Ich fühle mich schon ein wenig bestätigt, wenn Ehemalige kommen und mir sinnbildlich auf die Schulter klopfen und sich bedanken.

Dann haben wir es also durchaus mit einer Generation zu tun, die noch liest und schreibt?

Die ursprüngliche Form des Lesens eines Textes linear von vorne nach hinten ist wahrscheinlich nicht mehr so verbreitet. Aber viele Studierende werden später in der Forschung und Entwicklung tätig sein, wo man sich Wissen anlesen, das angelesene Wissen sortieren und dann in eigenen Worten wiedergeben muss. Noch komplexer sind die Vorgänge beim Thema Dokumentation. Hier muss ich genau belegen können, wie etwas aufgebaut ist, um auch für nachfolgende Generationen eine Konstruktion oder eine Technologie begreif- und nachvollziehbar zu machen.

Am Rande bemerkt

Übung macht den Meister

Im Rahmen des Vortrags von TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich konnten sich die Studierenden des Moduls Schreibpraxis der Hochschule für Technik FHNW selbst als Redaktoren versuchen und bekamen Texte zum Redigieren. Eine gelungene Umsetzung findet sich auf Seite 64. Die daran beteiligten Studenten waren (im Bild von links nach rechts): Simon Rüdiger (2. Semester Systemtechnik), Martin Kuhn (4. Semester Elektro- und Informationstechnik), Valentin Oeschger (2. Semester Systemtechnik) sowie Manuel Käppeli (2. Semester Systemtechnik).