Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 11/2017, 10.11.2017

«Grösste Chance ist die Innovationskraft»

Antriebe sind die Basis einer jeden Industrie. Diese Banalität rückt dann in den Fokus, wenn grossflächige Umwälzungen wie aktuell die Digitalisierung anstehen. Welchen Einfluss diese Entwicklung auf Trends in der Antriebsbranche nimmt, hat die «Technische Rundschau» im Interview mit einem Experten auszuloten versucht. Simon Imhof ist Präsident der Sektion 33 «elektrische Antriebe» des Technologieverbandes SwissT.net sowie Geschäftsleiter der Alfred Imhof AG und damit in der Branche verwurzelt.

Autor: Markus Schmid

Herr Imhof, welche sind in Ihren Augen die gegenwärtig vorherrschenden Trends in der Antriebstechnik?

Es wird vermehrt Intelligenz in den Antrieb gesteckt. Der netzbetriebene Antrieb wird seltener. Immer mehr werden zusätzliche Funktionen wie Sicherheitstechnik, Ansteuerung von komplexen Kinematiken und dezentrales Energiemanagement sehr antriebsnah realisiert. Weiter spüren wir ein Umdenken in Bezug auf die Zustandsüberwachung der Antriebe, also Condition Monitoring. Der Betreiber möchte zunehmend jederzeit den Zustand seines Antriebssystems kennen, um vorzeitig und geplant agieren zu können. Dies geht soweit, dass auch während einer Wartung nur die wirklich nötigen Komponenten instand gesetzt werden.

Welche Trends sind neu, welche gibt es schon länger?

Der Trend zur Dezentralisierung besteht schon seit rund 20 Jahren. Damals wurden die ersten dezentralen Frequenz-umrichter auf Antrieben verbaut. In den letzten 10 bis 15 Jahren wurde zunehmend auch die «Intelligenz» dezentralisiert. Wir sehen immer weniger nur einen Hauptrechner, der alle Steuerungsfunktionen übernimmt. Immer öfter werden Teilaufgaben im lokalen Antriebsstrang gelöst. Neu sind wir auch mit dem dezentralen Energiemanagement konfrontiert. Mobile Fördereinrichtungen erfordern ein Umdenken in diesem Bereich.

Wenn Sie einen langfristigen Ausblick wagen: Wohin geht die Reise, welche Aspekte gewinnen am meisten an Bedeutung?

Die nächsten grossen Herausforderungen sehe ich in der Änderung der Gesellschaft. Dies meine ich nicht negativ – unsere Gesellschaft ändert sich fortlaufend. Es gibt aber einen Trend, der die Mehrzahl der Unternehmen direkt betrifft: die Individualisierung des Produktes bei gleichbleibendem Kostendruck. Eine Vielzahl von Produkten lässt sich heute auf die eigenen Bedürfnisse anpassen. Das bedeutet für Unternehmen, dass die Variantenvielfalt in der Produktion enorm zunimmt. Dies ist mit dem klassischen Ansatz der starren Produktionsstrecken nicht mehr zu realisieren. Eine weitere grosse Herausforderung ist die Umsetzung der Energiestrategie 2050 oder generell der sorgsame Umgang mit Energie. Auch hier erwarte ich Entwicklungen, die weit über die reine Effizienzsteigerung bei Elektromotoren hinausgeht, so wie sie in der EN 50598 als Eco- design beziehungsweise Wirkungsgradklassen für Motorsysteme beschrieben wird.

Wo sehen Sie die grössten Chancen?

Die grössten Chancen für den Werkplatz Schweiz sehe ich in der enormen Innovationskraft. Wir sind gewohnt, auf Marktänderungen schnell zu reagieren. Die Schweiz ist bekannt für eine gesunde KMU-Landschaft mit vielen Firmen, die hochspezialisierte Anlagen weltweit verkaufen. Sicher hat die Aufhebung des Eurokurses durch die SNB viele Firmen enorm gefordert. Die meisten Firmen konnten aber auch diese Hürde meistern.

Welches sind aus heutiger Sicht die grössten Herausforderungen für Anbieter und Hersteller von E-Antrieben?

Für Schweizer Unternehmen stellt sich die Herausforderung, dass sie bei zunehmend globalisierten Märkten ihren Service und Handel darauf einstellen müssen. Global agierende Kunden möchten ihr Engineering in der Schweiz belassen und die Produktion in Tieflohnländer verlagern.

Ändert die Digitalisierung etwas daran?

Ich denke, sie wird ein wesentlicher Treiber für neue Entwicklungen und Produkte sein. Der klassische elektromechanische Antrieb wird in Zukunft weniger gefragt sein. Ich erwarte eine wesentliche Änderung speziell im Bereich der Intralogistik. Wie bereits erwähnt, werden viele Produktionsfirmen gezwungen sein, auf die starre Fördertechnik in wesentlichen Teilen ihrer Unternehmung zu verzichten – dort werden künftig mobile Fördereinrichtungen zum Einsatz kommen. Nur so können die verschiedensten Varianten eines Produkts kostengünstig produziert werden. Wir als Anbieter müssen uns den neuen Gegebenheiten anpassen. Neben neuen Produkten werden wir auch vermehrt Dienstleistungen anbieten müssen, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Bringen die Antriebe der höheren Energieeffizienzklassen IE 3 und IE 4 das, was von ihnen erwartet wird?

Dazu kann ich keine pauschal gültige Aussage machen. Es gibt viele Fälle, in denen der Einsatz eines energieeffizienten Motors durchaus Sinn macht und sich auch rechnet, vor allem bei Dauerläufern mit konstanter Last und nahe dem Nennmoment des Motors betrieben. Wird der Motor nur im Teillastbereich betrieben, kann sich dies auch negativ auswirken. Zum Erreichen hoher Wirkungsgrade muss mehr aktive Masse – etwa Kupfer – im Motor verbaut werden. Das macht diesen natürlich schwerer und beeinflusst das Motormassenträgheitsmoment. Bei taktenden Antrieben wirkt sich gerade die höhere Massenträgheit des Rotors negativ aus, da sie bei jedem Start hochbeschleunigt werden muss. So steigt dann der Energieverbrauch eines IE 3- oder IE 4-Motors über den eines vergleichbaren IE1-Motors.

Ist bei IE 4 Schluss und IE 5 ein Papiertiger oder in der Praxis ein Thema?

IE 5 steht zwar zur Diskussion, aber ich glaube nicht, dass wir in den nächsten Jahren effektiv Asynchronmotoren auf dem Markt sehen werden, die diese Hürde meistern.

Swiss Technology Network (SwissT.net)
8604 Volketswil, Tel. 044 947 50 90
info@swisst.net

Alfred Imhof AG
4142 Münchenstein, Tel. 061 417 17 17
info@imhof-sew.ch



Simon Imhof ist Präsident der Sektion 33 «elektrische Antriebe» beim Branchenverband SwissT.net. (Bild: Imhof AG)