Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 12/2017, 08.12.2017

«Wir bieten alles aus einer Hand»

Die Oberflächenveredelung durch Gleitschleifen hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Denn neben der Verbesserung der Optik lassen sich auch ganz gezielt die Eigenschaften eines Werkstücks positiv beeinflussen. Das gilt speziell für Klein- und Kleinstteile. Ein führender Spezialist auf diesem Gebiet, die Polyservice AG, feierte in diesem Jahr den 50. Geburtstag. Grund genug für die «Technische Rundschau» mit Geschäftsführer Eugen Jacot und Verkaufsleiter Francis Müller das Gespräch zu suchen.

Autor: Wolfgang Pittrich

Die Polyservice AG ist nach eigenen Worten «Marktleader im Bereich des hochpräzisen Gleitschleifens von Klein- und Kleinstteilen». Was es damit genau auf sich hat und welche Herausforderungen sich für die Gegenwart und Zukunft daraus ableiten lassen, wollte TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich im persönlichen Gespräch eruieren. Wie so oft in der Schweiz, residiert der führende Nischenplayer nicht in einem prunkvollen Industriepalast, sondern in einem nüchternen Zweckbau. Das spiegelt durchaus das Selbstverständnis des Unternehmens wider: Es geht nicht um Aussenwirkung, sondern um den Dienst am Kunden.

Polyservice-Verkaufsleiter Francis Müller empfängt den Besucher im Ausstellungsraum, ebenfalls zweckmässig und ohne Schnickschnack gestaltet. Später gesellt sich Geschäftsführer Eugen Jacot hinzu, der auch Sohn des Polyservice-Gründers Simon Jacot ist.

Herr Jacot, Ihr Unternehmen feiert in diesem Jahr 50-jähriges Bestehen. Gibt es ein besonderes Highlight in der Firmen-historie?

Jacot: Ein einschneidendes und prägendes Erlebnis war sicherlich der Umzug 1978 hierher nach Lengnau. Danach hat sich die Firma sehr rasch vergrössert und weiterentwickelt. Begonnen hatte eigentlich alles 1967 in Zürich, als sich mein Vater als Ein-Mann-Zulieferbetrieb im Bereich Oberflächenbearbeitung speziell für die Uhrenindustrie selbstständig gemacht hatte. Er hatte damals bereits das Potenzial für das Gleitschleifen von kleinsten Teilen erkannt.

Aber der Durchbruch als führender Anbieter auf diesem Gebiet kam erst mit dem Umzug nach Lengnau?

Jacot: Wir starteten hier in Lengnau mit fünf Mitarbeitern und eigentlich nur einer Modellreihe, den Vibratoren. Nach und nach ergänzten dann die Teller- und Satellitenfliehkraftanlagen das Portfolio. Heute betreuen 23 Mitarbeiter eine aus fünf Modellreihen bestehende Produktefamilie, die weltweit vertrieben wird.

Müller: Ähnlich entwickelte sich der Verkauf und damit auch die Regionen und Branchen. Waren wir anfangs zu 100 Prozent von der Uhrenindustrie abhängig, sind es jetzt vielleicht noch 35 bis 40 Prozent. Mittlerweile bieten wir Gesamtlösungen rund um das Entgraten und Polieren von Klein- und Kleinstteilen im Schüttgut an. Unsere Anlagen hören mit einem Fassungsvermögen von maximal 60 Liter dort auf, wo die meisten anderen Anbieter erst anfangen.

Jacot: Wir sehen uns auch nicht als klassischer Produktionsbetrieb oder Maschinenbauer. Einerseits, weil wir die Teile im Umkreis von rund 50 Kilometer von Zulieferern beziehen und hier vor Ort nur montieren. Andererseits, weil wir zu den Maschinen einen weitreichenden Service anbieten bis hin zum Verbrauchsmaterial. Vor allem der Bereich Verfahrensanalyse und Versuchslabor spielt für die Kundenansprache eine sehr grosse Rolle. Im Gleitschleifsektor können wir daher alles aus einer Hand offerieren.

Beim Rundgang durch das Firmengebäude wird ersichtlich, was Eugen Jacot mit «alles aus einer Hand» meint. Den grössten Teil der Räumlichkeiten nehmen Hochregallager ein, in denen sich Maschinenelemente und Verfahrensmittel jeglicher Form und jeglichen Materials stapeln. Das geht vom Schleifkörper für Keramik-, Metall- und Kunststoffanwendungen über abrasive Schleifmittel bis hin zu chemischen Verfahrensmitteln – alles speziell auf die Finishbearbeitung von Oberflächen ausgelegt.

Ausgetüftelt, getestet, optimiert und für gut befunden werden die Verbrauchsmittel im eigenen Versuchslabor. Drei der 23 Mitarbeiter kümmern sich ausschliesslich um die Verfahrensanalyse im Kundenauftrag. Dazu gehört auch, dass immer wieder neue Formen und Werkstoffe für die Gleitschleifmittel getestet werden. Bei den Compounds kommen die Rezepturen ausnahmslos aus dem eigenen Haus. Die angebotenen Produkte sind biologisch abbaubar.

Wie wichtig sind die Schleifmittel im Kontext des gesamten Oberflächenfinishings?

Müller: Genauso wichtig wie Präzisionswerkzeuge beim Einsatz in der Metallzerspanung. Wir müssen Maschine und Verbrauchsmittel so abstimmen, dass im Zusammenspiel genau das Ergebnis entsteht, das der Kunde wünscht.

Jacot: Nehmen wir als Beispiel eine Achse mit Querbohrung, die entgratet werden muss. Das können Sie nicht mit einem X-beliebigen Schleifmittel durchführen. Wir müssen immer exakt den Bearbeitungsfall betrachten und dann die Maschine und das Verbrauchsmittel auswählen. Wir bieten deshalb nur kunden- oder teilespezifische Lösungen an. Sogar wenn wir von zwei verschiedenen Kunden ein gleiches Teil bekommen, wird es zwei verschiedene Lösungen geben.

Ist dieser gesamtheitliche Ansatz ein Alleinstellungsmerkmal?

Jacot : Es ist das A und O. Wir liefern die Beratung sozusagen immer frei Haus mit den Anlagen, und auch darüber hinaus stehen wir dem Kunden zur Verfügung.

Eine Aussage, die noch an Wert gewinnt, wenn man bedenkt, dass keine direkte Ausbildung für die Oberflächenveredelung existiert. Die Erfahrung und das Know-how des Anlagenherstellers ist daher ausschlaggebend für das Endergebnis beim Kunden. Wie sehr dieses gelebte Wissen in der Praxis ankommt, zeigt sich auch daran, dass mittlerweile die Wertschätzung für die Oberflächenbehandlung durch Gleitschleifen bei den Kunden deutlich gestiegen ist.

Waren früher oftmals nur ungelernte Mitarbeiter mit dem «notwendigen Übel Gleitschleifen» betraut, erfährt dieser Prozess heute eine ganz andere Wertschätzung: Die Anwender haben erkannt, dass damit die Eigenschaften von Werkstücken gezielt beeinflusst werden können; das Entgraten bildet dabei nur ein kleines Spektrum der Möglichkeiten. Speziell wenn es um dezidierte Oberflächenbeschaffenheit wie Glätte, Rauheit, Strukturen oder Sauberkeit geht, ist das Gleitschleifen gerade für grosse Stückzahlen ein nahezu alternativloses Fertigungsverfahren.

Gibt es den Fall, dass Kunden mit einem unspektakulären Problem zu Polyservice kommen und dann mit einem totalen Aha-Erlebnis in punkto Prozessverbesserung wieder gehen?

Jacot: Das geschieht sogar relativ oft und ist auch verständlich. Denn wenige Kunden wissen, welche Dynamik ein optimierter Gleitschleifprozess freisetzen kann. Wir können aufzeigen, welche produktverbessernden Eigenschaften unsere Prozesse bewirken, und wo die Grenzen des Verfahrens wirklich liegen.

Müller: Ich hatte vor Kurzem Kontakt zu einem Kunden, der das Gleitschleifen komplett aus der Fertigung verbannen wollte. Nach einigen Gesprächen und Versuchen ist man nun zum Schluss gekommen, diese Abteilung sogar auszuweiten.

Jacot: Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Anforderungen an das Gleitschleifen in den letzten zehn, zwanzig Jahren deutlich gestiegen sind. Wir können zeigen und auch nachweisen, dass wir diesen Anforderungen gerecht werden und in Zusammenarbeit mit den Kunden entsprechende Lösungen umsetzen.

Maschinenseitig bietet Polyservice für diese Herausforderungen drei Maschinentypen an. Keimzelle sind die Rund- und Mikrovibratoren, mit denen das Unternehmen gross geworden ist. Diese polyvalenten Maschinen decken ein breites Einsatzgebiet ab, was unter Umständen auf Kosten der Prozesszeiten gehen kann. Um diese Lücke zu schliessen, entwickelten die Polyservice-Konstrukteure die Fliehkraftanlagen, die aufgrund ihrer hohen Zentrifugalkräfte die Bearbeitungsgeschwindigkeit deutlich nach oben schrauben.

Allerdings gibt es auch hier eine Einschränkung: Sie zielen primär auf das Veredeln der Oberfläche; innenliegende Konturen werden kaum erreicht. Oftmals kommen deshalb kombinierte Anlagen zum Einsatz, wo Fliehkraftanlagen die Vorbearbeitung erledigen und Vibratoren das Finishing. Eine generelle Faustformel, welche Anlage für welchen Einsatzzweck geeignet ist, gibt es aus diesem Grund nicht.

Wo sehen Sie die zukünftigen Herausforderungen für Ihr Unternehmen?

Jacot: Wir müssen uns zunehmend mit neuen Werkstoffen und neuen Technologien auseinandersetzen. Dazu gehören Composites und Keramikwerkstoffe genauso wie additiv gefertigte Teile, sowohl in metallischer wie Kunststoffausführung.

Ich bin ein wenig überrascht: Warum werden Sie gerade mit dem Thema additive Fertigung konfrontiert?

Jacot: Die Herausforderung liegt meist in den Anlieferungszuständen. Die Oberflächen sind sehr rau und uneben. Und da beissen wir uns noch ein wenig die Zähne aus, um auf die geforderten Oberflächenqualitäten zu kommen.

Das heisst, die Teilefertiger möchten die im Anschluss an das 3D-Printing eigentlich notwendige Zerspanungsoperation überspringen und die fertige Oberfläche rein durch Gleitschleifen erreichen?

Müller: So kann man es sehen. Zwar werden die additive gefertigen Teile immer besser, aber es ist schon eine Herausforderung für uns, hier zu einer befriedigenden Lösung zu kommen.

Trotz Marktführerschaft in der Nische der Oberflächenveredelung von kleinen und kleinsten Teilen ist Polyservice von der Wechselkursfreigabe und damit dem Höhenflug des Frankens seit Anfang 2015 betroffen gewesen. Als Schweizer Unternehmen mit hohem Swissness-Anteil musste man unter anderem kursbedingte Euro-Rabatte gewähren; immerhin kommen die Kunden zu rund 50 Prozent aus dem Ausland. Diese Durststrecke ist mittlerweile überwunden. Schwieriger dagegen scheint die Antwort auf die Frage, ob und wie es sich lohnt, neue Märkte anzugehen. Das beratungsintensive Geschäft lässt seriös eigentlich nur eine sehr vorsichtige Expansionspolitik zu.

Wie stehen die Chancen, neue Märkte zu erschliessen?

Müller:Unser Anspruch ist, jeden Kunden weltweit so zu betreuen, wie wir es auch bei den Schweizer Kunden praktizieren. Denn sonst wären wir nur einer von vielen Anbietern. Das schliesst eine unkontrollierte Expansion schon aus Kapazitätsgründen aus. Also: Lieber vernünftig wachsen, um unseren Kunden nach wie vor den besten Service bieten zu können. Und wir haben vor unserer Haustüre, sprich: in Europa, noch genügend Potenzial.

Jacot:Die Qualitätsanforderungen der Hersteller von Mikroteilen aus verschiedensten Materialien werden immer komplexer. Diesen Ansprüchen gerecht zu werden, ist unsere Herausforderung für die Zukunft.

Polyservice AG
2543 Lengnau, Tel. 032 653 04 44
info@polyservice.ch



Eugen Jacot (links), Geschäftsführer, und Francis Müller, Verkaufsleiter der Polyservice AG: «Wir müssen uns zunehmend mit neuen Werkstoffen und Technologien auseinandersetzen. Dazu gehören Composites und Keramikwerkstoffe genauso wie additiv gefertigte Teile. (Bilder: TR)