Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 12/2017, 08.12.2017

Schweizer – Roboter-Boom – blüht im Verborgenen

Die Roboterbranche boomt. Dies geht aus dem jüngst veröffentlichten Bericht der International Federation of Robotics IFR zum Jahr 2016 hervor. Er belegt, dass in diesem Zeitraum mehr Industrieroboter installiert wurden denn je – auch in der Schweiz. Hierzulande allerdings herrscht Funkstille, wenn es um aktuelle Zahlen aus dieser Branche geht. Die «Technische Rundschau» versucht, Aufklärung zu leisten.

Autor: Markus Schmid Redaktion «Technische Rundschau»

Ganz nach dem Motto «Tue Gutes und sprich davon» könnte man mit Blick auf gute Selbstvermarktung sagen: «Schreibe gute Zahlen und sprich davon». Dies, müsste man meinen, sollte auch für den wichtigsten Zusammenschluss der Schweizer Robotikbranche gelten, die Sektion 42 «Robotics & Systeme» des Verbandes Swiss Technology Network (SwissT.net). Auf ihrer Homepage wenigstens wirbt die Organisation mit folgenden Worten: «Die Sektion 42 ist ein Zusammenschluss aller relevanten Hersteller, Handelsgesellschaften und Systemintegratoren von Industrieroboteranlagen und -komponenten in der Schweiz und verfolgt das Ziel, Robotikinteressen zu verdichten, Kräfte zu bündeln und nach aussen stark und geeint als Interessenverbund aufzutreten.» Und weiter: «Die Sektion 42 fördert den Stellenwert und das Image von Robotern in der Industrie und im Gewerbe und zeigt auf, wie die Marktfähigkeit durch Robotereinsatz gesteigert werden kann. Unter dem Namen SwissRobotics.net betreibt sie Gemeinschaftsmarketing für das Thema Robotik und tritt für die Sache gemeinsam in Medien auf.»

Wer auf SwissRobotics.net unter dem Menüpunkt Argumente weiterliest, dem werden diese auch geliefert: Roboter sichern den Produktionsstandort, garantieren hohe Qualität, ermöglichen eine hohe gleichbleibende Fertigungsqualität und retten so oft Arbeitsplätze, zudem reduzieren sie Fälle von Berufs­invalidität und fördern eine humane Arbeitsplatzgestaltung.

Tatsache ist jedoch auch, dass von SwissRobotics.net keine Zahlen zum Schweizer Robotermarkt zu erhalten sind. Der Präsident der Sektion 42, Werner Erismann, erklärt auf die Anfrage der «Technischen Rundschau», diese Zahlen habe man bis etwa 2012 in Form einer Statistik erhoben. Von Seite renommierter Hersteller aus dem Robotics-Bereich sei dann gefordert worden, diese Praxis abzustellen. Als Gründe für diese Forderung seien unter anderem hauseigene Compliance-Regeln genannt worden.

Diesem Antrag sei die Mehrheit der Sektionsmitglieder in einem demokratischen Entscheid gefolgt, so Werner Erismann weiter (siehe auch Interview im Kasten auf der folgenden Seite). Seither werden in der Schweiz keine Absatzstückzahlen mehr kommuniziert. Brancheninsider munkeln, dass es sich bei den Herstellern um ABB und Stäubli gehandelt haben soll.

Solche Zahlen existieren trotzdem sehr wohl: Laut dem eingangs erwähnten Bericht der Internationalen Vereinigung der Roboterhersteller IFR, in der notabene ABB und Stäubli Mitglieder sind, wurden in der Schweiz 2016 mit 805 Einheiten mehr neue Industrieroboter installiert als je zuvor. Das sind 10 Prozent mehr als im Vorjahr und markiert gleichzeitig einen neuen Rekordwert. Damit befindet sich die Schweiz auf dem Weltranglistenplatz Nr. 30 des IFR-Rankings.

Absatzrekord in der Schweiz

Hier in der Folge die weiteren Erkenntnisse der IFR-Studie zum Werkplatz Schweiz: Die Roboterdichte in der Fertigungsindustrie beträgt inzwischen 128 Roboter pro 10 000 Werker. Auf die wichtigsten Einsatzgebiete verteilen sich die neu installierten Roboter hierzulande wie folgt: Die meisten, nämlich 62 Prozent, werden im Bereich Handling eingesetzt, gefolgt vom Bereich Schweissen mit 6 Prozent. Wenn es um den Einsatz in den verschiedenen Industrien geht, führt die Metallindustrie – inklusive Automotivebereich – mit 31 Prozent vor der Kunststoff- und Chemieindustrie mit 25 Prozent.

Der Schweizer Robotergesamtbestand per Ende 2016 beträgt laut Studie rund 6800 Stück, was einem Plus von 8 Prozent gegenüber 2015 entspricht. Die durchschnittliche Wachstumsrate für die pro Jahr neu installierten Einheiten (CAGR) von 2011 bis 2016 beträgt plus 7 Prozent, für die Bestandszunahme beträgt diese Rate im identischen Zeitraum plus 4 Prozent.

Die Prognose für das aktuelle und die kommenden Jahre lautet gemäss IFR wie folgt: Die Schweizer Wirtschaft hat im Frühjahr 2017 wieder Fahrt aufgenommen und viele Unternehmen erwarteten im Laufe des Jahres 2017 eine Zunahme der Exporte, da die Wirtschaftsbeziehungen mit den wichtigsten Handelspartnern, den EU-Mitgliedern und der USA, reibungslos verlaufen. Schweizer Unternehmen werden weiter in die Robotik und in die Automatisierung investieren, um die Kosten zu reduzieren und die Produktivität zu steigern. Zwischen 2017 und 2020 ist eine kontinuierliche Zunahme der Roboterverkäufe in der Schweiz wahrscheinlich. Wesentlicher Aspekt der Aussagen im IFR-Bericht: Es handelt sich immer um zwar als «geschätzt» (estimated) bezeichnete, aber erhärtete Werte, die beispielsweise doppelte Zählung und ähnliche Fehler ausschliessen. Die Nachfrage der «Technischen Rundschau» im Sektretariat der IFR in DE-Frankfurt ergab, dass die Statistikabteilungen der Mutterhäuser der Roboterhersteller, die allesamt Mitglieder der IFR sind, ihre abgesetzten Stückzahlen pro Land inklusive Konstruktionstyp und geplanter Einsatzart melden.

Eine gewisse Unschärfe ergibt sich, wenn Roboter zwar in ein Land verkauft, aber von da in ein weiteres Land exportiert werden und erst dort – etwa als Teil einer ganzen Anlage oder eines Werks – installiert werden. Bei der IFR wird betont, dass die Hersteller grössere Kontingente melden, bei denen eine solche Weiterlieferung schon aus dem Auftrag klar werde. So bleibe nur eine sehr geringe Anzahl nicht korrekt zugeordneter Einheiten.

Zu guter Letzt bleibt noch zu erwähnen, dass Werner Erismann die vom IFR für die Schweiz erhobenen Zahlen als deutlich zu tief einschätzt. Dies leuchtet ein und mag möglicherweise auch daran liegen, dass Stäubli dem IFR keine Zahlen meldet.

Swiss Technology Network (SwissT.net)
8604 Volketswil, Tel. 044 947 50 90
info@swisst.net



Werner Erismann, Präsident der Sektion 42 «Robotics & Systeme» von SwissT.net. (Bild: Erismann)


Fünf Fragen an Werner Erismann, SwissT.net

«Das Realisieren von Lösungen ist viel wichtiger als Marktzahlen»

Herr Erismann, Sie sind Präsident der Sektion 42 «Robotics & Systeme» des Branchenverbandes SwissT.net. Welchen Stellenwert hat Ihre Sektion in der Roboterlandschaft der Schweiz?

In der Sektion 42 «Robotics & Systeme» von SwissT.net und damit auf der Gemeinschaftsmarketingplattform «SwissRobotics.net» sind die weltweit wichtigsten Roboterhersteller mit Niederlassung in der Schweiz vertreten. Hinzu kommen die Systemintegratoren mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich industrielle Automatisierung und Robotics. Der Stellenwert der Mitgliedschaft in unserer Sektion ist bei Firmen, die auf Professionalität grossen Wert legen, hoch, weil sie so ihre langjährige Erfahrung im Anlagensystembau belegen können.

Ihre Organisation wirbt mit markigen Worten für sich, will «Robotikinteressen verdichten, Kräfte bündeln und nach aussen stark und geeint als Interessenverbund auftreten». Weiter will sie «den Stellenwert und das Image von Robotern in Industrie und Gewerbe fördern und aufzeigen, wie die Marktfähigkeit durch Robotereinsatz gesteigert werden kann». Wir meinen, ein wesentlicher Aspekt, um die Bedeutung einer Branche zu belegen und für sie zu werben, sind Marktzahlen. Die fehlen jedoch. Wie sehen Sie dies?

Seit über dreissig Jahren beschäftige ich mit Robotics, habe einen Grosseteil meines Lebens damit verbracht und bin heute noch mit meiner Firma Erismann Consulting – Robotics & Automation intensiv damit beschäftigt. Die rasante Entwicklung in der Robotics-Anwendung zeigt ganz deutlich, wohin der Weg führt: Die Stückzahlen steigen, die Preise sinken. So wird es auch für KMU erschwinglich, Roboter einzusetzen. Da frage ich Sie: Sind denn die Marktzahlen so wichtig? Das ist doch für die Schweiz nicht von so grosser Bedeutung. Viel wichtiger ist, dass die Firmen von der Automatisierung mit irgendeinem Roboter überzeugt werden können!

Konkret: Vonseiten Ihrer Organisation existieren keine öffentlichen Zahlen zum Schweizer Robotermarkt, weil Mitglieder die Veröffentlichung verhindern. Aus welchen Gründen?

Diese Zahlen werden von den Niederlassungen unter Verschluss gehalten. Sie folgen firmeninternen Weisungen, die zu akzeptieren sind. Gründe dafür gibt es einige, etwa Zurückhaltung im Wettbewerb oder einfach die Geheimhaltung.

Erweisen sie der Sache des Roboters so nicht einen Bärendienst?

Das sehe ich nicht so. Von Stückzahlen lässt sich der Schweizer Industrielle nicht beeinflussen. Viel wichtiger ist es, dass er sicher sein kann, ein geeignetes System anzuschaffen.

Die TR publiziert die von der International Federation of Robotics IFR erhobenen Zahlen zum Schweizer Markt, die für 2016 mit 805 Einheiten einen neuen Rekord ausweisen. Was sagen Sie dazu?

Diese Zahl erscheint mir zu tief. Nach meiner Einschätzung wurden im Jahr 2016 hier zwischen 900 und 1000 Einheiten verkauft. Auch deshalb, weil es heute äusserst kostengünstige Roboter gibt, die in ganz verschiedenen Betrieben eingesetzt werden, in denen diese Art der Automatisierung vor kurzer Zeit noch undenkbar war. Die Handhabung ohne Schutzeinrichtung macht es möglich. Das Erfassen dieser Einheiten ist schwierig, weil sie wie Pilze aus dem Boden schiessen. Aber wie gesagt: Das Realisieren von Lösungen ist viel wichtiger als Marktzahlen!

dass die hiesige Roboterbranche keine Marktzahlen veröffentlicht sehen will, witterte ich ausschliesslich Schweizer Kleingeist und argwöhnte, es gehe lediglich darum, den «Marktbegleitern» nur ja keine Informationen zukommen zu lassen. Dieser Eindruck verflüchtigte sich im Verlauf der Recherche. Tatsache ist jedoch, dass die Robotikbranche immer dann gleich in Deckung geht, wenn sie fürchtet, dem Totschlagargument der Arbeitnehmerseite vom Arbeitsplatzkiller Roboter zu begegnen. Dies stösst zwar in der Branche auf allgemeine Zustimmung. Ich finde jedoch, man sollte die positiven Aspekte des Robotereinsatzes proaktiv nach aussen kommunizieren: Produktivitässteigerung, Halten der Industrie und von Arbeitsplätzen am teuren Standort Schweiz. Dazu würde auch gehören, darzustellen, wenn es mit der Branche vorwärtsgeht. Ich verstünde dies als positives Signal für die Industrie hierzulande.

Meine Meinung

Als ich erfuhr, dass die hiesige Roboterbranche keine Marktzahlen veröffentlicht sehen will, witterte ich ausschliesslich Schweizer Kleingeist und argwöhnte, es gehe lediglich darum, den «Marktbegleitern» nur ja keine Informationen zukommen zu lassen. Dieser Eindruck verflüchtigte sich im Verlauf der Recherche. Tatsache ist jedoch, dass die Robotikbranche immer dann gleich in Deckung geht, wenn sie fürchtet, dem Totschlagargument der Arbeitnehmerseite vom Arbeitsplatzkiller Roboter zu begegnen. Dies stösst zwar in der Branche auf allgemeine Zustimmung. Ich finde jedoch, man sollte die positiven Aspekte des Robotereinsatzes proaktiv nach aussen kommunizieren: Produktivitässteigerung, Halten der Industrie und von Arbeitsplätzen am teuren Standort Schweiz. Dazu würde auch gehören, darzustellen, wenn es mit der Branche vorwärtsgeht. Ich verstünde dies als positives Signal für die Industrie hierzulande.

Markus Schmid, Redaktion «Technische Rundschau»