Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 02/2017, 17.02.2017

«Kollaborierende Roboter werden stark zulegen»

Kollaborierende Roboter sind auf dem Vormarsch. Aber nicht jeder dieser Roboter hält, was seine Hersteller versprechen. Das ist jedenfalls die Meinung von Fanuc, dem weltgrössten Produzenten von Industrierobotern. Wir sprachen mit Pierre Rottet, Verkaufsleiter Roboter, und Verkaufsingenieur Michael Schüpbach von der Fanuc Switzerland GmbH über Mogelpackungen und die Zukunftsaussichten der stählernen Kollegen.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Rottet, Fanuc hat 2015 zur Hannover Messe den weltweit schwersten kollaborierenden Roboter in den Mark gebracht, mit 35 Kilogramm Tragkraft und einem Arbeitsradius von 1813 Millimeter. Der «CR-35iA» markierte zugleich den Einstieg von Fanuc in diesen Zukunftsmarkt. Sieht man sich als Technologieführer bei den kollaborierenden Robotern?

Rottet: Wenn es um industrielle Anwendungen und Einsatzmöglichkeiten geht, würde ich sagen: Ja.

Sie legen grossen Wert auf das Wörtchen «industriell». Warum?

Rottet: Weil hier ganz bestimmte Eigenschaften gefordert sind wie beispielsweise die Schutzklasse IP 67 oder eine hohe Wiederholgenauigkeit bei den Bewegungen sowie schnelle Verfahrgeschwindigkeiten. Unsere kollaborierenden Roboter erzielen ähnliche Werte wie die konventionellen Industrieroboter. Das kann man von Wettbewerbsprodukten nicht unbedingt behaupten.

Schüpbach: Ausserdem wird Fanuc das Produktportfolio fortlaufend mit weiteren kollaborativen Robotern ergänzen, welche über die gleichen industriellen Eigenschaften, Reichweiten und Nutzlasten verfügen wie die existierenden Industrie-, Reinraum- und Food-Roboter. Somit steht für jeden Anwendungsfall eine eigene Modellreihe zur Verfügung.

Über welche Besonderheiten verfügt der CR-35iA sonst noch, abgesehen von der grünen Farbe?

Rottet: Die Farbgebung hat durchaus einen ernsten Hintergrund, denn Untersuchungen haben gezeigt, dass die grüne Farbe als freundlich und beruhigend wahrgenommen wird. Entscheidend für die direkte Zusammenarbeit mit dem Menschen ist allerdings die Sensorik in Kombination mit mechanischen Systemen, die im Fuss des Roboters verbaut sind. Sie garantieren die Sicherheit, die ein Roboter dieser Grössenordnung mitbringen muss, um ihn überhaupt als kollaborierenden Roboter einsetzen zu können.

Schüpbach: Auf der anderen Seite kann er genauso wie jeder andere Fanuc-Roboter im industriellen Einsatz genutzt werden; wie schon gesagt, mit den ähnlichen Parametern und Eigenschaften. Diese Mehrgleisigkeit zeichnet die grünen Fanuc-Roboter sicherlich im Wettbewerbsvergleich besonders aus.

Apropos Wettbewerb: Sie wehren sich gegen bestimmte Aussagen von Marktbegleitern, welche ihre Roboter mit dem Attribut «kollaborierend» versehen, obwohl sie es aus Fanuc-Sicht gar nicht sind.

Rottet: Es geht im Grunde darum, dass vor allem ein namhafter Hersteller Technologien nutzt, die bereits seit Jahren auf dem Markt sind, um aus einem herkömmlichen Industrieroboter einen quasi-kollaborierenden Roboter zu machen.

Schüpbach: Es werden Soft- und Hardware genutzt, wie beispielsweise Lichtschranken, um den Anschein eines kollaborierenden Roboters zu erwecken. Diese Art von Schutzmechanismen haben wir mit dem «Dual Check Safety»-System bereits seit rund acht Jahren im Einsatz. Mithilfe von DCS lassen sich der Roboter und seine Peripherie so integrieren, dass ein sicherer Betrieb gewährleistet ist. Es sind also in der Interaktion mit dem Menschen keine mechanischen Schutzeinrichtung mehr notwendig.

Rottet: Wir sprechen hier aber nicht von einem kollaborierenden Roboter.

In diesem Zusammenhang wäre es hilfreich, den Terminus «kollaborierender Roboter» näher zu definieren.

Rottet: Nach unserem Dafürhalten sind kollaborierende Roboter komplexe Maschinen, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten können, ohne weitere Schutzeinrichtungen oder -massnahmen.

Schüpbach: Die Norm ISO/T 15066 definiert verschieden Kollaborationskonzepte und beschreibt die Voraussetzungen, die es braucht, um diese zu erfüllen. So muss der Roboter ohne zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen selbstständig und sicher halten, sollte dieser mit einem Menschen in Kontakt geraten. Diese Interaktion muss direkt vom Roboter gesteuert werden und nicht durch externe Einrichtungen.

Rottet: Zudem verfügt der kollaborierende Roboter über entsprechende Intelligenz, sprich: Sensorik, um sich nach einem Stop eigenständig weiterzubewegen oder – als mögliche Option – vom Bediener geführt zu werden.

Würden Sie sich seitens der Industrie also ein genaueres Hinsehen wünschen, wenn es um kollaborierende Roboter geht?

Rottet: Die Industrie sollte sich möglichst mehr und besser darüber informieren, was das Thema kollaborierende Roboter technologisch beinhaltet und welchen wirtschaftlichen Nutzen man daraus ziehen kann, wenn man in entsprechende Systeme investiert.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Systemintegratoren? Sollten diese sich auch mehr dem Thema widmen und öffnen?

Schüpbach: Es ist sicherlich auch Aufgabe der Roboterhersteller, die Systempartner entsprechend zu informieren und zu unterstützen. Dabei sollte auch vermittelt werden, welche neuen Anlagenkonzepte mit den kollaborierenden Robotern jetzt möglich sind, die früher undenkbar waren.

Bei so viel Potenzial ist die Frage angebracht: Wie schätzen Sie die nahen Zukunftsaussichten der kollaborierenden Roboter ein?

Rottet: Diese Frage möchte ich mit einem Ausspruch beantworten, den Dr. Y. Inaba, Präsident des Fanuc-Konzerns, anlässlich der letztjährigen Automations- und Robotermesse Automatica in München getan hat, dass in rund zehn Jahren die Hälfte aller verkauften Fanuc-Roboter grün und somit kollaborativ sein werden.

Schüpbach: Nicht umsonst exisitieren bereits vier Baugrössen von kollaborierenden Fanuc-Robotern: der CR-35iA mit 35 Kilogramm Traglast, der CR-7iA und CR-7iA/L mit jeweils 7 Kilogramm Traglast und der CR-4iA mit 4 Kilogramm.

Gilt diese Wachstumssprognose von Dr. Inaba auch entsprechend für die Schweiz?

Rottet: Die Schweiz ist geradezu prädestiniert dafür, solche Zukunftstechnologien umzusetzen, ja: umsetzen zu müssen. Ich glaube, dass in verschiedenen Bereichen wie Montagetechnik oder Maschinenhandling in den nächsten Jahren eine starke Zunahme von kollaborierenden Robotern zu verzeichnen sein wird.


Fanuc Switzerland GmbH
2504 Biel, Tel. 032 366 63 63
www.fanuc.ch



Pierre Rottet (links) und Michael Schüpbach, Fanuc Switzerland: «Von gewissen Marktbegleitern werden Technologien genutzt, um aus einem herkömmlichen Industrieroboter einen quasi-kollaborierenden Roboter zu machen.» (Bild: TR)