Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 04/2017, 20.04.2017

«Produktivitätsschub durch Digitalisierung»

Der führende Schweizer Laser- und Blechbearbeitungsspezialist Bystronic überraschte im Herbst 2016 mit zwei Unternehmensmeldungen: Zuerst wurde die Kooperation mit dem IT-Anbieter Lantek bekanntgegeben, anschliessend erfolgte die Übernahme des Automatisierungsherstellers FMG. Im TR-Exklusivinterview gibt Bystronic-CTO Jürgen Hohnhaus einen Einblick zu den strategischen Zielen hinter diesen Aktivitäten. Eine grosse Rolle spielt dabei die Transformation von der analogen zur digitalen Produktionswelt.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Hohnhaus, wenn man sich die Unternehmensaktivitäten von Bystronic im letzten Jahr ansieht, könnte der Eindruck entstehen, Automatisierung und Industrie 4.0 geben inzwischen den Ton an.

Eigentlich sind es drei strategische Stossrichtungen, die für uns in Zukunft immer wichtiger werden: Automatisierung, Digitalisierung und das Thema Faserlasertechnologie.

Wie ist in diesem Zusammenhang die Übernahme von FMG zu bewerten? Hat man es beim Thema Automatisierung in der Vergangenheit versäumt, eigene Lösungen zu entwickeln?

Wir sind von unseren Wurzeln her gesehen ein klassischer Werkzeugmaschinenhersteller, wobei wir immer schon eigene Automatisierungslösungen im Angebot hatten. Aber in den letzten Jahren hat sich deutlich herauskristallisiert, dass unsere Kunden verstärkt an ganzheitlichen Lösungen Interesse zeigen. Deshalb haben wir uns entschieden, das Thema Automatisierung noch stärker zu forcieren.

In welcher Art und Weise?

Einen guten Überblick zu unseren Aktivitäten bot auf der letzten Messe «EuroBlech» in Hannover die ausgestellte «Production Cell», wo wir exemplarisch unsere gesamte Automatisierungskompetenz präsentierten. Wir kombinierten Laserschneiden, Handling, Sortieren und eine Biegezelle inklusive Prozessmonitoring mit einem MES-System zu einer vollautomatisierten vernetzten Produktion. Eine so umfassende, durchgängige Automatisierungslösung gab es bei Bystronic noch nie. In diesem Kontext bilden die Lösungen von FMG einen Baustein. Nach wie vor sind wir aber auch offen für externe Anbieter, die wir in unsere Fertigungswelt integrieren können.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich FMG-Kunden nun abwenden, da sie andere Kooperationspartner präferieren.

Wir beurteilen es eher andersrum, dass wir nämlich jetzt Kunden ansprechen können, die wir vorher nicht kannten. Natürlich kann es passieren, dass FMG-Kunden abspringen. Aber wir bewerten die Chancen höher als das Risiko. Zudem bietet die räumliche und kulturelle Nähe zum FMG-Standort in Sulgen grosse Vorteile für die zukünftige Zusammenarbeit.

Wird FMG in Zukunft eigenständig bleiben?

Wie bei jeder der bisherigen Übernahmen wird auch FMG sukzessive in die Bystronic-Gruppe eingegliedert. Aber momentan bleibt das Unternehmen mit eigenem Brand und eigenen Produkten am Markt bestehen.

Sie haben es bereits angesprochen: Die Automatisierung in der Blechbearbeitung wird zunehmen. Woher kommen die stärksten Automatisierungsimpulse. Sind es Hochlohnländer wie die Schweiz?

Ja und nein. Wenn es um die komplette Verkettung von Technologien geht, sind es sicherlich die hochentwickelten Industrieländer, die zuerst auf diesen Zug aufspringen; allen voran die westeuropäischen Länder. Geht es dagegen «nur» um die Automatisierung einzelner Maschinen, bemerken wir eine grosse Nachfrage aus China und aus Schwellenländern. Und dort vor allem bei Unternehmen, die auf dem Sprung sind, ein nächsthöheres Produktionslevel zu erreichen.

Hat diese Entwicklung auch damit zu tun, dass mit dem Aufkommen der schnellen Faserlaser das konventionelle Blechhandling an gewisse Grenzen stösst?

Das ist so. Der Engpass bei den heutigen Faserlaserschneidmaschinen ist inzwischen das Handling und die gesamte Logistik dahinter. Deshalb ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt, aktiv zu werden. Durchgängige Automatisierungslösungen werden immer wichtiger.

Welche Strategie verfolgt Bystronic generell, wenn es um das grosse Thema «Industrie 4.0» geht?

Wir befassen uns sehr stark mit der digitalen Transformation. Wir wissen, dass dieser Schritt getan werden muss. Ich denke, das Nutzerverhalten, dass wir im privaten Umgang mit den Smartphones erleben, wird über kurz oder lang auch in der Industrie Einzug halten. Man möchte die Auslastung der Maschinen in Echtzeit beobachten können. Man will auf einen Blick beurteilen, ob die OEE, also die Gesamtanlageneffektivität, gut oder weniger gut ist. Kurz: Man möchte die komplette Transparenz in der Produktion erreichen. Das wird der erste Schritt sein.

Wie geht man bei Bystronic diese Entwicklung in Richtung Digitalisierung und Vernetzung an?

Wir haben im vergangenen Jahr dazu eine eigene IoT-Gruppe gegründet, die sich ausschliesslich auf das Thema Digitalisierung spezialisiert hat. Das Besondere dabei ist, dass nicht mehr rein auf die Produkte fokussiert wird, sondern die Kombination von Produkt- und Dienstleistungsentwicklung im Mittelpunkt steht. Beispielsweise könnte der Kunde zeitlich begrenzt für ein ganz bestimmtes Projekt oder bei Auslastungsspitzen Performance dazugewinnen, indem er sich entsprechender Angebote aus einer Cloud bedient, die Bystronic ihm bereitstellt. Es wird also in Zukunft auch On-Demand-Lösungen geben, die man je nach Bedarf über eine Lizenz erwerben kann, um bestehende Anlagen aufzurüsten.

Google und Co. lassen grüssen: Bystronic wandelt sich also vom Hard- zum Softwareunternehmen?

In gewisser Weise ja – wobei wir unser angestammtes Terrain des Werkzeugmaschinenherstellers nicht verlassen werden. Aber mit der Ausweitung in Richtung Softwareaktivitäten können wir diesen Bereich nachhaltig stärken. Es wäre für uns ja fatal, wenn plötzlich ein Softwareanbieter mit tollen digitalen Angeboten käme, ohne Rücksicht auf die Hardware, also die Maschinen, um die es uns eigentlich geht. Für Anwender wäre das sehr verwirrend und auch umständlich in der Praxis. Deswegen werden wir unseren Kunden in Zukunft alles aus einer Hand liefern: Fertigungssysteme und passende Softwarelösungen

Die Frage wird sein, ob Anwender ihre Unternehmensdaten auch für Dritte preisgeben wollen?

Unsere bisherigen Erfahrungen mit solchen Angeboten zeigen: Wenn der Anwender einen Mehrwert in der offerierten Softwarelösung sieht, wird er sich diesem Angebot öffnen und seine Daten teilen. Und: Je jünger der Kunde, desto grösser ist auch sein Interesse daran.

Wir stehen also auf der Schwelle zu einem neuen Produktionszeitalter?

Ganz klar: ja. Ich denke, es wird keine zehn Jahre mehr dauern, um heutige Industrie-4.0-Fiktion Realität werden zu lassen. Auch wir werden diesen Schritt gehen und dieses und nächstes Jahr unsere Produktion und Montage am Schweizerischen Hauptstandort digitalisieren. In einigen Bereichen ist das bereits geschehen. Grosse Schritte in Richtung Lean Management und damit transparente Prozesse haben wir bereits seit der Krise 2008/2009 gemacht. Unser Output ist mittlerweile wesentlich höher als vor sechs oder sieben Jahren. Und die weitere Digitalisierung und Vernetzung der Prozesse wird nochmals einen deutlichen Produktivitätsschub bringen.

Industrie 4.0 ist also Ihrer Meinung nach ein elementarer Bestandteil für eine wettbewerbsfähige Industrie?

Industrie 4.0 bedeutet die vernetzte Automatisierung, auch in einer virtuellen Umgebung. Dass eine Maschine mit der anderen kommunizieren kann, dass ein Roboter vom anderen lernen kann, dass Roboter direkt neben Menschen arbeiten, ohne Schutzeinrichtung, dass Daten gesammelt, in der Cloud über Algorithmen verarbeitet und davon neue Lösungen abgeleitet werden – das ist wirklich neu. Wir haben es in Zukunft nicht mehr mit Maschinen, sondern mit cyber-physikalischen Systemen zu tun. Durch deren Vernetzung entstehen selbstlernende Produktionseinheiten, die smart machines, die ihr Wissen wiederum mit anderen Maschinen oder Robotern teilen können.

Und was hat der Anwender davon?

Die Zulieferer bekommen bereits heute immer komplexere Aufgabenstellungen mit kleiner werdenden Losgrössen, die sie in immer kürzerem Zeitraum bearbeiten müssen. Es wird schwieriger, den Überblick zu behalten und die Menge an Aufträgen fristgerecht durchzuschleusen. Dafür wird es in Zukunft Systeme geben müssen, die diese Prozesse beherrschen. Das sind einerseits die smart machines, andererseits smart parts, also intelligente Werkstücke, die über Data-Matrix-Codes oder andere Datenquellen viele Informationen speichern können. Alle diese Systeme müssen mit Daten gefüttert werden. Dies wiederum erledigen MES-Systeme. Deshalb auch unsere Kooperation mit Lantek, um genau solche Lösungen für die Blechbearbeitung zu erarbeiten. Zukünftig muss der Prozess von der Angebotserstellung über die Simulation bis hin zur Fertigung und Montage automatisiert und digital ablaufen, will man wettbewerbsfähig bleiben.

Das heisst: Die Digitalisierung wird für den Werkplatz Schweiz zum Muss?

Das glaube ich schon. Man muss in Hochlohnländern sehr effektiv produzieren können und schnelle Lieferzeiten bieten, möchte man global mithalten. Und das geht nur, wenn möglichst wenig manuelle Tätigkeiten zu verrichten sind.

Bystronic - Group
3362 Niederönz, Tel. 062 956 33 33
info.laser@bystronic.com



Jürgen Hohnhaus, CTO Bystronic Group: «Wir haben im vergangenen Jahr eine eigene IoT-Gruppe gegründet, die sich ausschliesslich auf das Thema Digitalisierung spezialisiert hat.» (Bild: Bystronic)

Im Profil

Bystronic Group: Das Unternehmen wurde 1964 gegründet und gehört weltweit zu den führenden Anbietern von Lösungen für die Bearbeitung von Blechen, anderen Flachmaterialien und Rohren. 1984 kam die erste «Bylas»-Laserschneidanlage auf den Markt. 1988 entwickelte man mit «Byjet» die erste eigene Wasserstrahlschneidanlage. 1997 wurde die Sparte Abkantpressen von der Hämmerle AG übernommen, die man 2002 durch die Übernahme der deutschen Beyeler Gruppe ausweitete. Weltweit sind knapp 1700 Mitarbeiter tätig, die 2015 einen Umsatz von gut CHF 570 Mio. erwirtschafteten. Seit 1994 gehört Bystronic zur Conzzeta AG.

Jürgen Hohnhaus : Der promovierte Maschinenbauingenieur (49) trat 2008 als Head of Division Development in die Bystronic Group ein. Davor leitete er die Abteilung Umformtechnik der Dieffenbacher AG. 2012 wurde er zum CTO (Chief Technology Officer) berufen und zeichnet in dieser Position weltweit für sämtliche Entwicklungsaktivitäten des Unternehmens verantwortlich.