Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 04/2017, 21.04.2017

«Wettbewerbsfähig, sogar im europäischen Vergleich»

Die «Technische Rundschau» nutzte den Besuch bei der Gressel AG (siehe vorherige Seiten), um mit Geschäftsführer Jörg Maier über die aktuelle Fertigungssituation in der Schweiz zu sprechen. Seine Meinung: Der Werkplatz Schweiz ist wettbewerbsfähig, wenn die Hausaufgaben gemacht werden. Nicht umsonst hat Gressel im vorigen Jahr acht neue Stellen geschaffen.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Maier, für die Gressel AG war voriges Jahr ein gutes Jahr. Wie das?

Wir verfügen einerseits über erfolgreiche Produkte, die im Markt nachgefragt sind. Andererseits können wir aufgrund unserer vielfältigen Automatisierungslösungen wirtschaftlich in der Schweiz fertigen. Erfreulicherweise ist mittlerweile unser erfolgreichstes Produkt gleichzeitig unsere neueste Entwicklung, der Zentrischspanner «c 2». Wir decken damit den Trend hin zur Automatisierung genauso ab wie den Trend zu immer kleineren Werkstücken, die mit immer höherer Präzision bearbeitet werden müssen.

Hat die Übernahme durch Schunk im Jahr 2014 die Geschäfte von Gressel ebenfalls beflügelt?

Sie spielt sogar ein ganz wichtige Rolle. Durch die Eingliederung in den Schunk-Konzern konnten wir unsere Absatzkanäle deutlich ausweiten.

Bei Gressel hat dieser Erfolg unter anderem dazu geführt, dass im vorigen Jahr – entgegen dem landläufigen Trend – acht Stellen geschaffen wurden?

Da schliesst sich der Kreis zur Automatisierung. Wir können dadurch wirtschaftlich erfolgreich produzieren, zudem werden wir als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen, der in moderne Fertigungsmittel investiert. Gerade für jugendliche Bewerber ein wichtiges Argument. Nach wie vor ist unser Ziel, zu wachsen. Deshalb werden wir auch in Zukunft weiterhin in die Nachwuchsarbeit investieren.

Kommen wir zum Thema Automatisierung. Eine oft gehörte Aussage lautet: Ohne Automatisierung kann die Schweiz nicht mehr wettbewerbsfähig produzieren. Gilt das auch umgekehrt: Mit Automatisierung ist die Schweiz wettbewerbsfähig?

Schweizer Firmen, die ihre Hausaufgaben gemacht und sinnvoll automatisiert haben, fertigen auch wettbewerbsfähig, sogar im europäischen Vergleich. Wir hatten aus Deutschland Anfragen von Lohnfertigern, ob man für uns Aufträge übernehmen könne. Dabei haben wir festgestellt, dass diese Angebote wesentlich teurer waren als unsere eigene Fertigung. Das hat auch damit zu tun, dass wir mittlerweile die Automatisierung konsequent leben. Egal ob Znüni oder Lunch: Die Maschinen bleiben nicht stehen, sondern werden automatisiert weiterbetrieben. Es ist mittlerweile eine ganz andere Denkweise in der Belegschaft vorhanden.

Wobei Gressel bereits vor zehn Jahren die Weichen gestellt hat für eine grosse Automatisierungslösung mit dem Fastems-System. Sukzessive kamen dann andere Lösungen dazu. Anscheinend steckt die Lust zu Automatisieren bei Gressel irgendwie in den Genen?

Wir haben hier eine gewisse Lernkurve durchmachen müssen. Die anfängliche Konzentration auf Fastems hat einfach damit zu tun, dass diese Lösung damals unserem Teilespektrum entsprochen hat. Mit der Zeit und dem Aufkommen immer kleinerer Spannmittel haben wir auch unsere Automatisierungslösungen erweitert.

Schlagen wir gleich die Brücke zu einem anderen Dauerthema: Wie wichtig ist «Industrie 4.0» für den Werkplatz Schweiz?

Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass es dieses Thema gibt und darüber diskutiert wird. Ob man eine Umsetzung 1:1 anstreben sollte, ist eine ganz andere Frage. Wir haben Einzelschritte realisiert, wie beispielsweise die Übertragung von Informationen per Data-Matrix-Code auf die Werkzeughalter. Die durchgängige Vernetzung vom Bestelleingang über die Produktion hin zur Auslieferung oder noch weiter gegriffen, die selbst­organisierte Fertigung, sehe ich allerdings in naher Zukunft nicht. Die Frage ist, ob das auch Sinn macht.

Warum nicht?

Spannkraftmessungen sind heute Stand der Technik. Industrie 4.0 wäre dann, wenn man die Spannkraft auch regeln kann und Informationen darüber an ein übergeordnetes System weiterleitet. Wir können das, aber wir sehen keinen aktuellen Anwendernutzen. Denn der Anwender möchte eigentlich immer die maximale Spannkraft einsetzen.

Apropos Spanntechnik: Ist immer noch Aufklärungsarbeit zu leisten, oder herrscht mittlerweile Konsens über die Bedeutung der Spannmittel für die Präzisionszerspanung?

Dieses Thema wird immer noch unterschätzt. Wir forcieren sogar die Theorie, dass Spannmittel einen grossen Einfluss auf die Werkzeugstandzeiten haben, können das aber noch nicht wissenschaftlich belegen. Wir pflegen dazu enge Kontakte mit der Inspire AG der ETH Zürich, um die Potenziale der Spanntechnik intensiver zu erforschen.

Wird es dazu bereits etwas zur EMO in Hannover zu sehen geben?

Nein, das ist noch Zukunftsmusik. Zur EMO werden wir unseren kompletten Baukasten vorstellen ...

Ein Gressel-Baukasten, das ist neu.

In der Spanntechnik neigen wir dazu, viele Feinheiten umzusetzen. Aufgrund dieser hohen Variantenvielfalt könnte beim Anwender zunehmend eine gewisse Verunsicherung auftreten. Wir reduzieren deshalb im Standardbereich unser Programm auf eine einfache Matrix: Zentrisch-, Einfach- und Doppelspanner in drei Baugrössen und mit fünf verschiedenen Backensystemen. Und alles ist untereinander kombinierbar. Damit erhält der Kunde die perfekte Kombination für seine optimale und wirtschaftliche Lösung.


Gressel AG
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info@gressel.ch

Jörg Maier, Geschäftsführer Gressel AG: «Schweizer Firmen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, fertigen hier auch wettbewerbsfähig.» (Bild: TR)