Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 04/2017, 20.04.2017

«Die Dämme sind am brechen»

René Brugger ist Präsident des Technologieverbandes SwissT.net und in dieser Funktion einer der Experten in Sachen Industrie 4.0 in der Schweiz. Er hat der «Technischen Rundschau» im Exklusiv-Interview verraten, wo wir aus seiner Sicht in der Digitalisierung der Schweizer Industrie momentan stehen, wie die Initiative «Industrie 2025» vorankommt und wo Hebel angesetzt werden müssen.

Autor: Markus Schmid

Herr Brugger, alle Welt spricht über Industrie 4.0. Vieles scheint aber selbst in der Industrie auch Jahre nach Lancierung des Konzepts noch unklar. Wie geht es Ihnen dabei?

In den vergangenen Jahrzehnten hatte ich nie solch intensive Grundsatzdiskussionen über Erfolgsrezepte unserer Industrie geführt wie in den letzten drei Jahren. Selten habe ich selber so viel neues Wissen erarbeiten müssen wie in dieser kurzen Zeit. Das Ganze ist ein Lern- und Veränderungsprozess, der immer wieder zu Grundsatzdiskussionen, besonders über die Generationsgrenzen hinweg, führt. Wenn man selber ständig an der Front mitarbeitet, spürt man deutlich, wie die Digitalisierung bislang bewährte und unverrückbar scheinende Grenzen aufbricht und schützende Wände niederreis-sen kann. Der Schritt nach vorne und das «Chancendenken» fällt da manchem schwer. Meine Arbeit in der Industrie und bei Technologieanbietern beginnt oft mit der Ermutigung, positiv auf das Thema zuzugehen.

Wo sehen Sie hierzulande die ärgsten Baustellen in Sachen Industrie 4.0?

Die grundlegenden Herausforderungen bezüglich Digitalisierung finden Sie in allen Ländern mit reifer Industrie. Es ist ein Veränderungsprojekt, das alle betrifft. Besonders Führungspersonen und Verwaltungsräte in KMU sind in der jetzigen Phase enorm herausgefordert. «Chance» ist eben nicht gleich «Dringlichkeit». Genau das führt zu einem sehr unterschiedlichen Fortkommen der Unternehmen in Sachen Industrie 4.0. Doch weil den Schweizer Unternehmen im internationalen Vergleich ein gutes Chancendenken attestiert wird, sind die Dämme zu mutigem Vorgehen langsam, aber auf breiter Front am brechen. Es ist deutlich spürbar, wie die Idee in der Indus-trie zunehmend an Tempo gewinnt.

Wie kann man den Prozess unterstützen?

Beispielsweise mit unserer Initiative Industrie 2025, einer typisch schweizerischen Plattform, die aus der Mitte der Betroffenen heraus gestaltet wird und viele Stakeholder hat. Das braucht zwar Zeit, weil auf Konsens Wert gelegt wird, dies erweist sich gleichzeitig aber auch als sehr wertvoll. Aktuell sehe ich deutlich, wie sich die Segel der Plattform mit Wind füllen, und wie sie Fahrt aufnimmt. Das brauchen wir, um als zentrale Drehscheibe für den Wissens- und Erfahrungstransfer zu sorgen.

Bleiben wir noch kurz bei dieser Plattform «Industrie 2025»: Sie wurde von den vier Verbänden SwissT.net, Electrosuisse, Asut und Swissmem zur Förderungen von Industrie 4.0 in der Schweiz im Juni 2015 lanciert. Welche Erfolge gibt es von dort zu vermelden?

Der Erfolg der Plattform zeigt sich im Chancendenken und in konkreten Handlungen der Industrie. Ein Blick nach innen zeigt, dass Arbeitsgruppen nun strukturiert Wissen und Anleitungen erarbeiten, die in den nächsten Wochen und Monaten den Unternehmen wertvolle Hilfestellung bieten. Dazu kommen über dreissig Partner, die aus allen relevanten Bereichen Know-how und Erfahrung einbringen, die der Wirtschaft zugänglich gemacht werden. Die Schilderung von prägnanten Anwendungsbeispielen nimmt zu und motiviert Interessierte. Immer mehr Organisationen werden an die Plattform assoziiert, und die Kooperationen nehmen rasant zu. Mit dem Team sind wir an unzähligen Wirtschafts- und Technologieanlässen unterwegs und sorgen für ein gemeinsames Verständnis in allen Bereichen.

Kürzlich gab es einen Wechsel in der Leitung der Plattform. Weshalb?

Nach einer ersten Phase mit Aufbauarbeit war man sich über die zukünftige strategische Ausrichtung nicht einig. So hat man sich im gegenseitigen Einvernehmen für eine Trennung entschlossen.

Wie heisst der neue «Mr. Industrie 2025»?

Derzeit wird nach einem neuen Geschäftsführer gesucht. In der Zwischenzeit ist ein tat- und schlagkräftiges Spezialistenteam unter der Leitung des interimistischen Geschäftsführers Philip Hauri am arbeiten und bringt die Themen mit hohem Tempo voran.

Kürzlich hat die vierte Jahrestagung zum Thema «Industrie 4.0 in der Schweiz» stattgefunden, an der Sie entscheidend mitgearbeitet haben. Waren Sie zufrieden mit der Resonanz der Veranstaltung?

Schauen Sie: Persönlich hätte ich am liebsten den ganzen Bundesrat, die Polit-, die Wirtschafts- und die Bildungsprominenz und dazu noch alle Medien mit Liveberichterstattungen vor Ort. Das Thema wäre relevant genug. Dass hochrangige Referenten aus Industrie und Wirtschaft auftraten und die Anmeldungen zum Schluss unsere Erwartungen und die Werte der Vergangenheit deutlich übertrafen, lässt aber auch so zufriedene Gesichter zurück. Dass wir aber beim nächsten Mal noch viel mehr Wahrnehmung suchen, möchte ich Ihnen auch nicht verschweigen.

Haben Sie und die Besucher dabei neue Erkenntnisse gewonnen?

Ja. Wenn mein Eindruck stimmt und unsere zielgerichtete Arbeit gefruchtet hat, so sind die Teilnehmer mit Unternehmungslust nach Hause gegangen. Sie wissen, wo und wie sie starten können und haben dabei einen Blick für das grosse Ganze gewonnen.

Welches sind in Ihren Augen die nächsten Ziele, die es zu erreichen gilt, damit Industrie 4.0 in der Schweiz optimal vorwärts kommt?

Vor allem bei den KMU müssen wir noch mehr Businessleader für das Thema gewinnen, damit diese ihre Teams zu Schritten motivieren. Dazu braucht es Anleitungen, die besonders aus den Arbeitsgruppen von Industrie 2025 hervorgehen. Auch brauchen wir mehr erlebbare Beispiele aus der Praxis, um zu inspirieren und zu ermutigen. Die bereits zahlreichen Initiativen der Hochschulen sind zu verbreiten, und bei der Politik wünsche ich mir höchste Aufmerksamkeit, damit Entscheide zu Rahmenbedingungen die Entwicklung begünstigen und nicht behindern.


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René Brugger ist Präsident des Technologieverbandes SwissT.net. (Bild: SwissT.net)