Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 04/2017, 20.04.2017

Portugals Formenbauer geben Gas

Die Messe «Moulding Expo» in Stuttgart (30. Mai bis 2. Juni 2017) war vor zwei Jahren fulminant gestartet und hat sich bereits nach der ersten Veranstaltung als feste Branchengrösse für den Werkzeug- und Formenbau – nicht nur in Deutschland – etabliert. Kon- sequent erfolgt nun der schrittweise Ausbau zur europäischen Leitmesse. Mit an Bord ist der internationale Werkzeugverband «Istma». Das grösste Auslandskontingent stellt in diesem Jahr Portugal, wohin auch eine Reise der internationalen Fachpresse führte.

Autor: Wolfgang Pittrich

Portugal ist nicht nur Fussballeuropameister 2016, sondern zählt auch beim Werkzeug- und Formenbau zu den europäischen Topakteuren. Dazu ein paar Zahlen: Rund 450 Werkzeug- und Formenbaubetriebe mit etwa 8500 Mitarbeitern erwirtschafteten 2016 ein Exportvolumen von über 625 Mio. Euro. Die Exportquote liegt bei rund 85 Prozent.

«Der portugiesische Werkzeug- und Formenbau ist der drittgrösste in Europa und belegt weltweit den achten Platz», sagt Manuel Oliveira von Cefamol. Der Generalsekretär des portugiesischen Werkzeug- und Formenbauverbandes («Associaçâo Nacional da Indústria de Moldes») war sichtlich stolz, als er Mitte März vor rund 65 Journalisten der europäischen Fachpresse die portugiesische Formenbaubranche vorstellte.

Mit Recht: Denn die Erfolgsstory der Branche kann sich sehen lassen. Betrug 2011 die Gesamtproduktion der portugiesischen Die- and Mould-Industrie noch rund 400 Mio. Euro, lag sie sechs Jahre später bereits bei knapp 720 Mio. Euro.

Gründe dafür liegen laut Manuel Oliveira vor allem in der extremen Clusterbildung und dem damit verbundenen intensiven Ausstausch der Firmen untereinander. So sind die meisten Betriebe in der Gegend um Marinha Grande angesiedelt, etwa 130 km nördlich von Lissabon gelegen. Der zweite W&F-Spot ist Oliveira de Azeméis, rund 50 km südlich von Porto. Beide Zentren sind mittlerweile bei den weltweiten Kunden bekannt; die Kontaktaufnahme geschieht problemlos über Internet und online.

Spezielle Einrichtungen sowie Aus- und Weiterbildungsstätten wie «Centimfe» (Technologiezentrum für Forschung und Entwicklung), das Innovationszentrum «Open» oder «Cenfim», ein spezielles Trainingszentrum für angehende Werkzeug- und Formenbauer, sorgen dafür, dass die Betriebe mit den hohen Anforderungen ihrer weltweiten Kunden mithalten können.

Nicht umsonst verweist Cefamol-Generalsekretär Oliveira auf die ausserordentliche Wettbewerbsfähigkeit der portugiesischen Werkzeug- und Formenbauer: «Sie basiert unter anderem auf der Innovationsfähigkeit der Unternehmen und den Komplettlösungsangeboten für die Kunden, auf der hohen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, auf der schnellen Lieferzeit, der Fähigkeit der Kostenreduktion im Fertigungsprozess sowie auf dem Einsatz von Spitzentechnologie, um eine hohe Präzision zu garantieren.»

Beispiel: Ribermold. Das Familienunternehmen hat vor 30 Jahren als Einmannbetrieb begonnen und beschäftigt mittlerweile etwa 70 Mitarbeiter. Gefertigt werden Spritzgusswerkzeuge, auch mit Gasinnendrucktechnologie, genauso wie komplexe Mehrkomponentenformen. Das Dienstleistungsangebot erstreckt sich von der Designentwicklung über Mouldflow-Analysen hin zu Vorserien- und Nullserienfertigung.

«Rund 98 Prozent unserer Fertigung geht ins Ausland», sagt Firmeninhaber Alberto Ribeiro. Er lebt Werkzeug- und Formenbau und kommt in seiner ganzen Einstellung den Schweizer Patrons sehr nahe. Seine Kunden befinden sich in Europa genauso wie in den USA, in Mexiko, Südamerika oder Asien. Unter anderem arbeitet sein Unternehmen für viele namhafte OEM wie PSA, BMW oder grosse Zulieferer wie Bosch.

Zum Maschinenpark gehören acht Spritzgiessmaschinen, unter anderem eine neue Engel «duo 700» mit 7000 kN Schliesskraft, zur Bemusterung und für die Vorserienfertigung. Im Werkzeugbau überrascht eine Zimmer&Kreim-Fertigungszelle mit «Chameleon»-Roboter und Platz für 387 Elektroden. Angedockt an die Zelle ist eine HSC-Fräsmaschine «RXP 500» von Röders zur Bearbeitung der Graphit­elektroden. In die Zelle integriert sind zudem eine Erodiermaschine «Genius 700» von Zimmer&Kreim sowie eine Messmaschine «Vista» von Zeiss.

Die flexible Fertigungszelle arbeitet im Schnitt 20 Stunden am Tag und ist voll ausgelastet. «Eine gute Anlage», zeigt sich Paulo Henriques, Fertigungsleiter bei Ribermold, zufrieden. Das Unternehmen ist darauf ausgelegt, in der Fertigung zweischichtig, bei Bedarf auch in der dritten Schicht zu arbeiten. Die Montage der Werkzeug dagegen geschieht meist einschichtig.

Eine ähnlich hohe Fertigungsqualität wie Ribermold bietet Tecnimoplás, der zweite Werkzeug- und Formenbauer in Marinha Grande, der auf dem Besuchsprogramm der internationalen Fachpresse stand. Der Spritzgusswerkzeugespezialist bietet zwar nicht den hohen Automatisierungsgrad wie Ribermold, fertigt aber trotzdem auf Huron-, Mori Seiki- und Mikron-Bearbeitungszentren mit angedocktem System 3R-Palettenwechsler Formen bis 30 t auf hohem technologischen Niveau. «Unser grosser Vorteil ist der Service, den wir unseren Kunden bieten», sagt Firmenchef Noel Hugo Carlos. Dazu gehört neben der eigenen Konstruktionsabteilung auch die permanente Prozessüberwachung der gefertigten Formen. «Deshalb werden alle Formen in unserem Tryout-Center unter Produktionsbedingungen getestet und überwacht, um ein ideales Produkt zu garantieren.»

Den rund 65 europäischen Fachjournalisten, die sich in Marinha Grande auf Einladung der Messe Stuttgart zum Stand der Moulding Expo informierten, wurden Unternehmen präsentiert, die durch den Einsatz von State-of-the-art-Technologien beeindrucken. Überzeugend war auch die Offenheit, mit der die Betriebe nach aussen kommunizieren.

Das entspricht durchaus dem Geist, mit der die Moulding Expo mittlerweile am Markt agiert, nach dem Motto «Eine Messe von der Branche für die Branche.» Und es zeigt auch, dass die Messe im europäischen Ausland angekommen ist, wie auch Florian Niethammer, verantwortlicher Projektleiter der Messe Stuttgart, bestätigt: «Es macht grossen Spass zu sehen, wie die Moulding Expo wächst und wie gut sie von den Werkzeug-, Modell- und Formenbauern angenommen wird.» Die zweite Moulding Expo wird daher bereits deutlich internationaler. Unternehmen aus nahezu allen europäischen Nationen finden sich unter den Ausstellern, dazu Firmen aus den USA, Kanada und Asien. «Wir haben die Moulding Expo in den wichtigsten europäischen Werkzeugbau-Clustern vorgestellt und konnten viele der Landesverbände und deren Firmen begeistern», erkärt Florian Niethammer. (Siehe auch Interview auf der vorangehenden Doppelseite).

Als ein Highlight bezeichnet er es, dass die Messe in diesem Jahr mit dem internationalen Werkzeugbauverband, der International Special Tooling & Machining Association (Istma), einen globalen Partner gewonnen hat. Die Vereinigung vertritt 30 nationale Branchenverbände und damit etwa 8000 Mitgliedsunternehmen weltweit. Sie wird sich mit einer eigenen Lounge in Halle 4 auf dem Stuttgarter Messegelände präsentieren.

Ach ja, die im Artikel genannten portugiesischen Werkzeug- und Formenbauer findet man natürlich auch vom 30. Mai bis 2. Juni auf dem Stuttgarter Messegelände.

Ribermold
PT-2431-904 Marinha Grande, Tel. +351 244 573 080
comercial@ribermold.pt

Moulding Expo Halle 4 Stand B13

Tecnimoplás
PT-2431-902 Marinha Grande, Tel. +351 244 570 430
info@tecnimoplas.pt

Moulding Expo Halle 4 Stand B13

Landesmesse Stuttgart GmbH
DE-70629 Stuttgart, Tel. +49 711 185 60-0
www.moulding-expo.com



Blick in die Fertigung bei Ribermold: Der portugiesische Werkzeug- und Formenbau hat in den letzten Jahren Erfolgsgeschichte geschrieben. (Bilder: TR)


Schulterschluss (von links nach rechts): Gunnar Mey, Ulrich Kromer von Baerle, Florian Niethammer (alle Messe Stuttgart), Manuel Oliveira (Cefamol) und Bob Williamson, Istma, sehen die Moulding Expo auf einem guten Weg zu einer europäischen Leitmesse.


Automatisierung vom Feinsten: Fertigungszelle von Zimmer&Kreim mit angedockter Messeinheit von Zeiss sorgt bei Ribermold für die Elektroden-fertigung rund um die Uhr.


Der portugiesische Werkzeug- und Formenbau hat deutlich zugelegt. (Bild: Cefamol)


Drei Fragen an Florian Niethammer, Messe Stuttgart

«Moulding Expo soll europäische Leitmesse werden»

Herr Niethammer, was hat Sie bewogen, die europäische Fachpresse nach Portugal einzuladen, um dort die Messe Moulding Expo zu promoten?

Portugal wird in diesem Jahr mit rund 35 Firmen das grösste Auslandskontingent auf der Messe stellen. Da lag es nahe, die Veranstaltung in Portugal stattfinden zu lassen und der Fachpresse das spannende Werkzeugbau-Cluster rund um Marinha Grande vorzustellen. Geplant ist, alle zwei Jahre einen der Hotspots des europäischen Werkzeug-und Formenbaus in den Blick zu nehmen. Portugal war aus meiner Sicht ein toller Auftakt.

Die Moulding Expo will internationaler werden?

Ganz klar. Deshalb waren wir in den letzten Monaten viel unterwegs, um die europäischen Landesverbände und deren Mitgliedsfirmen zu besuchen und das Moulding-Expo-Netzwerk zu erweitern. Der weltweit agierende Dachverband Istma hat uns dabei viele Türen geöffnet.

Die Branche möchte also eine europäische Leitmesse?

Das ist unser Ziel, und da wollen wir hineinwachsen. Deshalb ist unser Engagement langfristig angelegt. Auf dem Weg dahin möchten wir die Partner- und Landesverbände mitnehmen. Die Messe sieht sich auch als Plattform für den Austausch der europäischen Verbände untereinander.