Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 05/2017, 25.05.2017

«Kein Kavaliersdelikt»

Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG definiert für alle Konstrukteure weltweit verbindlich sicherheitstechnische Standards. Obwohl bereits seit Ende 2009 gültig, herrscht immer noch Verunsicherung, teilweise auch Unkenntnis über die genaue Anwendung der Richtlinie. Ein Versäumnis, das fatale Konsequenzen haben kann, wie Sicherheitsexperte Ralph Herbrich, SMC, im Gespräch mit der «Technischen Rundschau» bestätigt.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Herbrich, Sie ziehen seit Jahren durchs Land und versuchen die sicherheitstechnischen Wissenslücken zu füllen, welche die Maschinenrichtlinie seit 2010 aufgerissen hat. Braucht es Ihre Vorträge immer noch?

Ja, auf jeden Fall. Meine Erfahrung geht dahin, dass sich nahezu jeder zweite Konstrukteur bisher noch kaum mit der Materie beschäftigt hat. Dies führt nämlich nur dazu, dass man, zumindest im ersten Ansatz, weit über das eigentliche Konstruieren hinaus beschäftigt ist.

Wie meinen Sie das?

Durch die Maschinenrichtlinie besteht laut europäischer Gesetzgebung die Verpflichtung für Maschinen- und Anlagenhersteller richtig, also nach genau beschriebenen Sicherheitsaspekten zu konstruieren und die Konstruktion auch zu beschreiben. Und genau diese Dokumentation fällt vielen Konstrukteuren schwer, da man oft erst im Nachhinein anfängt, zu dokumentieren. Und dann ist der Zeitaufwand sehr gross.

Ist diese Dokumentation wirklich so wichtig?

Sie ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Eine Nichtbeachtung ist auch kein Kavaliersdelikt, sondern kann in einer Straftat enden.

Inklusive Gefängnisstrafe?

Theoretisch ja. Die allermeisten Konstrukteure werden niemals ins Gefängnis kommen, sollten sie die Richtlinien nicht strikt umsetzen. Aber ich kenne zwei Fälle, wo Verantwortliche verurteilt wurden, weil aus Bequemlichkeit Menschen zu Tode kamen. Und hier macht die Maschinenrichtlinie auch Sinn. Denn wir bewegen uns in einer hoch technisierten Welt, und da verlässt man sich darauf, dass bei Knopfdruck der Aufzug nach oben fährt und nicht nach unten stürzt. Dieses Gefahrendenken ist allerdings nicht überall auf der Welt gleich verbreitet, deshalb ist eine Regulierung notwendig.

Wie gehen Sie dieses Thema in Ihren Kursen an?

Ich kläre auf, was laut Maschinenrichtlinie die Aufgabe des Konstrukteurs ist: Nämlich, sicherheitsrelevant zu konstruieren und diese Konstruktion auch richtig zu dokumentieren. Zudem gebe ich Tipps, wie man zu viel Arbeit vermeiden kann, indem man beispielsweise bereits mit Konstruktionsbeginn anfängt zu dokumentieren.

Sicherlich gibt es Hilfmittel wie spezielle Software, um diesen Prozess zu vereinfachen?

Die gibt es, beispielsweise kostenlose Lösungen von Sistema. Wir von SMC unterstützen diese Software, indem wir für unsere Produkte ganze Bibliotheken zur Verfügung stellen. Der Konstrukteur braucht sich also nicht mehr selbst darum zu kümmern, welche Lebensdauer das Produkt hat, sondern kann die Daten bequem in die entsprechende Software integrieren.

Der Konstrukteur muss also einerseits Maschinenrichtlinien-gerecht konstruieren, andererseits muss er auch darauf achten, dass er zertifizierte Teile verwendet ...

Nein, das muss er nicht. Er muss nur nachweisen, dass die sicherheitstechnisch relevanten Bauteile ihren Zweck erfüllen. Nach Maschinenrichtline validierte, also nach Artikel 2c konforme Produkte, vereinfachen daher den gesamten Dokumentationsprozess erheblich, da man schlicht und einfach Zeit spart.

Welche Regeln gelten eigentlich für Maschinen oder Anlagen, die unverändert seit Jahren gebaut werden?

Wenn ein Produkt nicht massgeblich im Sinne der Sicherheitsbetrachtung verändert wird, dann kann man es auch ohne Dokumentation weiterproduzieren. Sobald allerdings auch nur ein sicherheitsrelevantes Teil verändert wird, dann muss man diesen Bereich neu bewerten. Das ist übrigens auch oft ein Grund, warum sich Unternehmen scheuen, auf eigentlich bessere Bauteile zurückzugreifen, weil sie eben diesen Schritt vermeiden wollen. Wobei eine gute Dokumentation auch zu einem Marketingtool werden kann.

Inwiefern?

Nach dem Motto: «Wir erreichen mit unserer Maschine oder Anlage den höchsten Performance-Level, weil wir diese und jene Komponenten verwenden, und das können wir auch schwarz auf weiss nachweisen.»

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Begriff Performance-Level – und wie relevant ist er für die Maschinenrichtlinie?

Im Sinne der sicherheitstechnischen Betrachtung ist es eine wesentliche Aussage. Im Prinzip ist es wie eine Schulnote, um eine Konstruktion zu bewerten. Also eine 6 für ein Topp-Produkt und eine 3 für eine mittelmässige Ausführung. Das bezieht sich immer auf die Anwender- und Bediensicherheit, denn das ist die Basis der Maschinenrichtlinie. Der Performance-Level sagt also nichts aus über eine effektive oder besonders produktive Konstruktion. Hier sollte der Konstrukteur möglichst aufrichtig sein. Denn falls seine Konstruktion eine mögliche Restgefahr für den Anwender birgt, die bekannt, aber nicht bekannt gemacht wurde, haftet der Konstrukteur.

Welchen Tipp haben Sie für unsere Leser, die nach dieser Lektüre Blut geleckt haben und sich jetzt voll in das Thema Maschinenrichtlinie reinknien wollen? Veranstaltungen besuchen, Veranstaltungen besuchen, Veranstaltungen besuchen. Die gesamte Materie ist nämlich einerseits trocken, andererseits auch sehr komplex. Durch die wiederholte Teilnahme an den einschlägigen Seminaren lernt man permanent dazu und wird deshalb immer sicherer.


SMC Pneumatik AG
8484 Weisslingen, Tel. 052 396 31 31
helpcenter@smc.ch



Ralph Herbrich, European Project Manager bei SMC, ist europaweit gefragter Ansprechpartner, wenn es um die Einhaltung und Auslegung der Maschinenrichtlinie geht.

Auf einen Blick

Workshop «Funktionale Sicherheit von Maschinensteuerungen»

Die im Interview beschriebene Problematik ist auch Thema des Workshops «Funktionale Sicherheit von Maschinensteuerungen DIN EN ISO 1389», den die SMC Pneumatik AG in diesem Jahr erstmals in der Schweiz anbietet. Im Vordergrund steht die Aufklärung rund um konstruktive sicherheitsrelevante Fragen, die sich durch die konkrete Anwendung der Maschinenrichtlinie für Konstrukteure, Ingenieure und Techniker ergeben. Beispielberechnungen und Beispielschaltungen sorgen für die notwendige Praxisnähe.

Die nächsten Kurse finden am 13. Juni in Winterthur, am 14. Juni in Windisch und am 15. Juni in Burgdorf statt. Weitere Informationen gibt es unter:

www.goo.gl/dzTTyY