Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG

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Ausgabe 07/2017, 14.07.2017

Seewasser klimatisiert – das Bürgenstock Resort

In diesen Wochen wird auf dem Bürgenstock ein gigantisches neues Luxus-Resort eröffnet. Es soll Touristen aus aller Welt auf den Berg am Vierwaldstättersee locken. Gekühlt und geheizt wird mit Energie aus dem See – rund 300 m3 Wasser werden dafür pro Stunde auf den Berg gepumpt –, gesteuert mit der Gebäudemanagementplattform «Desigo CC» von Siemens.

Nach dem Bau des ersten Hotels im Jahr 1873 und in den darauffolgenden Jahrzehnten entwickelte sich auf dem Bürgenstock ein erfolgreiches Zentrum für Gastronomie und Tourismus. Um den Jahrtausendwechsel änderten die Besitzverhältnisse mehrfach, bis 2008 die Katara Hospitality – eine Tochtergesellschaft des Staatsfonds Qatar Investment Authority – die Hotels und weitere Gebäude übernahm. Die neuen Besitzer investierten rund CHF 550 Mio. und haben ein autofreies Resort mit vier Hotels mit drei bis fünf Sternen, insgesamt 800 Betten, 68 Residence-Suiten und einem 10 000 m2 grossen Alpine-Spa realisiert.

Das Konferenzzentrum mit 31 Sitzungszimmer und einem Ballsaal bietet auf 2200 m2 Platz für über 800 Gäste. Zum Resort gehören auch zwei Tennishallen, die zu Eventhallen für je 500 Besucher umfunktioniert werden können. Daneben warten zwölf Restaurants und Bars, ein 9-Loch-Golfcourt, eine Eisbahn, ein Kino und diverse Shoppingmöglichkeiten auf Gäste. Die Eröffnung wird im Spätsommer 2017 gefeiert, dereinst sollen rund 800 Personen auf dem Bürgenstock arbeiten.

Damit die Energieversorgung mit der Vergrösserung und Modernisierung der Anlage Schritt hält, wurde als Herzstück des Resorts eine neue Energiezentrale gebaut. Diese verknüpft fast 130-jährige Tradition mit neuester Technik: Wie schon 1888 wird das Wasser des Vierwaldstättersees vor Kehrsiten gefasst und auf den Bürgenstock gepumpt. Damals diente dies der Trinkwasserversorgung, heute ist das Seewasser Energiequelle für das Resort. Das Prinzip ist einfach: Wärmepumpen gewinnen die Energie aus dem Seewasser, die zum Heizen der Gebäude genutzt wird.

Pro Sekunde 78 l Wasser auf den Berg pumpen

Leistungsstarke Pumpen befördern 78 l Wasser/s auf den Berg, der Höhenunterschied beträgt 500 m. Auf dem Bürgenstock dient das alte Frischwasserreservoir als «Speichersee», von wo aus das Wasser weiter in die Energiezentrale geleitet wird. Wärmepumpen mit 1,3 MW Leistungsspitze erwärmen das Wasser im System – je nach Aussentemperatur – auf 45 bis 55 °C. Dieses wird auf die verschiedenen Bauten verteilt und dort auf zwei Arten genutzt: einerseits direkt für die Heizungen, andererseits als Energiequelle für die Wärmepumpen der Gebäude, die das Brauchwasser auf 65 °C erhitzen. Das zweistufige System hat einen guten Grund: Würde 65 °C heisses Wasser verteilt, wäre der Energieverlust beim Transport wesentlich höher als bei 45 bis 55 °C und die Leistungszahl (COP) der Wärmepumpen entsprechend tiefer. Für die Kühlung wird das Seewasser direkt genutzt. Denn 37 m unter der Wasseroberfläche liegt die Temperatur während des ganzen Jahres bei 5 bis 7 °C. So deckt das Seewasser 70 bis 90 Prozent des Wärmebedarfs und übernimmt die ganze Kühlung des Resorts. Das genutzte Wasser wird wieder in den See geleitet. Dabei fliesst es durch eine Turbine, die einen Teil der Energie zurückgewinnt, die zum Hochpumpen des Wassers verwendetet wird.

Gesteuert wird die Energiezentrale mit Systemen von Siemens. Thomas Guebey, Gesamtleiter der Siemens-Projekte auf dem Bürgenstock, erzählt: «Es ist ein riesiges Projekt, bei dem die Sicherheit von Anlagen und Personen sowie eine unterbruchsfreie Versorgung vorrangig waren.» Das Seewasser bewegt sich in einem fast geschlossenen System, nur für die Bewässerung der Grünanlagen wird Wasser entnommen. «Die Sicherheit ist nicht mehr gewährleistet, wenn irgendwo ein Schieber defekt ist, ein Rohr bricht oder sich Überdruck entwickelt. Deshalb erfassen wir an allen wichtigen Stellen ständig Daten.» Diese werden in der Gebäudemanagementplattform Desigo CC gesammelt und aufgezeichnet. Dazu Guebey: «Stimmen die Werte nicht, schaltet das Siemens-System automatisch ab und meldet dies.»

Doch nicht nur Heizung und Kühlung werden mit Desigo CC gesteuert, überwacht und visualisiert. Lüftungen, Sanitäranlagen, Raumautomation sowie Beleuchtung und Sicherheit des Areals sind ebenfalls integriert. Das System erfasst Störmeldungen der Elektroanlagen, Daten aus der Energieversorgung und erteilt Befehle an Storen oder Lichtanlagen. Die Sinamics-Frequenzumrichter tragen zu einem bedarfsabhängigen, ökologischen Betrieb der Gebäudetechnik bei. Dank durchgängiger Systemstruktur sind die einzelnen Komponenten ideal aufeinander abgestimmt und intuitiv zu bedienen. Auch die Videoüberwachungssysteme stammen von Siemens «Dank dieser Lösung aus einer Hand bleibt das Ersatzteillager klein», ergänzt Guebey.

Im eigens für die Energiezentrale errichteten Gebäude befindet sich auch die Leitzentrale mit dem Rechnerraum. «Die ersten Erfahrungen sind sehr gut», sagt Guebey: «Seit der Inbetriebnahme im Januar 2016 musste der technische Dienst nur Kinderkrankheiten beheben.» Seit Februar 2016 läuft alles fast fehlerfrei. Auf Volllast getestet wurde die Energiezentrale noch nicht, auch im kalten Januar 2017 lief sie nur auf etwa einem Fünftel der maximalen Leistung.

Siemens nutzt bereits das Wasser anderer Seen als Energiequelle. Seit 30 Jahren kühlt das Unternehmen den Hauptsitz der Division Building Technologies (BT) in Zug mit Zugerseewasser. Der grössere Vierwaldstädtersee bietet ein riesiges Potenzial für die Seewassernutzung: Er könnte jedes Jahr 2900 GWh Energie liefern. Zum Vergleich: Der Wärmebedarf von 100 000 Einwohnern beträgt 700 bis 900 GWh. Der See könnte also die ganze Region mit Energie versorgen. Mit Siemens-Produkten klimatisiert er vorerst das Bürgenstock Resort. (msc)



Das fast fertiggestellte, neue Bürgenstock Resort wird mit Vierwaldstätterseewasser klimatisiert. (Bild: Siemens)

Auf einen Blick

Gebäudemanagement Bürgenstock

Für das Gebäudemanagement auf dem Bürgenstock wurden zahlreiche Siemens-Produkte installiert. In den 20 angeschlossenen Gebäuden stehen aktuell 48 Schaltschränke mit etwa 10 000 Datenpunkten – im Endausbau werden es insgesamt 60 Schränke sein. Frequenzumrichter «Sinamics G120» sorgen für einen bedarfsabhängigen Betrieb. Primäranlagen wie Heizung, Kälte und Lüftung werden von dezentralen Automationsstationen «Desigo PX» gesteuert, die Raumautomation der Suiten wurde mit der Siemens-Lösung «Total Room Automation» (TRA) ausgestattet. Die Gebäudemanagementplattform Desigo CC erfasst und visualisiert Daten des ganzen Resorts, gibt Informationen zum Systemzustand weiter und ermöglicht die Bedienung.