Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 08/2018, 17.08.2018

«Digitalisierung ja, aber nicht überall»

Die digitale Transformation beschäftigt nach wie vor die Unternehmen, vom Komponentenhersteller bis hin zum Maschinenbauer und Zulieferer. Dass es – speziell für die Automatisierungsbranche – noch andere, wichtige Themen gibt, hat TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich beim Treffen mit Kurt Meili erfahren. Der Leiter Product Management der SMC Schweiz AG stützt sich dabei auf das globale Kundennetzwerk der SMC Corporation. Als brandneue Entwicklung hatte er die Wireless-Feldbusknoten im Gepäck.

Autor: Wolfgang Pittrich

Die SMC Schweiz AG ist in der Schweiz Marktführer im Bereich Pneumatik und Automatisierungskomponenten. Genauso wie die in diesem Industriesegment weltweit führende japanische Muttergesellschaft SMC Corporation stützt man sich bei der Produkteentwicklung nahezu ausschliesslich auf das Feedback der nationalen und internationalen Kundschaft. Dazu fliessen am japanischen Headquarter in Tokio alle Kundeninformationen zusammen und werden täglich von rund 1100 Ingenieuren ausgewertet.
Herr Meili, die digitale Transformation ist in der Schweiz in aller Munde. Gilt dieser Trend auch weltweit?
Aus all den Anfragen, die SMC weltweit erreichen, erkennen wir, dass die digitale Transformation zwar ein wichtiges, aber bei weitem nicht das einzige wichtige Thema ist, das unsere Kunden bewegt.
Welches sind die weiteren Herausforderungen, die an SMC gestellt werden?
Anforderungen, die man am besten mit Begriffen umschreiben kann wie leicht und kompakt, wartungsfreundlich, langlebig, bedienerfreundlich, zuverlässig und energieeffizient. Sie nehmen im Denken und Fühlen unserer Kunden einen genauso breiten Raum ein wie es die digitale Transformation tut.
Diese Aussage basiert auf den weltweiten Kundenbefragungen von SMC. Gilt sie auch speziell für die Schweiz?
Ja. Wir haben hier beispielsweise Kunden, die stellen industrielle Webstühle her. Da lauten die KO-Kriterien Zuverlässigkeit und Langlebigkeit. Denn diese Anlagen müssen immer mehr leisten, sie müssen immer schneller laufen bei mindestens genauso langer Lebensdauer wie die Vorgängermodelle. Das heisst, man geht hier an die Leistungsgrenze der Produkte, teilweise sogar darüber hinaus. Da bringt die digitale Transformation relativ wenig.
Wobei in diesem Zusammenhang die Digitalisierung in Form von Predictive Maintenance helfen könnte ...
Alle in dieser Maschine verbauten Produkte und Komponenten müssen mindestens zwei Jahre lang funktionieren und zwar prozesssicher. Sicherlich hat es seinen grossen Reiz, wenn der Hersteller seine Maschinen in Zukunft über digitale Strategien vernetzen kann, um so eine höhere Produktivität zu erreichen. Aber letztlich ist eine Maschine oder Anlage ein mechanisches Produktionsmittel. Und wir sind Hersteller von cleveren Komponenten, um unsere Kunden zu unterstützen, dieses Produktionsmittel produktiv und wettbewerbsfähig zu machen.

Natürlich weiss Kurt Meili auch, dass die Industrie am Thema Digitalisierung nicht vorbeikommt. Er sieht verantwortungsvolle Unternehmenslenker sogar in der Pflicht, sich um dieses Thema zu kümmern, um die Herausforderungen der kommenden Jahre zu meistern. Man hört also auch hier sehr genau auf die Wünsche der Kunden. So gibt es mittlerweile eine eigene Produktreihe, die mittels IO-Link eine Kommunikationsschnittstelle zu Sensoren bietet und dadurch direkt am Puls der Maschine agieren kann.  
Genau hier wird das Dilemma der momentanen Diskussion rund um die digitale Transformation sichtbar. Je mehr Sensorik in einem Produkt verbaut ist, desto grösser, schwerer und auch teurer wird es. Zudem benötigt jedes smarte Produkt Energie, um zu funktionieren. Das wiederum treibt den Energiebedarf einer Anlage in die Höhe. In Summe steht die Digitalisierung einigen der bereits erwähnten anderen Trends wie Leichtbau, Kompaktheit und Energieeffizienz teilweise diametral entgegen. Ein Spagat, den Komponentenhersteller wie SMC zunehmend machen müssen.
SMC wird also in die Digitalisierung investieren müssen, gleichzeitig aber gefordert sein, die konventionellen Produkte weiter in Richtung Kundenanforderungen zu optimieren.
Diese Herausforderung haben wir. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass die Kunden beim Schritt in Richtung Digitalisierung nicht überfordert sind. So bieten wir beispielsweise einen Präzisionsdruckschalter mit IO-Link-Anbindung, aber auch mit einem digitalen Display am Schalter. Eine Massnahme, die selbst vom japanischen Headquarter mit Irritation aufgenommen wurde. Aber: Wir haben Kunden mit älteren Maschinen, für die ist der Schritt zu einer über den PC gesteuerten Komponente zu gross. Sie benötigen immer noch eine Eingabemöglichkeit direkt am Produkt.

Auch hier steht wieder das Kredo von SMC im Vordergrund: Entwickelt wird das, was den Kunden in wirtschaftlicher oder technologischer Sicht weiterbringt. Genauso war es auch bei einem brandneuen Produkt, das Kurt Meili beim Gespräch präsentierte, die «EX600-W»-Serie von kabellosen Feldbus­knoten. Ausgehend von einer Kundenforderung aus dem automobilen Umfeld, hat man dieses Wireless-System seit einem Jahr erfolgreich getestet. Nun befindet es sich auf den Weg in den Breitenmarkt.
Hintergrund: Der genannte Kunde hatte beim Schweis­sen mit Robotern immer wieder das Problem von Kabelbrüchen. Ebenfalls störend wirkte sich die elektromagnetische Beeinflussung von starken Elektromotoren oder Schweissanlagen aus, die in der Nähe der Applikation stationiert waren; Kabel mussten daher aufwendig abgeschirmt werden. Abhilfe brachte das EX600-W-System von SMC. Kernstück ist der Wireless-Master, der kabelgebunden an übergeordnete Systeme wie PC oder SPS angebunden ist. Als Übertragungsprotokoll kann dabei EtherNet oder ProfiNet zum Einsatz kommen. Der Master bietet bis zu 1280 Ein- und Ausgänge. Sobald Applikationen (Slaves) wie beispielsweise Ventilinseln in das 2,4-GHz-Frequenzfeld des Masters gelangen, baut sich innerhalb von 250 ms die kabellose Kommunikation auf.
SMC sieht sich in der Kombination Wireless-Master und Wireless-Slave mit Ventilinsel als Vorreiter. Welche Vorteile bietet die Wireless-Lösung im Vergleich zum kabelgebundenen System?
Wir können theoretisch bis zu 127 Slaves in einem Umkreis von zehn Metern zum Master ansteuern. Wobei wir rund 15 Einheiten als vernünftiges Mass empfehlen. Das können Ventilinseln genauso sein wie Aktuatoren, Druckschalter oder Sensoren. Der Master kann mit dem integrierten Webserver über ein Notebook oder einen PC gesteuert werden, der wieder­um in ein weltweites Netzwerk eingebunden sein kann. Hier schliesst sich dann wieder der Kreis zur digitalen Transformation.
Eine wichtige Frage bei Wireless-Systemen betrifft die Sicherheit der Übertragung. Wie hat SMC diese Frage gelöst?
Erstens nutzen wir mit dem 2,4-GHz-Band eine Frequenz, die von anderen Maschinen oder Geräten nicht genutzt und daher nicht gestört wird. Zusätzlich setzen wir auf das sogenannte Frequency hopping, wo alle 5 Millisekunden die Frequenz gewechselt wird. Das bietet zwei Vorteile: Zum einen werden externe Störeinflüsse minimiert. Und zweitens ist es betriebssicher nach innen, da bei Störung einer Frequenz immer noch auf der zweiten gesendet wird.
Was verspricht man sich bei SMC von diesem Wireless-System?
Die Anwendungen sind extrem vielschichtig. Beispielsweise gibt es Kunden mit Roboterapplikationen, für die solche Systeme sehr attraktiv sein können, weil immer wieder Probleme mit kabelgebundenen Systemen auftreten bis hin zum Bruch der Energieketten. Wir arbeiten auch mit Sondermaschinenherstellern im Bereich Zu- und Abführen zusammen, die Rundtische einsetzen. Auch hier bieten sich attraktive Einsatzmöglichkeiten. Deshalb werden wir dieses System erstmals in der Schweiz auf der Messe Sindex in Bern präsentieren, wo modellhaft die Einsatzpotenziale aufgezeigt werden.
Stichwort Sindex: Was wird es dort sonst noch zu sehen geben?
Ein ganz wichtiges Thema, das uns in Zukunft verstärkt begleiten wird, ist die Energieeffizienz. Wir werden dazu sicherlich Lösungen präsentieren. Natürlich wird es auch Produkte rund um die digitale Transformation zu sehen geben, bei uns auf dem Stand, aber auch in Partnerschaft mit der zhaw. Die Fachhochschule präsentiert unter dem Titel «SmartPro 4.0» ein Modell einer Industrie-4.0-Produktionsanlage. Aber ganz klar: Digitalisierung ist nicht alles. Man darf die Kundenforderungen in Richtung Zuverlässigkeit, Langlebigkeit, Leichtbau und Energieeinsparung nicht aus den Augen verlieren. Deshalb wird es auch in Zukunft für uns wichtig sein, sehr genau auf unsere Kunden zu hören.

SMC Schweiz AG
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Sindex Halle 3.0 Stand B10



Kurt Meili, Leiter Product Management, SMC Schweiz AG: «Die digitale Transformation hat seine Berechtigung, aber nicht überall. Man darf die Kundenforderungen in Richtung Zuverlässigkeit, Langlebigkeit, Leichtbau und Energieeinsparung nicht aus den Augen verlieren.« (Bilder: TR/SMC


Ein Master und theoretisch bis zu 127 Slave-Anwendungen: Das Wireless-System kann bequem vom Notebook aus gesteuert und daher weltweit vernetzt werden.


Für das Wireless-System der EX600-W-Serie verspricht sich SMC in Zukunft ein breites Einsatzgebiet; erstmals wird das System auf der diesjährigen Sindex zu sehen sein.