Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 08/2018, 17.08.2018

Grafische Industrie als Pionier bei Industrie 4.0

Der Schweizer Maschinenbauer Müller Martini wurde mit dem Swiss Industry 4.0 Award für seine «Finishing-4.0»-Buchproduktionslinie ausgezeichnet. Das System erfüllt die Anforderungen der Individualisierung von Printprodukten und der Produktion von Kleinstauflagen. Viele Funktionen der Anlage basieren auf der durchgängigen Automation von B&R.

Seit 2008 ist die Print-Branche einem grossen Strukturwandel unterworfen. Die Akteure sind damit gezwungen, innovativ zu sein, um den veränderten Anforderungen der Kunden und dem Leseverhalten der Konsumenten gerecht zu werden. Die Firma Müller Martini mit Sitz in Zofingen hat diesen Wandel geschafft und gilt in der Branche als Markt- und Technologie-Leader sowohl im Offset- als auch im Digitaldruck – nicht zuletzt dank der über 25-jährigen erfolgreichen Zusammenarbeit mit B&R im Bereich der Automation.
Mit Finishing 4.0 kombiniert Müller Martini diverse Innovationen, die das Unternehmen in den vergangenen 10 bis 15 Jahren – unter anderem zusammen mit B&R – entwickelt hat. «Das Entscheidende bei Finishing 4.0 ist, dass sämtliche Informationen genutzt und dadurch die Prozesse durchgängig werden», erklärt Christoph Gysin, Head of Corporate Development & Standards bei Müller Martini. «Innovationen, die direkt durch B&R als Steuerungslieferant möglich wurden, sind beispielsweise das Sammeln von Maschineninformationen, deren Übertragung und die erweiterte  Ferndiagnosefähigkeit. Generell bilden der hohe Automationsgrad mit schnellen Bewegungsachsen, leistungsfähigen Industrie-PCs, einem effizienten Bus-System und qualitativ hochwertigen Visualisierungsgeräten das Rückgrat von Finishing 4.0.»
Das mit dem Swiss Industry 4.0 Award 2017 ausgezeichnete Buchproduktions-System stellt im durchgängigen Touchless Workflow, also ohne manuelle Eingriffe und ohne Rüstzeit, Bücher in Kleinstauflagen her. In letzter Konsequenz bedeutet dies Losgrösse 1, was etwa bei Fotobüchern meistens der Fall ist. Dabei vernetzt das von Müller Martini entwickelte Workflowsystem Connex alle Prozessschritte,  von der PDF-Datei bis zum versandfertigen Buch.
Connex liest zuerst die Buchinformationen aus einem PDF aus. Danach werden die enthaltenen Format- und Jobdaten für die Digitaldruckmaschine aufbereitet. Das individuelle Buch wird auf eine Bahn gedruckt und zu einem Buchblock verarbeitet. Der Klebebinder Vareo verklebt den Buchblock zusammen mit dem Umschlag, danach wird das Produkt im Dreischneider InfiniTrim auf das Endformat geschnitten. Format, Dicke und Inhalt jedes Buches können von Produkt zu Produkt ändern, ohne dass ein einziger manueller Eingriff nötig wird. Da das Workflowsystem alle anstehenden Jobs kennt, kann es selbstständig Optimierungen vornehmen. Gysin dazu: «Dies ist Industrie 4.0 in Reinkultur. Wir haben nicht nur davon gesprochen, sondern es konsequent in die Realität umgesetzt, das hat nicht nur die Jury des Swiss Industry 4.0 Award überzeugt, sondern in erster Linie unsere Kunden.»
Auf der Suche nach einem innovativen Partner im Bereich Steuerungen entschied sich Müller Martini bereits vor rund 25 Jahren für B&R. «Damals wurde gerade das ‹System 2000› entwickelt», erinnert sich Gysin. «Die Modularität, das breite Angebot und die Programmiermöglichkeiten haben uns technisch überzeugt. Dazu kamen ähnliche Firmenkulturen, die Bereitschaft, aufeinander einzugehen, und die Freude an Innovationen. All diese Faktoren haben letztlich zum Entscheid geführt, B&R als Automatisierungspartner zu wählen.»
B&R bildet das Automations-Fundament der modernen Produktionsanlagen, seien es Antriebsachsen, Steuerungen, APCs, Visualisierungsgeräte oder Diagnose-Software. «In Zusammenarbeit mit B&R wurde vor rund 20 Jahren ein durchgängiges Hard- und Software-Konzept erarbeitet – die sogenannte Müller-Martini-Automation-Plattform MMAP», klärt Gysin auf. «Diese Plattform-Standardisierung war und ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für die erfolgreiche Umsetzung von Innovationsprojekten. In enger Zusammenarbeit entstanden Software-Richtlinien und Definitionen für die unterschiedlichsten Funktionen wie Alarm-Management, I/O-Management, Schnittstellendefinitionen uns so weiter. Zudem ermöglicht das Automation-Studio ein effizientes Programmieren und Simulieren. Dafür entwickelten wir Libraries, die eine grosse Flexibilität und Vereinheitlichung der Programme garantierten.» Zusammen mit den Produkten von B&R hat sich auch die Plattform weiterentwickelt. In Zukunft werden einige bestehende Funktionen direkt durch die Mapp-Technologie abgelöst.
Oberstes Ziel von Müller Martini bleibt, dass Druckereien, Zeitungshäuser und Buchbindereien mit den Ansätzen von Finishing 4.0 ihre Herstellungskosten trotz Individualisierung ihrer Produkte tief halten können, um wettbewerbsfähig zu bleiben. «Der Kostendruck in der Papier verarbeitenden Industrie ist nach wie vor sehr hoch», betont Gysin. «Wir ermöglichen unseren Kunden, den Inhalt von Druckprodukten zu individualisieren und dessen ungeachtet das nahtlose Tracking  sowie die Qualitätskontrollen der Produkte aufrechtzuerhalten. Gemäss Definition von Industrie 4.0 – und damit meinen wir auch Finishing 4.0 – wird durch eine intelligente Abstimmung aller Prozesse und Systeme die Herstellung individualisierter Produkte effizient mit den Mitteln einer industriellen Massenproduktion ermöglicht. Die heutigen Anforderungen der grafischen Industrie wie kleinere Auflagen, individualisierte Produkte, hoher Kostendruck, passen perfekt zu unseren Lösungen», fasst Gysin zusammen. «Auch B&R sieht die grafische Industrie als Vorreiter im Bereich von Industrie 4.0, so wie B&R in der Automationsbrache mit ihrer eigenen Fabrikation in Eggelsberg Industrie 4.0 umgesetzt hat.» (msc)

Müller Martini AG
4800 Zofingen, Tel. 062 745 45 450
info@ch.mullermartini.com

B&R Industrie-Automation
8500 Frauenfeld, Tel. 052 728 00 55
office@br-automation.ch
Sindex Halle 2.0 Stand E01



Die Kombination der digitalen Buchlinie SigmaLine mit dem Daten- und Prozess-Management-System Connex LineControl ermöglicht die wirtschaftliche Produktion von Kleinstauflagen. (Bilder: B&R)


Alle Schaltschränke entwickelt und produziert Müller Martini inhouse unter Einbezug der Komponenten von B&R.


Christoph Gysin, Head of Corporate Development & Standards bei Müller Martini.