Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 07/2018, 05.07.2018

Die Legende lebt

Der Name Egli hat für viele Töff-Fahrer einen besonderen Klang. Er steht für innovative Rahmenmanufaktur genauso wie für die reine Power auf zwei Rädern. Und er steht für eine langjährige Schweizer Motorradtradition. Aktuell geht ein neuer Cafe Racer «Made by Egli» an den Start. Die Konstruktion erfolgte zeitgemäss mittels 3D-Software von SolidWorks.

Autor: Wolfgang Pittrich

Und jedem Anfang wohnt ein Schrauber inne.» Vielleicht mag Fritz Egli kurz an Hermann Hesse gedacht haben, als er 1965 seine Motorrad-Garage gründete und drei Jahre später mit dem Egli-Rahmen samt voluminösem Zentralrohr Schweizer Motorradgeschichte schrieb. Ab Mitte der 1970-er Jahre pilgerten von weither die Töff-Enthusiasten ins Schweizerische Bettwil, um ihre übermotorisierten japanischen 750- und 900-ccm-Maschinen mit einem adäquaten Rahmen ausstatten zu lassen. 1973 erhielten die schicken  sechsspeichigen Egli-Electron-Felgen ihre Strassenzulassung. Der Egli-Stummellenker hatte sich bereits vorher einen festen Platz in der wiedererwachten Motorrad-Community erobert.
Bis weit in die 1980er-Jahre schrieb Fritz Egli seine Erfolgsstory weiter; rund 3000 Motorräder konnte er mit dem berühmten Rahmen bestücken. Dann wurde es ruhiger um die Schweizer Edelmotorradschmiede. Auch deshalb, weil die grossen Töff-Hersteller mittlerweile einen Massenmarkt zu bedienen wussten. 2015 übernahm Alexander Frei die Marke Egli und die gleichnamige Garage in Bettwil. (Siehe auch Interview auf der folgenden Seite). Nicht nur, weil er ein Motor- und Rennbegeisterter ist, sondern auch, weil er eine Marktchance sieht: «Wir wollen neue Motorräder bauen, und wir sehen durchaus eine zukunftsträchtige Nische dafür.»
Bereits das erste Modell – die «Egli Fritz W 1300» auf Basis eines 1300-er Yamaha-Motors – heimste viel Lob in der Fachpresse ein. «Die Maschine ist eine Hommage an Fritz Egli», sagt Alexander Frei. «Das Chassis wurde ganz in seiner Tradition entworfen und gebaut. Nur vielleicht ein wenig ausgefeilter», schmunzelt er. Nach einer Auflage von sechs Stück war allerdings Schluss. Verantwortlich dafür war eine Homologationsänderung von Euro-3- auf Euro-4-Norm. Mittlerweile steht in Bettwil die Premiere einer neuen Rennmaschine an. Auch sie basiert auf einem Rahmen mit Zentralrohr und ist dem englischen Cafe-Racer-Look verpflichtet wie so viele Egli-Maschinen. «Das ist einfach unsere DNA», weiss Alexander Frei.
Wer nun wähnt, die Zeit sei in Bettwil stehengeblieben, der irrt. Entworfen wurde die Maschine mit neuster 3D-CAD-Software «SolidWorks Premium». Ein logischer Schritt wie Alexander Frei meint: «In der Vergangenheit sind viele Entwürfe nur als Skizzen archiviert worden, die immer wieder abgeändert wurden. Man konnte kaum mehr das Original nachvollziehen. Zudem haben wir erkannt, dass es sinnvoll und wirtschaftlich ist, Teile in einer Datenbank abzulegen, um sie bei Bedarf schnell und unkompliziert nachbauen zu können.»
Nicht ganz ohne Einfluss auf diese Entscheidung war die Bereitschaft neuer und junger Teammitglieder, sich mit PC, Software und Maus auseinanderzusetzen. Jan Engel, Rennmechaniker und Konstrukteur bei Egli, ist so ein Typ. «Ein CAD-Angefressener» nennt ihn sein Chef Alexander Frei. Als ausgebildeter Motorradmechaniker musste er sich erst einmal in die CAD-Thematik einlernen: «Ich habe es auch mit anderen Programmen versucht, aber die waren bei weitem nicht so intuitiv zu bedienen wie SolidWorks. Hier gelingt der Einstieg recht einfach.»
Der Tipp, es mit SolidWorks zu versuchen, kam übrigens von einem befreundeten Ingenieur, mit dem Alexander Frei seit seinen früheren Rennsportaktivitäten im Rahmen der 24-Stunden-Rennen von LeMans Kontakt hatte: «Nachdem ich ihm unsere Vorgehensweise, mögliche Projekte und Umsetzungsschritte geschildert hatte, hat er ohne zu zögern SolidWorks empfohlen. Unter anderem mit der Begründung, dass ein so kleines Unternehmen, mit vielen Bauteilen, aber geringen Stückzahlen, damit am besten fahren würde.»
Jan Engel arbeitet mittlerweile seit November 2017 mit SolidWorks Premium. Seinen Arbeitsplatz hat er direkt in der Garage eingerichtet, ein wenig abseits der Hebebühnen. Eine ganz bewusste Entscheidung: «So kann ich mich schnell mit den Mechanikern abstimmen, ob das konstruierte Teil auch passt.» Eine Vorgehensweise, die schon manchen Kunden überrascht hat, der mit einer Handskizze gekommen und nach relative kurzer Zeit mit einem fertigen Teil wieder gegangen ist.
Das Geschäft mit Ersatzteilen besitzt für die neue Egli Motorradtechnik AG durchaus seinen Reiz. Und auch hier spielt SolidWorks eine wichtige Rolle, bestätigt Alexander Frei: «Seit wir uns mit CAD beschäftigen, ist die Idee entstanden, sukzessive eine Art Oldtimer-Bibliothek aufzubauen. Also bestehende Bremshebel, Stummellenker, Rahmen- oder sonstige Bauteile zu erfassen und zu archivieren.» Der Bedarf an Ersatzteilen für ältere Modelle sei auf jeden Fall vorhanden, und Jan Engel hat mit SolidWorks kein Problem damit, aus alten Zeichnungen oder Vorlagen neue CAD-Daten zu generieren.
Seine Hauptaufgabe ist allerdings die Neukonstruktion von Egli-Rahmen, basierend auf zugekauften Motoren. Hier hat er sich mittlerweile ein grosses Wissen erarbeitet und sein bisheriges Fazit ist rundherum positiv: «Wir haben bereits einige Rahmen neu konstruiert und dadurch auch an Geschwindigkeit bei der Fertigung zugelegt. So können wir jetzt beispielsweise Schweisstische viel schneller einrichten, da die Teile bereits fix und fertig vermasst sind.»
Eine neue Konstruktion kann auch deshalb schneller umgesetzt werden, weil das im Premium-Paket enthaltene Simulationsprogramm eine sogenannte «lineare Spannungsanalyse» umfasst. Das heisst, Spannungen und Verformungen der Geometrie durch äussere Einflüsse wie Kraft, Druck oder Beschleunigung können noch in der Konstruktionsphase verifiziert werden. «Die Beurteilung von Bauteilfestigkeiten war früher oft Try-and-Error, konnte also nur im praktischen Test durchgeführt werden oder bei Rennen, wenn ein Teil versagte», bemerkt dazu Alexander Frei. «Jetzt können wir bereits im Vorfeld austesten, ob die Konstruktion etwas taugt, ohne dass ein Rahmen zu Bruch geht.» Er möchte deshalb den Einsatz des Simulations-Tools noch weiter ausbauen. Welchen Stellenwert SolidWorks mittlerweile für die Neukonstruktion von Egli-Motorrädern einnimmt, zeigt auch das Beispiel Hinterradschwinge und Dämpfungselement.
«Die Dämpfungscharakteristik ist für die Fahreigenschaft eines Motorrads ein entscheidendes Moment», erklärt Alexander Frei. Das Problem dabei: Dämpfer und Schwinge müssen so aufeinander abgestimmt sein, dass die Schwinge in einem maximalen Arbeitsbereich agieren kann. «Das kann beispielsweise ein Verhältnis von 14 Zentimeter Schwingenbewegung zu sechs Zentimeter Dämpferaktion bedeuten» erläutert Jan Engel. «Ohne Simulation kann man eigentlich nur über permanentes Versuchen ein Ergebnis finden. Denn es gibt sehr viele Möglichkeiten, den Anlenkpunkt der Schwinge zu verändern. Da schweisst man ewig, bis man das richtige Ergebnis trifft.»
Inzwischen genügen ein paar Mausklicks, um das richtige Verhältnis herauszufinden. Interessant und zeitsparend auch deshalb, weil über diese Funktionalität relativ einfach bestehende Kenngrössen auf ein neues Modell übertragen werden können. Wäre beispielsweise vom bereits angesprochenen Cafe Racer noch eine Scrambler-Version geplant, müsste die Dämpfungscharakteristik neu ausgelegt werden, da der Lenkwinkel um ein paar Grad flacher und damit der Radstand ein paar Zentimeter weiter ist.

Deutlich schnellere Abstimmung
«Hier verhilft uns SolidWorks zu einer deutlich schnelleren Abstimmung, da wir mittlerweile recht genau wissen, was wir alles verändern können. Das Programm zeigt uns dann schnell, ob wir mit unserem Gefühl richtig liegen», schätzt Alexander Frei die Vorteile von SolidWorks.
Der tägliche Einsatz von SolidWorks in der Egli-Motorradmanufaktur ist inzwischen gut gelebte Realität. Ein Verdienst, den sich auch die Solid Solutions AG auf die Fahnen schreiben kann, die als Schweizer SolidWorks-Vertriebspartner die Einführung bei Egli betreut hat. Für Stefan Frei, Area Sales Manager bei Solid Solutions und für Egli zuständig, war die Betreuung doch speziell: «Ich weiss, dass einige Kollegen hier in der Schweiz und in Deutschland bereits wieder vom Egli-Virus angesteckt sind. Es ist deshalb für mich spannend zu sehen, dass wir als Dienstleister, wenn auch nur am Rande, bei der Renaissance eines gros-sen Namen dabei sein dürfen.»
Er weiss auch, dass die Verbreitung von SolidWorks im Custom-Bike-Segment relativ gross ist, was seine Arbeit durchaus erleichtert hat: «Denn all das, was ich über SolidWorks während der Einführungsphase geschildert habe, konnten viele Partner von Egli aus eigener Erfahrung bestätigen.»
Auch Jan Engel kann sich über die Betreuung seitens Solid Solutions nicht beklagen. Im Gegenteil. Vor allem der Solid-Solutions-Youtube-Kanal ist immer einen Besuch wert: «Ich nutze auch andere SolidWorks-Portale, aber hier hat man oft das Gefühl, dass man nur englischsprachige Videos übernimmt, ohne weitere deutsche Erläuterungen. Bei den selbst gedrehten Solid-Solutions-Videos dagegen ist man sehr nahe am Geschehen, und ich kann die gezeigten Tipps und Tricks eigentlich sofort für meine eigene Arbeit einsetzen.»
Drei Jahre nach seinem Einstieg bei Egli sieht Alexander Frei den Schritt in Richtung 3D-CAD ohne Alternative: «Es hat sich ja nicht nur die Konstruktionswelt in den letzten Jahren geändert, sondern die gesamten vorgelagerten Prozesse wie beispielsweise der Werkzeugbau bedingen eine moderne CAD-Welt. Jetzt spielt für uns alles reibungslos ineinander. Wir können daher nur gewinnen.» Jedem Anfang wohnt doch auch irgendwie ein Zauber inne.  
 

Egli Motorradtechnik AG
5618 Bettwil, Tel. 056 667 23 60
info@eglimotorcycles.com
Solid Solutions AG
8048 Zürich, Tel. 044 434 21 21
info@solidsolutions.ch



Emotionen pur: Eine Egli-Rennmaschine. (Bilder: Egli)


Auf Basis der Chassis-Konstruktion in SolidWorks entsteht der Prototyp.


Reibungslose Zusammenarbeit: Stefan Frei (Solid Solutions, links), Alexander Frei und Jan Engel (beide Egli). (Bild: TR).


Aufgrund der exakten CAD-Daten können die Rahmenteile schneller verschweisst werden.



Vier Fragen an Alexander Frei, Egli Motorcycles

«Ohne 3D-CAD wäre wirtschaftliches Arbeiten nicht möglich»

Herr Frei, wie kommt man als Branchenfremder dazu, eine so traditionsreiche Marke wie Egli zu übernehmen. Hatten Sie bereits früher Kontakt?
Nein, die Egli-Maschinen waren leider immer zu teuer (lacht). Schuld an der Übernahme war eigentlich mein Sohn, der Automechaniker gelernt hat und ein eigenes Unternehmen in der Motorradbranche aufbauen wollte. Bei der Suche nach einer Markenvertretung kamen wir auch mit Fritz Egli in Kontakt, der uns seine Garage zeigte und am Schluss des netten Gespräches sagte: «Ach übrigens, ich möchte meinen Betrieb verkaufen. Kennen Sie einen Interessenten?» 2015 habe ich dann das Unternehmen übernommen. Wobei ich sagen muss, dass ich immer schon renn- und motorbegeistert war und natürlich immer noch bin.

War es von Anfang an Ihr Ziel, neben der Händlertätigkeit auch neue Motorräder aufzulegen?
Unser Ziel war und ist es, an den früheren Erfolg von Egli anzuknüpfen und neue Motorräder zu bauen. Ich finde es schade, wenn so ein Traditionsunternehmen keinen Nachfolger findet und aufgeben muss, weil für einen normalen Händler vielleicht das unternehmerische Risiko zu gross ist. Wir sind allerdings auch nicht so blauäugig, dieses Geschäft nur aus Liebhaberei zu betreiben. Unser Businessplan sieht vor, dass wir in dieser Nische Erfolg haben. Dazu gehört einerseits das Ersatzteilgeschäft für bestehende Egli-Motorräder sowie der exklusive Vertrieb von englischen Brough-Superior-Motorrädern in der Schweiz und andererseits die Neukonstruktion von Renn- und Strassenmaschinen der Marke Egli.

Gibt es dazu konkrete Pläne?
Wir konnten mit der «Fritz W» bereits einen schönen Erfolg in der Fachpresse feiern, nur leider machte uns die neue EU-Homologation einen Strich durch die Rechnung, so dass wir nur sechs Stück aufgelegt haben. Wir planen in Kürze einen Classic Racer in den Markt zu bringen, dem im nächsten Jahr eine Stras-
senversion folgen könnte.  

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang das Konstruieren mit 3D-CAD?
Bei der neuen Rennversion, die jetzt kommen soll, haben wir die Konstruktion bereits komplett in SolidWorks angelegt. Ohne professionelle CAD-Unterstützung könnten wir so eine Konstruktion und die folgende Produktion heute gar nicht mehr wirtschaftlich darstellen. Das erleichtert unser Leben doch um einiges.»