Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG

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Ausgabe 01/2018, 19.01.2018

«Maschine soll laufen, nicht der Bediener»

In den letzten 15 Jahren hat sich die HSC- und HPC-Bearbeitung als fester Bestandteil der Highend-Zerspanung etabliert und damit auch dem Schrumpfen als State-of-the-art-Technologie den Weg geebnet. Ganz anders ist die Situation beim Wuchten von Werkzeugen: Hier sieht Haimer-Geschäftsführer Andreas Haimer noch einen gewaltigen und auch gewichtigen Nachholbedarf, wie er im Gespräch mit der «Technischen Rundschau» erläutert.

Herr Haimer, Sie haben zum 40-jährigen Jubiläum Ihres Unternehmens in diesem Jahr eine Lanze gebrochen für das Thema «Wuchten von Werkzeugen». Warum ist dieses Thema plötzlich so im Fokus?

Mehr und mehr Werkzeugmaschinenhersteller gehen dazu über, die Unwucht der Werkzeuge in der Maschine zu überwachen. Die Spindel stellt zum Beispiel ab, wenn die Unwucht für die eingesetzte Drehzahl zu hoch ist. Gerade wenn Kunden auf automatisierte Anlagen wie Multi-Tasking-Maschinen setzen, ist die Prozesssicherheit und der störungsfreie Betrieb der Maschinen ganz entscheidend. Insofern ist Auswuchten ein Garant für prozesssicheres «Green-light-machining». Es sollen die Maschinen laufen, nicht der Bediener. Das gilt insbesondere für ein produktives Hochlohnland wie die Schweiz, wo viele Kunden aus der Aerospace- und Medizinalbranche längst auf diese Technologie setzen.

Welchen Einfluss hat die Unwucht tatsächlich auf das System Werkzeug und Maschine?

Die Unwucht hat einen negativen Einfluss auf die Rundlaufgenauigkeit der Werkzeuge und damit auch auf deren Standzeit. Je länger diese ist, desto mehr Werkstücke können bearbeitet werden, und desto weniger Werkzeugwechsel müssen vorgenommen werden. Gerade bei den hohen Vorschüben und Drehzahlen, die heute sogar in schwer zu zerspanenden Werkstoffen gefahren werden, sind ausgewuchtete Werkzeuge unerlässlich, um optimale Standzeiten zu erzielen und die Werkzeugkosten zu minimieren. Nicht zuletzt mit dem Einzug der HSC- und HPC-Bearbeitung und damit einhergehenden hohen Drehzahlen steigt die Nachfrage nach Auswuchtmaschinen Jahr für Jahr.

Sie postulieren sogar, dass jedes Unternehmen, das auch ein Voreinstellgerät im Einsatz hat, eine Auswuchtmaschine besitzen sollte. Ist das nicht ein wenig übertrieben?

Ganz und gar nicht. Auswuchten spielt ja nicht nur bei sehr hohen Drehzahlen eine wichtige Rolle. Gewuchtete Werkzeuge leisten auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu gesteigerter Produktivität, da sich höhere Zerspanraten erzielen lassen. Insofern ist eine Auswuchtmaschine aus einem modernen Werkzeugraum und dem Gesamtprozess der Werkzeugverwaltung nicht mehr wegzudenken.

Gibt es spezielle Bereiche oder Werkzeugentwicklungen, für die das Wuchten in Zukunft eine besondere Bedeutung spielen könnte?

Der Trend bei Werkzeugmaschinen geht hin zur Komplettbearbeitung auf einer Maschine. Wenn zum Beispiel auf einem Bearbeitungszentrum auch die Schleifbearbeitung stattfindet, dann muss die Schleifscheibe samt Schleifscheibenaufnahme gewuchtet werden, um die gewünschte und bestmögliche Oberflächengüte zu erreichen. Überhaupt ist für alle Komplettwerkzeuge, die aus vielen variablen Komponenten bestehen, das Auswuchten Pflicht. Auch unsymmetrisch modular aufgebaute Werkzeuge, PKD-Werkzeuge oder Werkzeuge mit ungleicher Schneidenteilung sind schon durch ihre Geometrie unwuchtig und müssen ausgewuchtet werden.

Auswuchtgeräte sind nur ein Glied in der Prozesskette Werkzeuge, also Aufnahmen, Werkzeuge, Schrumpfen, Voreinstellen, Messen und Logistik, die Haimer mittlerweile mit ihren Produkten abdeckt. Wie wichtig ist diese Prozesskette, wenn man auf die zukünftige Bedeutung der digitalen Transformation für die Zerspanung blickt?

Die Peripherie und Infrastruktur rund um die Werkzeugmaschine ist massgebend für die erfolgreiche Umsetzung der Transformation in der Zerspanung selbst. Nur wenn alle Glieder in der Kette technisch und digital auf einer Qualitäts- und Kommunikationsebene sind, wird die Vernetzung und allumgreifende Automatisierung auch gewinnbringend sein.

Welche Lösungen bietet Haimer dazu an?

Wir haben jüngst auf der EMO unsere neuen Lösungen «Industrie 4.0-ready» im Bereich der Schrumpftechnik vorgestellt, dadurch wird die Datenübertragung sehr einfach. Bei unseren «Microset»-Voreinstellgeräten können wir längst den Werkzeugdatentransfer zu allen gängigen Maschinensteuerungen realisieren. Und auch auf dem neuen Wucht- und Voreinstellgerät «Tool Dynamic Preset Microset» lässt sich jetzt die Unwucht auf einem RFID-Chip erfassen oder direkt an die Werkzeugmaschine versenden.

Haimer ist in den letzten 40 Jahren enorm gewachsen. Trotzdem möchte man in den kommenden fünf Jahren den Umsatz verdoppeln. Wie soll das funktionieren?

Wir haben mit den zuletzt getätigten Investitionen schon die Vorbereitungen für weiteres Wachstum getroffen. Mit Haimer Microset haben wir nun den Kreis hin zum Komplettanbieter geschlossen. Also können wir angefangen vom Werkzeug und Werkzeugspannmittel über die Schrumpf- und Auswuchttechnik bis hin zur Werkzeugvoreinstellung nun alles kompatibel aus einer Hand liefern. Gleichzeitig haben wir unser Vertriebs- und Servicenetz mit 15 Niederlassungen global ausgebaut und können die zerspanungsrelevanten Märkte sukzessive weiter erschliessen, was zu kontinuierlichem und dynamischem Wachstum führen sollte.

Welche Rolle spielt dabei der Schweizer Markt?

Der schweizerische Markt spielt nach wie vor eine wichtige Rolle. Dort ist der Präzisionsanspruch der Kunden sehr hoch, was perfekt zu unseren hochgenauen Produkten passt. Produkte, die in der Schweiz Anklang finden, können zumeist weltweit verkauft werden.(pi)

Haimer: Dihawag
2504 Biel, Tel. 032 344 60 60
info@dihawag.ch



Andreas Haimer, Geschäftsführer Haimer GmbH: «Gewuchtete Werkzeuge leisten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu gesteigerter Produktivität. Insofern ist eine Auswuchtmaschine aus einem modernen Werkzeugraum nicht mehr wegzudenken.» (Bild: Haimer)