Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2018, 19.01.2018

«So etwas macht man nicht alle Tage»

Chronik einer Katastrophe: Als Mitte Juni 2017 ein Brand die Produktionshalle der Tectri SA in Court vernichtete, musste das Unternehmen danach wieder völlig von vorne beginnen. Innerhalb von drei Wochen gelang der Neustart, auch deshalb, weil mit der Newemag AG ein Partner zur Seite stand, der das Unmögliche möglich machte.

Autor: Wolfgang Pittrich

Der Anruf kam um zwei Uhr morgens: «Es brennt in Court.» Fabien Bouduban lag in Denver, Colorado, im Bett seines Hotelzimmers und wusste zuerst gar nicht, was ihm seine Assistentin damit sagen wollte. Denn irgendwo «brennt» immer etwas, wenn man ein Unternehmen mit über 40 Mitarbeitern führt. Erst als er Kontakt mit seinem Vater aufnahm, dämmerte ihm langsam die Tragweite der Nachricht: «Als er mir mitteilte, dass es nicht schlecht wäre, wenn ich frühzeitig zurückreisen könnte, wusste ich, dass die Lage Ernst ist.»

Fabien Bouduban ist CEO und Eigentümer der Tectri SA. Am 23. Juni 2017 brannte die Produktionshalle seines Unternehmens in Court komplett aus. Schuld waren Dacharbeiten, die zu einem Schwelbrand führten, der sich unbemerkt ausbreitete und dann schlagartig die mit Ölnebel getränkte Hallenluft und Maschinenverkleidungen entzündete. «Auf einen Brand von aussen bist du nicht vorbereitet», sagt Fabien Bouduban, «da greifen die Feuerlöscheinrichtungen der Maschinen nicht.» 46 Lang- und Kurzdreher wurden Raub der Flammen. Alle in den Hallen gelagerten Werkstücke und Rohteile waren mit einem Schlag wertlos und mussten vernichtet werden. Obwohl beim Brand keine Personen verletzt wurden, sass bei Fabien Bouduban der Schock tief: «Wir waren auf acht Monate hinaus ausgebucht. Wir hatten in Court die schönste und bestausgestatte Produktionshalle im gesamten Jura. Es lief bis dahin einfach alles wunderbar. Ich hätte nie etwas geändert.»

Noch auf dem Rückflug aus den Staaten fasste er den Entschluss, weiterzumachen und den Neustart zu wagen. Als er in Court eintraf, wartete neben der Belegschaft auch Franz Lüönd auf ihn. Der Leiter Projekte Applikationen bei der Newemag AG ist seit 20 Jahren für Tectri zuständig. «Er ist ein Freund», sagt Fabien Bouduban, und Freunde helfen sich. Innerhalb von drei Wochen konnte Lüönd drei Miyano-Kurzdreher organisieren, inklusive Peripherie wie Stangenlader und Kühlschmierstoffversorgung, alles kundenindividuell anpassen und die Maschinen bei der Newemag AG in Eschenbach einfahren. Sogar die Schulung der Tectri-Mitarbeiter wurde dort en passant durchgeführt. «Innerhalb von zwei Tagen nach Anlieferung in der neuen Halle produzierten die Maschinen erste Gutteile», sagt ein sichtlich stolzer Franz Lüönd. «Das war sportlich; so etwas macht man auch nicht alle Tage.»

Kein Wunder, wenn Fabien Bouduban davon spricht, dass ohne die Newemag AG und Lüönd die Produktion in der neuen Fertigungshalle in Bévilard, 4 km westlich von Court gelegen, in dieser kurzen Zeit nach dem Brand nicht möglich gewesen wäre. Ganz abgesehen davon, dass er ohne die beiden diesen Schritt kaum gemacht hätte: «An der Zusammenarbeit mit Newemag gab es nie Zweifel, auch nicht vor dem Brand. Zwischen Franz Lüönd und mir gibt es keine Spielchen, da herrscht Aufrichtigkeit.»

Die zwei Miyano Kurzdreher «BNA-42 S» und die grössere Schwester «BNE51 SY6» waren für den ausgebildeten Décolleteur und studierten Mikrotechnikingenieur Bouduban denn auch keine Notlösung, sondern knüpften nahtlos dort an, wo man vor dem Brand aufgehört hatte: «Mein Vater und ich haben Tectri 1998 gegründet und damals bereits mit einer Miyano BNE gearbeitet, und heute steht die neuste Generation dieser Maschine bei uns. Diese Maschinen sind kein Kompromiss, sondern genau das, was wir wollen und brauchen.»

Bei so viel Lob lohnt ein genauerer Blick auf die beiden Modelle. Optisch kommen sie – klassisch japanisch – recht unaufgeregt daher und bieten unter der Haube seriösen Maschinenbau ohne Schnickschnack. Dazu zählen unter anderem die Flachführungen mit geschabten Führungsbahnen, die Grundlage für eine sehr stabile Maschinenkonstruktion sind, die mit Laufruhe und damit hoher Oberflächenqualität, Präzision und nicht zuletzt geringerem Werkzeugverschleiss punktet. «Sogar Hartdrehen ist mit den Maschinen möglich», weiss Franz Lüönd.

Beide Maschinen gelten als Allrounder im Miyano-Portfolio, wobei die BNE-Baureihe im oberen Segment angesiedelt ist. Die Schrägbettmaschine mit 51 mm Stangendurchlass verfügt über zwei Spindeln und zwei Werkzeugrevolver, die insgesamt 24 angetriebene Werkzeuge aufnehmen können oder Mehrwerkzeugstationen Platz bieten. Der obere Revolver lässt sich zudem in Y-Richtung verfahren. Dadurch sind Fräsbearbeitungen wie Flächen- oder Taschenfräsen ohne Interpolationsaufwand machbar; auch das Bearbeiten grosser Gewinde ist einfach umzusetzen. Zusätzliche Flexibilität bietet die C-Achse in beiden Spindeln. Beide Revolver können sowohl die Haupt- wie auch die Nebenspindel bearbeiten, bei Bedarf sogar synchron. Die Hauptspindel wird mit 15 kW angetrieben, die Nebenspindel mit 5,5 kW.

Die BNA-Baureihe als kleinere Schwester bietet den gleichen stabilen Maschinenbau, ebenfalls eine Haupt- und Gegenspindel mit C-Achse sowie einen Revolver. Dieser lässt sich auf allen acht Stationen mit angetriebenen Werkzeugen bestücken. Besonderheit: Aufgrund der Möglichkeit, die Werkzeuge in halben Schritten zu indexieren, verdoppelt sich sozusagen die Anzahl der Werkzeugpositionen. Ein weiterer Trumpf beider Baureihen ist die sehr kompakte Bauweise. Verbraucht die BNE mit 2,69 × 2,08 m Aufstellfläche bereits sehr wenig Platz, kommt die BNA mit einem Footprint von 2,15 × 1,29 m mit der Hälfte der Fläche aus. Kein Wunder, wenn Franz Lüönd den beiden Kurzdrehern eine gros-se Nähe zur Schweiz bescheinigt: «Wir verkaufen die Maschinen in der Tat öfter, denn beide sind ideal geeignet für den Décolletage-Bereich und für unsere Schweizer Kunden.» Dazu gehört auch, dass die Newemag AG mit dem «Green-Trafo»-Paket dafür sorgt, die Verlustleistungen der Maschinen bei Nennlast deutlich zu reduzieren und dadurch einen wertvollen Beitrag in Hinblick auf die Lebensdauerkosten (TCO) der Maschinen leistet.

Wie überhaupt die Kundenberatung unter Lifecycle-Gesichtspunkten für Franz Lüönd einen sehr hohen Stellenwert besitzt: «Für uns wäre es wahrscheinlich lukrativer, nur die vom Kunden gewünschte Maschine zu verkaufen. Seriöser im Sinne einer langfristigen Kundenbeziehung ist es dagegen, den Kunden so zu beraten, dass er die für sein bestimmtes Teilespektrum optimierte Maschine bekommt. Denn mit so einer Maschine wird er zum ‹Weltmeister› und kann daher wirtschaftlicher fertigen.

Diese Einstellung ist auch einer der Gründe, weshalb Fabien Bouduban so grosse Stücke auf die Newemag AG und Franz Lüönd hält: «Wahrscheinlich gibt es bessere Maschinen als Miyano und wahrscheinlich auch günstigere. Ich weiss aber ganz genau, dass ich mit diesen beiden Maschinen Geld verdienen kann. Und ich kaufe auch nicht einen Rabatt, sondern ich will eine Maschine zu einem vernünftigen Preis-Leistungsverhältnis, die zu unserem Produktespektrum passt. Und genau das ist bei Miyano der Fall.»

Vor allem die hochproduktive BDE-Baureihe hat es ihm angetan: «Sie ist ein Muss für den Décolletagebetrieb. Auch wenn Sie nicht aussieht wie ein Formel-1-Bolide, hat sie ähnliche Qualitäten: schnell und hochpräzise.» Ausserdem, so Bouduban weiter, lässt sie sich sehr einfach rüsten und unkompliziert bedienen. Zudem läuft sie problemlos 20 Stunden am Tag: «Ich bin ein Fan dieser Maschine.»

Mittlerweile stehen neben den drei Miyano-Kurzdrehern auch wieder einige Tornos-Langdreher in den Hallen von Tectri. Und fast täglich kommen neue Maschinen hinzu. Kehrt nun so etwas wie Normalität ein? Immerhin arbeitet man in Bévilard bereits wieder dreischichtig an sieben Tagen die Woche wie vor dem Brand.

Von Normalität möchte man bei Tectri allerdings noch nicht sprechen. Die wird vielleicht erst dann wieder einkehren, wenn die neue Halle in Court fertig ist. Den Neubau will man in Angriff nehmen, sobald die Spuren des Brandes komplett beseitigt sind. Was für Fabien Bouduban aktuell zählt, ist der unbändige Wille, den Neuanfang erfolgreich zu meistern. «Und da», so ist er sicher, «sind wir auf einem guten Weg.»




Nach und nach kommt Leben in die neue Produktionshalle von Tectri. (Bilder: TR)


Ohne Franz Lüönd von Newemag hätte Fabien Bouduban, CEO von Tectri (rechts), nach dem Brand kaum so schnell wieder produzieren können.


Raumwunder: Die BNA-Kurzdreher finden Platz in der kleinsten Halle.


Typisches Teil von Tectri: Die Durchmessertoleranz liegt bei 4 µm.

Fünf Fragen an Fabien Bouduban: «Es war ein wahrer Kraftakt»

Herr Bouduban, wie schwierig war es für Sie, nach dem verheerenden Brand bei Tectri den Neuanfang zu wagen?

Eigentlich braucht man nach so einem Ereignis eine gewisse Zeit, um das Geschehene zu verdauen. Aber diese Zeit hatte ich mir erst gar nicht genommen, da ich bereits auf dem Rückflug aus den USA, wo ich die Hiobsbotschaft vernahm, beschlossen hatte weiterzumachen. Ich hatte mit Franz Lüönd von der Newemag AG den richtigen Freund und Partner für die Maschinenbeschaffung an meiner Seite, und ich wusste die Belegschaft hinter mir. Die nächste Frage war dann: Wie machen wir weiter?

Warum war diese Frage so schwierig?

Wir arbeiten zu 80 Prozent für die Medizintechnik, die meisten Kunden kommen direkt oder indirekt aus den USA. Im Katas-trophenfall muss man daher nicht nur die Kunden informieren, sondern auch die FDA (Food and Drug Administration der USA, Anmerkung der Redaktion). Denn jeder unserer Prozesse, jede Maschine und auch die gesamte Produktionshalle ist zertifiziert und validiert nach amerikanischen Normen und Regeln. Ich musste beispielsweise nach dem Brand stündlich meine zwei grössten Kunden in den USA kontaktieren und sie über den Stand der Dinge informieren. Das war ein wahrer Kraftakt mit teilweise 18-Stunden-Tagen, aber es hat sich gelohnt: Fast alle Kunden haben uns die Treue gehalten.

Mussten Sie die neue Halle in Bèvilard auch zertifizieren lassen?

Ja. Wir mussten das Gebäude sogar kaufen, da es für unsere Kunden wichtig war, dass die Halle uns gehört. Im Nachhinein war es auch Glück im Unglück, dass wir die neue Zertifizierung mit Maschinen durchlaufen haben, die auf dem neusten Stand der Technik sind. Ich glaube, es gibt in Europa kein Unternehmen, das auf diesem Level zertifiziert ist, wie wir es sind. Das gilt übrigens auch für mich als Geschäftsführer ...

Wie meinen Sie das?

Ich bin wohl der einzige CEO in der Schweiz, wahrscheinlich sogar in ganz Europa, der nach den Regulatory of Compliance der FDA validiert wurde. Diese Zertifizierung war wie die heilige Inquisition und hat einen ganzen Tag gedauert.

Stehen Sie heute, knapp sechs Monate nach dem Brand, der gesamten Situation entspannter gegenüber?

In der Tat bin ich heute entspannter. Die Entscheidung, weiterzumachen, war richtig. Wir können hier in Bévilard zwar nur maximal 23 Maschinen unterbringen, also halb so viele wie in Court, haben aber den Vorteil, dass wir im Verhältnis zu den Maschinen auf eine grössere Mannschaft zurückgreifen können. Wir produzieren dadurch schneller und effizienter. Ich bin deshalb überzeugt, dass wir 2018 in etwa den gleichen Umsatz erwirtschaften werden wie vor dem Brand.

Im Profil

Tectri SA

Das Familienunternehmen ist auf die komplexe Bearbeitung von anspruchsvollen und hochpräzisen Dreh- und Frästeilen aus Metall und Kunststoff in kleinen und mittleren Serien spezialisiert. 80 Prozent des Umsatzes werden mit Kunden aus der Medizintechnik gemacht, hauptsächlich aus den USA. Die restlichen 30 Prozent entfallen auf die Mikropräzisionsfertigung, unter anderem für die Uhrenindustrie und die Luft- und Raumfahrt. Vor dem Brand in Court beschäftigte das Unternehmen über 40 Mitarbeiter und hatte rund 45 Lang- und Kurzdreher unter Span.