Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2018, 19.01.2018

Konjunktur 2018: Die Stimmungslageist deutlich besser

Die konjunkturelle Abwärtsspirale, die seit 2012 die Schweizer MEM-Industrie in Atem hielt und durch die Wechselkursaufhebung Anfang 2015 noch forciert wurde, scheint gestoppt. Die TR-Konjunktur-umfrage bei wichtigen Schweizer Branchenverbänden zeigt: 2017 war ein gutes Jahr, 2018 könnte – je nach Branche – sogar noch besser werden.

Autor: Wolfgang Pittrich, Redaktion Technische Rundschau

Marcel Menet, Geschäftsführer Giesserei-Verband der Schweiz (GVS)
«Für 2018 füllen sich die Auftragsbücher bereits wieder gut»

Konjunkturverlauf 2017 

Der Bestellungseingang und der Auftragsbestand sowie der Umsatz der Schweizer Gussindustrie, der sich im vergangenen Jahr auf CHF 580 Mio. belief, konnte 2017 gesteigert werden. Als hilfreich wirkte sich die Abschwächung des starken Schweizerfrankens gegenüber dem Euro aus. In erster Linie verantwortlich für den Aufschwung war allerdings der Konjunkturschub in Teilen Europas, insbesondere in Deutschland, dem wichtigsten Exportmarkt der Schweizer Gussindustrie. Aus nahezu allen Anwendermärkten sind hier die Nachfragen derart gestiegen, dass es inzwischen teilweise zu Lieferengpässen bei den europäischen Giessereien kommt.

Konjunkturausblick 2018

Auch für das kommende Jahr füllen sich die Auftragsbücher bei einigen Schweizer Giessereien bereits wieder gut. Sofern sich die äusseren Rahmenbedingungen nicht erneut verschärfen, erwarten wir eine Fortsetzung der positiven Entwicklung.

Die in den zurückliegenden Krisenjahren grundsätzlich angepassten Unternehmens- und Produktionsorganisationen mit modernsten Automatisierungsprozessen und hochtechnologischen Verfahren sowie die hierzulande flexibleren Arbeitszeitmodelle bieten auch im kommenden Jahr die besten Voraussetzungen, selbst kurzfristig komplexe, einbaufertige Gussteile termingerecht zu liefern. Zusammen mit den spezialisierten Fertigungen an den Schweizer Standorten werden sich die teils vollzogenen Verlagerungen von Serienproduktionen in kostengünstigere Länder Osteuropas und dortige Kooperationen zudem als vorteilhaft erweisen. Und auch bei Kunden im Inland wird sich die Trendwende und Rückbesinnung auf die Qualitäten des Werkplatzes Schweiz, nach dem Motto: «Billig ist nicht günstig», in 2018 bemerkbar machen.

Herausforderungen

Die Zukunft unserer Giessereien liegt in der Spezialisierung auf Produkte mit hoher Wertschöpfung und einem umfassenden Kundenservice. Dabei spielen Rationalisierungen und Automatisierung weiterhin eine zentrale Rolle. Dies braucht einerseits entsprechendes Kapital, andererseits gut ausgebildete Fachkräfte. Damit wir dieses Personal im eigenen Land rekrutieren können, ist eine weitere Stärkung unseres erfolgreichen dualen Bildungssystems nötig.

Oliver Müller, ehemals Direktor Swissmechanic*
«Gerade kleine Unternehmen sind im Management extrem gefordert»

Konjunkturverlauf 2017

Der Konjunkturverlauf war im Jahr 2017 sehr positiv. Für unsere KMU der MEM-Industrie gibt es dabei zwei Aspekte, die hervorzuheben sind: Die Auftragslage ist gut und hat sich im 3. Quartal nochmals verbessert. Der Wechselkurs des Frankens hat sich zu unseren Gunsten entwickelt und hilft mit seinem aktuellen Stand, auch die Ertragslage zu verbessern.

Konjunkturausblick 2018

Für das kommende Jahr gehen die meisten unserer Mitglieder von einer stabilen Situation aus. Glaubt man den Konjunkturprognosen, kann es noch besser werden. Die aktuelle politische Lage in Europa dämpft die Erwartungen etwas, da die Unsicherheit gewisse Risiken birgt.

Herausforderungen

Die grosse Herausforderung für unsere Unternehmen sind die technologischen Entwicklungen. Hier geht es nicht nur darum, genügend Mittel für Investitionen zu haben. Durch die Digitalisierung und die Globalisierung sind auch die Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand und verlangen agiles und innovatives Handeln. Hier sind gerade kleine Unternehmen im Management extrem gefordert.

*) Oliver Müller ist Anfang Dezember 2017, kurz nach Beantwortung der Fragen, als Direktor bei Swissmechanic ausgeschieden.

Ivo Zimmermann, Leiter Kommunikation Swissmem
«Die Geschäftslage der MEM-Industrie entwickelte sich sehr positiv»

Konjunkturverlauf 2017

Die Geschäftslage der Unternehmen in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) entwickelte sich sehr positiv. Sowohl die Auftragseingänge wie auch die Umsätze und die Güterexporte nahmen im Verlauf des Jahres 2017 zu. Der Hauptgrund für diese erfreuliche Entwicklung liegt in der guten Konjunktur in den wichtigsten Absatzmärkten. Aber auch der schwächere Schweizer Franken verleiht zusätzlich Rückenwind.

Konjunkturausblick 2018

Die Unternehmer und Unternehmerinnen der MEM-Industrie sind auch bezüglich der künftigen Geschäftsentwicklung optimistisch. Gemäss der Swissmem-Befragung vom Oktober 2017 rechnen 50 Prozent der Betriebe für das Jahr 2018 mit zunehmenden Aufträgen aus dem Ausland. Lediglich 10 Prozent befürchten einen Auftragsrückgang.

Herausforderungen

Die MEM-Branche scheint nun auf einen soliden Erholungspfad eingeschwenkt zu sein. Um die Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken, sollten die Unternehmen primär in die Innovation und die Digitalisierung investieren. Man darf aber nicht vergessen, dass die MEM-Firmen in den vergangenen Jahren teils massive Margeneinbussen zu verkraften hatten. Sie sind deshalb auf eine längere Wachstumsphase mit besseren Margen angewiesen, um die Sub-stanzverluste der vergangenen Jahre ausgleichen und in die Zukunft investieren zu können.

Roland Steinemann, Geschäftsführer SwissT.net
«In der Schweiz ist eine Strukturveränderung im Gange»

Konjunkturverlauf 2017

Das Jahr 2017 brachte dank der Entwicklung an der Währungsfront etwas Entspannung in die Ertragssituation weiter Teile der Schweizer Industrie. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit wurde verbessert, und die Aussichten sind, dank dieser verbesserten Wettbewerbsfähigkeit, vor allem aber dank positiven Erwartungen in fast allen wichtigen Absatzmärkten der exportierenden Industrien der Schweiz optimistisch. Dies natürlich in allen Abstufungen von «ganz vorsichtig» bis hin zu «sehr optimistisch». Da dieser fast globale positive Trend schon seit einigen Jahren festzustellen ist, wäre aber auch eine Abschwächung nicht ganz überraschend.

Konjunkturausblick 2018

Den positiven Trend bestätigt auch unsere halbjährliche Barometerbefragung. Die grösste Anzahl unserer Mitglieder erwartet eine weitere Zunahme beim Bestellungseingang oder geht von einer Stabilisierung auf recht gutem Niveau aus. Diese positive Einschätzung gilt für die beiden grössten Fachbereiche «Elektronik & Elektrotechnik» wie auch für die «Industrie-Automation». Da die Indikationen aus dem Bereich Elektronik eher früh sind und oft die schwächeren Phasen vorwegnehmen, kann daraus geschlossen werden, dass der Aufschwung noch einige Zeit anhalten wird.

Das darf aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass in der Schweiz eine Strukturveränderung im Gange ist. Grosse Hersteller haben, manchmal zu Recht, oft aber auch aus übertriebenem Aktionismus, nach der Aufhebung des Mindestkurses zahlreiche ihrer Zulieferer massivst unter Druck gesetzt oder gar ganz durch Anbieter aus dem Ausland ersetzt. So stehen zahlreiche dieser erfolgreichen Zulieferfirmen vor der Situation, den Absatz zwar teilweise deutlich gesteigert zu haben, jedoch nach wie vor keine oder ungenügende Margen erwirtschaften zu können. Die angesprochene Strukturveränderung passiert meist unauffällig und in kleinen Schritten, weshalb diese auch von vielen Medien unbemerkt und wenig spektakulär abläuft. Inwiefern diese durch neue Geschäftsmodelle und veränderte Angebote kompensiert werden kann, ist in jedem Fall unterschiedlich und fordert die Unternehmer, auch von sehr kleinen Firmen, tagtäglich heraus.

Herausforderungen

Als Universalantwort bezüglich zukünftiger Herausforderungen wird oft, manchmal etwas diffus, die Digitalisierung genannt. Allerdings lässt sich das nicht pauschal in wenigen Sätzen umschreiben, denn die Digitalisierung kennt zahlreiche Seiten. Endkunden treten in direkten Kontakt mit den Herstellern und umgekehrt. Was das beispielsweise für den Handel bedeutet, kann dramatisch sein. Oder ganz neue Angebote und Plattformmodelle entstehen, auch da sind die Auswirkungen oft radikal. Die Beschleunigung wird exponentiell verlaufen. Die Herausforderung besteht also primär darin, Veränderungen frühzeitig zu erkennen (wer könnte das besser als der Urheber dieser Veränderungen?) und rasch und konsequent zu reagieren. Dümpelte die Digitalisierung in zahlreichen Branchen bisher vor sich hin, werden die nächsten Jahre grosse Veränderungen mit sich bringen.

Pirmin Zehnder, Präsident Tecnoswiss, Gruppe Metall
«Der Markt wird weiter sehr zyklisch bleiben»

Konjunkturverlauf 2017

Zu Beginn der Jahres 2017 überwogen noch die Bedenken oder die Vorsicht bei unseren Kunden. Ab dem zweiten Quartal verbesserte sich die Stimmung aber merklich, und dieser Trend setzte sich kontinuierlich fort. Inzwischen haben sich aufgrund der weltweiten Nachfrage die Lieferfristen schon markant verlängert. Investiert wird weniger in Ersatzinvestitionen, sondern generell in Produktivitätssteigerung und flexible Lösungen.

Konjunkturausblick 2018

Die Erwartungen sind positiv und dass sich die Nachfrage gemäss Prognosen weiter belebt. In der Umsetzung werden schnelle Lösungen gefragt sein. Demgegenüber steht die bereits erwähnte Liefersituation.

Herausforderungen

Der Markt wird weiter sehr zyklisch bleiben. Dies erfordert ein hohes Mass an kurzfristiger Flexibilität an alle Geschäftspartner. Dem Kostendruck, den unsere Kunden spüren, muss mit pfiffigen Ideen begegnet werden. Eine Fokussierung auf unsere Stärken ist gefragt. Die Weiterentwicklung in Bezug auf Industrie 4.0 – ein kontinuierlicher Prozess – soll für die Kunden in evolutiven sinnvollen Schritten erfolgen.



Marcel Menet, Giesserei-Verband der Schweiz. (Bild: GVS)


Oliver Müller, ehemals Swissmechanic. (Bild: TR)


Ivo Zimmermann, Swissmem. (Bild: Swissmem)


Roland Steinemann, SwissT.net. (Bild: SwissT.net)


Primin Zehnder, Tecnoswiss, Fachgruppe Metall. (Bild: TR)

Meine Meinung

Nach langen Jahren der Stagnation oder sogar rückläufiger Geschäftsentwicklungen zeigt unsere traditionelle Konjunkturumfrage unter den wichtigen MEM-Branchenverbänden erstmals eine nahezu einheitliche Stimmungslage: Freude. Ich konnte das verschmitzte Lächeln der Verbandsvertreter direkt spüren, als ich ihre Kommentare las, die zwar vorsichtig formuliert, aber eindeutig in Richtung wirtschaftlicher Aufwärtstrend zielten. Da gerät es fast zur Nebensache, dass bereits wieder von langen Lieferfristen und damit Gefahren für das zarte Plänzchen Konjunkturerholung gesprochen wird. Geniessen wir doch den konjunkturellen Sonnenschein, solange er da ist. Denn wir haben ihn uns verdient.
Wolfgang Pittrich, Redaktion Technische Rundschau