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Ausgabe 01/2018, 19.01.2018

Wie weit sind wir mit – Instandhaltung 4.0? – Willi Hüsler, Maintainpro – Matthias Stutz, Optimo Service – Ronny Weinig, Siemens Schweiz

Über Digitalisierung und Industrie 4.0 referiert heute praktisch jeder. Aber reden ist nur Silber, die Umsetzung ist Gold. Die «Technische Rundschau» wollte wissen, wie weit der Digitalisierungsprozess in der Schweizer MEM-Industrie bereits fortgeschritten ist, und befragte dazu Experten aus Instandhaltungsdienstleistung, Beratung und Industrie.

Autor: Markus Schmid

Willi Hüsler, Maintainpro
«Die Ausbildung wird in Zukunft entscheidend sein»

Wie gut sind die Schweizer Unternehmen der MEM-Industrie instand gehalten?

Der Instandhaltungsgrad ist nach meinen Erfahrungen recht unterschiedlich. Das Niveau ist stark abhängig vom Ausbildungsstand der Führungskräfte im Bereich Instandhaltung in den Arbeitsprozessen. Dabei spielt die Dynamik der Prozesse eine wichtige Rolle. Solche Prozesse mit einem hohen Grad an technischen Hilfsmitteln, die das Resultat des Unternehmens stark beeinflussen, weisen meist einen hohen Stand auf, wobei sich das Unternehmen oft auf die Primäraufgaben beschränkt und schnell externe Spezialisten beizieht. Bei statischen Prozessen hingegen beschränkt man sich meist auf die Kontrolle kritischer Faktoren, die das Gesetz sowieso vorgibt, und zieht bei Abweichungen sofort externe Firmen bei. Da spielt dann die Qualität der Fremdfirmen die entscheidende Rolle. Je kritischer es um die finanziellen Ressourcen steht, desto mehr wird dann versucht, den Instandhaltungsaufwand zu minimieren.

Ist die Predictive Maintenance in der Schweizer MEM-Industrie, insbesondere auch bei KMU, schon angekommen?

Auch hier erscheint mir eine eindeutige Aussage recht schwierig. Es hängt wiederum vom Ausbildungsstand der Führung im Bereich Instandhaltung und von den finanziellen Mitteln ab.

Weshalb fällt Ihnen eine solche Einschätzung schwer?

Bei Firmen mit entsprechender Erfahrung und Wissen ist das Prinzip angekommen. Dort besteht dann allerdings die Gefahr, dass zu viel getan wird, indem zu komplexe Informatiklösungen installiert werden; also wenn zum Beispiel ein Servicevertrag mit einer externen Firma abgeschlossen wird, und dann wegen mangelnder Kontrolle die geplanten Aktivitäten zu umfangreich und zu kostspielig ausfallen. Der Dienstleister geht immer auf die sichere Seite und vermeidet Risiko. Konsequentes Ausrichten von Standardlösungen auf die eigenen Prozesse verlangt das Engagement der Prozessverantwortlichen und damit Zeit und Ressourcen.

Nicht angekommen ist Predictive Maintenance bei Firmen, die diese Arbeiten extern vergeben und sich nicht engagieren. Der Partner macht dann aus Sicherheitsgründen zu viel, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Wird dies dann bemerkt, wechselt man als Konsequenz den Partner.

Stellen Sie fest, dass Industrieunternehmen ihre eigenen Instandhaltungsressourcen zu verringern versuchen?

Ja, man versucht immer mehr nur noch die Kernkompetenz abzudecken und den Rest nach Bedarf einzukaufen. Hier spielt die geographische Lage des Unternehmens eine wichtige Rolle. Je dezentraler produziert wird, desto umfangreicher muss das persönliche Engagement und der Ressourceneinsatz ausfallen.

Immer mehr Hersteller machen ihre Maschinen, Steuerungen und Anlagen tauglich für das Prinzip der Predictive Maintenance und bieten auch Services via Internet an. Wissen Sie, in welchem Masse diese Angebote real genutzt werden?

Ich habe in anspruchsvollen Prozessen nur wenige Einsätze angetroffen. Der grosse Knackpunkt ist, die Datensicherheit so zu regeln, dass der Dienstleister nicht an die kritischen Prozessdaten herankommt. Dies verlangt entsprechende Verträge und Absicherungen an den Schnittstellen. Dort muss dann der Zugriff überwacht werden.

Wie sehen Sie den Umstand, dass immer mehr reine Beratungsunternehmen in diesem Markt mitmischen und auch entsprechende eigene Software mit teils selbst entwickelten Algorithmen anbieten?

Das grosse Problem bei solchen Beratungsunternehmen sind die fehlenden Prozess- und Ortskenntnisse. Zudem muss ein langfristiges Engagement der zu Verfügung stehenden Fachkräfte mit dem spezifischen Prozesswissen gewährleistet sein. Die laufende Dokumentation, sodass auch bei einem Wechsel ein Nachfolger das Wissen zum ungeplanten Zeitpunkt zu Verfügung hat, um schnell und kompetent handeln zu können, ist äusserst kritisch. Dazu kommen noch die internen Prozessveränderungen durch den kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Diese müssen beim Partner nachgeführt und ebenfalls geschult werden. Bei statischen Prozessen wie der Energieversorgung ist dies noch machbar, bei dynamischen Prozessen wird es praktisch unmöglich.

Wie wird Instandhaltung in der Schweizer Industrie im Jahr 2025 aussehen?

Hier sehe ich keine wesentlichen Veränderungen. Es wird Unternehmen geben, die auch den Prozess Instandhaltung im Griff haben, und es wird solche geben, die basteln und sich so über die Runden bringen.

Welchen wichtigen Punkt möchten Sie noch ansprechen?

Die Aus- und Weiterbildung im Instandhaltungsbereich: Mit der Zunahme der Komplexitäten und den immer flexibleren Steuerungen wird dies in Zukunft sicher ein entscheidender Punkt sein.

Matthias Stutz, Optimo Service
«Gut qualifiziertes Personal wird entscheidend bleiben»

Wie gut sind die Schweizer Unternehmen der MEM-Industrie instand gehalten?

Die Produktionsanlagen der Schweizer Betriebe sind dank der entsprechenden Instandhaltung in gutem Zustand. Wie wir es aus dem Bereich der öffentlichen Infrastruktur kennen, legt der Schweizer grundsätzlich grossen Wert auf deren gute Funktion.

Ist die Predictive Maintenance in der Schweizer MEM-Industrie, insbesondere auch bei KMU, schon angekommen?

Ja.

In welcher Form?

Jedes Unternehmen macht sich über seine Instandhaltung Gedanken und schlägt den Weg ein, der seine individuellen Bedürfnisse auch in der Vorausschau am besten erfüllt. Zwischen «so gut wie möglich» und «so viel wie nötig» ist ein grosses Spektrum vorhanden – auch bei den Kosten.

Stellen Sie fest, dass Industrieunternehmen ihre eigenen Instandhaltungsressourcen zu verringern versuchen?

Ja und nein. Faktoren wie Anlagenart, Schichtbetrieb, Auswirkungen von Ausfällen, Betriebsgrösse und so weiter tragen wesentlich zur Entscheidung bei, ob ein Betrieb eher Insourcing oder Outsourcing bevorzugt. Wenn sich der Betrieb über die Jahre verändert, kann sich auch die Haltung zu In-/Outsourcing ändern. Wir haben schon beides erlebt.

Immer mehr Hersteller machen ihre Maschinen, Steuerungen und Anlagen tauglich für das Prinzip der Predictive Maintenance und bieten auch Services via Internet an. Wissen Sie, in welchem Masse diese Angebote real genutzt werden?

Diese Angebote und Möglichkeiten zeugen von Entwicklung und Fortschritt in der MEM-Industrie. Wie weit die Wertschöpfung eines Betriebs dadurch verbessert wird, hängt fest vom entsprechenden Einsatz der Anlage ab.

Was sagen Sie dazu, dass immer mehr reine Beratungsunternehmen in diesem Markt mitmischen und auch entsprechende eigene Software mit teils selbst entwickelten Algorithmen anbieten?

Da habe ich Vorbehalte für den Schweizer Markt. Wenn Schweizer Unternehmen in Anlagen investieren, müssen die Lieferanten oft sehr individuellen Bedürfnissen gerecht werden. Ich weiss nicht, ob sich dieser Individualismus mit standardisierter Software paaren lässt.

Wie wird Instandhaltung in der Schweizer Industrie im Jahr 2025 aussehen?

Sie wird weiterhin durch einen Servicetechniker vor Ort, an der Anlage, durchgeführt werden.

Welchen wichtigen Punkt möchten Sie noch ansprechen?

Das Personal erscheint mir sehr wichtig! Egal ob intern oder von einer Partnerfirma, die Betriebe sind auf sehr gut qualifiziertes und schnell verfügbares Instandhaltungspersonal angewiesen.

Ronny Weinig, Siemens Schweiz
«Künstliche Intelligenz wird die Zukunft prägen»

Wie gut sind die Schweizer Unternehmen der MEM-Industrie instand gehalten?

Die Schweiz steht gegenüber dem Ausland, auch dem europäischen Ausland, ziemlich gut da, wofür auch entsprechend viel Aufwand betrieben wird. Konkret verfügt die Schweiz aktuell über eine eher kostenaufwändige, personalintensive Instandhaltung. Trotz hohem technologischem Ausbau werden die zur Verfügung stehenden Daten noch zu wenig genutzt.

Ist die Predictive Maintenance in der Schweizer MEM-Indus-trie, insbesondere auch bei KMU, schon angekommen?

Ja. Predictive Maintenance ist in der Schweizer MEM-Industrie definitiv angekommen – jedoch erst als ein Verständnis für die Notwendigkeit. Viele sehen das Potenzial der Predictive Maintenance und der vorausschauenden Informationen, haben sie aber noch nicht implementiert und entsprechend genutzt. Die Unternehmen, die über die Planung hinausgegangen sind und es effektiv umgesetzt haben, sind vermutlich an einer Hand abzuzählen.

Welches sind die Herausforderungen?

Dadurch, dass die Digitalisierungswelle derart stark ist, sind alle mit diesem Thema in Berührung gekommen. Vor allem im Verlauf des letzten Jahres realisierte die Mehrheit in der Industrie, dass durch die vorausschauende Wartung ungeplante Stillstandszeiten vermindert werden können. Der Wunsch nach Implementierung wächst, während die Umsetzung oft an einer fehlenden ganzheitlichen Strategie im Bereich Digitalisierung und insbesondere in der Instandhaltung scheitert. Es gilt nicht nur, möglichst viele Daten zu sammeln, sondern per Konzept zu definieren, welche Daten überhaupt relevant sind. Hinzu kommt, dass zuerst über eine längere Zeit Daten gesammelt und ausgewertet werden müssen, damit spezifische Muster erkannt und konkret optimiert werden können. Darüber hinaus wissen viele Unternehmen nicht genau, wie und mit wem sie dieses Thema angehen können. Diese Skills sind in den Unternehmen nicht vorhanden. Lösungen wie «MindSphere» und die entsprechende Beratung von Siemens unterstützen diesen Prozess optimal.

Stellen Sie fest, dass Industrieunternehmen ihre eigenen Instandhaltungsressourcen zu verringern versuchen?

Ja. Es ist ein fortlaufendes Ziel, Kosten einzusparen. Wenn Kosten gesenkt und der Ertrag gesteigert werden kann, liegt der Fokus oft auch darauf, die Instandhaltungsaufwendungen zu reduzieren. Predictive Maintenance bietet dazu eine optimale Basis, da zusätzlich auch die Qualität gesteigert werden kann.

Immer mehr Hersteller machen ihre Maschinen, Steuerungen und Anlagen tauglich für das Prinzip der Predictive Maintenance und bieten auch Services via Internet an. Wissen Sie, in welchem Masse diese Angebote real genutzt werden?

Wir sehen einen Trend in den Services per Internet, da diese den Firmen zu einer hohen Maschinenverfügbarkeit verhelfen. Insbesonders cloudbasierte Lösungen haben diesbezüglich einen gewaltigen Vorteil. Mit diesen Lösungen bieten sich gleichzeitig auch neue Businessmodelle für Hersteller an, welche wir selbst stark fördern und zu nutzen versuchen.

Wie sehen Sie den Umstand, dass immer mehr reine Beratungsunternehmen in diesem Markt mitmischen und auch entsprechende eigene Software mit teils selbst entwickelten Algorithmen anbieten?

Jeder will am Digitalisierungs-Hype teilhaben und mitverdienen. In der Schweiz sprechen wir in unserem direkten Umfeld von über 9000 Unternehmen, die einen digitalen Wandel vor sich haben und den nächsten Schritt machen müssen. Wer in zwei Jahren nicht mindestens eine Teildigitalisierung umgesetzt hat, wird gegenüber Mitbewerbern klar in Rückstand geraten. Für Industrieunternehmen ist es deshalb besser, sich Hilfe zu holen als tatenlos abzuwarten. Dabei können auch Beratungsunternehmen als Hilfesteller dienen, deren Qualifizierung aber gut geprüft werden sollte. Siemens bietet mit «MindSphere» eine ganzheitliche Lösung, die auf dem Prinzip des offenen Ökosystems aufbaut. Wir stellen unseren Kunden eine Plattform zur Verfügung, auf der sie zum Beispiel selbst Anwendungen zur Analyse entwickeln und betreiben können oder bereits erhältliche Applikationen aus dem Marktplatz anwenden können und die eine Verbindung ihrer Maschinen und physischen Infrastruktur zur digitalen Welt ermöglicht.

Wie wird Instandhaltung in der Schweizer Industrie im Jahr 2025 aussehen?

Alle Unternehmen werden Predictive Maintenance als Standard implementiert haben. Zudem werden erste Unternehmen bereits einen Schritt weiter sein und mit «Prescriptive Maintenance» arbeiten. Prescriptive Maintenance und damit verbunden die künstliche Intelligenz werden die Zukunft stark prägen und das Potenzial, die letzten Prozente, weiter rauskitzeln. Wer 2025 Predictive Maintenance noch nicht umgesetzt hat, wird Schwierigkeiten haben, sich international wie auch national durchsetzen zu können.

Welchen wichtigen Punkt möchten Sie noch angesprechen?

Bisher hier noch gar nicht angesprochen wurde das Thema Datenschutz beziehungsweise Cyber Security. In allen Bereichen der Digitalisierung müssen Massnahmen zu hoher Cyber Security eine zentrale Rolle einnehmen. Die Produktionsanlagen und deren Daten müssen viel besser geschützt werden. Als weiteres Element gilt es, das Mindset zur bevorstehenden Veränderung in der Instandhaltung anzunehmen und die Mitarbeiter schrittweise hinzuführen. Unsicherheit und Angst vor der bevorstehenden Veränderung erschrecken viele in der Branche und hindern sie daran, den nächsten notwendigen Schritt in Richtung Zukunft zu machen.

Institut Maintainpro
4414 Füllinsdorf, Tel. 061 903 05 75
willi.huesler@maintrapro.ch

Siemens Schweiz AG
Digital Factory & Process Industries and Drives
8047 Zürich, Tel. 0848 822 844
siemens.ch/industry

Optimo Service AG Instandhaltung
8404 Winterthur, Tel. 052 262 58 58
winterthur@optimo-instandhaltung.ch




Willi Hüsler, Institut Maintainpro. (Bild: Hüsler)


Matthias Stutz, Geschäftsführer Betriebstechnik Optimo Service AG. (Bild: Optimo)


Ronny Weinig, Head of Customer Service Digital Factory & Process Industries and Drives, Siemens Schweiz AG. (Bild: Siemens)

«Die Ausbildung wird in Zukunft entscheidend sein»

«Gut qualifiziertes Personal wird entscheidend bleiben»

«Künstliche Intelligenz wird die Zukunft prägen»