Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 11/2018, 29.11.2018

Smarte Produktionswelt von morgen

Die grösste «AMB» aller Zeiten schloss am 22. September ihre Pforten. Über 90 000 Besucher strömten laut Messe Stuttgart an fünf Tagen durch die Hallen des Stuttgarter Messegeländes und besuchten die Stände der rund 1500 Aussteller. Die Redaktion der «Technischen Rundschau» pilgerte mit und führte viele informative Gespräche. Unser Blick auf ausgewählte Neuheiten.

Es war verdammt viel los auf dem Stuttgarter Messegelände – und zwar vom ersten Messetag an. Die AMB (18. bis 22. September) zeigte sich von ihrer besten Seite und bekam deshalb auch viel Lob von den Ausstellern. Stellvertretend dafür mag das Statement von Philippe Selot stehen, dem Manager Marketing Communication beim Schleifmaschinenspezialisten United Grinding Group (UGG): «Die AMB ist eine breitgefächerte Messe, die geografische Lage im Süden Deutschlands und die Nähe zur Schweiz und zu Österreich ist für uns optimal.» Nicht umsonst konnte er sich über einen Anstieg von rund 30 Prozent bei den Leads auf dem UGG-Stand freuen: «Ein eindeutiges Indiz für die ausgezeichnete Besucherqualität.» Wobei auch die Aussteller nicht geizten, wenn es um Innovationen und Neuvorstellungen ging. Und, ganz klar: Fast jedes auf der Messe präsente Unternehmen brachte einen Beitrag zum Thema digitale Transformation.  
Vor allem die Steuerungshersteller glänzten mit Beiträgen rund um die Digitalisierung. So zeigte Bosch Rexroth mit dem offenen Steuerungssystem «MTX» im Einsatz beim Rundtaktautomaten «Multistar CX-24» von Mikron, was eine moderne CNC heutzutage alles drauf hat. In der neuen Rundtaktmaschine kombiniert Mikron modular 24 Stationen. Im Vollausbau führt sie simultan bis zu 44 Bearbeitungsschritte von oben, unten und seitlich in einer Aufspannung aus. Mit ihrer Multi-Core-Steuerungshardware bietet die Steuerung genügend Reserven, um ohne Einfluss auf die NC-Satzbearbeitung umfangreiche Messdaten für die Inline-Prozesskontrolle auszuwerten. Mit dem integrierten OPC UA-Webserver kann sich die Transferanlage auch in vernetzte Umgebungen einfügen lassen.
Werkzeugmaschinenseitig sind sicherlich die Grob-Werke (Schweiz: Reimmann AG) ein Vorreiter bei der digitalen Transformation. Neben den Maschinenneuheiten, beispielsweise wurde die G350 Generation 2 gezeigt, präsentierte man logischerweise auch digitale Neuheiten. Hierzu zählen unter anderem die Einführung einer Augmented-Reality-Lösung der Grob-Hotline für ihre Kunden, ein weiterentwickelter Webshop für Ersatzteile sowie eine marktreife Anwendung aus dem Condition Monitoring. So kann mit der Software «Grob4Track» der aktuelle Verschleisszustand von Kugelgewindetrieben ermittelt und dem Anwender automatisch gemeldet werden. Dabei kommt die eigens vom Werkzeugmaschinenhersteller entwickelte Software ohne zusätzliche Sensorik und Hardware aus und soll unabhängig vom Zustand des Kugelgewindetriebs sofort einsetzbar sein.
Die japanische Branchengrösse Yama­zaki Mazak, in der Schweiz vertreten durch die Wenk AG, absolvierte ihren Messeauftritt unter dem Motto «Automatisieren und integrieren». Ein Messe-Highlight war die Automatisierung des zweispindeligen Drehzentrums «Multiplex W-200Y» mit Portalladesystem. Anstelle eines Werkstückspeichers ist ein Rundschalttisch angebaut, der mit Werkzeugträgerblechen ausgerüstet ist. Er bietet bei kleiner Aufstellfläche Platz für bis zu 200 Werkstücke bei einer Durchschnittsgrösse von bis zu 60 mm. Diese Automatisierung ist für alle Einsatzgebiete und Branchen geeignet, optimal bei kleineren Bauteilen in mittleren bis grossen Serien.
Okuma, in der Schweiz vertrieben durch die Suvema AG, präsentierte mit dem vertikalen 5-Achszentrum «Genos M460V-5AX» eine Deutschlandpremiere. Es steht laut Hersteller für eine günstige und dennoch äusserst präzise Fertigungslösung, die nicht nur flexibles Multitasking erlaubt, sondern auch eine hohe Produktivität ermöglicht.  Dafür sorgen in der Maschine eine ganze Reihe von smarten Anwendungen. So erhöht etwa das «Thermo-Friendly-Concept» die Fertigungspräzision, indem es den Thermogang der Maschine stabil hält und die Aufwärmzeiten verkürzt.
Die etwas anderer Fräsmaschine stellte die vhf camfacture AG vor. Mit der futuristischen «X» lassen sich vor allem alle Arten von Plattenmaterialien fräsen und schneiden. Besonders stolz ist man beim Hersteller auf die eigens entwickelten, gepressten und eloxierten Aluminiumprofile, die der Maschine nicht nur eine extreme Steifigkeit verschaffen. In der Kombination mit massiven Maschinengussteilen soll auch eine besonders hohe Laufruhe garantiert werden. Ebenfalls innovativ hat man sich dem Thema Antriebe genähert. Die drei Achsen werden jeweils über drei Motoren und eine intelligente Getriebekonstruktion angetrieben und versprechen dadurch einen sehr präzisen Vortrieb sowie Fräsergebnisse. Gleichzeitig kann die Maschine nicht nur fräsen, sondern über eine optional erhältliche integrierbare Schneide- und Rilleinheit mit zuschaltbarer Lanzenoszillation auch weiche Materialien wie beispielsweise Kartonagen und Dichtungsmaterialien trennen.
Mit einer Fülle an Neuheiten kam die United Grinding Group auf die Messe. Unter anderem zeigte Studer die 400-er-Version der neuen «favorit»-Baureihe, die erstmals Anfang des Jahres vorgestellt wurde. Ein Highlight der Maschine ist sicherlich der Maschinenständer mit integrierter Kühlschmiermittel-Wanne und Ständertemperierung; mögliche Verformungen des Schlittens auf der Z-Achse sollen dadurch eliminiert werden. Gleichzeitig bringt die Option «Aktive Temperierung» die Maschine schneller auf Betriebstemperatur. Optional und ebenfalls neu ist zudem eine B-Achse erhältlich mit 3°-Hirthverzahnung. Abgerundet wird  die Neuvorstellung durch  das moderne und bedienerfreundliche Design, ergänzt durch ein Touch-Screen-Panel, welches dem Bediener die einfache und direkte Steuerung der Maschine erlaubt.
Für den Schleifspezialisten Okamoto (Schweiz: Josef Binkert AG) stand die AMB ganz im Zeichen von Ultrapräzision und High Speed Grinding (HSG). Als ein Beispiel dafür mag die «UGM»-Baureihe der CNC-Universal-Rundschleifmaschinen stehen. Diese produktiven und vielseitigen Maschinen verfügen unter anderem über drei unterschiedliche Spindeltypen, eine automatischen B-Achse, eine einfache Bedienung durch Dialogeingabesoftware sowie ein umfangreiches Zubehörprogramm. Die UGM-Modelle gibt es in den Typen «360NC» mit den Abmessungen 2780×2750×1900mm  sowie UGM3100NC als grössere Schwester mit den Massen 3180×2750×1900mm. Kamil Guttmann, Verkauf Okamoto Machine Tool Europe GmbH, bemerkt: «Der Schleifkopf verfügt über eine – optional zwei –  gros­se Schleifscheiben zum Rund- und Planschleifen. Aus­serdem gibt es eine Innenschleifspindel. Dank diesen unterschiedlichen Spindeltypen ist sehr hohe Produktivität gesichert.»
Der Werkzeugschleifspezialist Vollmer fokussierte wie so viele andere grosse Hersteller auf die digitale Transformation. Oder, wie es Geschäftsführer Stefan Brand ausdrückt: «Mit dem Vollmer IoT-Gateway öffnen wir unseren Schärfmaschinen das Tor in die vernetzte Datenwelt. Da es mit unterschiedlichen Plattformen kompatibel ist, können es Kunden individuell in ihre Maschinenparks inte­grieren.» Das Vollmer «IoT-Gateway» basiert auf Open-Source-Standards und agiert plattformunabhängig. Unterstützt werden Protokolle wie MTConnect, OPC UA und MQTT. Erfolgreich erprobt hat Vollmer den Datenaustausch auf der IoT-Plattform «NET4Industry» des Maschinenbauers Grob-Werke. Ziel ist es, mit IoT-Lösungen Einsatz, Effizienz und Wartung der Schärfmaschinen zu verbessern.
Wenden wir den Blick abschlies­send auf die Automatisierungs- und Spannlösungen der Messe. So hat Erowa seinem meistverkauften Handlingsgerät, dem «Robot Compact 80», ein neues Feature spendiert, das es nun erlaubt, auch Rohteile direkt in die Bearbeitungsmaschine zu laden. Nun mag man fragen, warum sollen Rohteile und Paletten in einem Speicher gemischt werden? Laut Erowa erhöht sich dadurch die Produktivitä der Bearbeitung. Denn: Auf einer Anlage werden Einzelteile und Serien gefertigt. Die Serien werden in kleinen Losgrössen während der unbemannten Schicht produziert. Dabei kann es sich lohnen, die auf Paletten montierten Werkstück-Spannvorrichtungen automatisch einzuwechseln. Dies verspricht niedrigere Kosten für Betriebsmittel und erlaubt trotzdem eine hohe Auslastung der Produktionszelle.
Eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Kombination präsentierte der Stangenladerhersteller FMB. Zusammen mit der SF Systeme Büchele stellte man eine Kombination aus Lademagazin und Hochdruck-Kühlschmiermittel-Anlage vor. Auf den zweiten Blick stellt sich auch das Aha-Erlebnis ein: Denn die Verbindung von Lademagazin «turbo 3-36 HD» und Kühlmittelanlage «SFB 310eco» reduziert deutlich den Platzbedarf. So wird der Raum unterhalb des Lademagazins genutzt, um den zentralen Schaltschrank für die Elektrik und einen speziell entwickelten Tank unterzubringen, der zwei Kammern besitzt. In einer Kammer befindet sich das Öl zur hydrodynamischen Lagerung des Führungskanals des Lademagazins. In der anderen das Kühlschmiermittel für die Hochdruckanlage. Das komplette Tankmodul mit der Pumpen- und Filtertechnik lässt sich bei Bedarf mit wenigen Handgriffen unter dem Lademagazin vorziehen. Bedient werden Lademagazin und Hochdruckanlage anwenderfreundlich über die Steuerung «ErgoLogic» von FMB.
Sehr zufrieden mit dem Messeauftritt war der auch bereits in der Schweiz erfolgreich agierende belgische Automatisierungshersteller RoboJob (vertreten durch die Suhner Automation AG). Direkt auf der Messe verkauft wurden laut Business Development Manager Jelle De Roovere unter anderem einige Exemplare der Drehmaschinen-Automatisierung «Turn-Assist 270 i». Neben dem «Mill-Assist Essential i» war es die zweite Neuheit, mit der die Belgier nach Stuttgart kamen. Wobei «i» für die «Integrated»-Linie steht, bei der die komplette Automatisierung auf einem festen Untergestell errichtet ist. Dadurch wird es für den Anwender leicht, die Automatisierung von einer CNC-Maschine abzunehmen oder sogar von der einen an eine andere Dreh- oder Fräsmaschine zu versetzen. Ebenfalls eine rege Nachfrage verzeichnete RoboJob nach eigenen Worten bei der «Tower»-Lösung. Mit diesem universellen Konzept können nicht nur Werkstücke, sondern auch Paletten und Werkzeuge be- und entladen werden. Die schlanke Turmlösung verhilft zudem zu einer platzsparenden Automatisierungslösung in der Fertigung.
Mit einer ökonomischen Variante des Nullpunktspannens hat sich die Gressel AG beschäftigt. Die Spanntechnikalternative «Bolt-It» soll diesen Prozess nach der Devise «Eines für Alles» entzerren und vereinfachen, da nur noch ein einziges universelles Nullpunkt-Spannmodul erforderlich ist. Damit sollen bis zur Abmessung 160 × 160 mm unterschiedlichste Werkstücke reproduzierbar genau und prozesssicher gespannt werden können. Notwendig sind dazu vier Bolzen, die bereits in der Vorfertigung auf das Rohteil aufgebracht werden: Rohteil absägen oder als vom Stahlhandel zugeliefertes Rohteil in den Universalspannstock der Bolzenschweissmaschine einlegen, Startknopf drücken, die vier Bolzen werden vom X-Y-Koordinatensystem exakt positioniert und aufgeschweisst, Rohteil entnehmen, fertig. Das Werkstück wird anschliessend in das universell nutzbare Nullpunkt-Spannmodul eingelegt, automatisch fixiert und gespannt. Die kompakte Flachbauweise des Nullpunkt-Spannmoduls verspricht eine komplette 5-Seiten- und teilweise auch 6-Seiten-Bearbeitung in einer Aufspannung.
Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der erste smarte Werkzeughalter die digitale Bühne betreten würde. Mit dem Hydrodehn-Spannfutter «iTendo» präsentierte nun Schunk zusammem mit dem österreichischen Start-up Tool It GmbH und der TU Wien den nach eigenen Worten «weltweit ersten intelligenten Werkzeughalter, der den Zerspanungsprozess unmittelbar am Werkzeug überwacht und eine Echtzeitregelung der Schnittparameter ermöglicht».
Diese Werkzeughalter nutzen die Potenziale der integrierten Prozessüberwachung unmittelbar dort, wo der Span erzeugt wird. Das smarte Tool, das ab dem kommenden Jahr zunächst in Kombination mit den  Tendo-Hydrodehn-Spannfuttern von Schunk angeboten wird, soll eine lückenlose Dokumentation der Prozessstabilität, eine mannlose Grenzwertüberwachung, eine Werkzeug­brucherkennung sowie eine echtzeitfähige Regelung von Drehzahl und Vorschub realisieren können. (pi)

boschrexroth.com
erowa.ch
fmb-machinery.de
gressel.ch
Grob-Werke: reimmann.ch
Mazak: wenk-ag.ch
Okamoto: binkertag.ch
Okuma: suvema.ch
RoboJob: suhner.com
schunk.com
studer.com
vhf.de
vollmer-group.com



Futuristisch: Die X-Fräsmaschine ist ausgelegt für die Bearbeitung von Platten und Folien. (Bild: vhf)


Mit der MTX-Steuerung kann der Rundtaktautomat Multistar CX 24 bis zu 20 CNC-Achsen ansteuern und ist zudem netzwerkfähig. (Bild: Bosch Rexroth)


Wirtschaftlich: Die Rundschleifmaschine favorit 400 verfügt über einen Maschinenständer mit integrierter Kühlschmiermittel-Wanne. (Bild: Studer)


Das Erfolgsmodell Robot Compact 80 kann auch Rohlinge automatisch be- und entladen. (Bild: Erowa)


Extrem platzsparend ist diese ungewöhnliche Kombination aus Stangenlader und Hochdruck-Kühlschmiersystem. (Bild: FMB)


Ökonomisches Nullpunktspannen verspricht das Bolt-It-System durch die vier aufgeschweissten Bolzen. (Bild: Gressel)