Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG

Werbung

Ausgabe 02/2018, 16.02.2018

«Sehen Metallwerkzeuge als Wachstumsmarkt»

Mit dem besten Ergebnis der Firmengeschichte schloss die Vollmer Gruppe das Jahr 2017 ab. Grund genug für TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich bei Vollmer-Geschäftsführer Stefan Brand nachzufragen, worauf dieses Wachstum zurückzuführen ist. Brand, der seit zehn Jahren die Geschicke des Schleif- und Erodiermaschinenspezialisten aus dem deutschen Biberach leitet, äussert sich zudem zu schweren Zeiten, grossen Vorhaben, neuen Produkten und zum Trend zur Digitalisierung.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Brand, Sie haben vor fast genau zehn Jahren die alleinige Geschäftsführung der Vollmer Werke übernommen, nachdem sie bereits ab 2003 Technischer Geschäftsführer waren. Einen Monat danach brach die grosse Wirtschaftskrise aus. Nicht gerade der günstigste Zeitpunkt, in eine alleinverantwortliche Stellung zu wechseln.

Stimmt, die Freude war von kurzer Dauer, dafür der darauffolgende Schock umso grösser. Die Krise 2008/09 war ein prägendes Ereignis und eine harte Schule für mich, von der ich heute immer noch profitiere.

Wie das?

Wenn man Zeiten erlebt hat, wo der Umsatz von einen Monat auf den anderen um 60 bis 70 Prozent einbricht und man gar keine Möglichkeiten hat, gegenzusteuern, weil sich die gesamte Branche auf den Abgrund zu bewegt, weiss man, was schlaflose Nächte bedeuten. Und wenn man so eine Zeit einigermassen unbeschadet überlebt, ohne gross Federn lassen zu müssen, sieht man gewisse Dinge einfach gelassener. Und man erkennt, dass in der Tat jede Krise auch eine Chance birgt.

War das bei Vollmer so?

Im Nachhinein gesehen: Ja. Als ich 2003 bei Vollmer anfing, definierte ich drei Stossrichtungen für meine zukünftige Arbeit: Produktentwicklung, Gesellschafterstruktur und Infrastruktur. Da der Bereich Entwicklung damals in mein Ressort fiel, konnten wir sofort beginnen, die Entwicklung schlanker, agiler und damit schneller und effektiver zu machen. Als die Krise kam, befanden wir uns bereits mitten in diesem Restrukturierungsprozess und profitierten davon. Schwieriger war da schon der Themenkomplex Gesellschafterstruktur. Wir waren damals ein familiengeprägtes Unternehmen mit 70 Prozent in Familienbesitz und 30 Prozent Private-Equity-Anteil. Heute sind wir eine Stiftung, die zu 80 Prozent in Händen der Sieglinde-Vollmer-Stiftung liegt, mit einer Eigenkapitalquote von über 60 Prozent und hoher Profitabilität. Dieser Schritt wäre wahrscheinlich ohne die schlechten Erfahrungen der Krise von 2008/09 nicht so schnell über die Bühne gegangen. Unser Ziel, ein familiengeprägtes Unternehmen zu bleiben, mit einem eigenen Stil, haben wir jedenfalls erreicht.

Wie sieht es beim dritten Punkt aus, der Infrastruktur?

Auch hier sind wir, wie ich meine, gut unterwegs. Aktuell gibt es sehr konkrete Gedankenspiele, den gesamten Vollmer-Standort in Biberach auf der grünen Wiese neu entstehen zu lassen. Dazu haben wir intern die «Strategie 2020+» ins Leben gerufen. Wir beschäftigen uns intensiv mit diesem Thema, da wir darin eine grosse Chance sehen, eine Fabrik der Zukunft nach neuesten produktionstechnischen Kriterien und Industrie-4.0-Anforderungen umzusetzen.

Mit welchem Invest planen Sie?

Wir gehen von einem hohen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag aus. Es wird die grösste Investition in der Vollmer-Geschichte werden. Dieses Vorhaben basiert nicht zuletzt auf der Tatsache, dass die Unternehmensführung sich durchaus der Verantwortung für die kommende Generation der Vollmer-Beschäftigten bewusst ist, die ja bereits heute im Unternehmen tätig ist. Wir müssen und werden unsere Zukunft proaktiv gestalten.

Bleiben wir in der Gegenwart: Vollmer sieht sich als «der Technologieführer für Schärfmaschinen zur Werkzeugproduktion und Instandhaltung». Worauf beruht diese Einschätzung?

Wir verfügen über eine Technologie- und Produktpalette, die in dieser Breite kein anderer Hersteller bietet. Historisch gesehen kommen wir von der Produktion der holzbearbeitenden Bandsäge. Ergänzend dazu bieten wir Lösungen zur Herstellung und zum Nachschärfen von Kreissägeblättern und rotativen Werkzeugen, und zwar sowohl für den Metall- als auch Holzbereich. Egal, ob es sich dabei um einen 1-Personen-Schärfbetrieb oder um ein grosses Produktionswerk handelt, wo wir dann durchaus mal ein paar hundert Maschinen stehen haben, automatisiert für die 24-7-Produktion. Mittlerweile entfallen rund 60 Prozent der Schleifmaschinen auf den Metallbereich. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert.

Warum ist das so?

Weil wir einerseits als strategisches Ziel ein kontinuierliches Wachstum im Metallbereich ausgegeben haben. Andererseits liegt unsere Marktdurchdringung im Holzsegment bei 70 bis 75 Prozent. Dieser Markt ist für uns eigentlich gesättigt. Deshalb konzentrieren wir uns zunehmend auf den Metallsektor und assoziierte Bereiche.

Welche Bereiche meinen Sie?

Alles, was rotative Vollhartmetallwerkzeuge bearbeiten können; angefangen von superharten Chrom-Nickel-Stählen für die Luft- und Raumfahrt über Titan für die Medizintechnik bis hin zu abrasiven Compositematerialien im Fahrzeug­leichtbau. Und die Herausforderungen auf diesem Gebiet werden immer komplexer. Da benötigt man ganz andere, auch innovative Bearbeitungsstrategien.

Das könnte aber auch heissen: Vollmer wird über kurz oder lang in die laserbasierte Werkzeugbearbeitung einsteigen müssen, um diesen Trend zu befriedigen?

Hier kann ich dem Wettbewerb Entspannung signalisieren: Zur nächsten Grindtec wird es noch keine Lasermaschine von Vollmer geben (lacht). Aber einen Hinweis kann ich noch geben: Wir haben den Begriff «VLaser» markenrechtlich schützen lassen. Fakt ist: Wir beschäftigen uns bereits seit längerer Zeit mit dem Laser. Er wird das Schleifen und Erodieren nicht ersetzen, kann es aber sinnvoll ergänzen. Abgesehen davon sehen wir in den vorhandenen Technologien noch viel Potenzial, um auch die neuesten Werkzeuggenerationen wirtschaftlich bearbeiten zu können.

Können Sie das ein wenig präzisieren?

Beispielsweise haben wir 2017 mit der «VPulse 500» die Nachfolgegeneration unserer etablierten «QWD»-Drahterodiermaschinen in den Markt gebracht. Das war ein Wahnsinnserfolg. Durch unsere neue Generatortechnologie sind die Maschinen deutlich schneller geworden und liefern zudem eine wesentlich bessere Oberfläche. Denn für die Kunden geht es um die Wirtschaftlichkeit; wichtig ist die Kostenbetrachtung pro Werkstück. Und da rechnet die Branche mittlerweile hinter dem Komma. Deshalb wird der Laser Technologien wie Draht- und Scheibenerodieren oder Schleifen auch nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

Wobei Vollmer erst relativ spät in das reine Schleifen eingestiegen ist ...

Stimmt. Das Schleifen war immer eine offene Flanke von uns, die wir 2014 mit der «VGrind 160» und dem aktuellen Nachfolgemodell «VGrind 360» geschlossen haben. Da gab es vielleicht eine strategische Schwäche, die wir selbst gar nicht so wahrgenommen hatten, weil wir mit dem laufenden Geschäft genügend eingespannt waren. Erst die Neuausrichtung hin zu den rotierenden Metallwerkzeugen hat uns dann die Augen geöffnet. Das ist schlicht und einfach der grösste Einzelmarkt im Bereich Werkzeugproduktion.

Wie ist die bisherige Resonanz auf die VGrind? Denn wir haben es beim CNC-Schleifen von rundlaufenden Werkzeugen eigentlich mit einem gesättigten Markt zu tun.

Wir sind nicht unzufrieden, im Gegenteil. Der Markt hat anscheinend honoriert, dass wir mit dem Doppelspindelsystem, dem sehr kurzen Kraftfluss und einer extrem steifen und thermostabilen Maschine einen etwas anderen Kon­struktionsansatz gewählt haben.

Wie viele Maschinen befinden sich bereits im Einsatz?

Rund 150. Für die relative kurze Zeit eine schöne Anzahl. Noch konfrontieren uns viele Kunden mit ihren Spezialitäten, um auszutesten, was die Maschine alles kann. Aber dadurch kommen wir mit den Anwendern ins Gespräch und können zeigen, welche Qualitäten wir sonst noch bieten können.

Wird es zur Messe «GrindTec» im März bei der VGrind etwas Neues zu sehen geben?

Mit nur einem Modell kommen wir nicht weit, das ist klar. Deshalb werden wir in Augsburg entsprechende Ergänzungen bringen, beispielsweise die Aufrauheinheit. Sie erlaubt das automatische Entfernen des Schleifbelags auf der Diamantscheibe. Neu ist zudem die Möglichkeit, dass sich innerhalb der VGrind 360 nicht nur Schleifscheibensätze, sondern auch deren Kühlmitteldüsen automatisch wechseln lassen. Ebenfalls eine Premiere erlebt die Automatisierungslösung «HC 4» für HSK-Aufnahmen oder Schaftwerkzeuge.

Auf was darf sich der Besucher des Vollmer-Standes sonst noch freuen?

Wir werden erstmals mit der «CHX 840» eine Neuentwicklung für die Bearbeitung von hartmetallbestückten Kreissägeblättern mit einem Durchmesser bis 840 Milllimeter vorstellen. Dank Doppelschleifscheibe erfolgt die Bearbeitung von Span- und Freiflächen in nur einer Aufspannung. Daneben wird es weitere Ergänzungen bei den Schleifmaschinen geben, aber auch beim Trendthema Digitalisierung werden wir Flagge zeigen. Wir gehen hier eher klassisch vor. Die Schlagworte dazu lauten «Predictive Maintenance» und «Remote Control». In diesem Umfeld finden sich viele digitale Bausteine, die für die Kunden einen tatsächlichen Mehrwert generieren. Und darauf fokussieren wir uns.

Das Thema Digitalisierung wird auch in der Schweiz heiss diskutiert. Wie wichtig ist der Schweizer Markt für Vollmer?

Zugegeben, der Schweizer Markt ist sehr anspruchsvoll. Einerseits bietet er reizvolle Herausforderungen wie beispielsweise die Medizintechnik oder Uhrenindustrie, andererseits kommen auch einige unserer Wettbewerber aus der Schweiz. Aber dieser Herausforderung stellen wir uns gerne. Denn wir können mit unseren Maschinen durchaus sehr kleine Werkzeuge hochpräzise bearbeiten, auch wenn wir das vielleicht in der Breite noch nicht so herausgestellt haben. Die Bearbeitung kleinster Werkzeuge hat für uns Charme, wiewohl wir auch mit unseren Ressourcen haushalten müssen und daher genau analysieren werden, wo und wie wir in neue Märkte einsteigen. Der Schweizer Markt ist dabei immer in unserem Blickfeld.

Geben Sie mir bitte zum Abschluss Ihre Einschätzung des aktuellen Geschäftsverlaufs bei Vollmer.

Noch liegen keine abschliessenden Zahlen vor. Aber das Jahr 2017 dürfte das erfolgreichste in der Vollmer-Historie werden, wobei 2016 bereits ein Allzeithoch markiert hat. So konnten wir im Vergleich zu 2016 den Umsatz nochmals um 20 Prozent und den Auftragseingang sogar um 36 Prozent steigern. Mit dieser langen Hochkonjunkturphase, so schön sie auch ist, geht allerdings die Gefahr einer Überhitzung einher. Die Liefertermine bewegen sich bereits in Grössenordnungen, die für die Kunden kritisch werden könnten. Es wäre zu wünschen, dass sich dies in den kommenden Jahre ein wenig beruhigt. Allerdings sollte diese Beruhigung bitte nie mehr das Niveau von 2008/09 erreichen. Dieses einmalige Erleben genügt.

Vollmer Werke GmbH
DE-88400 Biberach, Tel. +49 7351 571-0
info@vollmer-group.com
Grindtec Halle 1 Stand 1003



Stefan Brand, Geschäftsführer Vollmer Werke: «Wir haben die Bearbeitung von rotierenden Metallwerkzeugen als strategischen Wachstumsmarkt definiert.» (Bilder: TR)


Stefan Brand im Gespräch mit TR-Chefredaktor Wolfgang Pittrich

Im Profil

Vollmer Gruppe: Seit der Gründung 1909 hat sich das Unternehmen nach eigenen Angaben zum Technologieführer für Schleif-, Erodier- und Bearbeitungsmaschinen für Rotationswerkzeuge, Kreissägen und Bandsägen entwickelt. Das umfangreiche Maschinenprogramm wird durch massgeschneiderte Dienstleistungs- und Serviceangebote ergänzt. Mit drei Produktionsstätten (zwei in Deutschland und eine in China), 14 weltweiten Niederlassungen und 30 Vertretungen im In- und Ausland werden Schärfdienste, Sägewerke, Werkzeughersteller und Fertigungsunternehmen bedient. Vollmer beschäftigt aktuell rund 800 Mitarbeiter und setzt etwa EUR 145 Mio. um.

Stefan Brand: Der gebürtige Niedersachse (55) studierte Maschinenbau und promovierte am Lehrstuhl für spanende Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik der Uni Hannover. Nach Industrietätigkeiten bei diversen holz- und metallbearbeitenden Unternehmen, unter anderem bei der Gildemeister Drehmaschinen GmbH, kam er 2003 als Technischer Geschäftsführer zu den Vollmer Werken. Seit 2008 ist er alleiniger Geschäftsführer. Brand ist verheiratet und hat zwei Kinder.