Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 02/2018, 16.02.2018

Studie: Digitalisierung ist weiter als gedacht

In der nach eigenen Angaben «bisher grössten Schweizer Studie» hat sich die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) dem Thema «Digitale Transformation» und deren Bedeutung für die Schweizer KMU angenommen. Ein überraschendes Ergebnis: Die Unternehmen schätzen bereits heute die Auswirkungen der Digitalisierung auf ihre Geschäftsmodelle als sehr hoch ein. Probleme bereitet allerdings die Umsetzung. Um bei dieser Transformation Hilfestellung zu geben, hat die Studie sieben Handlungsfelder identifiziert.

Autor: Wolfgang Pittrich

Die Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW hat in einer Studie mit über 2500 Teilnehmenden den Stand der Digitalen Transformation in der Schweiz ermittelt. Prof. Marc K. Peter, Leiter Zentrum für Digitale Transformation und Marketing an der FHNW Wirtschaft, hat die Studie durchgeführt und sagt dazu: «Es handelt sich dabei um die bisher grösste Schweizer Studie zu diesem Thema, welche auch Handlungsempfehlungen identifiziert und beschrieben hat. Der Fokus liegt auf kleinen und mittleren Unternehmen, also KMU, und zeigt, dass die Digitale Transformation eine hohe Relevanz für die Unternehmen hat.»

Die der Studie zugrundeliegende Onlineerhebung fand zwischen April und Mai 2017 statt; befragt wurden 2590 Personen aus 1854 Unternehmen. Ziel der Studie war es, einerseits die Bedeutung der Digitalen Transformation für die KMU herauszuarbeiten und ein Verständnis zu entwickeln über die eingesetzten Apps und Tools. Auf der anderen Seite wollte man ein Praxismodell aufsetzen, um Unternehmen eine Art Leitfaden an die Hand zu geben, um einen konkreten Einstieg in das Thema zu ermöglichen.

Spannend war gleich die Einstiegsfrage, wie denn die Definition der Digitalen Transformation aus Sicht der Befragten aussieht? «Dabei befinden sich fünf Themen weit oben auf der Liste: Prozesse, Kunden, Technologien, Daten und die Automatisierung», erklärt dazu Marc K. Peter. «Bei der Digitalen Transformation handelt es sich um einen kundenorientierten Ansatz: Dieser nutzt die Potenziale neuer Technologien und Erkenntnisse aus Datenanalysen, um Prozesse zu optimieren und teilweise zu automatisieren. Dies wiederum schafft Leistungen im Markt, welche neue Ertragsquellen generieren.»

In der industriellen Anwendung wird dann von der Industrie 4.0 oder dem Industrial Internet of Things (IIOT) gesprochen. «Auch hier stehen die fünf Themen, allerdings mit leicht verschobenen Prioritäten, im Vordergrund» ergänzt der Wirtschaftsprofessor.

Aber diese Neuausrichtung hat ihren Preis. So verweist die Studie darauf, dass die Unternehmen die Digitale Transformation als einschneidenden Eingriff in bisherige Geschäftspraktiken einstufen: 85 Prozent der Befragten sehen Auswirkungen auf das eigene Geschäftsmodell und die interne Zusammenarbeit. Knapp 70 Prozent erwarten einen Einfluss auf die Unternehmenskultur.

Weitere wichtige – und teilweise erstaunliche – Ergebnisse der Studie aus KMU-Sicht lauten: 63 Prozent haben bereits neue Technologien eingeführt, und 62 Prozent haben ihre Marktpositionierung angepasst. Das heisst, die Schweizer KMU sind bei ihren Bemühungen in Richtung Digitalisierung bereits ein gutes Stück Weges gegangen. Als Treiber dieser Aufbruchsstimmung verweisen die Macher der Studie unter anderem auf die Hoffnung der KMU, durch die Digitalisierung effizientere Prozesse zu etablieren (82 Prozent), den veränderten Kundenanforderungen besser begegnen zu können (59 Prozent), Kosten in den Griff zu bekommen (49 Prozent) und generell für eine bessere Transparenz im Unternehmen zu sorgen (42 Prozent). Weitere Treiber sind technologische Entwicklungen und neue digitale Ökosysteme, die Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft haben.

Demgegenüber steht die eher ernüchternde Erkenntnis, dass nur 30 Prozent der KMU mit ihren eigenen Digitalisierungsbemühungen zufrieden sind. Die digitalen Pfade sind also durchaus holprig und nicht einfach zu begehen. Als Stolpersteine beurteilen die meisten KMU den dafür benötigten Zeitaufwand (46 Prozent), gefolgt vom fehlenden Know-how des Managements (42 Prozent) und der Mitarbeiter (39 Prozent). Auch die Kosten (33 Prozent) und die Datensicherheit (28 Prozent) sehen die Befragten durchaus kritisch, wenn es um die Umsetzung geht.

Die Sicherheit der eigenen Daten rangierte mit 61 Prozent sogar ganz oben als nach den Risiken der Digitalen Transformation gefragt wurde. Auch Fachkräftemangel (37 Prozent), die Sorge um den Arbeitsplatz (34 Prozent) und die drohende Veränderung der Firmenkultur und der Arbeitsethik (30 Prozent) werden von den KMU als risikoreich eingestuft.

Fakt ist, so ein Fazit der Studie: «Der hier dargestellte Zusammenhang der Digitalen Transformation sieht zwar in der Theorie einfach aus; in der Realität zeigen sich aber dann erst die Herausforderungen und die damit verbundenen Handlungsfelder für das Management.» Nicht umsonst empfiehlt Studienleiter Marc K. Peter neue Ansätze in Führung, Kultur und Arbeit, wenn es um die erfolgreiche Digitale Transformation geht: «Ein wichtiges Handlungsfeld ist Digital Leadership, zu welcher auch die laufende Weiterbildung der Mitarbeitenden gehört.» (Siehe auch nebenstehendes Interview.)

Als ein grundlegendes Ergebnis der Studie hat das Team um Marc K. Peter sieben Handlungsfelder definiert, in welchen sich die Digitale Transformation abspielt. Dazu sagt der Studienleiter: «Die Digitale Transformation hat eine hohe Relevanz bei Schweizer Unternehmen. Mit den nun vorliegenden Handlungsfeldern haben wir eine wichtige Orientierungshilfe geschaffen, um diese wichtigen Projekte zu unterstützen.»

Die sieben Handlungsfelder der Digitalen Transformation

Die sieben Handlungsfelder lauten:

1. Kundenorientierung: Unternehmen legen – im besten Fall als Ausgangspunkt für ihre Strategien – einen starken Fokus auf die Kundenorientierung («Customer Centricity»).

2. Neue Strategien und Geschäftsmodelle («Digital Business Development»): Es werden neue Plattformen und Kanäle genutzt sowie Kooperationen mit unterschiedlichen Marktpartnern eingegangen, um innovative Geschäfts- und Ertragsmodelle zu entwickeln; bestehende Angebote werden hinterfragt.

3. Neue Ansätze in Führung, Kultur und Arbeit («Digital Leadership and Culture»): Durch den digitalen Wandel wird ein Veränderungsprozess ausgelöst, der zu einer Anpassung der Führungsgrundsätze führt. Teil der Digital Leadership und Kultur sind Kreativität und Innovation, der digitale und mobile Arbeitsplatz sowie neue Organisationsformen, um Wissen zu teilen.

4. Optimierte Arbeitsabläufe und Automation («Process Engineering»): Durch die Automatisierung und Digitalisierung der Prozesse können Teilaufgaben ohne Medienbrüche vernetzt werden, um so unter anderem das papierlose Büro zu schaffen und die Wertschöpfungskette zu optimieren.

5. Neue Plattformen und Kanäle: Zu den Aspekten des «Digital Marketing» gehören (mobile) Onlineplattformen, E-Commerce, Kommunikationskanäle wie Socialmedia, Communities und Suchmaschinenmarketing, die Marketingautomation und Videomarketing.

6. Apps, Internet of Things und Industrie 4.0 («New Technologies»): Die neuen Technologien werden je nach Branche und Marktleistung des Unternehmens unterschiedlich eingesetzt und beinhalten hauptsächlich technologische Plattformen, Apps und Software (mit Fokus auf ERP-Lösungen).

7. Moderne IT-Infrastruktur und neue Erkenntnisse («Cloud and Data»): Im Kern steht die integrierte oder vernetzte Datenbasis, welche mittels intelligenter Analyseverfahren zu neuem Wissen führt, um strategische Entscheidungen (in Echtzeit) zu treffen.

Gibt es Unternehmen, die nicht digitalisieren?

Spannend könnte sich folgende Frage gestalten: Was wird mit Unternehmen, die sich bisher noch kaum um das Thema Digitale Transformation gekümmert haben? Sie wird zwar in der Studie nicht explizit gestellt, Marc K. Peter hat trotzdem eine Antwort parat: «Ich kann mir drei Szenarien vorstellen: Entweder gehen Unternehmen die Transformation aktiv an und lernen und profitieren von den Investitionen, oder sie werden irgendwann vom Wettbewerb und den Kunden gezwungen, sich zu transformieren.»

Die Nische kommt auch ohne Digitalisierung aus

Er fährt fort: «Die dritte Option besteht darin, dass sie sich nicht transformieren, sondern in einem kleineren Marktsegment oder in einer Nische bewegen, in welcher traditionelle Ansätze und Kanäle weiterhin Erträge generieren.»

Die Forschungsresultate, die Handlungsfelder und ein abgeleiteter Praxisleitfaden mit Checklisten, Kurzfallstudien, ein Vorgehensmodell zur Transformation sowie Fachbeiträge für die Praxis sind zusammengefasst in der Veröffentlichung «KMU-Transformation – Als KMU die Digitale Transformation erfolgreich umsetzen». Sie kann kostenlos auf der Projektseite www.kmu-transformation eingesehen und als PDF heruntergeladen werden.

Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW Hochschule für Wirtschaft
4600 Olten, Tel. 084 882 10 11
info.wirtschaft@fhnw.ch, fhnw.ch/wirtschaft



Die sieben Handlungsfelder der Digitalen Transformation. (Bilder: FHNW)


Prof. Marc K. Peter, Zentrum für Digitale Transformation und Marketing, Hochschule für Wirtschaft, FHNW.


Vier Fragen an Marc K. Peter, FHNW

«Barrieren lauten: fehlende Zeit und mangelndes Wissen»

Herr Peter, welche Erkenntnisse aus der Studie haben Sie persönlich am meisten überrascht?

Es sind dies drei Punkte: Erstens werden Auswirkungen und Relevanz der Digitalen Transformation bei 70 bis 85 Prozent der Schweizer KMU wesentlich höher eingeschätzt als erwartet. Zweitens kennen wir nun die Barrieren für KMU, die Transformation anzugehen: Dies sind die fehlende Zeit und das mangelnde Wissen – speziell der Geschäftsleitung – wie diese umgesetzt werden soll. Und schliesslich fällt auf, dass nur 30 Prozent der KMU mit ihren Transformationsprojekten zufrieden sind.

Wo sehen Sie in naher Zukunft die grössten Handlungsfelder für die Unternehmen, um diesen Prozess erfolgreicher zu gestalten?

Einerseits brauchen Unternehmen praktische Hilfestellungen, wie sie in einer frühen Phase der Digitalen Transformation den besten Weg einschlagen können. Anderseits haben wir in der Publikation zur Studie der FHNW Hochschule für Wirtschaft die sieben Handlungsfelder der Transformation identifiziert: Sie erlauben, eine erste thematische Auslegeordnung vorzunehmen.

Positiv fällt auf, wie hoch die KMU den Durchdringungsgrad der Digitalen Transformation im eigenen Unternehmen beurteilen: Immerhin 63 Prozent behaupten, bereits neue Technologien eingeführt zu haben. Um welche Technologien geht es dabei?

Die wichtigsten Softwarelösungen sind ERP-, also Enterprise-Resource-Planning-Produkte, welche die Effizienz von Prozessen und damit der Produktion vorantreiben. Darauf folgen Software zur Kollaboration und zum Projektmanagement – dieser zweite Platz erstaunt und zeigt, wie die Transformation auch starke interne Veränderungen hervorruft. Und danach Business-Intelligence- und Big-Data-Anwendungen, welche gerade in der Industrie verstärkt zum Einsatz kommen.

Wo wird die Schweiz in fünf Jahren beim Thema Digitalisierung stehen?

Den Begriff der Digitalen Transformation und damit verbundene Vorschläge, was sich Firmen darunter vorstellen können, gibt es erst seit einigen Jahren. Wie vor zwanzig Jahren beim Aufbau der ersten Webseiten und Online-Shops wird es noch einige Jahren dauern, bis Unternehmen die heute verfügbaren internen und externen Potenziale der digitalen Geschäftsmöglichkeiten erblickt und umgesetzt haben. In fünf Jahren werden wir dort sein.