Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 03/2018, 16.03.2018

Berufsleben 4.0: Was bringt die Zukunft?

Die digitale Transformation hat die Kraft, eine Gesellschaft in Gewinner und Verlierer zu spalten. Welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Arbeitswelt und die berufliche Aus- und Weiterbildung haben, zeigen eine Studie und ein Thesenpapier.

Viele Berufstätige fühlen sich durch den schnellen digitalen Wandel verunsichert. Es wird sogar von einer totalen Umwälzung bestehender Verhältnisse gesprochen, mit deutlich negativen Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Ein ganz anderes Bild zeichnet da die Studie «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» des IAP (Institut für Angewandte Psychologie) der ZHAW: Dort zeigt sich, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt eher als positiv empfunden wird. Die ZHAW-Forschenden befragten für die Studie über 600 Fach- und Führungspersonen in der Schweiz. Besonders geschätzt, so eine Aussage der Studie, wird mobil-flexibles Arbeiten. Als Schattenseiten werden die ständige Erreichbarkeit oder Arbeitsplatzunsicherheit empfunden. Die Studie verdeutlicht auch, dass die meisten davon ausgehen, dass ihr Job künftig nicht von Maschinen ersetzt wird.

Dies mag auf den ersten Blick überraschen, wie auch ZHAW-Forscherin Sarah Genner, welche die Studie zusammen mit einem Team durchgeführt hat, zugibt: «Obwohl gemäss vielen Studien knapp die Hälfte der Arbeitsplätze durch die digitale Transformation wegfallen wird, denken mehr als drei Viertel, dass ihr Job in Zukunft nicht durch Maschinen ersetzt wird». Diese Einschätzung ist womöglich auch auf das überdurchschnittlich hohe Bildungsniveau der Befragten zurückzuführen. Ebenfalls eine Rolle spielen könnte die Tatsache, dass es kein einheitliches Verständnis von Arbeiten 4.0 gibt. «Einige der Befragten verstehen darunter Automatisierung und Beschleunigung, andere mobil-flexible Arbeitsformen oder Social Media», sagt Sarah Genner. Wieder andere denken an Industrie 4.0, Big Data, Robotik oder Künstliche Intelligenz.

In Summe werden deshalb die durch die Digitalisierung verursachten Veränderungen von vielen als eher positiv empfunden wie die Verlagerung der Arbeit in Smart Workplaces oder ins Homeoffice. Zwar besitzen immer noch vier Fünftel der Befragten einen eigenen Arbeitsplatz. Aber 57 Prozent glauben, dass dies in den nächsten fünf Jahren nicht mehr der Fall sein wird.

Die zunehmende Digitalisierung hat auch direkte Auswirkung auf die Art und Weise wie Führung zukünftig verstanden und ausgeübt wird. «Es wird mehr auf räumliche Distanz und mittels digitaler Kanäle geführt», erklärt Sarah Genner. «Selbstführung wird dabei zunehmend wichtig. Zudem wird noch mehr über Identifikation und Zielvereinbarungen geführt.» Auch die Art der Kommunikation ändert sich. So wird in Teams am häufigsten über E-Mail, in Meetings oder mittels informellen Absprachen kommuniziert

Dank der digitalen Medien fühlen sich viele Arbeitnehmende zwar besser informiert. Die Entscheide werden dadurch aber weder besser, noch werden sie im Arbeitsalltag effizienter umgesetzt, so das Feedback der Befragten. Auch bei der Weiterbildung hält die Digitalisierung Einzug. 55 Prozent möchten sich künftig in einem Blended-Learning-Format weiterbilden, in dem Präsenzkurse und digitale Lernformen gemischt sind.

Doch wie wird sich die digitale Transformation generell auf Schule und Ausbildung auswirken? Welche Lehren müssen daraus gezogen werden? Mit dieser Frage hat sich der deutsche Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) beschäftigt. In dem Thesenpapier «Digitalisierung und Bildung» legt der 36 000 Mitglieder starke Verband dar, warum die Gesellschaft den digitalen Transformationsprozess als Chance begreifen muss. Die Experten des VDE-Ausschusses «Studium, Beruf und Gesellschaft» mahnen dazu ein lebenslanges Lernen an und formulieren sechs Thesen zur Entwicklung von Lehrinhalten in Schulen, der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie der Rolle von Hochschulen.

Wichtig ist, so eine Kernforderung, dass keiner zurückbleibt. Vielmehr muss Weiterbildung als eine Art Grundrecht angesehen werden. «Um an der digitalen Welt teilhaben zu können, werden entsprechende Kompetenzen benötigt, die sowohl in der Schule, aber auch in allen weiteren Bildungsbereichen vermittelt werden müssen», fordert Michael Berger, Vorsitzender des VDE-Ausschusses.

So müssten für leistungsschwache Schüler weitergehende pädagogische Konzepte entwickelt werden. Hier könne die Technik einen wichtigen Beitrag durch eine Individualisierung des Lernmaterials und der Lernerfolgskontrolle leisten. Gleichermassen sollten die leistungsstarken Schüler gesondert gefördert werden. Für Berufstätige gilt, dass sie Weiterbildung als kontinuierliche persönliche Weiterentwicklung begreifen. «Berufsbildungseinrichtungen, Akademien und Hochschulen müssen die berufliche Weiterbildung endlich als vollwertige gesellschaftliche Aufgabe übertragen und damit auch finanziert bekommen», betont Berger. «Wichtig ist, dass den Bürgern die Angst genommen wird.»(pi)

IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW
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Auf einen Blick

ZHAW-Studie und VDE- Thesenpapier

Die Ergebnisse der IAP-Studie «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» der ZHAW und weitere Inhalte können unter «www.zhaw.ch/iap/studie» eingesehen werden. Das Thesenpapier «Digitalisierung und Bildung» des VDE lässt sich unter «https://shop.vde.com/de/digitalisierung-und-bildung» herunterladen.