Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 03/2018, 16.03.2018

Digitalisierung im – Einkaufswesen

Die Studie «Mitarbeiter- und Gehaltsentwicklung im Einkauf 2017» der ETH Zürich und des Fachverbandes Procure.ch liefert einerseits aktuelle Erkenntnisse über die Vergütungsstrukturen, aber auch über die Digitalisierung im Beschaffungswesen.

Autor: Stephan Wagner Inhaber des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der ETHZ Christoph Schmidt Postdoktorand

Zwei Drittel der Schweizer Unternehmen sehen eine gros- se Chance in der Digitalisierung, allerdings wird nur zaghaft investiert. Aber der digitale Wandel der Wirtschaft schreitet weiter voran und wird alle Unternehmensbereiche erfassen, auch den Einkauf. Er steht durch volatile Märkte, internationale politische und wirtschaftliche Krisen sowie komplexe, globale Lieferantennetzwerke permanent vor neuen Herausforderungen. Die Digitalisierung des Beschaffungswesens ermöglicht beispielsweise die Vernetzung mit Kunden und Lieferanten sowie die Echtzeitverfügbarkeit von Daten und unterstützt somit eine schnelle und effektive Reaktion auf künftige Veränderungen. Investitionen in den «Einkauf 4.0» bieten eine grosse Chance, die strategische Position des Beschaffungswesens im Unternehmen auszubauen und langfristig Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Die ETH-Studie zeigt, dass zwei Drittel der Schweizer Unternehmen grosses Potential im «Einkauf 4.0» sehen (siehe Grafik oben). 40 Prozent planen derzeit konkrete Projekte, 15 Prozent haben bereits erste Investitionen getätigt und etwa 12 Prozent weisen schon erfolgreich abgeschlossene Projekte vor. Andere Studien belegen, dass Unternehmen sich zunächst hauptsächlich mit der weiteren Digitalisierung und Automatisierung einzelner Prozesse und Abläufe beschäftigen, um beispielweise die Transparenz in der Beschaffung zu verbessern, den Datenaustausch mit Lieferanten effizienter zu gestalten oder die Datenerfassung und -verarbeitung zu automatisieren. Ein wichtiger Schritt ist dabei die Integration von Lieferanten und Kunden in die Einkaufsprozesse. In diesen Bereichen lassen sich schnell Kosteneinsparungen erzielen.

In einem nächsten Schritt eröffnen die Bereiche Robotics, Dashboards, Big Data Analytics, maschinelles Lernen, Blockchain, 3D-Druck oder das Internet der Dinge ganz neue Möglichkeiten. Diese werden in den kommenden Jahren zunehmend auch im Einkauf zu finden sein und verstärkt Einfluss auf traditionelle Geschäftsmodelle nehmen. Hier besteht bei vielen Unternehmen noch erhebliches Potenzial, das es auszuschöpfen gilt.

Der Einkauf kann sein Innovationspotential jedoch nur entfalten, wenn er über geeignete motivierte Mitarbeiter verfügt. Teilweise getrieben durch die fortschreitende Digitalisierung sehen 96 Prozent der Studienteilnehmer deutliche Veränderungen im Anforderungsprofil des Einkäufers, insbesondere hin zu mehr IT-Kenntnissen (54 Prozent). Die Schweizer Unternehmen halten weiterhin zuverlässiges und eigenverantwortliches Arbeiten (98 Prozent), gute Kommunikationsfähigkeiten (97 Prozent), speziell in höheren Positionen, sowie Teamfähigkeit (91 Prozent) für die Kernkompetenzen von Einkäufern. Lösungsorientiertes Arbeiten (97 Prozent) und analytisches Denkvermögen (94 Prozent) sind im Vergleich zu 2014 wichtiger geworden. Einkäufer kommen folglich ohne ein gutes Verständnis für die Digitalisierung nicht mehr voran. Neben dem demografischen Wandel und altersbedingtem Ausscheiden erfahrener Mitarbeiter stellt das veränderte Anforderungsprofil im Einkauf die Branche vor neue Herausforderungen. Es wird für Unternehmen immer schwieriger, qualifizierte Einkäufer zu rekrutieren. Knapp die Hälfte sehen gar einen akuten Fachkräftemangel. Generell fehlen Anreizsysteme, um die besten Einkäufer zu halten.

Die geringe, teils negative Teuerung der letzten Jahre in der Schweiz spiegelt sich in der Vergütung wider. So zeigen die Grundgehälter und Bonuszahlungen wenig Veränderung im Vergleich zu 2014. Das Grundgehalt der befragten Einkäufer steigt im Mittel auf CHF 112 000 (CHF 108 300 im Jahre 2014). Die Höhe der Boni liegt im Schnitt bei CHF 7300 (CHF 7200 in 2014). Allerdings erhalten nur etwa 66 Prozent der Einkäufer Bonuszahlungen, ein leichter Rückgang. Deutliche Gehaltsunterschiede werden zwischen den Funktionen Sachbearbeiter (CHF 74 800), Einkaufsfachperson (CHF 95 800), Einkaufsleiter (CHF 124 800), und Chief Procurement Officer (CHF 151 100) sichtbar. Das Grundgehalt ist bei Männern mit CHF 116 100 höher als bei Frauen (CHF 93 750), aber die Lücke scheint sich zu schliessen.

Die Strukturen im Einkauf haben sich jedoch bisher kaum geändert. Die wichtigsten Handelspartner sind weiterhin die europäischen Nachbarländer Deutschland (78 Prozent), Italien (58 Prozent) und Frankreich (45 Prozent). Jedoch sinkt der Anteil der Unternehmen, die in diesen Ländern einkaufen, im Vergleich zur letzten Studie von 2014. Eine mögliche Folge von Frankenkrise, zunehmender Globalisierung und fortschreitender Digitalisierung. Osteuropäische (46 Prozent) und asiatische (41 Prozent) Beschaffungsländer sind hingegen häufiger vertreten als 2014.

Für KMU scheint die Kundennähe ein wichtiger Aspekt im Beschaffungswesen zu sein, daher liegt der Fokus stärker auf den direkten Nachbarn Deutschland und Italien. Nordamerika ist nur für sehr grosse Unternehmen ein relevanter Beschaffungsmarkt. Ausschliesslich im Schweizer Inland kaufen rund 5 Prozent der Studienteilnehmer ein.

Ungeachtet – oder vielleicht gerade aufgrund – der interessanten Entwicklungen im Schweizer Einkaufswesen sehen 66 Prozent der Teilnehmer den Einkauf als Karrieresprungbrett für die Zukunft. Folglich bleibt der Einkauf, auch dank des digitalen Wandels, ein attraktives Berufsfeld und bietet spannende Aufgaben für den Einkäufer als Digitalisierungsexperten.



Studie «Potential von Einkauf 4.0»: 40 Prozent sehen grosses Potenzial im Einkauf. (Grafik: ETH Zürich)

Im Profil

Procure.ch

Der nationale Fachverband für Einkauf und Supply Management procure.ch stärkt mit seinen Bildungsangeboten und Mitgliederleistungen den Einkauf innerhalb von Unternehmen, vertritt die Interessen der Einkaufsspezialisten in der Öffentlichkeit und begleitet sie auf ihrem beruflichen Werdegang. Gemeinsam mit der Credit Suisse erhebt procure.ch den verlässlichen Konjunkturindex «Purchasing Managers’ Index» (PMI).